Knigge über Erziehung

Selbstvertrauen – Voraussetzung der Erziehung

„Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ – so lautet eine alte Volksweisheit. Ohne Sorge geht es nicht, wenn die Erziehung vor der Tür steht. Von der Sorge um den richtigen Zeitpunkt einer Schwangerschaft, die Hoffnung, dass es überhaupt dazu kommt, die Sorgen während der Schwangerschaft, dass auch alles gut verlaufen möge oder die Sorge, auch ja alles richtig zu machen, wenn der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt. Nichts ist so anstrengend und so umfassend wie die Sorge. Eltern sorgen sich um ihre Kinder, die Gesellschaft sorgt sich um die Eltern und deren Kinder zugleich. Alle sind mit Sorgen erfüllt.

Im Umgang mit den Kindern zeigt sich, wohin eine Gesellschaft steuert, ob alles besser wird oder noch schlimmer. Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Fürsorge, dann ist alles eigentlich immer schlimmer geworden. Schon Platon prophezeite uns vor zweieinhalbtausend Jahren den Beginn jener Tyrannei einer neuen Generation, die nun wieder einmal kurz vor dem Ausbruch zu stehen scheint: „Wenn sie am Ende dann auch die Gesetze verachten, weil sie niemand und nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen, so ist das der schöne und jugendfrohe Anfang der Tyrannei.“

Ein ewig währender Gemeinplatz, der jeder neuen Generation und denen, die für sie verantwortlich sind, von Anfang an wie ein Mühlstein um den Hals hängt. Immer wieder die neuen alten Sorgen und Ängste: Eltern, die ihre Kinder gewähren, und Kinder, die sich nichts mehr sagen lassen, die Selbstständigkeit einfordern, ohne die nötige Reife dafür zu haben. Eltern, die sich bei ihren Kindern einschmeicheln, statt ihnen mit ihrer Autorität Orientierungshilfe zu geben. Kinder, die mit ihren Ungehörigkeiten und Albernheiten auf Erwachsenen treffen, die alles sein wollen, nur keine Spielverderber, und deshalb aus Sorge, sich unbeliebt zu machen, versäumen, notwendige Grenzen zu setzen.

Selbst wenn in einer Gesellschaft alles ausdiskutiert sein sollte – eines bleibt: die Sorge um die richtige Erziehung und die Prophezeiung, die Tyrannei und das Chaos stünden bereits in den Startlöchern, um unserer Zivilisation endgültig den Garaus zu machen. Täglich grüßt das Murmeltier. Die Apokalypse droht und droht und dann? Passiert doch wieder nix. Die Zeugen Jehovas lassen grüßen. Weltuntergang vertagt.

Das ist aber kein Grund, sich zurückzulehnen. Denn wenn wir jetzt nicht aufwachen, dann ist es irgendwann zu spät. Irgendwann ist immer das erste Mal. Und welche Generation möchte sich schon nachsagen lassen, tatsächlich für die dann herrschende Tyrannei verantwortlich zu sein? Das ist dann etwa so, als wenn sich ein deutscher Fußballnationaltrainer es nicht fertigbringt, dass sich seine Mannschaft für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Also dann, die Stirn in Sorgenfalten! Was ist zu tun, wenn wir die drohende Tyrannei wirklich abwenden wollen? Wenn wir endlich Verantwortung übernehmen wollen? Für uns, unsere Kinder und die Gesellschaft?

Jede Kritik am Verhalten von Kindern ist immer Kritik an denen, die für diese Kinder verantwortlich sind. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, lautet eine weitere Volksweisheit. Somit wäre also das Dorf für den Erfolg oder Misserfolg der Kindeserziehung zur Verantwortung zu ziehen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Wie immer im Leben sind wir selbst für den Erfolg und die anderen für den Misserfolg verantwortlich. Als übliche Verdächtige für den Fall des Misserfolges kommen infrage: Eltern, die genetische Disposition, Großeltern, Erzieher, Lehrer, falsche Freunde oder, wenn gar nichts mehr hilft, die sogenannte Gesellschaft. Als üblicher Verdächtiger für den Erfolgsfall: natürlich wir selbst.

Was wir als Erstes brauchen, um uns in jedem Fall für verantwortlich zu erklären, ist Selbstvertrauen. Den Blick auf uns zu richten und uns mit dem, was Land auf, Land ab in Form von Ratgeberliteratur, Talkshows oder Spielplatzdiskursen existiert, in Verbindung zu setzen. Machen wir uns nichts vor: Das, was bei anderen alles schief läuft, damit können wir ganze Bücher füllen. Das, was wir selbst in der Erziehung veranstalten, reicht gerade für ein Kurzreferat. Überbehütung, geliebt werden wollen, Überforderung, Materialismus, Bindungsschwäche und anderes Versagen findet meist bei anderen statt. Sicher, auch bei uns ist nicht alles Gold, was glänzt, aber „was die Annika und der Georg da veranstalten, da muss man sich nun wirklich nicht wundern, wenn man sich seine eigenen Haustyrannen heranzieht“.

