Adolph Freiherr Knigge sagte: „Klagt Dir ein Freund seine Not, seine Schmerzen, so höre ihn mit Teilnehmung an. Halte Dich nicht mit moralischen Gemeinsprüchen auf, mit Bemerkungen über das, was anders hätte sein und was er hätte vermeiden können, da es doch einmal nicht anders ist. Hilf, wenn Du es vermagst, tröste und verwende alles, was ihm Linderung geben kann, aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele durch weibische Klagen.“

Über den Umgang mit Menschen, II, 6, 9

Wir verdrängen den Tod

Es stimmt nicht, daß wir den Tod verdrängen würden. Wahr ist, daß wir einen altbewährten Verharmlosungszauber anwenden und den Tod bannen, indem wir ihn auf Leinwand und Bildschirm verbannen. Jetzt ist der Tod nicht mehr Teil des Lebens, sondern Teil eines fortwährenden Informations- und Unterhaltungsspektakels – für alle sichtbar, aber unwirklich, virtuell.

Der reale Tod ist nicht spektakulär, er ist oft genug erbärmlich. Und anders als auf der Leinwand sterben im wirklichen Leben auch nicht die, denen wir keine Träne nachweinen, weil sie den Tod „verdient“ haben – im wirklichen Leben kommt er vielmehr als grausames, zutiefst ungerechtes Geschick daher und rührt uns mit einer kalten Majestät an, die um so schwerer zu ertragen ist, je mehr wir uns an den spektakulären Leinwandtod gewöhnen. Die Folge davon ist, daß wir unsere Toten entsorgen wie Dinge, für die wir keine Verwendung mehr haben – dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man von einem Menschen erfährt, der den Beerdigungstermin seiner Frau um einen Tag verschiebt, weil er sein Training nicht verpassen will, oder von jemandem hört, der mal eben mit einem nichtssagenden „Kopf hoch!“ per SMS kondoliert.

Als beredtes Zeugnis für die Peinlichkeit des Todes erscheint mir die Sprachlosigkeit unserer Grabsteine. Moderne Grabsteine bleiben stumm – kein Aufschrei, keine Trauer, keine Hoffnung, kein Schmerz, von dem ein Grabstein noch künden würde. Mit keinem Wort ist mehr von der Liebe die Rede, mit der Angehörige an einem Toten gehangen haben – stupide-todesbuchhälterisch erwähnt die Inschrift gerade noch den Namen, die Lebenszeit. In unseren Tagen werden Tote kommentarlos der Verwesung anheimgegeben.

Da sein, wenn es jemandem schlecht geht

Nicht drüber reden, nicht daran denken. Ein Freund liegt im Krankenhaus, er ist plötzlich schwerkrank geworden, er könnte sterben, und – gar keine Frage – eigentlich müßten wir ihn besuchen. Wir stellen uns vor, wie wir an seinem Bett sitzen werden und nicht wissen, was wir sagen sollen, nicht einmal wissen, wie wir die halbe Stunde herumkriegen sollen, die der Anstand nun mindestens erfordert, und schieben den Besuch vor uns her. Einmal ist es mir so gegangen. Ich selbst war der Kranke, ein Freund hatte seinen Besuch angekündigt, und dann kam der Anruf: „Moritz, ich schaffe es leider doch nicht, ich stecke im Stau, hier geht gar nichts mehr.“ Schade – der gute Wille immerhin ein schwacher Trost. Jahre später eröffnete mir dieser Freund, daß er mitnichten im Stau gestanden hätte, daß ihn einfach der Mut verlassen habe, daß er überfordert gewesen sei. Unsere Freundschaft hat nicht darunter gelitten; seine Ehrlichkeit war ein Freundschaftsbeweis, seine Hilflosigkeit damals, als ich im Krankenhaus auf ihn wartete, vielleicht auch. Dennoch finde ich, daß wir uns der Herausforderung stellen sollten, die die Begegnung mit dem realen Leiden bedeutet, und zwar aus zwei Gründen: Weil wir dem Leidenden sein Los erleichtern können und weil wir, als Gesunde oder Nicht-Betroffene, selbst davon profitieren.

Ich halte jede Gelegenheit, mit Schmerz und Tod ein wenig vertrauter zu werden, für einen Gewinn. Das Leben spannt sich zwischen Schmerz und Lust – alles, was uns daran erinnert, befähigt uns zu einem intensiveren Leben, macht uns reifer und nicht zuletzt auch für das Glück empfänglicher. Denn in der Begegnung mit dem Leid bietet sich uns die Chance, über unsere alltägliche, schwingungsarme Existenz hinauszuwachsen; es sind die Stürme des Lebens, die uns wachsen lassen und zu erwachsenen Menschen machen. Hier ist dann einmal Betroffenheit angebracht, nämlich das Eingeständnis vor uns selbst, daß uns fremdes Leid angeht. Vor allem das Gespräch mit Schwerkranken oder Sterbenden erfordert die Bereitschaft, der eigenen Vergänglichkeit ins Auge zu sehen, und so beunruhigend das ist, es macht uns auf jeden Fall um eine wesentliche Erfahrung reicher und obendrein selbstgewisser – wie immer, wenn man standgehalten hat, wo man am liebsten ausgewichen oder weggelaufen wäre.

