Knigge über Eigenliebe

Das größte Leid großer Denker besteht wohl darin, auf einen Bruchteil ihres großen Denkens reduziert zu werden. So ist vom Vater der Nationalökonomie, Adam Smith, vor allen anderen Sätzen insbesondere der folgende im Gedächtnis geblieben: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe.“ Was uns heute als selbstverständlich erscheint, war im ausgehenden 18. Jahrhundert ein Paradigmenwechsel: Das private Laster, die Eigenliebe, wurde zur öffentlichen Tugend Wohlstand!

Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Wer weiterliest, wird sich hüten, in Adam Smith den geistigen Brandstifter des sogenannten Raubtierkapitalismus zu sehen, der alles der Eigenliebe unterordnet. So heißt es bei Smith an anderer Stelle, die auf Eigenliebe ausgerichtete Klugheit sei von allen Tugenden diejenige, „die für den Einzelnen am nützlichsten ist, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Edelmut und Gemeinsinn jedoch diejenigen Eigenschaften, die für die anderen am nützlichsten“ seien. So wenig wir also bei unserem Wurst-, Brot- und Biererwerb auf das Wohlwollen des jeweiligen Anbieters hoffen sollten, so wenig sollten wir das gegenseitige Wohlwollen aus unserem Verhaltensrepertoire verbannen. Jede Medaille hat zwei Seiten.

Otto E. Rössler gilt als einer der Pioniere der Chaosforschung. Eines seiner Hauptinteressen gilt dem menschlichen Wohlwollen, einer aus evolutionsbiologischer Perspektive merkwürdigen, aus rein wirtschaftlicher Sicht vernachlässigenswerten menschlichen Veranlagung.

Wohlwollende Menschen richten ihr Verhalten ganz bewusst auf die Freude ihrer Mitmenschen aus. Während die Spieltheorie zeigen kann, dass sich Freundlichkeit für den, der freundlich ist, durchaus lohnen kann, geht die Theorie echten Wohlwollens einen Schritt weiter: Die Motivation für freundliches Verhalten beruht hier nicht auf dem Ziel, den eigenen Nutzen zu steigern, sondern darin, beim anderen möglichst viel Freude zu erzeugen. Statt mit einem Pseudo-Altruismus (es könnte mir nützlich sein, meinen Mitmenschen freundlich zu begegnen) haben wir es hier mit einer echten Selbstlosigkeit zu tun, die auf die Seele des anderen zielt. Eine kleine Freude für den anderen wird zu einem unendlich großen Geschenk für beide.

Seele, Selbstlosigkeit? Ein Hauch von Esoterik scheint Einzug zu halten. Scheint. Was jedoch wirklich durchscheint, ist der von Konrad Lorenz festgestellte Bindungstrieb des Menschen, der nur noch von dem der Wölfe übertroffen wird. Vor dem Hintergrund dieser biologischen Erkenntnis erscheint die Aussage von Thomas Hobbes, wonach der Mensch des Menschen Wolf ist, in einem völlig neuen Licht. So sehr wir aber den Wölfen in unserer Sehnsucht nach Bindung ähneln mögen, es besteht doch ein wesentlicher Unterschied: Wir verfügen über die Fähigkeit, unseren Artgenossen wohlwollend zu begegnen. Das liegt daran, dass beim Menschen zwei Dinge zusammenfallen: der oben am Beispiel von Mutter und Kind gezeigte Wohlwollensverdacht und der Wohlwollensversuch.

Aber wie ist das nun mit der Eigenliebe und dem Wohlwollen im menschlichen Miteinander? Hier kann uns das „Tit-for-Tat“-Spiel (siehe Kapitel „Ideale“) mit seinen Strategien weiterhelfen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten jederzeit zwei Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Ihren Mitmenschen zur Auswahl: Sie kooperieren oder nicht.

Entsprechend der „Tit-for-Tat-Strategie“ beginnen Sie einen zwischenmenschlichen Kontakt freundlich. Begegnen Ihnen Ihre Mitmenschen ebenfalls freundlich, steht dem ewigen Frieden nichts mehr im Wege. Verhalten sie sich hingegen unfreundlich, zeigen Sie ihnen, dass Sie diese Kunst ebenfalls beherrschen. Wer Ihnen aber seine Friedenspfeife hinhält, der darf sich sicher sein, dass Sie mitrauchen. Sie sind freundlich, wehrhaft und versöhnlich. Immer. So einfach ist das, in der Theorie. Im wirklichen Leben sieht das Ganze jedoch ein wenig anders aus.