Anrede ist Begrüßung

Die Begrüßung ist die erste Möglichkeit, seinem Gegenüber Respekt zu erweisen und ihn als Menschen wahrzunehmen. Wirft man einen Blick in die Etiketteliteratur, kommt einem bisweilen jedoch ketzerische Gedanken: Da werden einem in Form einer Vielzahl von genau zu beachtenden Regeln bereits so viele Knüppel zwischen die Beine geworfen, dass das eigentliche Ziel, einander mit Achtung zu begegnen, aus dem Blickfeld zu geraten droht. Da ist von höher gestellten Personen die Rede, die kraft ihres Alters, ihres Geschlechts, ihrer tatsächlichen oder vermuteten hierarchischen Position oder anderen Eigenschaften Vorrechte zu genießen scheinen. So manchem Besucher eines Etiketteseminars wurde durch die Menge an Regeln und ihrer Rangordnung untereinander so schwindelig, dass er vor lauter Unsicherheit über die „richtige Begrüßung“ vergaß, sich überhaupt mit seinen Mitmenschen bekannt zu machen. Neben die Kategorisierung in höher und niedriger gestellte Personen tritt ja noch eine weitere Hürde: die richtige Anrede. Ein Thema, das mir zwar nicht in gesteigertem Maße am Herzen liegt, mit dem ich jedoch immer wieder konfrontiert bin. Bei jeder Vortrags-, Schulungs- oder Medienanfrage beginnt das Gespräch so: „Nur kurz vorab. Wie spreche ich Sie eigentlich richtig an?“

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Die richtige Anrede ist schön.

Richtige Anrede

Obwohl der Adel in einer demokratischen Gesellschaft doch eigentlich nur noch eine Schimäre sein dürfte, ein Hirngespinst längst vergessener Zeiten, das es „eigentlich doch gar nicht mehr gibt“, wünscht sich fast jeder Aufklärung, wie man die Mitglieder dieses Hirngespinstes (die es ja folgerichtig auch nicht geben dürfte) richtig anzusprechen habe. Ich habe es mir angewöhnt, sowohl eine kurze als auch eine lange Antwort parat zu haben. In der kurzen weise ich darauf hin, dass ich mich eigentlich immer dann richtig angesprochen fühle, wenn der Name Knigge in der Anrede vorkommt.

In der langen Version erlaube ich mir einen kleinen Ausflug in die Historie. Denn tatsächlich hat es ja einmal einen Stand namens Adel gegeben, ganz offiziell. Dies ist auch noch nicht so lange her, dass man meinen historischen Ausflug mit den Worten „Es war einmal …“ einleiten müsste. Als nämlich die Nationalversammlung im August 1919 per Gesetz alle Reichsangehörigen zu gleichberechtigten Bürgern machte, verschwanden nicht nur die Privilegien, sondern auch die Titel. Diese wurden in Deutschland kurz und bündig als dem Namen zugehörig erklärt. Damit ergeben sich neben der von mir durchaus akzeptierten Anrede Herr Knigge, zwei formal „richtige“ Varianten: Die vor 1919 existierende lautete Baron Knigge (Freiherren wurden mit Baron angeredet) und die nach 1919 geltende – dem demokratischen Namensrecht entsprechend – Herr Freiherr Knigge.

„So weit so gut, Herr Baron von Knigge!“ So weit, so falsch. Sie sehen, was man aus zwei richtigen Varianten machen kann. Das „Herr“ wird mit „Baron“ kombiniert und ein „von“ hat sich plötzlich auch noch eingeschlichen. Das „Herr Baron“ war in früheren Zeiten den Bediensteten und den Dorfbewohnern vorbehalten – in heutigen allen, denen es über die Lippen geht. Und um das verlorene „von“ ranken sich die wildesten Geschichten. Fest steht lediglich, dass es in Deutschland nicht einmal ein halbes Dutzend Familien gibt, die trotz Titel oder Namenszusatz über kein „von“ verfügen. Keineswegs verbrieft und versiegelt ist die Anekdote, Adolph Freiherr Knigge habe in Wirklichkeit Adolph Freiherr von Knigge geheißen und als glühender Verfechter der Französischen Revolution seinen Namen um das standesgemäße „von“ gekürzt, um künftig als „freier Herr Knigge“ für Aufsehen zu sorgen.

Doch wo wir schon beim Kürzen sind, vielleicht ahnen Sie ja bereits, warum ich mit der Anrede „Herr Knigge“ gut leben kann. Es macht die Sache für alle Beteiligten einfacher, und schließlich wäre es doch töricht, schon zu Beginn des Kennenlernens Schutzwälle aufzubauen, auch wenn sich unser Familiennamen aus den Weiß- und Schwarzdornhecken ableiten lässt, die den früheren mittelalterlichen Befestigungen als Schutz dienten.

