Der Knigge für die Betriebsfeier

Glaubt man dem Schriftsteller Ludwig Strauss, dann vollenden Arbeit und Feier einander. Glaubt man seinen eigenen Erfahrungen, dann sind die Feiern am Arbeitsplatz in erster Linie eine Bewährungsprobe für die vorherrschende Unternehmenskultur. Dies zeigt sich bereits im Vorfeld von Abteilungsfesten, Weihnachtsfeiern oder sonstigen Anlässen, in denen die Mitarbeiter eines Unternehmens oder eines Teams abseits der täglichen Aufgabenerfüllung zusammentreffen.

Dass man mit Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat, zusammenarbeiten muss, daran haben sich die meisten von uns mehr oder minder gewöhnt, doch mit denselben Menschen zu feiern, das stellt so manchen vor eine harte Bewährungsprobe. Bleibt die Feier mit Kollegen doch zumeist eine – wenn auch in regelmäßigen Abständen zu bewältigende – Ausnahmesituation. Hier im Sinne von Ludwig Strauss eine wechselseitige Vollendung von Arbeit und Feier zu realisieren, ist eine hohe Kunst. Wer von Ihnen schon jemals in die Lage gekommen ist, eine Unternehmensfeier zu organisieren, der weiß, wovon ich spreche. Skepsis und latentes Unbehagen, wohin man schaut – von den Abteilungen, die sich jede Woche freiwillig auf ein Bier treffen einmal abgesehen. Fragen über Fragen:

„Ist das Erscheinen wirklich Pflicht?“

„Wo wird denn gefeiert?“

„Gibt es einen Dresscode?“

„Ich muss doch nicht schon wieder neben Frau Schlausog aus der Produktentwicklung sitzen, oder?“

„Weiß einer, ob die Chefin eine Rede vorbereitet hat?“

„Aber auf die albernen Spielchen aus dem letzten Jahr wird doch diesmal hoffentlich verzichtet?“

Wirklich gewinnen können Sie als Organisator nicht! Aber als Teilnehmer haben Sie durchaus die Möglichkeit, Ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen, Ihr Gesicht zu wahren und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, am nächsten Arbeitstag alles so vorzufinden, wie Sie es vor der Betriebsfeier hinterlassen haben.

Wenn Sie es besonders geschickt anstellen, bietet die gemeinsame Feier sogar die Möglichkeit, die ausgelassenen Ausnahmesituation im Hinblick auf eine Verbesserung des „nüchternen“ Alltags gezielt zu nutzen. (Wir wollen uns in diesem Zusammenhang auf die großen Feste konzentrieren und vernachlässigen bewusst die teaminternen Geburtstagsfeiern, in denen sich die Mitglieder mit Sektflöten gegenüber stehen und nicht wissen, was sie sagen sollen.) Der Weg zum „Betriebsfest-Professional“ ist zwar steinig, aber doch zu bewältigen.

Wer in unserem Kulturkreis vom Feiern spricht, der weiß, dass dies mit dem Konsum von alkoholischen Getränken einhergeht. Selbst diejenigen unter Ihnen, die noch nie Alkohol zu sich genommen haben, wissen, dass dieser enthemmt. Immer dann, wenn Hemmungen fallen und wir die Beherrschung verlieren, dann fängt das kleine Teufelchen auf unserer rechten Schulter an, sich über das Engelchen auf der linken Schulter zu erheben. Lange genug hatte es unter der Selbstbeherrschung und Seriosität des „weißen Nebenbuhlers“ im reglementierten Büroalltag zu leiden. Nun schlägt seine Stunde. „Let’s get this party started“, ruft es dem verschüchterten Engelchen zu! Hüten Sie sich, sich diesem Aufruf willenlos hinzugeben. Wenn Sie am nächsten Morgen verkatert ins Büro schleichen, schläft Ihr Teufelchen meist noch und lässt Sie die Suppe, die es Ihnen eingebrockt hat, selbst auslöffeln!

  • Lassen Sie sich nicht von der vermeintlich enthemmten Stimmung anstecken.

Nicht alle Gäste folgen am nächsten Morgen der englischen Maxime, dass der letzte Abend und alles, was dort passierte, nie stattgefunden hat. Schon so mancher Vorgesetzte hat die ausgelassene Stimmung seiner Mitarbeiter – mit alkoholfreiem Bier bewaffnet – dazu genutzt, den gelockerten Zungen ein wenig mehr zu entlocken, als diese in nüchternem Zustand preiszugeben bereit wären.

  • Wenn Sie selbst Ihren alkoholinduzierten Stimmungswandel nicht recht einzuschätzen wissen, holen Sie sich doch im Vorfeld einmal ein „Fremdbild“ aus Ihrem Freundeskreis ein.