Im übrigen kann man Menschen, die ein Schicksalsschlag getroffen hat, auf mancherlei Art beistehen. Nutzen wir die Gelegenheit, anderen ihr Leid erträglicher zu machen – die Erfahrung, von Freunden in der Not verlassen zu werden, ist oft nicht weniger schlimm als das Unglück selbst. Lassen wir uns also nicht von unserer eigenen Unsicherheit so sehr irritieren, daß wir uns ganz zurückziehen und die Betroffenen sich selbst überlassen! In solchen Situationen ist jeder unsicher; niemand weiß, was er einem Schlaganfallpatienten, der nicht mehr sprechen kann, sagen soll, und es gibt auch keine Routine, auf die man beim Sterben eines Menschen zurückgreifen könnte. Jeder ist da gleich hilflos, und wir dürfen sicher sein, daß Trauernde und Kranke Verständnis für unsere Befangenheit haben – sie erwarten keine Profis im Trösten. Der einzige echte Fehler, den man begehen kann, wäre der, sich überhaupt nicht sehen und gar nichts von sich hören zu lassen.

Sich überwinden 

Ich weiß, das kostet Überwindung. Sterben und Tod konfrontieren uns mit einer Einsicht, der wir zeitlebens ausweichen, nämlich der, daß es keine Lösung gibt. Wir leben ja in einer Welt, der nichts über das Funktionieren geht, und sind geradezu darauf geeicht, in Problemen und Lösungen zu denken. Nach einer Lösung zu suchen ist das erste, was uns in den Kopf kommt, sobald ein Problem auftaucht. Aber zu Leid und Tod wird uns beim besten Willen keine Lösung einfallen, weil es keine gibt. Gestehen wir uns also unsere eigene Ohnmacht ein und verschonen wir Betroffene mit gutgemeinten, aber sinnlosen Ratschlägen – niemand will in dieser Lage etwas von praktischen Tips wissen oder hören wollen, daß in allem Schlechten auch etwas Gutes stecke. Machen wir uns klar, daß wir auch da helfen können, wo nichts zu ändern ist, einfach, indem wir zugegen sind und, zum Beispiel, schweigend zuhören.

Menschen, die Schreckliches erlebt haben, wollen bisweilen nur erzählen, womöglich zwanzigmal am Tag dasselbe. Sie wollen keine gescheiten Antworten und keine aufmunternden Kommentare hören, sie wollen nur, daß jemand sich für ihre Geschichte interessiert und die Welt das Ungeheuerliche, das ihnen widerfahren ist, wenigstens zur Kenntnis nimmt. Bei einem Abendessen saß mir eine junge Frau gegenüber. Ich kannte sie nicht. Sie war schön, hatte einen verkrüppelten rechten Arm, und an ihrer rechten Hand fehlten zwei Finger. Ich war mir unsicher, ob ich sie darauf ansprechen sollte, tat es dann nach einer Weile doch, und als hätte sie darauf gewartet erzählte sie, weniger mir als vielmehr der ganzen Tischgesellschaft, den Hergang ihres Autounfalls mit allen Folgen, auf eine sachliche, kühle Art, durchaus nicht mitleidheischend. Wie oft mochte sie den Vorfall, der ein knappes Jahr zurücklag, schon erzählt haben – dennoch war sie froh, auch an diesem Abend wieder Menschen gefunden zu haben, die für ihr Schicksal Interesse aufbrachten.

Nichts herunterspielen

Ein Unglück ist für den, den es trifft, das Wichtigste auf der Welt. Es ist von einer Bedeutung, die kein Außenstehender ermessen kann. Versuchen wir nicht, den Verlust, die Tragödie, den Schmerz eines anderen herunterzuspielen, ihm womöglich mit der Bemerkung, das Leben gehe weiter, die Zeit heile alle Wunden und dergleichen Spruchweisheiten, auf die Schulter zu klopfen oder zu seinem Trost gar Geschichten von Leuten zum besten zu geben, die es noch viel schlimmer erwischt hat! Jeder hat ein Recht auf die Einzigartigkeit seines Schmerzes, niemand fühlt sich besser, nur weil das Schicksal anderen noch übler mitgespielt hat, und die Trauer über den Verlust eines Menschen läßt sich nicht wegrationalisieren. Es ist auch wenig hilfreich, einem Kranken oder Trauernden das eigene Mitleiden gewissermaßen plastisch vor Augen zu führen und, um nicht herzlos oder kalt zu erscheinen, in seiner Gegenwart einen aufgelösten, konfusen oder mitgenommenen Eindruck zu machen. Sparen wir uns ruhig alle gutgemeinten, aber unangebrachten Demonstrationen von Mitgefühl, quälen wir uns nicht aus Hilflosigkeit etwas ab, das uns selbst nicht überzeugt. Denn das einzige, was einen Unglücklichen wirklich zu trösten vermag, ist die Gewißheit, nicht verlassen zu sein, nicht ins Bodenlose zu stürzen.

