Jeder Mensch hat das Recht auf Höflichkeit.

Traurig?

Ein behindertes Kind zu haben ist immer mit Entsetzen und Trauer verbunden. Und dieses Entsetzen bleibt nicht auf die Eltern beschränkt. Es teilt sich allen mit, die eines behinderten Menschen ansichtig werden, es äußert sich in der Überwindung, die es kostet, den Anblick eines Behinderten zu ertragen, und immer wieder mal geschieht es, daß einer sich nicht überwinden will. „Der unausweichliche Anblick von Behinderten auf engem Raum bei jeder Mahlzeit verursacht Ekel“, heißt es in einem rechtskräftigen Urteil aus dem Jahr 1992, „und erinnert ständig in ungewöhnlich eindringlichem Maße an die Möglichkeit menschlichen Leidens.“ Mit diesem Urteil hatte eine Familie Recht bekommen, die sich an ihrem Urlaubsort von Behinderten belästigt gefühlt und ihren Reiseveranstalter deshalb auf Schadenersatz verklagt hatte.

Schmerzfrei? – gibt’s hier nicht

Brechen wir nicht zu schnell den Stab über Menschen, die die Begegnung mit Behinderten scheuen. Der Anblick menschlichen Leidens macht unseren Glauben an die Möglichkeit einer planmäßig verlaufenden, womöglich schmerzfreien Existenz zunichte – wen würde diese Erfahrung nicht irritieren? Die Eltern eines behinderten Kindes aber haben keine Wahl – sie müssen sich auf ein ganz anderes Leben als das erhoffte mit einem ganz anderen Kind als das erhoffte einstellen. Und machen dann in aller Regel eine Erfahrung, die schwer in Worte zu fassen und für Außenstehende vielleicht auch schwer zu glauben ist. „Man lernt, daß es andere Formen des Menschseins gibt, andere Arten, die Welt wahrzunehmen und andere Möglichkeiten, glücklich zu sein“, drückte es eine Mutter aus. „Man erfährt an seinem eigenen Kind, was man selbst an Wahrnehmungsmöglichkeiten besitzt, aber nicht entwickelt hat, weil man es in unserer Welt der gesunden und erfolgsorientierten Menschen nicht braucht“, sagte eine andere. „Es steckt in diesen Kindern etwas ganz Besonderes, eine seelische Kraft, die uns fehlt“, bestätigte eine dritte, „deswegen ist man dankbar, etwas zu erleben, zu dem man sonst keinen Zugang hätte.“ Und ein Vater trug folgenden Vergleich bei: „Du buchst zwei Wochen Italien, landest statt dessen in Holland und mußt erfahren, daß du den Rest deines Lebens dort verbringen wirst. Mit der Zeit lernst du die Schönheiten Hollands zu schätzen, ohne jedoch die Sehnsucht nach Italien je zu verlieren.“

Bereicherung? – gibt’s hier jede Menge

Mit anderen Worten: Bei aller Trauer, allem Entsetzen stellt sich im Umgang mit Behinderten eine einzigartige Bereicherung ein. Eine derartige Erfahrung kann jeder machen, der nicht vor der Begegnung mit Behinderten zurückschreckt. Zumindest anfangs gilt es dabei, Unsicherheit und Befangenheit zu überwinden; ich möchte deshalb einige Erfahrungen weitergeben, die Eltern von Behinderten mit ihren Kinder, ihren Freunden und Bekannten oder bei ganz zufälligen Begegnungen gesammelt haben.

Niemanden muss etwas unangenehm sein

Eltern, die ein behindertes Kind bekommen, können sich und anderen peinliche Momente ersparen, wenn sie in die Offensive gehen, also gleich nach der Geburt oder sobald sich die Behinderung herausstellt ihre Freunde und Bekannten davon in Kenntnis setzen, durch einen Rundbrief oder eine Mail an alle. Es ist wichtig, gar nicht erst der Versuchung zu erliegen, Normalität vorzuspielen und das Offensichtliche zu verschleiern; wer anderen von Anfang an reinen Wein einschenkt, wer sie zwingt, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, der nimmt ihnen die Befangenheit, und je freier sich Eltern und Geschwister von Scham und falscher Rücksicht machen, desto eher verlieren andere ihre Berührungsangst. „Ich fand, daß es jeder wissen durfte, konnte und auch mußte“, sagte eine Mutter. „Und ich kläre Leute, die an den Wagen meiner Tochter kommen und merken, daß sie nicht reagiert, immer sofort auf: ‚Sie kann Sie nicht sehen’, sage ich dann, ‚aber sie kann Sie hören und fühlen’.“ Diese Frau hat außer den Fotos ihrer gesunden Söhne auch stets welche von ihrer behinderten Tochter dabei, und wenn sie von ihren Kindern erzählt, unterschlägt sie ihre Tochter nicht. Mit solcher Offenheit geben Eltern darüber hinaus zu verstehen: Wir sind nicht verzweifelt. Wir fühlen uns nicht vom Schicksal gebeutelt, wir stellen uns unserer Aufgabe. Es gibt keinen Grund, mit uns Mitleid zu haben. Was uns nicht unangenehm ist, das braucht auch euch nicht unangenehm zu sein.

