Ich schau‘ Dir in die Augen, Kleines. Nicht nur Humphrey Bogart wusste, um die Macht des Blicke und des richtigen Blickkontaktes. Doch wann sollte man eigentlich wem wie lange in die Augen schauen? Moritz Knigge ist der spannenden Frage nachgegangen, wie sehr die Mimik unsere Kommunikation bestimmt und wie wir Wohlwollen alleine mit unseren  Augen zeigen. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Wenn zwei Personen, die vor mir hergehen, leise miteinander reden, ohne meiner gewahr zu werden, so pflege ich einiges Geräusch zu machen, um mich von allem Verdachte, wie wenn ich sie beschleichen wollte, und sie von aller Verlegenheit zu befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen sie doch den Umgang angenehm und leicht.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 50

Anonym oder intim?

Ist es nicht sonderbar, daß Menschen sich an bestimmten Orten ignorieren, an anderen aber zu erkennen geben, daß sie einander bemerkt haben? Daß sie sich in Aufzügen und Straßenbahnen oder auf wenig begangenen Waldwegen nicht zur Kenntnis nehmen – oder so tun, als ob –, in Kneipen oder Wartezimmern hingegen auf die Anwesenheit anderer reagieren, sei es durch Blicke oder durch Worte? Offenbar beurteilen wir jede Sphäre, in der wir uns bewegen, instinktiv nach ihrem Grad an Anonymität oder Intimität und verhalten uns entsprechend. Je anonymer, desto eher vermeiden wir Blicke und weichen ihnen aus, je intimer, desto eher lassen wir uns auf einen Blick- oder Wortwechsel ein. Das heißt aber auch: Je anonymer der Ort, desto eher neigen wir dazu, einen anderen Menschen nur als Körper wahrzunehmen, dem man ausweichen muß, gewissermaßen als Hindernis. Und je intimer der Ort, desto eher gestehen wir einem anderen ein Recht darauf zu, als denkendes und fühlendes Wesen beachtet werden zu wollen.

Aber wonach richten wir uns, wenn wir Orte nach ihrer Anonymität oder Intimität einstufen? Je offener, weitläufiger und bevölkerter, desto anonymer? Demnach wären ein Aufzug, ein U-Bahn-Waggon oder ein einsamer Waldweg also eher intime Orte? Trotzdem weichen wir Blicken dort besonders angestrengt aus. Vielleicht stört uns, daß diese Orte beides sind, öffentlich, also anonym, und zugleich vertaulich, also intim. Das irritiert. Was das angeht, haben wir offenbar gern klare Verhältnisse, und tun alles, um die unbehagliche Intimität solcher Zwitterorte zurückzuschrauben. Umgekehrt verspürt allerdings kaum jemand das Bedürfnis, die Anonymität öffentlicher Orte ebenfalls zu reduzieren, etwa, indem er die Duschen eines städtischen Schwimmbads mit einem munteren „guten Tag, allerseits!“ auf den Lippen betritt, oder „grüß Gott“ murmelt, wenn er neben jemandem in der Straßenbahn platznimmt. Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß den allermeisten ein hoher Anonymitätspegel durchaus recht ist. Daß es vielen also lieb ist, andere Menschen möglichst lange nur als Körper wahrnehmen zu müssen – und nicht als Personen mit einem Recht auf Beachtung.

Der Vorteil der Anonymität liegt offenbar in dem, was Fachleute den Präsenzvorbehalt nennen. Das ist der Wunsch, in der Öffentlichkeit die Illusion aufrechtzuerhalten, daß man genauso gut nicht da sein könnte, wo man gerade ist. Wer durch andere hindurchsieht, möchte auch selbst nicht wahrgenommen werden, wer andere behandelt, als wären sie Luft, möchte selbst wie Luft behandelt werden. Der Vorteil? Wer eigentlich nicht da ist, braucht sich um nichts zu kümmern. Aus dessen Anwesenheit ist nichts weiter abzuleiten. Mit anderen Worten: Anonymität schützt, und zwar vor der Verpflichtung zur Stellungnahme. Wenn wir Blicken ausweichen und Worte vermeiden, geben wir allen anderen mithin zu verstehen: Komme, was da wolle, ich tue so, als wäre ich nicht da. Mit mir könnt ihr nicht rechnen. Laßt mich in Ruhe.