Wer nicht das Selbstvertrauen aufbringt, über sich zu reden, der muss sich am Ende nicht wundern, wenn der jugendfrohe Anfang der Tyrannei in den eigenen vier Wänden beginnt. Wer anderen misstraut, ohne selbst das Vertrauen aufzubringen, mit sich selbst in Verbindung zu treten, der wird es schwer haben, gegenüber seinen Kindern das notwendige Vertrauen aufzubauen, um die Herausforderungen zu meistern, die die Erziehung von Kindern nun einmal mit sich bringt.

Einfach ist das nicht. Da liegt das Neugeborene. Ein neues Leben beginnt. Mit allen Pflichten für uns, ohne ein Recht auf diesen neuen Menschen für sich beanspruchen können. Ein kleiner hilfloser Mensch mit unendlichen Bedürfnissen, immer in der Gefahr, zur Projektionsfläche unserer eigenen Bedürfnisse zu werden. Kinder sind Kinder und keine klein gewachsenen Erwachsenen. Es geht nicht um Geben und Nehmen. Es geht um Geben. Einseitig. Wer das nicht akzeptiert, der sitzt in der Partnerschaftsfalle.

So jedenfalls würde das wohl Michael Winterhoff sehen. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Bestsellerautor spricht von einer Machtumkehr: Nicht nur, dass sich das notwendige Gefälle zwischen Eltern und Kindern zusehends einebnet, es verschiebt sich sogar zusehends in die umgekehrte Richtung. Statt als Eltern ihren Kindern Orientierung zu geben, tun sie alles, um geliebt zu werden.

Wenn dem so ist, dann wäre das fatal, keine Frage. Eines ist diese Erkenntnis jedoch nicht: neu. Der Mangel an Vertrauen in die eigene Autorität führte bereits in der Antike dazu, „dass die Alten sich zu den Jungen setzen und sich ihnen gefällig zu machen versuchen“, so Platon. Dass etwas zu den Zeiten Platons schon genauso war wie heute, macht es nicht besser, aber erklärlicher. Als Menschen streben wir nun einmal nach Anerkennung. Wir wollen geliebt werden – von unseren Kindern und von anderen Menschen, die uns wichtig sind. Wir sind stolz auf unsere Kinder, wir erzählen dauernd, was sie schon alles können: krabbeln, laufen, sprechen, rechnen, tanzen, singen, klettern, teilen, sich durchsetzen und was sonst noch alles. Ein goldiges, zur Hochbegabung befähigtes Schmuckstück wollen wir unser Eigen nennen.

Damit das so bleibt, halten wir den Input hoch. Denn wo viel Input, da kommt auch was bei raus. Wir optimieren, bis der Arzt kommt, und das in einem wörtlichen Sinne. Wenn es nämlich nicht so läuft, wenn das Mittelmaß droht, dann gehen wir tatsächlich zum Arzt. Dann ist uns kein Weg zu weit, kein Gutachten gut genug, um uns vor dem Eingeständnis zu bewahren, dass all unsere Liebesmüh vergebens war. Von wegen Überforderung und zu viel Input! Zu wenig: Steckt hinter der Aufmerksamkeitsstörung vielleicht doch eine nicht erkannte Hochbegabung? Nein, tut es meist nicht.

Gegen so viel Optimierungswahn hilft wohl nur eines: Liebesentzug! Wer es als Mutter oder Vater nicht hinbekommt, sich selbst und seine Kinder davon zu befreien, von ihnen geliebt werden zu wollen, der gehört selbst auf Couch. Wer es nicht schafft, von seinen Kindern ein innbrünstiges „Ich hasse dich!“ zu ertragen, der beweist nur eines: dass es ihm um sein eigenes Wohl geht, um nichts anderes.

