Knigge über Zutrauen

Muhammad Yunus ist Friedensnobelpreisträger. Als Förderer sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung von unten hat er sich diesen Preis redlich verdient. Muhammad Yunus tut etwas, das in der politischen Arena zwar immer wieder gefordert, aber selten in die Tat umgesetzt wird: Er traut den Menschen etwas zu. Während hierzulande viele Mittelständler als Folge der weltweiten Finanzkrise unter einer Kreditklemme leiden, vergibt seine Grameen Bank weiterhin fleißig Kredite, sogenannte Mikrokredite. Während die großen Banken sich selbst und ihren Kunden nicht mehr über den Weg trauen, ist Yunus’ Vertrauen in sich und seine Kreditnehmerinnen ungebrochen. (Die weibliche Form ist im Übrigen ganz bewusst gewählt: 97 Prozent der Kunden der Grameen Bank sind Frauen.)

Im Grunde ist Muhammad Yunus der Vertreter einer modernen sozialen Marktwirtschaft. Seine Ansichten darüber, wer für den Markt und wer für das Soziale zuständig ist, unterscheiden sich jedoch ganz erheblich von der sozialen Marktwirtschaft bundesrepublikanischer Prägung. So glaubt der Gründer der Grameen Bank fest daran, dass das Wohlwollen fester Bestandteil des marktwirtschaftlichen Prozesses sein kann und nicht allein dem Rahmen setzenden Staat vorbehalten bleiben sollte. Der Mensch ist eben mehr als eine Geldmaschine, die nach nichts anderem strebt, als den eigenen Profit zu maximieren.

Der Professor für Wirtschaftswissenschaften ist ein sehr ausgeglichener Mensch, den so schnell nichts aus der Fassung bringt. Das ändert sich nur dann, wenn wieder einmal behauptet wird, der alleinige Zweck eines Unternehmens bestehe darin, seine Gewinne zu maximieren. Yunus hält das für ausgemachten Blödsinn. Wenn schon, dann bestehe der Zweck eines Unternehmens darin, Produkte auf den Markt zu bringen, die irgendjemand nachfragt.

Yunus selbst geht es jedoch um etwas, was er als „social business“ bezeichnet: Unternehmen, die im Interesse der Menschen agieren, deren Zielsetzung darin besteht, sozialen Zielen zu dienen und die Probleme von Menschen wie Armut, Umweltverschmutzung oder Ausbeutung zu lösen. Der Mann aus Bangladesh holt das Wohlwollen aus der Versenkung, er hält es für marktfähig und betrachtet es als notwendige Vervollständigung eines wirtschaftlichen Systems, das sich „zu stark an der Triebfeder des Eigennutzes orientiert“.

Beides, Wohlwollen und Eigennutz, gehört zu unserer menschlichen Grundausstattung. Der Markt bietet ausreichend Platz dafür. Es kommt auf einen Versuch an. Luftschlösser wurden genug gebaut, während die Sanierung von Hütten sträflich vernachlässigt wurde. Während andere Banken viel Geld für die verdient haben, die ohnehin schon viel haben, zielt Yunus auf die, die so wenig haben, dass sie auf dem Markt nicht mitspielen können.

Den Beweis haben Yunus und die Grameen Bank längst angetreten. Allein in Bangladesh hat die Grameen Bank 7,5 Millionen Kreditnehmer, die sich Durchschnitt US-Dollar 200 leihen. Unter diesen Kunden sind Menschen, die keinen Businessplan und auch keine bahnbrechenden Innovationen oder Patente zu bieten haben, sondern mit Obst, Bonbons oder Blumen handeln. Juristische Dokumente, seitenlange Kreditverträge und Wucherzinsen? Fehlanzeige! Hier zahlt man tatsächlich mit seinem guten, nach unseren Vorstellungen gar mit seinem schlechten Namen. Die Transaktionen basieren auf einem auch uns vertrauten Prinzip: Vertrauen. Eines, das sich auszahlt, für beide Seiten. Mit einer Rückzahlungsquote von knapp 98 Prozent hat die Grameen Bank keinen Anlass, sich hinter irgendwem zu verstecken. Verantwortung braucht Vertrauen, Vertrauen erzeugt Verantwortung. Das ist die simple Gleichung von Professor Yunus. Ob in Bangladesh oder anderswo. Ob in der Wirtschaft oder anderswo.

Wer hätte gedacht, dass man ernsthaft das Wohlwollen als marktfähige menschliche Eigenschaft betrachten kann? Wer, dass Kredite, die per Handschlag vereinbart wurden, zu fast 100 Prozent zurückbezahlt werden? Muhammad Yunus hat es getan. Wer hätte gedacht, dass eine gewaltfreie Erziehung zum gesellschaftlichen Konsens wird? Die, die an die Vernunft ihrer Idee geglaubt haben (in diesem Fall die so gescholtenen Achtundsechziger.)

 

  • Nur wer sich selbst und seinen vernünftigen Ideen vertraut, wird das Vertrauen anderer gewinnen. Nur wer vertraut, dem wird vertraut.

 

Friedlich, nobel und preisverdächtig. Das zahlt sich aus, als Investition in die Zukunft von Indern und Kindern. (Die Anspielung auf den unseligen Wahlkampfslogan „Kinder statt Inder“ des heutigen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers konnten wir uns nicht verkneifen, wohl wissend, dass es eigentlich heißen müsste, eine Investition in die Zukunft von Menschen aus Bangladesh und Kindern.)

Wie wichtig diese Zukunftsinvestitionen nach wie vor sind, sowohl hierzulande als auch in Bangladesh, verraten die folgenden Fakten: Bundesweit leben mehr als 2,5 Millionen Minderjährige unter der Armutsgrenze. +++ 2007 bekamen mehr als 20 Prozent aller sechsjährigen Jungen, die bei der AOK versichert waren, eine Sprachtherapie. +++ Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts sind fast 18 Prozent der Jungen und 11,5 Prozent der Mädchen verhaltensauffällig oder haben emotionale Probleme. +++ Väter verbringen im Durchschnitt 20 Minuten am Tag mit ihren Kindern. +++ 500000 Kinder werden von Eltern erzogen, wo mindestens ein Elternteil eine psychische Störung hat. +++ Nach Schätzung des Bangladesh Labor Institute beträgt die Anzahl arbeitender Kinder in Bangladesh ca. 8 Millionen. +++ Nur 50 Prozent aller Kinder in Bangladesh besuchen eine Schule. +++ Knapp 40 Prozent der Einwohner von Bangladesh leben unter der Armutsgrenze. +++