Zehn Fragen zur Verantwortung

Wer sich auf die Suche nach Verantwortung macht, der sollte die Reise bei sich selbst beginnen. Wer schon daran scheitert, sein eigenes kommunikatives Verhalten zu verantworten, der ist als Mitreisender zum „Ort der Verantwortung“ denkbar ungeeignet. Wer sich sein Urteil bereits gebildet hat, ohne andere Meinungen auch nur in Erwägung zu ziehen, der kann gleich zu Hause bleiben und dort alleine nachdenken. Für diejenigen aber, die lieber selber nachdenken als gemeinsam mit anderen, haben wir zehn Fragen zusammengestellt, die auf unsere Suche nach Verantwortung auf Antworten warten:

  1. Wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung für die weltweite Finanzkrise, die seit Herbst 2008 die Märkte und den Glauben in diese erschüttert hat (und deren Ende – zumindest beim Schreiben dieser Zeilen – noch nicht absehbar ist)?
  2. Teilen Sie die Ansicht von Menschenrechtsaktivisten, dass der US-Konzern Caterpillar eine Mitverantwortung trägt, wenn beim Einsatz von Caterpillar-Räumfahrzeugen im Gazastreifen Zivilisten zu Tode kommen?
  3. Halten Sie es für verantwortungslos, wenn Investmentbanker auf vertraglich zugesicherten Bonuszahlungen beharren, obwohl sie nachweislich mit zweitklassigen Hypothekendarlehen gehandelt haben?
  4. Halten Sie es für verantwortungslos, wenn gut bezahlte Vorstände Mitarbeiter entlassen, ohne in Erwägung zu ziehen, selbst auf Gehalt zu verzichten, um die Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern zu sichern?
  5. Ist es verantwortungsloser ein Land zu bereisen oder diesem fern zu bleiben, wenn dort Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind?
  6. Wie bewerten Sie die Aussage des Radprofis Jan Ulrich: „Ich habe niemanden betrogen.“? Und wie die Äußerungen von Ludger Beerbaum, dem erfolgreichsten deutschen Springreiter der letzten 20 Jahre, er habe sich „im Laufe der Jahre darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht“. In der Vergangenheit habe er die Haltung gehabt: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“?
  7. Halten Sie es für eine „sozial verantwortungslose Äußerung, die einer geistigen Brandstiftung nahe kommt“, wenn der amtierende Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin, Hartz IV-Empfänger der Energieverschwendung bezichtigt: „Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause; zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster.“?
  8. Wie bewerten Sie die Aussage von Donald Rumsfeld im Zuge der Aufdeckung von systematischen Folter- und Misshandlungspraktiken in Abu Ghraib, er übernehme die volle Verantwortung, bleibe aber im Amt?
  9. Wer ist verantwortlich für die „Zwei-Klassen-Medizin“? Die Privatpatienten, die das Privileg in Anspruch nehmen, trotz vollen Wartezimmers vorne Platz zu nehmen, die Herren und Frauen Ärzte, die das Privileg einräumen, die Politik, die es soweit hat kommen lassen oder die Kassenpatienten, die sich kein Bild davon machen, was ihre medizinische Versorgung überhaupt kostet?
  10. Wann wurden Sie selbst letztmalig der Verantwortungslosigkeit bezichtigt? Zu Recht? Wann haben Sie letztmalig jemand anderem verantwortungsbewusstes Verhalten bescheinigt?

 

Glauben Sie, dass man auch zu anderen vernünftigen Antworten als Sie auf obige Fragen kommen könnte? Falls nicht, wollen wir Sie nicht noch einmal auf die Vorzüge des gemeinsamen Nachdenkens hinweisen. Wenn Sie aber auch nur den leisesten Zweifel hegen, erlauben wir uns, Sie dazu zu ermuntern, eine der Fragen mit anderen Menschen zu diskutieren.

Wenn also auf dem nächsten Stehempfang, beim Mittagessen mit Kollegen, beim privaten Abendessen oder in Ihrer Stammkneipe Langeweile droht, können Sie gerne auf eine der zehn Fragen zurückgreifen, um ein wenig Schwung in die Bude zu bringen. Solange Sie nicht ohnehin als politischer Agitator berüchtigt und bereit sind, die Ergebnisse Ihres Nachdenkens zunächst zurückzuhalten, dürften Sie sich gemeinsam mit Ihren mitdenkenden Mitmenschen mit Siebenmeilenstiefeln in Richtung „Ort der Verantwortung“ bewegen. Falls Sie darüber hinaus noch die Gabe besitzen, im richtigen Moment das Thema zu wechseln, bevor sich die Raumtemperatur vor lauter erhitzten Gemütern in schwindelerregende Verantwortungshöhen schraubt, dürfte weiteren Runden des gemeinsamen Nachdenkens nichts im Wege stehen.

 

Gegenseitiges Verstehen heißt auch, miteinander schweigen zu können und im richtigen Moment gemeinsam die Klappe zu halten.