Das, was sich auf so perfide Weise als das Wohlwollen unseren Kindern gegenüber tarnt, ist letztlich die Sorge um uns selbst. Das mangelnde Selbstvertrauen, Kinder mit dem nötigen Vertrauen auszustatten, ein selbstständiges und verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Kinder brauchen eine Form von Orientierung, die weit darüber hinausgeht, die Bedürfnisse ihrer Eltern zu erfüllen. Das ist die älteste und größte Herausforderung, vor der Eltern standen, stehen und immer stehen werden. Um diese zu bewältigen, braucht es den Mut, zu unseren eigenen Überzeugungen zu stehen und diese konsequent vorzuleben, anstatt uns diese von besagten Ratgebern, Talkshows, Bestsellern und Elternmagazinen auszuleihen, indem wir sie blindlings übernehmen. Dass Kinder für eine halbe Stunde vor dem Fernseher geparkt werden, Wurst ohne Brot und Süßigkeiten essen oder Computerspiele spielen ist weniger problematisch als die Unfähigkeit, eine emotionale Bindung herzustellen, in der den Kindern deutlich wird, auf was es wirklich ankommt im Leben.

Vor diesem Hintergrund ist eine Beobachtung des Hirnforschers Gerald Hüther von der Universität Göttingen besonders bemerkenswert: Immer weniger Eltern gelingt es, diese emotionale Aufladung mittels Sprache herzustellen. Es wird vermutlich mehr mit den Kindern gesprochen als je, doch was bei den Kindern ankommt, ist nicht mehr als strukturloses Geschwätz, so Hüther. Wer selbst nicht weiß, was ihm wirklich wichtig ist, wer lediglich die Top 10 der Erziehungstipps der letzten Ausgabe des letzten Elternratgebers nachplappert, der muss sich nicht wundern, wenn die Kinder auf Durchzug schalten.

Eine ungefähre Vorstellung davon, zu welchem Charakter man als Erziehungsberechtigte welchen Anteil beitragen möchte, schadet nicht. Diese Berechtigung wahrzunehmen, darin liegt unsere Verantwortung, solange sie uns von unseren Kindern zugestanden wird. Solange Kinder das Vertrauen ihrer Eltern spüren, solange werden sie unseren Einfluss zulassen. Je weniger sie unserer Autorität jedoch vertrauen, desto eher werden sie sich andere Einflüsse suchen, von denen sie sich mehr versprechen als von unseren Phrasen. Spätestens in der Pubertät sind wir den eigenen Kindern ohnehin peinlich. Da mussten schon andere durch. Da hilft nur Vertrauen. In das, was man bis dahin zur Entwicklung des eigenen Kindes beigetragen hat, und die Hoffnung, dass eine Handvoll dieser Beiträge stark genug waren, um dem natürlichen Bedürfnis nach Abgrenzung und Autonomie des pubertierenden Adressaten standzuhalten.

Für niemanden ist der Grad zwischen Totengräber und Hoffnungsträger für unsere Zukunft so schmal wie für die, die in unserer Gesellschaft Erziehungsverantwortung tragen. Wenn der Satz, dass das Private nicht vom Politischen zu trennen sei, überhaupt jemals stimmte, dann in Bezug auf Erziehung. Denn zum Thema Erziehung meint wirklich jeder, etwas beisteuern zu können. Ein wenig mehr Gnädigkeit im Umgang mit denen, die sich dazu entschlossen haben, Kinder in ihrer Entwicklung hin zu einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen, würde den Millionen selbst ernannten Super-Nannies gut tun.

Schließlich ist es alles andere als einfach, den Laden zusammenzuhalten. Niemand, der Kinder hat, kommt als Eltern auf die Welt. Das merken die, die nun selbst Kinder haben, recht schnell. Man kann sich so gut vorbereiten, wie man will, der Ernstfall hält lebenslange Überraschungen bereit, darauf ist Verlass, Überforderung eingeschlossen. Mit ein wenig Aufmerksamkeit bietet das eine große Chance: die Neubewertung der Erziehungsleistung der eigenen Eltern. Ein wenig mehr Gnade im Umgang mit deren neurotischen Sorgen, die man so oder ähnlich urplötzlich bei sich selbst beobachtet. Ein wenig mehr Gnade, Vertrauen und Unterstützung haben ohnehin alle diejenigen verdient, die sich darum bemühen, unsere Gesellschaft vor Tyrannen zu bewahren. Denn so berechtigt die ewig neue Warnung vor der drohenden Tyrannei der Eigenliebe sein mag, so berechtigt ist die Forderung, immer wieder bei Platon nachzulesen und sich ernsthaft zu vergewissern, ob nicht jede Generation das Recht für sich zu beanspruchen scheint, die apokalyptischen Reiter in den Kinderzimmern der Gegenwart zu erblicken.

Wem nicht nur daran gelegen ist, eine neue Erziehungskrise auszurufen, dem seien sieben Denkanstöße ans Herz gelegt. Denn wie es sich beim Nachdenken über das Thema Erziehung gehört, können auch wir nicht anders, als uns als wohlwollende Ratgeber zu betätigen.