„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“, gab uns Johann Wolfgang von Goethe mit auf den Weg. Nicht Wurzeln schlagen sollen wir, sondern mit gesundem Selbstbewusstsein die Welt entdecken! Mit unerschütterlichem Urvertrauen und unerschöpflicher Neugier ausgestattet, sollen wir uns und unsere Mitmenschen erkunden, ganz ohne Scheuklappen. Na denn mal los!

Mit den Augen eines Kindes

Wen es in die weite Welt zieht, wem das eigene Unternehmen das Tor zu fremden Welten öffnet, der sollte sich auf seine Wurzeln und Flügel besinnen, bevor er auf dem harten Boden der interkulturellen Missverständnisse landet. Wer auf dem Marktplatz des globalen Dorfes einkaufen möchte, wem sich die Hütten seiner andersfarbigen, anders sprechenden und anders denkenden Mitmenschen öffnen sollen, der muss die Welt mit den Augen eines Kindes sehen und sich von der lieb gewonnenen Annahme verabschieden, es gäbe sie, die gleichermaßen standardisierte und standardisierbare Welt, von der wir bisweilen als Erwachsene träumen.

1. Interessiere Dich für Deine Kultur

Was ist das eigentlich, der „westliche Weg“? Aus welchen Quellen speist sich Ihr Denken? Woran glauben Sie? An Gott? Die Vernunft? Beides? Oder keins von Beidem? An den technischen Fortschritt und die Marktwirtschaft? Was sind für Sie Errungenschaften der Demokratie? Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit! Sind Sie davon überzeugt, dass diese Werte überall gelten sollten? Sie lehnen es ab, anderen Kulturen unsere Wertvorstellungen überzustülpen? So wie Sie Kinderarbeit und Raubbau an der Natur ablehnen? Machen Sie sich eine Liste, welche kulturellen Errungenschaften Ihnen besonders am Herzen liegen und welche Konsequenzen dies für Ihre Empfindungen und Ihr Verhalten hat, bevor Sie in unbekannte Sphären aufbrechen!

2. Sammle Erfahrungen

Nutzen Sie jeden Aufenthalt außerhalb Ihres gewohnten Umfeldes dazu, sich mit anderen kulturellen Eigenheiten auseinanderzusetzen. So kann für einen Norddeutschen ja bereits die Konfrontation mit dem Rheinländer zur interkulturellen Begegnung werden. Nutzen Sie jeden Urlaub, um sich einen Eindruck über Land und Leute zu verschaffen! Wer den ganzen Tag die Annehmlichkeiten seines Urlaubsressorts genießt, ohne auch nur einen Fuß in die reale Welt zu setzen, der wird am Ende bestenfalls erholt sein – was ja durchaus ein legitimes Urlaubsziel ist –, etwas über sich und eine andere Kultur zu lernen, hat er jedoch versäumt.

3. Mach‘ mal „Verrücktes“

Seien Sie neugierig! Probieren Sie Dinge aus. Seien Sie mutig! Karneval sei ohnehin etwas für Menschen, die „auf Knopfdruck“ lustig sein wollen? Habe ich früher auch gedacht. Gönnen Sie sich doch mal einen Tag in Köln, um sich eines Besseren belehren zu lassen oder Ihre Vorurteile bestätigt zu finden. Gehen Sie in Spanien, Italien, Griechenland oder sonst wo auf der Welt in ein Restaurant, bestellen Sie, ohne der Sprache mächtig zu sein, wahllos ein Gericht und lassen sich überraschen! Das Feilschen ist Ihnen fremd? Mir auch, doch Probieren geht über Studieren. Sie sind ohnehin nächsten Monat in Istanbul? Dann stürzen Sie sich doch einfach mal in das bunte Treiben der dortigen Basare. Auch Menschen mit interkultureller Kompetenz haben Ängste und Vorurteile, sie sind aber mutig genug, einmal auszuprobieren, wie schlimm es denn wirklich um diese bestellt ist!

4. Höflichkeit hat viele Gesichter

Es gibt kein Land der Erde, in dem seine Bewohner nicht eine bestimmte Vorstellung davon hätten, was als höflich oder unhöflich gilt. Aber die Bandbreite ist riesig! Das, was uns als übertrieben höflich gilt, erscheint unserem asiatischen Gegenüber als extrem unhöflich. Wo wir bereits ungeduldig werden, beginnt für unseren französischen Geschäftspartner erst das gegenseitige Kennenlernen. Was wir als zu nah empfinden, schätzt unsere mexikanische Auslandsvertreterin als übertrieben distanziert ein. Schauen Sie überall genau hin, gehen Sie auf Abstand zu Ihrem eigenen Empfinden, nehmen Sie sich den Raum und die Zeit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen! Wussten Sie, dass die Engländer als das berührungsfeindlichste und höflichste Volk Europas zugleich gelten? Wundern Sie sich also nicht, wenn sich englische Menschen mit einem deutlichen „Excuse me!“, bei Ihnen entschuldigen, bevor Sie selbiges tun konnten, weil der rüde Rempler von Ihnen ausging.

5. Bereite Dich vor

Sie sind unsicher, trauen sich nicht und trachten nach etwas Handfesten? Sie brauchen einen Regelleitfaden für den zukünftigen einjährigen Aufenthalt in Shanghai? Besorgen Sie sich einen! Setzen Sie Ihr eigenes Mosaik zusammen: Kaufen Sie sich einen Reiseführer, schauen Sie Dokumentationen im Fernsehen, besuchen Sie Seminare für interkulturelle Verständigung, bitten Sie Kollegen, die bereits vor Ort waren, Ihnen ihre Eindrücke mitzuteilen.

6. Sei nicht einheimischer als die Einheimischen

Was sollen denn Ihre chinesischen Kolleginnen und Kollegen denken, wenn Sie plötzlich schmatzend und schlürfend vor Ihnen sitzen, wo diese selbst gerade im Benimmkurs eines deutschen Experten gelernt haben, dass der Löffel zum Mund geführt wird? Wie sehr einem der Hang zur Überassimilation zum Verhängnis werden kann, zeigt die Geschichte eines arabischen Studenten, auf dessen Verwicklung in die Anschläge des 11. September die deutsche Polizei nur deshalb aufmerksam wurde, weil er regelmäßig seine GEZ-Gebühren bezahlt hatte.

7. Unterschätze nicht die Macht des Wohlwollens

Und noch eines: Wie sicher wir uns auch fühlen mögen, wer könnte am Ende des Tages von sich behaupten, sämtlichen interkulturellen Fallstricken elegant ausgewichen zu sein? Vergessen wir nicht, dass wir unsere „Untadeligkeit“ zu einem großen Teil unseren höflichen ausländischen Gastgeber zu verdanken haben, weil diese großzügig über unsere kleinen und großen Fehler hinweggesehen haben! 

Gehen wir einfach davon aus, dass es genug höfliche Menschen auf dieser Welt gibt, die Ihnen helfen, Ihr Gesicht zu wahren. Seien Sie dankbar, und tun Sie das Gleiche!

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