Knigge über Widerstand

Und was im Großen gilt, das gilt auch im Kleinen. Mit dem ebenso kleinen, aber feinen Unterschied, dass man mit der Emotionalisierung ein wenig vorsichtiger zu Werke gehen sollte. Schließlich sind wir im Kleinen mit dem Adressaten unseres Widerstandes meist direkt konfrontiert, von Angesicht zu Angesicht sozusagen. In der Unmittelbarkeit des persönlichen Aufeinandertreffens hat niemand die Chance, sich hinter seiner Rolle als Vertreter einer Institutionen wie Protestbewegung, Staat oder Wirtschaft zu verstecken. Mit offenem Visier in der direkten zwischenmenschlichen Konfrontation, im Widerstand gegen die unterstellte Verantwortungslosigkeit zählen daher andere Qualitäten.

Der erste Widerstand sollte sich gegen die eigenen potenziellen Störfälle richten, gegen die eigenen Gefühle und Affekte. Weckt doch der, der zu impulsiv agiert, beim Gegenüber alle Widerstandskräfte, die diesem zur Verfügung stehen. Der berühmte Ton, der die Musik macht. Wer wirklich etwas erreichen will, der richtet seinen Widerstand zunächst gegen sich selbst. Der atmet erst einmal tief durch, der schluckt seinen Ärger erst einmal runter, bevor er ihm Luft macht. Ein souveräner Auftritt schließt blinde Wut und pure Emotion aus, schließlich wollen Sie etwas erreichen.

Auch wenn es nicht jeden Tag ums Eingemachte geht, auch wenn nicht jedes Mal unsere, auf der Idee der Menschenwürde fußende demokratische Ordnung auf dem Spiel, so gerät unser eigenes Wollen mit dem Wollen anderer doch öfter in Konflikt, als uns das lieb ist. Wenn wir auch nicht alle in Erwägung ziehen müssen, uns öffentlich mit Schlamm zu bewerfen, einem NPD-Parteitag beizuwohnen oder uns an Bahngleise zu ketten, ist unsere Lust auf uneigennützigen Widerstand recht beschränkt. Ob eigene Bedürfnisse, sozialer Druck, das Gefühl der Ohnmacht oder die Hoffnung, dass es doch jemand anderes richten möge – Gründe, anders zu handeln, als wir es uns vorgenommen hatten, gibt es jeden Tag genügend. Lust auf eine Tortenschlacht? Ja, ich weiß, eigentlich müsste ja man ja mal was tun, aber …

Es ist ja schon schwer genug, seine eigenen Interessen zu wahren und seine Mitmenschen an ihre Verantwortung gegenüber anderen so zu erinnern, damit selbst harmlose Streitigkeiten nicht hochkochen.

Warum geht es denn hier nicht weiter?

Mein Vordermann ist auf den Fahrradweg gefahren, und der Fahrradfahrer weigert sich nun, einen Bogen über die Straße zu fahren, beharrt auf seinem Weg, direkt vor der Motorhaube stehend, wild gestikulierend.

„Jetzt fahren Sie schon zurück!“

„Jetzt fahr doch vorbei, Mensch!“

„Das hättest du wohl gerne, ich hab Zeit!“

Nichts tut sich. Schmollwinkel. Na, super, aber ich habe keine Zeit und auch keine Lust, unter den beiden Sturköpfen zu leiden. Na dann, ruhig bleiben, aussteigen und für Bewegung sorgen.

„Entschuldigung, warum geht es denn nicht weiter?“

„Das fragen Sie mal den Herrn mit eingebauter Vorfahrt!“

„Das ist doch echt albern, jetzt bewegen Sie halt ihr Rad, und wir können alle nach Hause fahren.“ Oh, Mann!

„Ich habe ja Verständnis für Ihre Standpunkte, aber so kommt ja keiner weiter. Also, ich fahr ein Stück zurück, dann können Sie zurücksetzten, und Sie haben Platz vorbeizufahren, o.k.?“

Das war dann o.k. Mein Widerstand gegen meinen spontanen Ärger und die beiden Trotzköpfe war erfolgreich.

Man muss wahrlich kein Choleriker sein, um eine gewisse Machtlosigkeit gegenüber den eigenen Emotionen zu empfinden. Doch wie gezeigt, Widerstand lohnt sich! Und er ist multiplizierbar. Wer der eigenen Empörung einmal getrotzt hat, der kann daran anknüpfen. Statt sich das nächste Mal darüber zu empören, dass der Staat zu wenig für die Alten in unserer Gesellschaft tut, könnte man ja selbst bei der achtzigjährigen Frau Schneider im zweiten Stock klingeln und ihr anbieten, ihre Einkäufe zu erledigen, da man ohnehin auf dem Weg in den Supermarkt sei.

