Autofahren macht Spaß, ist gefährlich und erweckt den Rüpel in uns zum Leben. Autofahren ist aber auch Aggressionstherapie. Wie wir uns mächtig auf- und wieder abregen können, darum geht es in meinem kleinen Auto-Knigge.

Der Siegeszug des Automobils

Lang ist her, dass der letzte deutschen Kaisers Wilhelm II.: „Ich halte das Auto für eine Modeerscheinung und setze auf das Pferd“, noch immer zum Schmunzeln an, hatten doch weder das Pferd noch er selbst eine gesellschaftliche Zukunft. Das Auto trat einen überwältigen Siegeszug an, der bis heute anhält und dessen Ende nicht absehbar ist. Doch so viel Freude uns das Fahren auch bereitet, so viel Nerven kostet es uns auch. „Frauen, die nicht einparken können“, „Rentner, denen man an Ort und Stelle den Führerschein entziehen müsste“, „Sonntagsfahrer“, „terroristische Fahrradfahrer“, „Fußgänger, die betont langsam über die Straße gehen“, „Mercedesfahrer mit eingebauter Vorfahrt“ oder sonstige „Verbrecher“ machen uns das Leben auf der Straße zur Hölle (von Politessen oder Bediensteten von Abschleppunternehmen einmal ganz zu schweigen). Kaum ein Bereich, der konfliktträchtiger wäre als das Leben im und um das Automobil.

Knigge in Rage

Auch ich weiss das sehr genau, ruhig bleiben beim Autofahren ist auch nicht meine größte Stärke. Auch in meinem faradayschen Käfig blitzt es bisweilen. Zwischen stop and go und rechts vor links ist auch in guten Kinderstube eines echten Knigge mal Vollsperrung. Den Road-Rager in mir zu beruhigen, dass ist ein echte Herausforderung. Stress wird im Strassenverkehr meist direkt weitergegeben. Das ist wie bei den Spatzen auf der Leitung. Einer pickt den anderen. Kaum hab ich den Zündschlüssel umgedreht, nimmt mir ein Raketen-Fritz die Vorfahrt, kaum bin ich abgebogen, hänge ich hinter einem Verkehrsveteranen auf Schleichfahrt. Kein Wunder, dass ich den Lieferwagen nicht reinlasse lasse, obwohl er seit 250 Metern neben mir blinkt. „Wie alle anderen mir, so ich Dir!“ Einer muss es am Ende ja ausbaden.

1. Wie steigere ich mich raus?

Runter kommen beginnt bei mir immer mit dem Blick in meinen inneren Rückspiegel. Der erste Schritt ist überhaupt zu bemerken, dass ich die Kontrolle verliere. Innehalten, nicht reinsteigern. Sondern raus. Mein Onkel sagte immer: Moritz, atme drei mal tief durch, geh’ eine Runde um den Block oder fahr in Gedanken eine Runde Autoscooter. Und wenn der andere fuchtelt und brüllt, betrachte ich seine Aufregung als Spiegel: „So sehe ich also auch aus, wenn ich in Fahrt komme. Nicht schön.“ Das hilft. Ärger ist ein ästhetisches Problem. Ich gehe nicht in die Luft, dem anderen geht die Luft aus und wir beide kommen runter.

2. Wie gehe ich mit lahmen Schnecken um?

Neulich nach einem meiner Vorträge erzählte mir eine Frau: „Wir spielen immer ‚Schneckenstory’. Jeder erfindet eine Geschichte, warum der Fahrer vor uns so schleicht.“ Ein großer Spaß für die ganze Familie. Probieren Sie es aus! Letzte Woche hatte ich einen vor mir mit tausend rohen Eiern hinten drin. Ohne Karton. Und mit einer Bowlingkugel. Ärger schafft auch peinliche Situationen. Ich erinnere mich an die Fahrt ins Kino mit einer jungen Dame. Ich war verliebt bis über beide Ohren. Vor mir schlich ein silberner 190er. Ich schlug die Hände überm Kopf zusammen: „Junge, Junge. Gib doch den Lappen endlich ab und geh zu Fuß.“ Als ich überholte, winkte sie dem Fahrer und zwinkerte mir zu: „Seit Papa in Pension ist, hat er viel Zeit.“

3. Was mache ich, wenn einer zu dicht auffährt?

Bei Verkehrserziehern und Rasern gilt für mich immer die Devise: Ruhe bewahren, Überholvorgang beenden, rüberziehen. Natürlich kenne auch ich den teuflischen Gedanken in die Bremse zu steigen. Doch Stunts sehen nur auf RTL cool aus. Lieber den Aufkleber: Ich bremse auch für Drängler. Ansonsten stehe ich dem Bund freier Fahrlehrer und Hobbypolizisten eher kritisch gegenüber. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, dem fehlt eine Hand am Lenkrad.

