Knigge über Standpunkte

Stehlen ist verboten. So steht es im Gesetz. Doch es gibt besondere Situationen, in denen das Stehlen nicht verboten, sondern sogar geboten erscheint.

„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“ In seiner berühmten Silvesterpredigt 1946 erteilte Joseph Kardinal Frings denen, die Hunger leiden, die Absolution, sich Kohle, Kartoffeln und Wasser zu nehmen, auch wenn es nicht ihr Eigentum war. Aus stehlen wurde „fringsen“.

Es gibt besondere Umstände, in der die Umkehrung eines Gesetzes, eines moralischen Standpunktes, geboten ist. Es reicht nicht aus, sich auf Gesetzen und eigenen moralischen Standpunkten auszuruhen. Es bedarf der Wachsamkeit und der Anstrengung, immer wieder den Blick zu wagen, wann etwas verantwortbar ist und wann eben nicht. Es reicht nicht aus, eine Festung aufzubauen, hinter deren Mauern die Widersprüche des Lebens ausgeblendet werden.

 

  • Wer sich um Gleichgewicht in seinem Leben bemüht, der stellt sich den Widersprüchen, mit denen ihn das Leben außerhalb seiner Trutzburg konfrontiert.

 

Und davon gibt es wahrlich genug. Ob in der Antike, im Christentum, im Islam, im Judentum, im Buddhismus bis hin zu Immanuel Kant: Lügen ist verboten. Kant geht sogar so weit zu fordern, den Freund, der Zuflucht bei uns sucht, seinen Häschern auszuliefern, wenn diese uns fragen, ob wir ihn versteckt halten. Seine Begründung ist ebenso einfach wie vernünftig: Lässt man Ausnahmen zu, bricht das ganze moralische Kartenhaus zusammen. Niemand kann sich mehr sicher sein, dass sein Gegenüber die Wahrheit spricht. Wem an der Wahrheit gelegen ist, der muss Verantwortung für sie übernehmen, immer und überall. Basta.

Die meisten Menschen tun sich schwer mit einem derart kategorischen Anspruch. Wohl zu Recht. Denn obwohl ich wollen kann, dass der Leitsatz meines Handelns (nicht zu lügen) zu einem allgemeinen Gesetz werden kann, kann ich vernünftigerweise dasselbe im Hinblick auf die Maxime anstreben, einem anderen Menschen das Leben zu retten. Es liegt in meiner Verantwortung, eine Entscheidung zu treffen.

 

  • So sehr uns an Ehrlichkeit gelegen ist, so sehr sind wir dafür verantwortlich, die Konsequenzen unseres Verhaltens in unsere Überlegung mit einzubeziehen. Für uns wie für andere.

 

Die Balance zu halten ist ein wahrlich schwieriges Unterfangen, denn die Faktoren, die unsere Entscheidungen beeinflussen, sind vielfältig. Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr Ansprüche und Interessen melden sich an. Was ist gut für uns, was für andere? Welche Regeln sollten unser Zusammenleben bestimmen, und was kann ich dafür tun, diesen zu Durchsetzung zu verhelfen?