Dort weiß man meist recht gut darüber Bescheid, zu welchen Verhaltensweisen Sie nach dem siebten Wodka Tonic neigen. Sei es Ihr exaltierter Tanzstil, Ihr Hang zur Sentimentalität, das Aufbrechen verborgener Aggressionen, die Aktivierung sexueller Begierde oder der Willen, endlich mal dem einen oder anderen die Meinung zu geigen. Die Einschätzung, welche der genannten Verhaltensweisen auf Ihren Betriebsfeiern – oder besser im Nachgang – zu größeren Problemen führen könnte, bleibt Ihnen zwar selbst überlassen, doch grundsätzlich ist das selbstvergessene Tanzen weniger verfänglich, als den Abend damit zu verbringen, sich über bestimmte Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzte zu mokieren und diese aggressiv mit der eigenen Meinung zu konfrontieren oder sich sentimental an Frau Schmidtlein aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zu schmiegen.

  • Die enthemmende Wirkung von Alkohol kann auch gezielt eingesetzt werden, um bereits bestehende Vertrauensbeziehungen zu intensivieren und auszubauen.

Immer dann, wenn es Ihnen gelingt, gemeinsame Feiern auch als Möglichkeit zu verstehen, einmal über andere Themen und Interessen abseits des beruflichen Alltags zu sprechen und die jeweilige Weihnachtsfeier nicht als „verlängerten Flurfunk“ zu verstehen, steigt die Wahrscheinlichkeit, zwischenmenschliche Beziehungen tatsächlich nachhaltig zu stärken. Das bedeutet im Umkehrschluss ja nicht, dass Sie auch einmal mit dem einen oder anderen Kollegen ein offenes Wort reden und ihm oder ihr endlich mitteilen können, was Ihnen besonders gut oder weniger gut gefällt. Solange Sie nicht lallend Ihren Mitmenschen in die Arme fallen und diese Ihnen mitleidig auf die Schulter klopfen und Sie nach draußen begleiten, sind Sie jedenfalls nicht im „roten Bereich“.

  • Gehen Sie auf jeden Fall hin! (Es sein denn, Sie sind wirklich krank.)

Es ist immer noch besser, sich auf das Wagnis Betriebsfest einzulassen und nach dem dritten Glas Wasser frühzeitig die Segel zu streichen, als sich gar nicht blicken zu lassen und damit seine eigene Unfähigkeit oder Unlust zu demonstrieren, an gemeinschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Denn wer nicht da ist, der bleibt dennoch anwesend in den Gesprächen derer, die da sind; und in deren Gesprächen spielen Sie meist die unrühmliche Rolle des Sonderlings und Querkopfes!

  • Enthalten Sie sich möglichst aller negativen Kommentare über die Organisation und den Ablauf der Veranstaltung.

Nur weil Ihnen das gereichte Fingerfood mittlerweile zu den Ohren rauskommt, Sie nichts langweiliger finden als einen zweitklassigen Zauberer und Ihnen die Bravo-Hits 87 von DJ Maik Kopfschmerzen bereiten, müssen Sie dies nicht jedem auf die Nase binden. Schauen Sie ganz genau hin, wer an Ihrem Tisch sitzt. Wenn nämlich das Organisationsteam darunter ist, steigen Ihre Chancen, nächstes Jahr zu beweisen, dass Sie es besser können!

  • Keine Feier sollte Sie dazu veranlassen, die Gelegenheit zu nutzen, Ihre gute Kinderstube für diesen Abend an der Garderobe abzugeben: Behandeln Sie Ihre nüchternen Mitmenschen an eben jener Garderobe, das Servicepersonal und die Toilettenfrau mit derselben Höflichkeit, die Sie auch sonst an den Tag legen würden.
  • Kontrollieren Sie Ihre Sprache. Sparen Sie sich Kommentare, Witze und Anzüglichkeiten, die Ihnen selbst am nächsten Tag die Schamesröte ins Gesicht treiben würden.
  • Nähern Sie sich mit gebührendem Respekt dem Büfett. Auch um zwei Uhr morgens muss sich niemand drei Zentimeter dicke Goudascheiben, mit Frikadellen garniert in den Mund pressen!
  • Kopieren Sie nicht die Performance der Stripper, die Ihren Junggesellenabschied zu einer unvergesslichen Veranstaltung werden ließen, exaltierter Tanzstil hin oder her!

Und noch etwas: Gehen Sie am nächsten Morgen zur Arbeit! Aspirin noch vor dem Schlafengehen einnehmen, Wecker stellen und ausreichend Getränke müssen reichen, um morgens raus zu kommen. Oder um es mit meiner Mutter zu sagen: „Wer feiern kann, kann auch arbeiten!“ Warum sollte es Ihnen besser gehen als mir?

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