Ziviler Ungehorsam und bürgerliches Engagement sind zwei Seiten einer Medaille. Es gibt Ärzte, die ganz bewusst Menschen kostenlos behandeln, die sich illegal in unserem Land aufhalten, und daher keinen Anspruch auf eine ärztliche Behandlung haben. Uneigennützig, dem hippokratischen Eid verpflichtet, auch wenn der Patient weder gesetzlich noch privat versichert ist. Das ist illegal, aber ist es auch unmoralisch? Es gibt gute Gründe, sich im Einzelfall nicht an Gesetze zu halten, manches Mal ist es sogar unsere Pflicht, menschunwürdigem Verhalten entgegenzutreten und dort Widerstand zu leisten, wo die Menschlichkeit auf dem Spiel steht, um denen zur Seite zu stehen, die unsere Hilfe benötigen. Widerstand gegen dumpfe Parolen, sei es im Fußballstadion oder in der Stammkneipe. Solidarität mit denen, die Opfer von denen werden, die das Recht des Stärkeren für sich beanspruchen, ein beherztes Einschreiten dort, wo sich der eine über den anderen erhebt. Wir haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zum Widerstand. Freiheit und Verantwortung eben.

 

 

Widerstand heißt: etwas tun

 

Widerstand ist unweigerlich mit der Idee des Handelns verknüpft. So stark, dass dabei das Pendant des Handelns, das Unterlassen, allzu leicht aus dem Blickfeld gerät. Wer etwas tut, zeigt sich verantwortlich, aber was tun eigentlich die, die nichts tun? Auf der großen Bühne der Verantwortung führen sie eher ein Schattendasein. Man kann das Richtige tun und wird zum verantwortungsvollen Helden, man kann das Falsche tun und wird zum verantwortungslosen Bösewicht, oder man kann etwas unterlassen. Aber zu was macht einen das? Wer Hilfe unterlässt, der macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, wer in der U-Bahn nicht eingreift, hat keine Courage, und wer es unterlässt, sich zu den Folgen des eigenen Handelns zu bekennen, hat kein Rückgrat. Das ist die Schattenseite des Unterlassens. Irgendwo zwischen Bösewicht, Feigling und Normalsterblichem. Genaues weiß man nicht, nur dass derartige „Unterlasser“ nicht zum Helden taugen.

Es gibt aber auch eine andere, eine glänzende Seite des Unterlassens. Jene, auf der weniger mehr ist. Das Unterlassen aus Verantwortung entspringt einer bewussten Entscheidung und bleibt doch weitgehend unsichtbar. Es spielt keine glänzende Hauptrolle, es ist der Nebendarsteller. Der, an den sich nach dem Film niemand mehr so recht erinnert, der aber den Film getragen hat, ohne dass wir es merkten.

Den aktiven Widerstand kann man anfassen, sehen, hören, und wenn er gut gemacht ist, bewundern. Das Unterlassen aus Verantwortung ist aus einem anderen Holz geschnitzt und für grobe Klötze nicht zugänglich. Für Menschen der Tat ist es schlicht nicht existent. Wie kann etwas positive Folgen haben, was weder getan, ja nicht einmal gesagt, sondern nur gedacht wurde? Man kann dem anderen schließlich nicht in den Kopf gucken. Wer etwas zu sagen hat, wer etwas tun möchte, der soll sich bitteschön äußern, der soll gefälligst anpacken! Was nützt die Liebe in Gedanken?

Einiges, würden die sagen, die ihre Verantwortung nicht nur im Handeln, sondern ebenso im Unterlassen vermuten. Die sich ihren Teil denken, die nicht immer etwas zu sagen und zu handeln haben müssen. Die sich und andere schonen. Die ganz bewusst nichts sagen, nichts tun und nicht darüber reden müssen, etwas unterlassen zu haben, darauf hoffend, dass es anderen auffällt. Und wenn es nicht auffällt? Auch egal. Sind sie sich doch der Richtig- und Wichtigkeit ihrer Zurückhaltung sicher. Geschwätzt und gemacht wird ohnehin genug. Es ist höchst angenehm Menschen zu treffen, die die Kunst des Unterlassens beherrschen. Es sind Menschen,

  • in deren Nähe man sich wohlfühlt, mit denen man gerne zusammen ist, weil sie verzichten, ohne dass dieser Verzicht offensichtlich wäre,
  • die diskret sind und Dinge, die ihnen anvertraut wurden, für sich behalten,
  • die nicht mit einstimmen in den Chor der Empörung,
  • die Fragen stellen und zuhören können, statt zu allem was zu sagen zu haben,
  • die teilen und nicht spalten, die sich ihrer sicher sind, ohne andere zu verunsichern.

 

Man braucht eine Weile, um hinter das Wesen dieses Nicht-Handelns zu kommen. Kein Wunder, sucht man doch nach Aktionen, die auf den ersten Blick gar keine Aktionen sind, und nicht wie sonst, nach dem, was geschehen und greifbar ist. Es ist eine stille Form des Widerstandes, der sich gegen Geltungssucht, Optimierungswahn und Selbstvermarktung wehrt. Gegen den Drang zur Empörung, die Neigung zur Hysterie und die Gefahr des Aktionismus. Eine bewusste Stille im Geschrei auf dem Jahrmarkt der Ängste und Eitelkeiten. Wir haben es mit Menschen zu tun, die gelernt haben, lange ruhig bleiben, aber kein Problem damit haben, sich in ihre High Heels zu schwingen und mit Torten nur so um sich zu werfen, wenn es wirklich darauf ankommt. Wie gesagt, Widerstand hat viele Gesichter. Je ausgefeilter die Mimik, desto erhabener das Gefühl, etwas bewirken zu können.