Niemanden ignorieren

Für Behinderte selbst sind nicht die Fehler und Ungeschicklichkeiten, die sich andere im Umgang mit ihnen leisten, das Schlimmste – am meisten leiden sie unter der Erfahrung, ignoriert, übersehen, übergangen oder abgelehnt zu werden. Aber warum sollten die Gebote der Höflichkeit und des Respekts nicht auch für Behinderte gelten? Ein Arzt oder Therapeut, der grundsätzlich nur mit den Eltern spricht, der sich kein einziges Mal an ihr behindertes Kind wendet, der das Gespräch womöglich, ohne aufzublicken, mit der Frage: „Worum geht’s denn hier?“ eröffnet, der beweist schlicht und einfach sehr schlechte Manieren – ganz abgesehen davon, daß er Zweifel an seiner Qualifikation weckt. Und Eltern, die ihre Kinder von dem mongoloiden Sohn des Nachbarn fernhalten, weil sie ihnen eine schockierende Begegnung ersparen wollen, bringen sie nicht nur um eine wertvolle Erfahrung, sie verstoßen auch gegen die simpelsten Regeln der Höflichkeit.

Die Initiative ergreifen

Gewiß, es macht Mühe, sich auf Behinderte einzulassen – Erwachsenen mehr als Kindern. In vielen Fällen muß man den Kontakt selbst suchen und herstellen. Da muß man sich dann etwas einfallen lassen, muß die Initiative ergreifen und mit Phantasie und gutem Willen andere Formen der Verständigung ausprobieren als bei Nichtbehinderten. Grundsätzlich aber sollte man mit Behinderten genauso reden wie mit Gesunden – im selben Tonfall, mit demselben Ernst, mit demselben Respekt. Daß sie womöglich nicht antworten können ist kein Grund, sie wie Luft zu behandeln. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, zu glauben, jeder, der im Rollstuhl sitzt, blind ist oder nicht sprechen kann, der verstehe auch nichts, der sei eben doof oder schwachsinnig. Wenn einer sich nicht auszudrücken vermag, heißt das noch lange nicht, daß er nichts mitbekommt von dem, was in seiner Umgebung gesprochen wird und geschieht – gehen wir also immer davon aus, daß ein behinderter Mensch uns sehr wohl versteht und seine eigene Art hat, sich verständlich zu machen.

Unbefangen ist nicht taktlos

Bisweilen verwechseln Außenstehende Taktlosigkeit mit Unbefangenheit. Daß man Behinderte nicht anstarrt, sollte selbstverständlich sein. Aber genauso verbietet sich, einen Vater nach der Lebenserwartung seines behinderten Kindes zu fragen, womöglich in dessen Gegenwart, sich bei der Mutter stirnrunzelnd zu erkundigen, ob sie denn keinen Test gemacht habe, oder – Gipfel der Respektlosigkeit –, wissen zu wollen, warum sie nicht abgetrieben habe. Man mag über die Menschenauslese, die durch biotechnische Verfahren möglich geworden ist, denken, wie man will – aber man verschone die betroffenen Eltern mit dem Hinweis, daß es heute doch gar nicht mehr nötig sei, ein behindertes Kind zu bekommen. Versuchen wir auch nicht, unsere Unsicherheit mit gutgemeintem Trost zu überspielen und den Eltern eines mongoloiden Kindes etwa zu versichern, Menschen mit Down-Syndrom seien ja als unkompliziert und aufgeweckt bekannt – als wäre von einer besonders kinderlieben Hunderasse die Rede.

Dankbar hingegen registrieren Eltern wie Behinderte, wenn man sie nicht im Stich läßt. Sie sind auf das Verständnis und die Hilfe ihrer Familien, ihrer Freunde angewiesen, und sie empfinden die Erfahrung, von verläßlichen Menschen umgeben zu sein, als eine weitere Bereicherung. Gehen wir ihnen also nicht aus dem Weg, lassen wir uns davon überzeugen, daß Behinderte viele beeindruckende Seiten haben – und scheuen wir uns nicht, Eltern auch zur Geburt eines behinderten Kindes zu gratulieren.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Begegne einem Behinderten wie jedem anderen Menschen, der an der Welt teilnimmt – mit derselben Höflichkeit, demselben Respekt, demselben Interesse. Dazu gehören Gewöhnung und Übung und die Bereitschaft, sich einer Erfahrung auszusetzen, die für ihn wie für dich mit einem großen Gewinn verbunden ist.“

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