Knigge über persönliche Daten

Im Jahre 1983 wurde den bundesdeutschen Bürgern durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes erstmals das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung zugesichert. Eine staatliche personifizierte Datenerhebung zur Identität ihrer Bürger wurde damit zwar nicht unmöglich gemacht, aber doch erheblich erschwert. Die Abwehrrechte der Bürger gegenüber dem Staat wurden gestärkt. Die Identität der Bürger gehört in ihre Hände, und nicht unter die Kontrolle des Staates. Bürgerliche Freiheit und Identität sind nur dann zu gewährleisten, wenn der Staat unter dem Generalverdacht steht, diese einschränken und kontrollieren zu wollen. Das ist das Wesen der Grundrechte. Diese zu achten und die Bürger vor dem eigenen staatlichen Einfluss zu schützen, das macht wiederum die Identität eines modernen demokratischen Staates aus.

Doch einen möglichen Angriff auf die Freiheit, wie ihn die Schriftstellerin Juli Zeh im letzten Jahr in ihrem gleichnamigen Buch mutmaßte und ihn die Piratenpartei als Existenzberechtigung ihres politischen Anliegens versteht, wird von vielen Bürgern gar nicht als solcher wahrgenommen. So unbeschwert, wie einige von ihrem Recht auf informationelle Selbstbestimmung Gebrauch machen und mit ihren persönlichen Daten umgehen, könnte man fast auf die Idee kommen, es gelte die wohlbekannte Phrase aus der Welt des Sports, wonach Angriff die beste Verteidigung sei. Frei nach dem Motto: Lieber Staat, du brauchst unsere Freiheit nicht anzugreifen, das erledigen wir schon selbst.

Konsumversprechen, Sicherheit und Selbstdarstellung haben längst die Oberhand gewonnen. Prepaidkarte statt Datenschutz. Jeder Bürger wird zur Person des öffentlichen Interesses. Öffentliche Imagepflege auf Facebook, Myspace oder Xing statt eines diskreten Umgangs mit der eigenen Persönlichkeit. Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen. Lauschangriffe, Rasterfahndungen und Datenvorratsspeicherung? Achselzucken. Warum denn nicht? Ich habe mir doch nichts vorzuwerfen. Eine Haltung, für die sich eigentlich nur zwei Erklärungsmuster anbieten: grenzenlose Naivität oder grenzenloses Vertrauen in staatliche aber auch privatwirtschaftliche Institutionen.

Wie es einem ergehen kann, wenn andere tatsächlich die Kontrolle über unseren persönlichen Daten erlangen und unsere Identität kapern, das vermittelt uns der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle in seinem Roman „Talk, Talk“. Die gehörlose Dana wird Opfer eines Identitätsdiebstahls. In ihrem Namen werden Führerscheine beantragt, größere Geldsummen abgehoben und Straftaten begangen. Privatwirtschaftliche und staatliche Institutionen übernehmen die Kontrolle über ein außer Kontrolle geratenes Leben. Die kommunikative Behinderung Danas, die sich nur über Gebärdensprache verständigen kann, wird zum Metapher für ihre Entfremdung der eigenen, sicher geglaubten Identität und ihrer sozialen Umwelt, für die nur das zählt, was der Magnetstreifen und die Daten im Computer hergeben.

Der Mensch wird zur bloßen Rechengröße. Der Verlust der eigenen PIN ist mehr als der Verlust einer Zahlenreihe oder des Kontoguthabens, er wird zum Verlust der eigenen Identität. Vertrauen ist gut, und es ist schön, dass am Ende von Boyles Roman das Gute über das Böse siegt. Wenn wir außerhalb der Literatur staatliche und private Datendiebe für möglich halten, ist das aber keineswegs ein Zeichen von Paranoia, sondern vielmehr Ausdruck eines kritischen demokratischen Bewusstseins und eines gesunden Menschenverstandes.

So unbeschwert der Umgang mit persönlichen Daten bisweilen sein mag, die Angst davor, dass Identitäten sich entwurzeln und an anderen Orten größtmögliches Unheil anrichten, ist in unserer Gesellschaft durchaus verbreitet. So lässt sich hinter den Diskussionen über Verbote von Computerspielen, der Zensur von Internetinhalten oder der grundlegenden Sorge über die Folgen von virtuellen Parallelwelten die Befürchtung vermuten, die neue, die virtuelle Welt gewinne zunehmend die Kontrolle über unsere Identität. Wer in virtuellen Räumen zu oft mit der Pumpgun hantiert oder sexuelle Praktiken begutachtet, die im analogen Zeitalter nicht einmal unter dem Ladentisch erhältlich waren, der wird über kurz oder lang den Freunden der Eltern nicht mehr brav das Händchen reichen, sondern Amok laufen, so die Vermutung. Wer sich zunehmend ins Second Life des World Wide Web flüchtet, der wird das, was er dort treibt, auch im normalen Leben ausprobieren wollen.

In den Medien ist daher zunehmend von der Generation Killerspiel oder der Generation Porno die Rede, wenn die Folgen der Übernahme von virtuellen Identitäten möglichst drastisch beschrieben werden sollen. Da haben wir sie wieder, die apokalyptischen Reiter! Ob in Kinder-, Jugend- oder Arbeitszimmern, es wütet die virtuelle Kavallerie des realen Weltuntergangs. Computerspiele, Pornografie und alles, was sonst noch geeignet ist, uns unsere menschliche Identität zu rauben, gehört angeblich schnellstmöglich von der Bildfläche verbannt, wenn wir den kulturellen und zivilisatorischen Verfall Einhalt gebieten wollen.

Es scheint, als lauere hinter diesen fundamentalen Ängsten zunächst eine einzige, einfache Frage. Diese lautet: Was macht das mit mir? Tragfähige Antworten auf diese Frage liefern weder diejenigen, die reflexartig immer die gleichen Verantwortlichen ausfindig machen, noch diejenigen, die die Suche nach Verantwortung längst aufgegeben haben. Es braucht schon etwas mehr als Waffen- und Computerspielverbote, mehr als Stoppschilder im Internet, Fernsehverbote oder die simplen Appelle der Piratenpartei für mehr Freiheit und Selbstbestimmung jedes Einzelnen, wenn man wissen will, wie Wechsel zwischen den Identitäten tatsächlich gelingen kann, die seine eigene Identität zu verlieren oder die Kontrolle anderen zu überantworten.