Knigge über Gefühle

Erinnern wir uns an den Satz von Robert Greene: „Die wichtigste Fähigkeit – und die entscheidende Grundlage der Macht – ist es, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu haben.“ Nun ist die Erkenntnis, dass eine Voraussetzung für ein gleichermaßen freies und verantwortungsvolles Leben darin besteht, Macht über die eigenen Gefühle zu gewinnen, nicht gerade neu, sondern weist mindestens in die Antike zurück.

Wer sich zum Spielball seiner Emotionen macht, der wird es nicht weit bringen, um dessen Gleichgewicht ist schnell geschehen. Wer seine Gefühle dagegen unterdrückt, der verdrängt einen Teil seiner Identität ins Unterbewusste. Dort lagern die eigenen Gefühle jedoch ungefähr so sicher wie Atommüll im Salzbergwerk Asse. Irgendwann brechen sie wieder durch, meistens in Extermsituationen, und das ist weder gut für einen selbst noch für andere.

Wenn wir davon ausgehen, dass es zu unserer menschlichen Identität gehört, uns sowohl als emotional als auch als vernünftig zu erleben, haben wir schon einmal die beiden entgegensetzten Pole, zwischen denen sich unser Gleichgewicht einpendeln sollte. Doch unser Handeln ist oft auf Begierden ausgerichtet, die nicht unbedingt als vernünftig gelten können. Die Befriedigung der Begierden wird jedoch als grundlegende Voraussetzung für das gesamte System erachtet.

Das System der Marktwirtschaft funktioniert nach diesem Muster. Sie dient der Bedürfnisbefriedigung, macht jedoch keinen Unterschied, ob diese Befriedigung vernünftig ist oder nicht. Was vernünftig ist, entscheiden alleine die Marktteilnehmer. Um die optimale Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu erreichen, wird aber gleichzeitig von ihnen verlangt, dass sie die eigenen Affekte und Emotionen in höchstem Maße kontrollieren. Wer sich für höchste Weihen qualifizieren will, der muss sich im Griff haben. Wer sich am oberen Ende der Leiter den Zugriff auf ein Leben in Saus und Braus sichern will, der sollte seinen Gefühlen alles andere, nur keinen freien Lauf lassen. Disziplin und Selbstbeherrschung als Bedingung für Zügellosigkeit.

Kontrolle als Voraussetzung für den Affekt. Das klingt paradox, ist aber so. Die Wirtschaft verfügt über einen äußerst interessanten Rationalitätsbegriff: Rational – also vernünftig – ist das, was bei geringstem Einsatz den höchsten Ertrag verspricht. Was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird maximiert. Höher, schneller, weiter und größer! Wenn wir in Deutschland im Restaurant von einem guten Preisleistungsverhältnis sprechen, dann meinen wir in der Regel große Portionen zu einem geringen Preis. Wenn wir heute davon sprechen, es mittlerweile mit einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu tun zu haben, dann verbirgt sich dahinter die Idee eines Riesenschnitzels, das über den Teller lappt. Immer und überall.

Warum weniger, wenn auch mehr geht? Wäre doch bescheuert. Eine Mäßigung ist in der Marktwirtschaft schlicht nicht vorgesehen. Damit eine Gesellschaft im Gleichgewicht bleibt, muss sie der ökonomischen Riesenschnitzel-Logik jedoch etwas entgegensetzen. Aber was? Wirtschaft ist auf Wachstum ausgerichtet. Wer dazu beiträgt, sorgt für Riesenschnitzel, wer viel verdient, zahlt viel Steuern und sorgt für die Schnitzel derer, die nichts verdienen. Wer viel konsumiert, sichert Arbeitsplätze, damit die, die von seinem Konsum leben, sich ebenfalls Schnitzel leisten können. Wer ist denn hier der Verantwortungslose? Der, der gegen Konsumterror wettert, oder der, der mithilft, dass alles wächst und gedeiht? Supersize us!

 

Philippe Petit hat keinen Wohlstandsbauch. Und mit dicken Bäuchen wird uns der Drahtseilakt unseres Lebens auch nicht gelingen. Mit Maßlosigkeit hält man sich nicht lange, weder zwischen Wolkenkratzern in New York noch auf dem Boden der Tatsachen. Das hat einen einfachen Grund: Maßlosigkeit hat Nebenwirkungen. Wer sich in seinem Leben auf eine Seite schlägt, der verliert die andere aus den Augen. Wer sich nicht bremst, der wird ausgebremst. Wer dem Markt alles überlässt, der darf sich nicht wundern, dass alle die größten Schnitzel wollen, wer den Markt ersetzen will, nicht, wenn es keine Schnitzel mehr gibt.

Wer Balance halten will, der muss ehrlich sein. Der muss seine Begierden genauso ernst nehmen wie sein Vernunftpotenzial. Wer auf der Suche nach seinem inneren Gleichgewicht ist, der sollte sich auf die Suche nach dem Mittelpunkt seines Denkens und Fühlens machen. Der fällt kein endgültiges Urteil: „Wer stiehlt, ist ein Dieb! Wer einmal lügt, dem glaube ich nicht! Toleranz ist das Wichtigste überhaupt! Der hat sich einfach nicht im Griff! Letztlich zählt der Erfolg! Bonzenschweine und Konsumterror! Wer mich einmal betrügt, den verlasse ich!“

Das Leben ist voller Widersprüche, so wie wir selbst, das sollte man nicht vergessen, bevor man mit Moral- oder Erfolgskeulen wedelt. Dann doch lieber die Balancestange von Philippe Petit. Kleinste Abweichungen von der goldenen Mitte sind nicht nur erlaubt sondern notwendig, um die Balance zu halten und nicht im Stillstand zu verharren. Fast 200 Fuß betrug der Abstand zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers. Sind Sie bereit für einen kurzen Drahtseilakt?