Tun können wir gleichwohl eine Menge, nämlich den anderen in den Arm nehmen, ihm die Hand halten, ihn jammern und sich ausweinen lassen, und vor allem: ihm den Rücken freihalten, praktische Hilfe anbieten, alltägliche Arbeiten übernehmen, Angelegenheiten regeln, zur Verfügung stehen. Aber drängen wir uns nicht auf, ziehen wir uns nach einer Weile auch wieder zurück – Trauernde und Kranke ertragen bisweilen die längere Anwesenheit von Menschen schwer und möchten mit sich allein sein; es reicht dann, wenn sie wissen, daß sie jederzeit mit uns rechnen können. Treiben wir unsere Fürsorglichkeit nicht so weit, daß sie sich entmündigt und wie Kinder behandelt vorkommen müssen. Entscheiden wir nicht über ihren Kopf hinweg, tasten wir ihre Würde nicht an. Es ist eine grausame aber verbreitete Unsitte, mit Schlaganfallpatienten beispielsweise so zu sprechen, als seien sie unzurechnungsfähig, nur weil sie sich nicht mehr verständlich ausdrücken können, oder gar in ihrer Gegenwart über sie zu reden, als wären sie nicht da. Derlei Respektlosigkeit sollte man sich grundsätzlich weder gegenüber Kindern noch gegenüber Alten oder Kranken herausnehmen.

Ablenken

Und dann können wir dazu beitragen, daß Trauernde aus ihrer Rolle als Leidtragende auch wieder herausfinden. Gemeinsam etwas planen, ausgehen, verreisen – jede Art von Ablenkung ist geeignet, sie behutsam in die Normalität zurückzuholen. Vergessen wir aber nicht, daß die Zeit für Trauernde langsam vergeht. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, für den ist das Leid nicht einfach nach einer Weile vorbei. Kalkulieren wir Rückschläge ein, rechnen wir mit einem Tränenausbruch im vollbesetzten Restaurant oder einem Gefühlsausbruch im Kino. Bedenken wir auch, daß Menschen sich nach einer Tragödie verändern, andere Maßstäbe entwickeln und Bekannte oder Freunde mit anderen Augen sehen, je nachdem, was sie in der Zeit des größten Leids mit ihnen erlebt haben. Vor allem aber: Begehen wir nicht den Fehler, den Namen des Verstorbenen nicht mehr zu erwähnen und so zu tun, als habe er gar nicht gelebt! Das wäre falsche Rücksicht, so läßt sich ein Schicksal nicht abhaken, und mit schamhafter Befangenheit macht man es sich selbst und allen anderen nur schwerer.

Nicht abschotten

Schließlich rate ich, sich nicht zwanghaft gegen die Erfahrung des Schmerzes abzuschotten. Gewiß, mancher Schmerz ist so groß, mancher Verlust so schrecklich, daß man ihm nichts als Verbitterung abgewinnen kann. Wenn wir jedoch jeden Schmerz fliehen, jedes seelische Leid schon im Ansatz ersticken zu müssen meinen, berauben wir uns der Möglichkeit, existentielle Erfahrungen zu machen. Denn nichts erzeugt eine größere Intimität mit sich selbst als das Leid, und durch nichts findet der Mensch so sicher zu sich zurück wie durch Schmerz. Krankheit kann deshalb eine Chance sein, die Beziehung zu sich selbst wiederherzustellen, die in der Routine eines glatt verlaufenden Daseins verloren gegangen ist, und sich selbst wieder mit der Aufmerksamkeit zu begegnen, die man sich schuldet.

Lebe

Auf jeden Fall aber erinnern uns erschütternde Erfahrungen daran, daß es einen letzten Tag geben wird. Sie können uns dazu veranlassen, unser Leben auf ganz andere Weise zu leben als bisher, sie können uns aber auch in dem bestärken, was wir wollen und immer schon gewollt haben. So oder so ist der Tod der Motor des Lebens – schließlich gestalten wir unser Leben überhaupt nur deshalb, weil wir nicht ewig Zeit haben, weil wir aus unserem Leben etwas gemacht haben müssen, bevor es zu spät ist. Daß es zuweilen tatsächlich heilsam ist, aus der gewohnten Existenz herausgerissen zu werden – wir sollten es zumindest nicht völlig ausschließen.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Alles, was man unternimmt, um anderen ihr Leiden ein wenig erträglicher zu machen, ist gut. Einen einzigen Fehler nur kann man begehen: sich weder blicken noch von sich hören zu lassen.“

Share This