4. Wie gehe ich mit Klugscheissern um?

Mit Milde. Und dabei rede ich nicht von Geisterfahrern, die mit 80 durch die Fussgängerzone brettern. Ich rede von denen, die die Verkehrsweisheit mit Löffeln gefressen haben. Die stets wissen, wo es langgeht, wo man parken muss, wie und wann man einschlägt, wann man einfädeln muss, die sich für Walter Röhrl und Christian Geissdörfer halten. Bester Fahrer und bester Beifahrer in einer Person. Dem lieben Kollegen Dieter Nuhr entgegne ich: „Selbst wenn man Ahnung hat, öfter mal die Klappe halten!“

5. Wie gehe ich mit Rumpelstielzchen um?

Ja, wir regen uns auf. Ja, wir fahren sogar manchmal aus der Haut. Wir sind ja nicht Siri. Ich entscheide, wie ich mich fühle. Ich will meine Zeit unter Menschen genießen. Sie ist endlich. Es gibt schlimmeres als im Eifer des Gefechtes mal Scheibenwischer, Vogel oder Mittelfinger zu zeigen. Wer das regelmäßig braucht, sollte nachdenken, wie das bei anderen ankommt. Umgekehrt: Wer schlaflose Nächte hat, weil er von einem Wildfremden beleidigt wurde, kann ja mal darüber reden. Vielleicht hat das andere Gründe. Ich weiß nur, dass ich unterwegs hauptsächlich lächelnde, grüßende, dankende und freundlich winkende Menschen treffe.

6. Welche Gesten tun Autofahrern gut?

Kurz Hupen erinnert Schlafmützen, dass es nicht grüner wird und schont die Nerven aller in der Reihe. Lächeln. Jemanden hereinwinken, die Vorfahrt gewähren. Mit dem Warnblinker auf das Stauende hinweisen oder sich kurz im Rückspiegel fürs reinlassen bedanken hat noch niemanden den Tag versaut.

7. Welche Gesten tun Autofahrern gut?

Indem wir anderen was zu Gute halten statt einen Strick zu drehen. Indem wir uns daran erinnern, dass selbst wir nicht mit 80 Sachen in Parklücken fahren. Dass wir auch in der zweiten Reihe parken, um Zigaretten zu holen. Dass wir drängeln wenn wir Hunger haben oder das Halbfinale schon angefangen hat, dass wir Arm in Arm gedankenverloren mit unseren Liebsten über den Zebrastreifen schlendern oder Fußgänger auf dem Radweg anplärren. Eine Sekunde in den Schuhen, den Pedalen, dem SUV, der Rostlaube oder dem Kühl-Laster des anderen würde wohl schon reichen, um den Blutdruck in Deutschland signifikant zu senken. Denn egal wo, wann oder warum, es trödelt, drängelt, träumt, kreucht, fleucht oder sitzt genau wie hinter meinem Lenkrad ganz sicher und bis auf weiteres – ein Mensch.

8. Was mich so richtig nervt!

 

Kein Reissverschluss! Meine ganz persönliche Bitte: Fahren Sie im Falle einer Fahrbahnverengung bis zum Ende durch, und ich verspreche Ihnen hoch und heilig, ich lasse Sie rein! Ganz bestimmt!

Mittelstreifen-Fahrer: Es gibt ein Gebot auf der Autobahn, rechts zu fahren. Tun Sie mir und anderen einen Gefallen, und halten Sie sich daran. Nur weil Sie gute Augen haben und den nächsten LKW in kilometerweiter Entfernung erahnen, müssen Sie weder den Mittelstreifen noch die linke Fahrbahn blockieren! Es soll ungeduldige Zeitgenossen geben, die aus erzieherischen Gründen rechts überholen. Das ist unverantwortlich. Tragen wir unseren Teil dazu bei, dass es nicht dazu kommt!

Sag mir wie du parkst und ich sag‘ Dir, was Du für einer bist: Parkplätze sind rar. Kein Wunder in einem Land, in dem rund 50 Millionen Personenkraftwagen. Ebenfalls kein Wunder, dass wir vor lauter Freude über einen freien Parkplatz oft die anderen Suchenden vergessen. Wer hätte sich noch nicht über das rücksichtslose Parkverhalten seiner Zeitgenossen geärgert? Menschen, die sich vor lauter Freude gleich zwei Parkplätze sichern, sei es im Parkhaus oder auf der Straße, die die Länge ihres eigenen Autos notorisch um zwei Meter überschätzen.

Aber ich wollte mich ja nicht aufregen.

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