Knigge über Balance

Philippe Petit ist schon als Kind gerne geklettert. „Niemand konnte mich aufhalten“, erzählt er. Am 7. August 1974 hat er sich und anderen noch einmal bewiesen, dass ihn wirklich niemand aufhalten kann. Als Bauarbeiter verkleidet, verschafften er und ein Freund sich Zugang zu den oberen Etagen des World Trade Centers. In der Nacht begaben sie sich auf das Dach und spannten gemeinsam mit zwei weiteren Helfern ein Drahtseil von einem Tower zum anderen.

Petit klettert nicht nur gerne, er ist ein begnadeter Balancekünstler. Während andere Menschen immer auf die Türme sahen, war sein Blick auf die Lücke zwischen den Türmen gerichtet.

Nach drei Stunden war das Seil stramm gespannt. Es dämmerte bereits. Ganz in Schwarz, nur mit seiner Balancestange „bewaffnet“, wagte sich Phillipe auf das Drahtseil, ohne Netz und doppelten Boden. Vor und zurück, tanzend, rennend, gehend bewegte er sich fast eine Stunde lag über das Seil. Er hielt die Balance, unbeeindruckt von den Menschen, die ihm dabei beeindruckt zusahen, unbeeindruckt von den Polizisten, die seine illegale Aktion stoppen wollten. Beeindruckt und unbeeindruckt zugleich von der Höhe, in der sich bewegte. Frei und im Gleichgewicht. In eigener Verantwortung, bereit sich vor einem Gericht für sein Handeln zu verantworten.

Die Strafe fiel milde aus – eigentlich war es gar keine Strafe: Philippe Petit sollte die Kinder New Yorks im Central Park mit seiner Kunst der Balance erfreuen. Das tat er gerne.

 

Es ist einiges aus der Balance geraten in unserer Gesellschaft. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man sich die Themen, die in den letzten Jahren diskutiert werden, einmal genauer anschaut. Immer sind es Bilder, die bemüht werden, um den Verlust eines erstrebenswerten Gleichgewichtes zu veranschaulichen. Scheren, die auseinanderklaffen, Anspruch und Wirklichkeit, die nicht mehr zusammenpassen, der Verlust von Werten, Einzelne, die ihr Wohl über das der Gemeinschaft stellen, oder die da Oben, die eh machen, was sie wollen. Wir befinden uns in einer Schieflage, die es zu korrigieren gilt, wenn wir nicht abstürzen wollen.

Aber wir können von Philippe Petit lernen. Das Leben ist ein Drahtseilakt, der ohne Balancegefühl kaum zu meistern ist. Netze und doppelte Böden können hilfreich sein, damit wir nicht ins Bodenlose stürzen, unser Balancegefühl, unseren Gleichgewichtssinn verbessern sie aber nicht. Dafür müssen wir schon selbst die Verantwortung tragen, das nimmt uns keiner ab. Durch Einüben, durch Gewöhnung.

Verantwortung kann man lernen. Indem man darüber nachdenkt, was Verantwortung bedeutet, dementsprechend handelt, lernt, mit Widersprüchen umzugehen, und nicht jedes Mal auf die Umstände verweist, die verantwortungsvolles Handeln unmöglich gemacht hätten. Nichts ist unmöglich, solange man die Balance hält, zwischen Türmen oder angesichts der Herausforderungen, die einem das Leben stellt. Wer die Balance verliert, stürzt ab. Wer Glück hat, in ein Fangnetz, wer Pech hat, auf den harten Boden der Tatsachen.

Unser ganzes Leben ist eine Suche nach Gleichgewicht. Zwischen Work und Life, zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Mühe und Muße, zwischen Autonomie und Verbundenheit, zwischen Haben und Sein. Von allem gibt es ein Zuviel und ein Zuwenig. Auf nichts kann man sich verlassen. Hat man erst einmal einen Orientierungspunkt gefunden, von dem aus sich die Welt betrachten lässt und das eigene Leben leben lässt, wird auch dieser wieder infrage gestellt. Worte sind nur Schall und Rauch. Toleranz? Ja, aber nicht Gleichgültigkeit. Erfolg? Auch, aber nicht mit allen Mitteln. Fürsorge? Auf jeden Fall, aber nicht Entmündigung. Und so weiter und so fort. Ein stetiges Einerseits und Andererseits.