Anrede mit Titel

Je mehr ein Mensch Wert auf seinen Titel legt, je eher sich „Doktor Klöbner“ als solcher vorstellt, desto suspekter erscheint er mir. Vermutlich liegt es an den Dr. Klöbners dieser Welt, dass ich mir den Zusatz meiner „kurzen Antwort“ bis zum Ende aufgehoben habe. Tatsächlich antworte ich auf die Frage, wie ich angesprochen werden möchte nämlich folgendes: „So wie Sie sich selbst am wohlsten fühlen. So lange Knigge in Ihrer Anrede vorkommt, fühle ich mich angesprochen …“

Da ich mir nicht nachsagen lassen will, das Thema Begrüßung und Anrede ein wenig zu nonchalant behandelt zu haben, möchten ich Ihnen einen Einblick in meine Vorstellungen des angemessenen Grüßens geben. Nicht ohne zu erwähnen, dass ich bis zum heutigen Tage mit diesem, meinem internen Leitfaden recht gut gefahren bin:

 

  • Grüßen Sie Ihre Mitmenschen!

 

Egal, ob Sie Ihren Vorstandsvorsitzenden treffen, an der Tankstelle zahlen, im Restaurant etwas bestellen oder an der Garderobe Ihren Mantel abgeben. Grüßen Sie lieber einmal zu viel, verstoßen Sie lieber gegen alle Konventionen der richtigen Begrüßung, als gar nicht zu grüßen! Kaufen Sie sich ein Etikettebuch, oder besuchen Sie ein entsprechendes Seminar, wenn Ihnen die Konventionen völlig fremd sein sollten und Sie das Gefühl haben, in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld werde auf die richtige Begrüßung besonderer Wert gelegt.

 

  • Sollten Sie selbst einmal „falsch“ angesprochen werden, weisen Sie Ihr Gegenüber nicht darauf hin, solange Ihr Name richtig genannt wurde. Was wäre das für ein Einstieg in die gemeinsame Konversation? („Von Tatten, so viel Zeit muss sein …“)
  • Stellen Sie Menschen einander vor, wenn diese zwar Sie, aber nicht Ihre Begleitung kennen.

 

Nichts ist unangenehmer, als wenn man als fünftes Rad am Wagen leicht verlegend grinsend daneben steht! Zögern Sie auch nicht, sich als „fünftes Rad“ selbst vorzustellen. Dies ist zwar für denjenigen, der seine Begrüßungslektion nicht gelernt hat, vermutlich unangenehm sein, aber lehrreich!

 

  • Reichen Sie Ihrem Gegenüber die Hand, und vermeiden Sie, die Hand des Gegenübers zu zerquetschen oder ihm den sprichwörtlichen „toten Fisch“ in die Hand zu legen.

 

Auch wenn wir davon sprechen, uns die Hand zu reichen oder zu geben, sollten Sie dies nicht allzu wörtlich zu nehmen. Halten Sie sich an das Verb drücken, und alles wird gut!

 

  • Jede Begrüßung ist von einem Grad der Wertschätzung begleitet, die Sie Ihrem Gegenüber erweisen wollen.

 

Auch wenn jeder Mensch das Recht auf eine freundliche Begrüßung hat, sollten wir unsere Begrüßungsrituale durchaus im Hinblick auf die jeweilige Person variieren können. Ich bemühe mich, der Verhaltensempfehlung Adolph Freiherr Knigges zu folgen, der uns folgendes rät: „Mache einigen Unterschied in Deinem äußeren Betragen gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in den Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest. Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an Dein Herz. Was bewahrst Du den Besseren und Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschaftsbezeigungen trauen, ihnen Wert beilegen, wenn Du so verschwenderisch in Austeilung derselben bist?“

Sie sehen, wir sind schon mittendrin in dem, was wir gemeinhin die Körpersprache nennen. Und selbstverständlich ist es nicht damit getan, die richtigen Worte an die richtigen Personen zu richten. Natürlich sollte unsere Tonlage dem Gesagten folgen und sich das „Schönen guten Morgen“ auch so anhören, und selbstverständlich sollten wir unserem Gegenüber in die Augen schauen, wenn wir jemanden begrüßen. Darüber hinaus rate ich zu einer kurzen Verbeugung. Denn auch, wenn diese aus der Mode gekommen zu sein scheint und Sie Ihren Kopf ja nicht gleich ins Erdreich graben müssen, halte ich die Verbeugung nach wie vor für eine schöne Geste der gegenseitigen Gunstbezeugung.

Damit Sie nun nicht ähnliche Schwindelanfälle wie besagtes „Etikette-Greenhorn“ erleiden, beende ich hiermit meinen persönlichen Begrüßungsleitfaden. Schließlich wollten wir doch ins Gespräch kommen, ganz ungezwungen, versteht sich. Ein wirklich milder Herbst, muss ich sagen …

 

Weitere Informationen:

Wer war Adolph Freiherr Knigge, Moritz Knigge?
Heisst es immer »ladies first«, Moritz Knigge?
https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Freiherr_Knigge