Anreden und Titel

Anreden und Titel

Gibt es wirklich noch Menschen, die ihre Eltern Siezen? Wie redet man eigentlich den Papst an oder die Bundeskanzlerin an? Und sollte ich Menschen mit Adelstiteln mit dem Titel anreden, wo es doch seit 1918 gar keinen Adel mehr gibt? Gerne gebe ich Antworten rund um die Klassiker rund um Anreden und Titel.

Der unhöflichste Ort der Welt ist die Ehe

Im französischen Film „Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss“ wird sich in einer großbürgerlichen Familie noch gesiezt. Die Eheleute siezen sich untereinander ebenso wie die Kinder ihre Eltern. Der Film spielt im 20. Jahrhundert, nicht im 18. Jahrhundert. In Deutschland gibt es nur noch wenige Familie, in denen die Kultur des Siezens so hochgehalten wird. Dass der unhöflichste Ort die Ehe, das behauptete im übrigen der französische Philosoph Alain in seinem Buch: „Die Pflicht, glücklich zu sein“. Und was sich wie ein Scherz anhört mit dem unhöflichen Ort und der Ehe, und im Film des langen Flusses auch als Persiflage auf die Verlogenheit der Bourgeosie gemeint ist, meint Alain ernst: Immer, wenn Menschen sich zu nahe kommen, besteht die Gefahr einander unhöflich zu behandeln. Eine gewisse Distanz schadet nicht, um den Respekt voreinander zu bewahren. Man sagt eben nach wie vor leichter DU Arsch statt SIE Arsch.

Anreden

In Deutschland galt die einfache Regel: Es geht immer vom SIE zum DU. Ist man erst einmal beim DU kommt man schwer wieder zurück. Ich selbst bin eine Freund des SIE, weil man es eine gewisse Distanz wahrt. Komme aber doch einer Generation, in der sich Gleichaltrige sehr selbstverständlich DUZEN, wenn sich in privateren Umfeldern begegnen. Und ich selbst habe auch schon vor gerunzelten Stirnen meiner Nachbarn gesessen, als ich jemanden meines Alters ungefragt gesiezt habe. Ältere Menschen sieze ich immer noch ganz selbstverständlich. Als junger Mensch ist das ja auch schwierig. Man ärgert man sich, dass man von Älteren einfach geduzt wird und könnte heulen, wenn einen Jüngere SIEZEN, obwohl man doch mit 25 echt noch jung ist. Das DUZEN und SIEZEN ist überhaupt eine vertrackte Sache, dass ich beschlossen habe dem DU und SIE ein eigenes ausführliches Kapitel gewidmet habe: DUZEN oder SIEZEN.

Gibt es keinen Adel mehr?

Als wären DU und SIE nicht bereits kompliziert genug, wird es so richtig knackig, wenn es um die Titel geht. Das hat mehrere Gründe: Zum einen hat man in Deutschland den Adel nach 1918 abgeschafft. Das ist schon 100 Jahre her. Oder sollte man lieber sagen erst 100 Jahre? Denn die Erinnerung an den Adel als herrschende gesellschaftliche Klasse lässt sich nicht so schnell aus der Erinnerung tilgen. Die vielen Zeitschriften und Online-Seiten, die gut von den Storys über den Adel leben, zeugen von einem nach wie vor vitalen Interesse am Adel. Doch es gibt auch Menschen, die allergisch auf Adelstitel reagieren und beharrlich auf das Grundgesetz verweisen. Ich habe kein Problem damit, da ich auch mit der Anrede „Herr Knigge“ leben kann, glaube aber, dass man der Realität nicht gerecht wird, wenn man den Adel als solches auf dem aristokratischen Müllhaufen der republikanischen Geschichte wünscht. Wem aber Frau und Herr oder Du als Anrede reicht, dem empfehle ich einen anderen Artikel aus dem Hause Knigge. Wer aber Lust hat ein wenig tiefer in die Titel-Geschichte des Adels einzusteigen, der sei herzlichst eingeladen.

Fettnäpfchen–Alarm

Während man sich in anderen europäischen Ländern etwas einfacher Formen der Rangordnung bediente, war die Anrede von Titelträgern in Deutschland schon immer recht kompliziert. So lesen wir bei Asfa-Wossen Asserate: Bis 1918 hätte man, bevor man das Wort an diese Person richtetet, wissen müssen, was das für eine Prinzessin war, eine verheiratete oder unverheiratete, eine königliche oder eine fürstliche, eine regierende oder mediatisierte, ob sie , wenn verheiratet, von Geburt womöglich einen höheren rang als ihr Mann bekleidete, der in der Anrede dann zu berücksichtigen wäre. Seit dem 20. Jahrhundert geht es in Deutschland allerdings ein wenig unkomplizierter zu.

Von Frauen, Herren, Baronessen und Grafen

Die ursprünglichste aller Adelstitel „Frau“ und „Herr“ fielen dem Bürgertum zu. Freiherren wurden ursprünglich auch als Herr angesprochen. Aber Herr und Freiherr zusammen, das klang nicht, so dass der Baron als Anrede erfunden wurde. Eigentlich heisse ich jetzt wieder so , wie ich auch als Adliger geheißen hätte: Herr Freiherr Knigge. Und so ganz weg war der Herr dann doch nie, weil die Bewohner bei uns im Dorf mich immer noch mit Herr Baron ansprechen. Sonst kommt den meisten ein Baron kaum noch über die Lippen. Und Baronesse für die Tochter von Baronin und Baron wohl noch weniger. Und doch wäre es am einfachsten: Titel + Nachname = Anrede: Baron Knigge, Graf Lambsdorff, Fürstin von Thurn und Taxis.

Von Bundeskanzlerinnen, Heiligkeiten und Exzellenzen

Sie treffen in nächster Zeit auf Frau Merkel. Dann liegen Sie mit der Anrede Frau Bundeskanzlerin goldrichtig. Sie haben eine Audienz in Rom beim Papst? Dann wird sich der Vertreter Gottes auf Erden über ein freundliches „Heiliger Vater“ freuen, während mögliche anwesende Bischöfe sich mit „Exzellenz“ zufrieden geben würden, während alle anderen christlichen Würdenträger mit „Hochwürden“ gut zurecht kommen. Ebenfalls auf „Exzellenz“ hören ausländische Diplomaten, während der deutsche Botschafter mit einem klassischen „Herr Botschafter“ zufrieden ist.

Von Doktoren*innen und Professoren*’innen

Akademische Titel verdient man sich durch Leistung. Und in westlichen Demokratien darf sich Leistung lohnen. So dass akademische Würdenträger nicht der Makel anhaftet durch Geburt mit einem Titel ausgestattet zu sein für den sie nichts können. Seinen akademischen hingegen hat man sich durch Leistung erworben. Diese Leistung zu achten, wird der Titel dem Vornamen vorangestellt. Bei Frauen meist noch das „Frau“ davor bei der Begrüßung und Vorstellung bspw. Frau Doktor Hartmann. Bei Männern bleibst es meist Doktor Hartmann. Kommt der Professorentitel sticht dieser den Doktor in der mündlichen Anrede aus: Frau Professor Hartmann oder eben Professor Hartmann.

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