Knigge über Wohlwollen

Werner lächelt selten. Hier ist er König, nicht seine Kunden. Seine Pommesbude ist dennoch oder gerade deshalb gut besucht. Es geht ruppig zu. Es wird eher geschrien als geredet. Geduld ist ein Fremdwort: „Ey, wo bleibt meine Curry, du Arsch?“ Es nähert sich ein junger Mann im Anzug, in der Hand einen Aktenkoffer, die Haare adrett nach hinten gegelt. Die Männer in Blau mit gelbem Helm verstummen. Was will denn der Schnösel hier?

„Guten Tag, ich hätte gerne eine Portion Pommes Frites mit Ketchup und Mayonnaise.“

Werner schaut ihn kurz an und brummt: „Und? Wie heißt das Zauberwort?“

Der junge Mann zögert und sagt dann: „Arschloch.“

Darauf der Besitzer: „Gut, und jetzt im ganzen Satz!“

„Einmal Pommes Schranke, Arschloch!“

„Na siehste, geht doch!“

 

Wir brauchen ein gutes Gespür, einen offenen und aufmerksamen Blick, wenn wir uns unter all den anderen Menschen um uns herum behaupten wollen. Auch wenn die obigen Personen nicht aus dem echten Leben stammen, sondern Darsteller in einer Comedyserie sind, so zeigen sie uns doch, dass wir unseres eigenen Glückes Schmied sind, wenn es darum geht, im gemeinsamen Umgang zu bestehen. Da nützt einem der beste Benimmratgeber nichts, wenn wir unter die Bauarbeiter fallen. Da heißt es Augen und Ohren aufsperren. Wem etwas an seinen „Pommes Schranke“ gelegen ist, der muss den richtigen Ton treffen. Ansonsten geht es hungrig ins nächste Meeting. Wer nicht auf einer einsamen Insel lebt, der kommt nicht umhin, sich mit sich selbst, seinen Mitmenschen und der jeweiligen Situationen auseinanderzusetzen, wenn er den Durchblick auf dem zwischenmenschlichen Parkett behalten will.

Unaufmerksamkeit ist der natürliche Feind eines gelungenen Umgangs mit unseren Mitmenschen, Aufmerksamkeit der natürliche Freund. Wer unaufmerksam ist, der ist sich der Konsequenzen seines eigenen Verhaltens nicht bewusst, der kann das Verhalten anderer nicht deuten und ist schon gar nicht in der Lage, die jeweils notwendigen Zauberwörter zu entdecken. Wer dagegen aufmerksam ist, der weiß um seine eigene Wirkung, der kann das Verhalten anderer einschätzen und handelt der Situation angemessen.

Wir treffen ständig auf andere Menschen. Die einen haben wir uns ausgesucht, andere sind schon da oder kommen hinzu, ohne uns zu fragen. Wieder andere haben wir aus freien Stücken in diese Welt gesetzt, unsere Kinder. Sie entwickeln sich, ganz prächtig oder ganz anders, als wir uns das vorgestellt haben.

Egal, wer da kommt, egal, wer sich da wie entwickelt, immer stehen wir in der Verantwortung, unsere Beziehungen bestmöglich zu gestalten. Zur Zufriedenheit beider Seiten, mit den richtigen Zauberwörtern ausgestattet. Mit einem wohlwollenden Lächeln auf dem Gesicht, auf das Wohlwollen unserer Mitmenschen angewiesen. Wenn Werner will, lässt er einen glatt am langen Arm verhungern. Doch Schnösel hin, Schnösel her, mit dem richtigen Wort am richtigen Ort bekommt hier jeder, was er braucht. Das, was der Biochemiker Otto E. Rössler eine Charme-Explosion nennt, hat eben viele Gesichter.

Wenn eine Mutter ihr kleines Kind mit einem Apfel füttert, lächelt sie das Kind an. Dieses glaubt, sie mache ihm um seiner selbst greift nach dem Apfelschnitz und gibt ihn ihr zurück: Es unternimmt seinerseits einen Wohlwollensversuch. Die Mutter lacht und beißt voller Freude in den Apfel. Der freudige Gesichtsausdruck der Mutter ist für das Kleinkind eine Belohnung, wie sie größer nicht sein könnte: Zum einen bestätigt sich der zunächst gehegte Wohlwollensverdacht, zum anderen ist der eigene Wohlwollensversuch geglückt.

Wie aus dem Nichts entsteht Wohlwollen, in Sekunden vollzieht sich die Personwerdung des Kindes. Es ist ein geradezu magischer Moment: Das Kind erschafft seine eigene Person, indem es das Verhalten der Mutter spiegelt. Diese Spiegelkompetenz, wie Otto E. Rössler sie nennt, ist die Voraussetzung für echtes Wohlwollen: Die Freude für die Freude des anderen verantwortlich zu sein, wird zur Belohnung, zum strahlenden Beweis dafür, den anderen als anderen zu verstehen.

 

  • Ein freudiges, von Herzen kommendes Lächeln ist die kürzeste Form für wechselseitige Anerkennung und gegenseitiges Verständnis.

 

Wer dieses Lächeln einmal erfahren, wer es einmal selbst erzeugt hat, der wird es im besten Fall nicht mehr los. Im schlechtesten verschwindet es bis zur Unkenntlichkeit hinter der Eigenliebe.

Es geht um das echte Lächeln, keines, das sich in einem Crashkurs erlernen lässt. Wir reden hier nicht vom Training für Vertriebsleute, die lernen sollen, die Servicewüste Deutschland in eine Oase des Lächelns zu verwandeln. Studien an der psychologischen Fakultät der Universität Frankfurt haben ohnehin ergeben, dass beruflich verordnetes Dauerlächeln die Gefahr von Depressionen nach sich zieht. Besonders gefährdet sind Stewardessen, Verkäufer und Mitarbeiter im Callcenter. Wer dauerhaft gute Laune und Freundlichkeit vorspiegelt und seine tatsächlichen Emotionen unterdrückt, der läuft Gefahr, sein echtes Lächeln zu verlieren. Wer zu viel lächeln muss, der lacht als Letzter, aber nicht am Besten.