Knigge über Identität

Der Manager Erbe, ein Mann auf dem Weg nach oben. So jedenfalls sieht er das selbst. Da ist für Sentimentalitäten kein Platz, weder beruflich noch privat. Würde man den Manager Erbe fragen, ob es überhaupt eine Grenze zwischen dem privaten und beruflichen Leben gibt, dann wäre seine Antwort denkbar einfach, knapp und effizient: Nein.

Leider können wir den Manager Erbe nicht fragen. Er ist eine erfundene Figur, der Fantasie des Schweizer Autors Martin Suter entsprungen. In seinem Buch „Business Class II“ macht Suter das, was bereits Loriot für die höchsten Weihen der Komik qualifizierte: Er erfindet eine Wirklichkeit, die sich nur minimal von der tatsächlichen Realität unterscheidet und dadurch das Komische an ihr zutage fördert. So denkt der Manager Erbe über die Frage nach, ob er sich von seiner Frau Magda trennen sollte, weil diese ein seine Karriere hemmendes, „Ästhetikdefizit“ aufweist: „Unter anderen Umständen hätte er Magda in Anbetracht ihrer langjährigen Teamzugehörigkeit einen Loyalitätsbonus zugebilligt und ihrer Freistellung viel Raum auf der Zeitachse eingeräumt, aber …“ Wenn immer wieder die Befürchtung geäußert wird, es drohe die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, dann führt uns Erbe dies auf tragisch-komische Weise vor Augen. Wer nicht funktioniert, kann gehen. Am Ende der Geschichte geht jedoch seine Frau, aus freien Stücken. Sie wahrt ihre Identität, während ihr Mann längst bis zur Unkenntlichkeit hinter seiner ökonomischen verschwunden ist.

 

 

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“

 

Eine Antwort auf die Frage im Titel des Buches von Richard David Precht würde Erbe vermutlich schwerfallen. Eine Menge Menschen haben das Buch Prechts mit Begeisterung gelesen, und eine ganze Menge lautet auch deren Antwort auf die im Titel gestellte Frage. Lediglich über eine einzige Identität zu verfügen, ist für die meisten Menschen eine merkwürdige Vorstellung, wenn nicht verdächtig oder im Falle Erbes gar bemitleidenswert. Zu naheliegend ist die Einsicht in die Notwendigkeit, dass wir unterschiedliche Rollen und verschiedene Identitäten übernehmen können müssen, wenn wir die Kontrolle über unser Leben weitgehend behalten wollen.

  • Wir sind eben nicht nur Mutter, sondern auch Ehefrau, wir sind nicht nur beste Freundin, sondern auch Vorgesetzte, Kollegin oder Mitarbeiterin.
  • Wir sind eben nicht nur kultivierter und seriöser Geschäftspartner, sondern auch der, der es abends mal so richtig mit seinen Kumpels krachen lässt, in der Kneipe, beim Fußball oder auf Malle.
  • Wir sind eben nicht nur der wohlerzogene Stolz der Familie, der den Freunden der eigenen Eltern brav das Händchen schüttelt, wir sind auch der Lebemann, der auf Facebook das eigene Profil optimiert und kurz vor Mitternacht auf der Konsole noch den letzten virtuellen Gegnern mit der Pumpgun zu Leibe zu rückt.

 

Wechselnde Identitäten gehören zu unserem Leben dazu wie das tägliche Brot. Doppelte und dreifache Leben sind kein Privileg von Schauspielern oder Heiratsschwindlern. Nein, die multiple Persönlichkeit ist Teil unser aller Leben.

Und doch kann der Wechsel zwischen den jeweiligen Identitäten zum Problem werden. Dann, wenn zu befürchten ist, dass Identitäten ihren ursprünglichen Ort verlassen und plötzlich an einem anderen Ort auftauchen, wo sie nichts zu suchen haben. Die Logik des Managements gehört ins Management, der Wissensvorsprung des Lehrers ins Klassenzimmer und das bewusste aus der Rolle fallen wohl zum Ballermann nach Mallorca.

Multiple Persönlichkeit? Ist das nicht ein Krankheitsbild? Tatsächlich stammt der Begriff aus der klinischen Psychiatrie und ist auch unter dem Namen dissoziative Identitätsstörung bekannt, die immer dann vorliegt, wenn sich bei einer Person unterschiedliche Persönlichkeiten in der Kontrolle über das Verhalten des Patienten abwechseln. So kontrovers diese Diagnose in der Wissenschaft diskutiert wird, so bemerkenswert vielfältig ist die künstlerische Verarbeitung des Stoffes, sei es in Büchern oder in Filmen.

Als Identifikationsfiguren taugen der Manager Erbe, der traumatisierte Motelbesitzer und der Identitätserfinder Roy nur bedingt. Wer würde sich selbst schon gerne mit einem Manager vergleichen, der nichts anderes sein kann als Manager, wer sich ein Vorbild nehmen an zwei Mördern, von denen der eine die Kontrolle über sich selbst verloren hat und der andere das Spiel mit den Identitäten dafür nutzt, um seiner Strafe zu gehen?

Eines jedoch zeigt der Blick auf diese drei Identitäten: Nur, wer die Kontrolle über seine Identitäten behält, nur wer weiß, wann welche Identität gefragt ist, bleibt handlungsfähig, ob im Guten oder im Bösen. Wer die Kontrolle verliert, der wird zum Spielball seiner inneren oder äußeren Zwänge, dem droht der Identitätsverlust, weil die Kontrolle längst andere übernommen haben.