Adolph Freiherr Knigge

Adolph Freiherr Knigge – Leben und Werk

Es ist schon bemerkenswert: Den Knigge, das Buch des bürgerlichen Anstands stammt aus der Feder eines Adligen: Adolph Freiherr Knigge. Geboren 1752 in Bredenbeck 1796 verstorben in Bremen. Dort beerdigt im Bremer Dom. Einen tiefen Kenner der Menschen und Bestien nannte ihn Heinrich Heine.

Der freie Herr Knigge

Adolph Freiherr Knigge wurde früh Vollwaise. Die Eltern starben bevor er 14 Jahre alt war. Zurück blieb das Rittergut, hoch verschuldet. Dies wurde unter die Zwangsverwaltung der Gläubiger gestellt, die dem jungen Knigge nur 500 Taler jährlich zum Lebensunterhalt bewilligten. Von Freiheit keine Spur sah sich der junge Adolph Freiherr Knigge bereits im jugendlichen Alter nicht nur seiner Eltern beraubt, sondern auch finanzieller Mittel.

Eine echte Zwangslage für einen jungen Hofmann ohne Hof. Aber mit tiefen Einblicken in die bürgerliche Welt und immer noch guten Verbindungen zur höfischen Welt. Und so wurde aus dem gar nicht so freien Freiher Knigge ein freiheitsliebender freier Herr Knigge, der fleissig Rosseau studierte und den Idealen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einiges abgewinnen konnte.

Kein Freund höfischer Ränkespiele

Adolph Freiherr Knigge wusste wie es an den Höfen zuging, er war mit den höfischen Umgangsformen wohl vertraut, aber er mochte es nicht mit ihnen zu spielen. Zu spöttisch, zu satirisch, zu ironisch und damit eben auch ein wenig zu verlogen. Knigge war dieses höfische Maskenspiel weder geheuer noch gefiel ihm das damit verbundene Menschenbild. Der Dünkel, der aus diesem Verhalten sprach, die blasierte der Maskerade, die ihm nicht zuletzt durch seine Studium bei bürgerlichen Lehrern zunehmen als moralisch fraglich und dekadent erschien.

Ein Buch für alle Menschen

Es verwundert nicht, dass Adolph Freiherr Knigge, enttäuscht von seinem eigenen Stand, seine Hoffnung auf einen redlicheren Umgang auf eine andere Klasse setzt: dem Bürgertum. So korrumpiert der Adel so groß die Projektionsfläche des bürgerlichen Edelmannes.

In seinem berühmtesten Buch „Über den Umgang mit Menschen“ macht Knigge deutlich, dass er sich durchaus in einer Traditionslinie mit Baldessare Castigliones Hofmann oder Balthasar Graciáns Handorakel sieht, doch wichtiger ist es ihm, die Einzigartigkeit seines Buches hervorzuheben. Die Zeitenwenden vom Geburtsadel zum Tugendbürger. Alle Menschen werden Brüder! Weniger um seiner selbst Willen sondern den ihm und seinen Werk innewohnenden moralischen und politischen Gehalt des Umgangs:

„Der Gegenstand dieses Buches kommt mir groß und wichtig vor, und irre ich nicht, so ist der Gedanke, in einem eignen Werke Vorschriften für den Umgang mit allen Klassen von Menschen zu geben, noch neu.“ 

Über den Umgang mit Menschen

1788 erscheint „Über den Umgang mit Mensch“, kein Komplementierbuch, wie Knigge selbst schreibt, keine Anstandsfibel, kein Etikettebuch, sondern ein aufgeklärtes, dass an die Vernunft des Menschen glaubt, den Umgang mit anderen so zu gestalten, das er gelingt. Herzensbildung sei dafür notwendig und praktische Lebensklugheit, damit das Gute nicht nur gewusst sondern auch gelebt wird.

Die Kunst des Umgangs mit Menschen. Die Fähigkeit sich auf andere einzustellen ohne sich selbst dabei zu verlieren. Sich zu zeigen ohne andere zu überfordern. Sich und anderen Freude zu machen.

Knigges wahrer Adressat ist der Mensch

Knigges wahrer Adressat ist der Mensch. So lesen wir bei Gert Ueding. In seinem sehr lesenswerten Nachwort der Ausgabe des Inselverlags „Über den Umgang mit Menschen“. Tatsächlich ist der Umgang von einem tiefen humanistischen Geist durchzogen, der sich bewusst auf die antike Vorstellung zurückbindet, wonach der Mensch immer schon Mensch ist, aber erst noch werden muss. Oder wie es der antike Komödiendichter Terenz so wunderbar auf den Punkt brachte: „Ich bin ein Mensch, mir ist nichts Menschliches fremd“. Menschlich, das ist ein Teekesselchen. Menschlich, das sind die Kleinheiten zu denen wir fähig und die Heldentaten, zu denen wir uns aufschwingen können. Vom groben Klotz, bis zum geschliffenen Diamant ist für uns Rohdiamanten alles drin.

Menschwerdung

Adolph Freiherr Knigges Verhaltensempfehlungen helfen uns bei dieser Menschwerdung. Beim Schleifen und Feilen an unserem eigenen Tun und beim Lassen von unseren Mitmenschen mehr zu erwarten als von uns selbst. Knigge, das heisst Ermutigung zu Gestaltung: seiner selbst und des Umgangs mit Menschen. Seinen Worten Taten Folgen zu lassen, wenn es irgendwie geht und damit leben zu können, wenn das wieder einmal nicht gelingt. Bei uns und unseren Mitmenschen. Wenn statt Großzügigkeit doch wieder Kleingeistigkeit regiert, wenn statt zugehört vollgetextet, wenn statt eigener Lorbeeren sich mit anderen geschmückt wird, wenn wir uns nicht verstehen, weil jeder Recht behalten will.

Mensch werden, das geht am besten gemeinsam in tiefer Einsicht in unser eigenes Vermögen und Unvermögen. Ob im 18. oder im 21. Jahrhundert, die Empfehlung Adolph Freiherr Knigges ist zeitlos:

Interessiere Dich für andre, wenn Du willst, dass andre sich für Dich interessieren sollen! Wer unteilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber liebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach fremden Beistande sehnt.

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