Knigge über Freundlichkeit

Freundlichkeit? Da geht es doch schon los. Woran erkennt man denn einen freundlichen Menschen? Um auf ein Kooperationsangebot eingehen zu können, muss ich selbiges ja erst mal erkennen, sonst nützt mir auch die beste Strategie nichts. Und wer selbst ein Angebot zur Zusammenarbeit machen möchte, der hätte wohl gerne die Gewissheit, dass der andere dieses auch als solches wahrnimmt. Was zwischen Müttern und Kleinkindern funktionieren mag – die lächelnde Erzeugung echten Wohlwollens und gegenseitiger Anerkennung als Person –, fällt zwischen Erwachsenen weitaus schwerer. Da reicht kein Apfelstück, da hängen die Früchte höher. Oder etwa nicht? Natürlich hängen sie höher, doch wer es geschafft hat, sich ein echtes wohlwollendes Lächeln zu bewahren, der ist definitiv im Vorteil.

 

  • Wer es versteht, wohlwollend zu lächeln, der wählt den besten Einstieg in die Begegnung mit seinen Mitmenschen, der überhaupt nur möglich ist.

 

Es ist die pure Entwaffnung. Es ist die kürzeste Form der Anerkennung, die uns zur Verfügung steht. Effektiv und auf den Punkt. Mimik, die mehr sagt als tausend Worte.

  • Wer lächelt, ist kooperationsbereit. Wer jemandem den Vortritt lässt und dabei lächelt, der macht deutlich, dass er es ernst meint.
  • Wer entschuldigend lächelt, weil er auf dem Bürgersteig gerade fast mit jemand zusammengestoßen ist, der legt einen möglichen Konflikt bei, bevor dieser überhaupt begonnen hat.
  • Wer über das ganze Gesicht strahlt, wenn seine Gäste kommen, der hat seine Gastgeberpflichten schon fast erfüllt, ohne sie als Pflicht zu empfinden.
  • Wer es schafft, sich während eines handfesten Streits zu einem echten Lächeln durchzuringen, der signalisiert dem anderen, dass er den eigenen Beitrag zur Eskalation der Auseinandersetzung sieht und beendet diese im selben Moment.
  • Wer lächelt, der öffnet Türen, die längst verschlossen schienen, der übernimmt die Verantwortung für das Gelingen einer Begegnung.

 

Aber was, wenn der andere das Lächeln falsch versteht? Wenn der Verdacht aufkommt, es sei nicht ernst gemeint, man lache über den anderen und schüttele den Kopf über dessen Worte oder Taten? Keine Angst. Ein echtes, ein wohlwollendes Lächeln erzeugt keine Missverständnisse – auch nicht zwischen den Kulturen –, wir können das unterscheiden. Das Lächeln, das Wohl will, hat nichts zu tun mit den nach oben gezogenen Mundwinkeln, die schon wieder abrupt nach unten sinken, noch bevor wir aus dem Gesichtsfeld unseres Gegenübers verschwinden. Es hat auch nichts mit jenem Lachen zu tun, das Glückshormone ausschüttet, wenn wir eine Minute einen Stift zwischen unsere Zähne klemmen und uns selbst überlisten, um bessere Laune zu bekommen. Wer wohlwollend lächelt, dessen Augen lachen mit. Wohlwollen ist keine Strategie, keine List, Wohlwollen ist die unmittelbare Anerkennung des anderen.

Die Freude darüber, dass unser wohlwollender Versuch gelungen ist, zeigt sich im ebenfalls wohlwollenden Lächeln des anderen. Ein kurzer, ein würdiger Moment.

Man sagt über Jesus, er habe den liebenden Blick gehabt, man sagt über den Dalai Lama, dass es sein Lächeln ist, das einen in seinen Bann zieht. Ein gnädiges Lächeln, das auch jenen zuteilwird, die unser Wohlwollen nicht zu würdigen wissen oder sich diesem in ihrer Eigenliebe bewusst verschließen. Jenen, die nicht zur Zusammenarbeit bereit sind und ihrerseits keine Kooperationsangebote unterbreiten. Jenen, denen wir mit Wehrhaftigkeit begegnen sollten und die danach unsere Fähigkeit zur Versöhnung auf die Probe stellen, sobald sie bereit sind, zum Wohlwollen zurückkehren.

Es mag Sie verwundern, aber ja, es gibt auch ein wehrhaftes Lächeln. Eines das den anderen daran erinnert, dass er sich selbst würdevoller Momente beraubt. Eines, das ebenso wenige Worte macht wie das freundliche Lächeln. Eines, das den anderen dazu ermuntert, sein eigenes Wohlwollen wieder zu entdecken. Ein Lächeln, bei dem man auch schon mal mit den Augen rollt und sich auf die Lippen beißt; aber meist bleibt es bei sich. Eines, das nach wie vor auf die Einsicht des anderen hofft, mit fast grenzenloser Geduld. Ein Lächeln, das sich nicht empört und kurz auflacht vor lauter Unverständnis. Eines, das das Wohl des anderen will und immer zur Versöhnung bereit ist. Es wird entspannt und strahlend, wenn es dazu kommt. Es ist das Lächeln eines positiven Menschenbildes. Eines, das an den Menschen glaubt und das sich still darüber freut, wenn es dem anderen gelingt, sein wohlwollendes Potenzial auszuschöpfen. Nicht, um sich bestätigt zu fühlen, sondern in Freude für den anderen.

Sollten wir also doch an das Wohlwollen des Pommesbuden-Besitzers appellieren? Nein, aber an unser eigenes. Mache ich ihm halt die Freude: „Einmal Pommes Schranke, A …!“ Wie war das? Wohlwollensverdacht und Wohlwollensversuch fallen zusammen. Na, geht doch!