Knigge über Würde

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ So lautet Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN aus dem Jahre 1948. Unvernunft und Gewissenlosigkeit sind die natürlichen Feinde von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Unvernünftigen und Gewissenslosen gilt es entgegenzutreten.

Der Mensch darf niemals zum bloßen Mittel werden! Zum Zweck anderer, die ihn ausbeuten, sei es seine Sexualität oder seine Arbeit. Doch Millionen von Menschen führen ein tagtägliches Dasein als Zwangsarbeiter und Lohnsklaven. Millionen von Frauen und Kindern werden als sexuelle Sklaven missbraucht. Der Menschenhandel floriert, er ist ein einträgliches Geschäft für die, die von ihrer Begabung zur Vernunft und Gewissen keinen Gebrauch machen. Die Zahlen sind schockierend:

  • Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) geht davon aus, dass weltweit 218 Millionen Kinder illegal beschäftigt werden.
  • UNICEF gibt an, dass zwischen zwei und vier Millionen Kinder sexuell ausgebeutet werden.
  • Eine UN-Studie belegt, dass ca. 150 Millionen Menschen sich als Wanderarbeiter verdingen müssen.
  • Schätzungen besagen, dass ca. 35 Millionen Menschen als Sextouristen ihre Bedürfnisse auf Kosten anderer befriedigen.
  • Mehr als 300000 Kinder unter 18 Jahren nehmen weltweit an über 30 Konflikten als Kindersoldaten teil.
  • In Thailand trägt die Prostitution mit knapp 27 Milliarden US-Dollar einen Anteil von ungefähr 14 Prozent am Bruttoinlandsprodukt bei.

 

Die Zahlen sind so unglaublich, dass sie unsere Vorstellungskraft übersteigen. Doch hinter jedem einzelnen Schicksal steht ein Opfer. Ein Mensch, dem andere Menschen seine Würde nehmen, indem sie ihn als Ware betrachten, ihn schlechter behandelt als einen Tisch oder einen Stuhl. Es ist der Geist der Demütigung, nicht der Brüderlichkeit, der über diesen Begegnungen schwebt. Ein Geist, der jährlich um die 44 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Ein böser Geist, für den alles seinen Preis hat. Auch der Mensch. Jeder Shrimp aus Thailand, jede Kakaobohne aus Ghana, jeder Meter Baumwolle aus Usbekistan, jedes Kleidungsstück aus Bangladesh, jedes Zuckerrohr aus Brasilien, jedes Korn Reis aus Indien und jeder Ziegelstein aus Pakistan ist verdächtig. Dem Verdacht ausgesetzt unter würdelosen Bedingungen zustande gekommen zu sein.

Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lautet: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten.“ Er ist so vernünftig und gewissenhaft wie eh und je, doch Chatenay und Martinique sind noch immer allgegenwärtig. 30 Artikel umfasst die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, doch tagtäglich werden sie – wie es dann gemeinhin heißt –, mit Füßen getreten oder im Fall einer Großraumdiskothek in Frankreich durch die Luft geschleudert.

 

Würde ist unantastbar – auch durch uns selbst. Manuel Wackenheim ist nur 1,44 groß, er ist Stuntman. Im Nebenerwerb ließ sich Wackenheim von Diskothekenbesuchern werfen. Sie haben richtig verstanden: ausgerüstet mit einem Helm und gepolsterter Kleidung, an der Handgriffe befestigt sind, konnten sich an Wackenheim und anderen Kleinwüchsigen wie dem US-Amerikaner David Flood Diskobesucher im Weitwurf üben. In Frankreich wurde das Zwergenwerfen 1995 mit der Begründung verboten, es verstoße gegen die Menschenwürde. Nach der Klage durch Flood und Wackenheim wurde das Urteil – trotz der durchaus ernst zu nehmenden Kritik der beiden Kläger, sie würden an ihrem Recht auf freie Berufswahl gehindert –, im September 2002 von der UN Menschenrechtskommission bestätigt. Damit wurde der Schutz der Menschenwürde über das Recht des Einzelnen gestellt, selbst zu entscheiden, wie er sein Leben führen will.

Dahinter steht sich die Auffassung, dass die Würde des Menschen tatsächlich unantastbar ist. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie ihm von anderen genommen werden kann, sondern eben auch, dass wir uns unsere Würde selbst nehmen können. Damit die Würde des Menschen unantastbar bleibt, müssen wir sie sowohl vor Eingriffen anderer, als auch vor uns selbst schützen. Unsere Freiheit stößt dort an ihre Grenze, wo sie beginnt, die menschliche Würde zu untergraben. Die Grenzen sind abgesteckt, es liegt in unserer Verantwortung, sie zu schützen. Sowohl im Interesse von Millionen zur Unwürdigkeit Gezwungener als auch in unserem eigenen. Die Menschenrechte sind eine kulturelle und zivilisatorische Errungenschaft, die uns einiges abverlangt, uns bisweilen an unsere eigenen Grenzen führt und unser Gerechtigkeitsempfinden, wenn nicht erschüttert, so doch im höchsten Maße herausfordert.