Aufstehen ist schwer. Nicht nur Morgens. Doch höfliche Menschen erkennt man daran, dass sie aufstehen. Nicht nur Morgens.

Wider den finsteren Hockenbleibern

Aufstehen oder Sitzenbleiben? Das ist hier die Frage. Hier verläuft die Trennlinie zwischen Höflichen und Unhöflichen. Die Höflichen bleiben nicht hocken, sie stehen auf und tun wenigstens so. Aber dazu später.

1. Begrüßen

Es ist höflich bei der Begrüßung aufzustehen, wenn man sitzt. So stellt man Augenhöhe her und symbolisiert dem Gegenüber, ich komme Dir entgegen und bin dafür bereit meine gemütliche Position für Dich aufzugeben. Höflichkeit zeigt sich eben auch immer in der Überwindung von Trägheit.

2. Bus und Bahn

In Bus und Bahn kann man sie noch bewundern, die alte Schule der Höflichkeit: „Wollen Sie sich setzen?“ Obwohl man selbst bequem sitzt, räumt man freiwillig seinen Platz und begnügt sich mit einem Stehplatz. Um denjenigen, die einen Sitzplatz nötiger haben als wir einen Gefallen zu tun. Nicht immer macht man sich damit Freundinnen. So bekam meine Freundin  vor Kurzem auf Ihr Sitzplatz-Angebot die Antwort: „Sehe ich etwa schon so alt aus?“ Auch nicht nett.

3. Sitzreihen

Entschuldigen Sie bitte“ . Wir haben und gerade gesetzt. Im Kino, Theater oder Arena. Und da kommt wieder so ein Nachzügler, der noch auf seinen Sitzplatz muss. Dann können wir mit den Augen Rolle, unsere Beine minimal anziehen oder parallel zur Seite drehen, um dem Neuankömmling vorbeikommen zu lassen, gleichsam ohne Worte darauf hinzuweisen, beim nächsten Mal früher zu kommen. Wir könnten aber auch einfach Aufstehen und freundlich Lächeln. Kostet auch nicht mehr Zeit und macht mehr Freude. Fast so viel wie der begnadete Loriot beim Plätzewechseln. Einer weiteren Form des Aufstehens. 😉

4. Andeuten

Kennen Sie das? Alle sitzen und eine Bitte steht im Raum. Zum Beispiel: „Wer ist denn so nett, den Wein aus dem Keller zu holen?“ Wer aufsteht hat verloren und muss die weite Reise in den Weinkeller antreten. Wer kurz zuckt und sein Aufstehen nur andeutet, kann meist sitzenbleiben und hat dennoch seine Bereitschaft signalisiert. Mehr Schein als Sein. Das gebe ich zu. Aber besser als wie nix.

5. Wie eine Feder

Sprezzatura nennen es die Italiener, wenn Menschen auch das Mühevolle , die Überwindung mühelos aussehen lassen. Für das Aufstehen bedeutet dies, beim Aufstehen nicht zu ächzen und zu stöhnen oder mit den Augen zu rollen, wenn ein ältere Herrschaften mit Rollator in der Bahn kommen, sondern freundlich lächelnd seinen Sitzplatz aufzugeben. Leicht wie eine Feder aufzuspringen. In kunstvoller Natürlichkeit wie Adolph Freiherr Knigge die Kunst im Umgang mit Menschen nannten. Formvollendet ohne Steifheit oder Demonstration der eigenen Beflissenheit.

Aufstehen ist toll. Sogar Morgens. Carpe diem!            

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