Durch Blicke verbinden

Gut, wir sind daran gewöhnt, daß jemand die U-Bahntüren aufreißt und blindlings hinausstürzt, haarscharf an allen Wartenden vorbei, niemanden eines Blickes würdigt und mit dem Schritt eines Menschen, der sich durch nichts aufhalten läßt, ohne nach links und rechts zu schauen davoneilt – das ist die Regel; und schließlich ist der Wunsch, an belebten Orten nicht von allen möglichen Leuten mit allem Möglichen behelligt zu werden, ja nachvollziehbar. Wie kommt es dann aber, daß sich wildfremde Menschen nach dem Konzert einer lateinamerikanischen Sängerin beispielsweise beim Hinausgehen Blicke zuwerfen, auch längere Blicke, und plötzlich gar nichts mehr dabei finden, sich in die Augen zu sehen, im Gegenteil: Man kostet den Augenblick aus, in dem eine Barriere gefallen ist!? Liegt es daran, daß mit einem Mal ein seltenes Einverständnis unter diesen Konzertbesuchern herrscht – das Einverständnis, sich als seinesgleichen anzuerkennen? Daß man für diesmal das Gefühl hat, sich in Freundesland zu bewegen, während man sich gewöhnlich, auf U-Bahnhöfen zum Beispiel, auf Feindesland bewegt, in einer Atmosphäre versteckter Feindseligkeit?

Wer nicht angeblickt wird, wird ausgeschlossen

Denn etwas Feindseliges hat es doch, dieses Ignorieren, dieses grußlose Aneinandervorbeirauschen, diese ausweichenden, abgewendeten Blicke – angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß wir gesehen, beachtet und zur Kenntnis genommen werden möchten, und zwar wohlwollend. Schon der Säugling versteht den Blick der Mutter als Bestätigung seiner Existenz: Sie blickt mich an, also bin ich. Und alte Menschen haben bisweilen das Gefühl, nicht mehr zu existieren, weil sie es nie mehr erleben, auf der Straße von Blicken getroffen zu werden. Während jeder von uns schon einmal erlebt hat, wie es einen erbost, wenn man übersehen wird, und sei es nur in der Bäckerei von der Verkäuferin. Wie schmeichelhaft dagegen, festzustellen: Dieser Blick gilt mir. Ich bin gemeint.

Nein, es hat etwas Feindseliges, Verächtliches, wenn wir in der Öffentlichkeit nur noch auf Beachtung hoffen dürfen, solange wir möglichst viel nackte Haut zeigen, gepiercte Bauchnabel vorführen und Tattoos präsentieren. Eine Gesellschaft, die mit ihren Blicken freigiebig umgeht, wird jedenfalls schon deshalb als menschlicher empfunden als eine, die mit Blicken geizt. Im kleinen Kreis empfinden wir diesen Gewinn an Menschlichkeit oft genug selbst – etwa in einer Runde am Kneipentisch: Wir sind angenehm berührt, wenn uns mitten im Gespräch immer wieder der Blick desjenigen trifft, der gerade spricht, und wir sind äußerst unangenehm berührt, wenn der Sprecher nur die anderen anschaut. Dann fühlen wir uns ausgeschlossen und herabgesetzt, lauern die ganze Zeit auf einen Blick und empfinden es als Demütigung, wenn er nie kommt. Bei jedem Gespräch in einer Gruppe sollten wir deshalb darauf achten, nicht nur einen Zuhörer oder immer dieselben anzuschauen, sondern unsere Blicke gerecht auf alle Teilnehmer verteilen. Wer vom Blick des Sprechers ausgeschlossen wird, fühlt sich irgendwann auch nicht mehr angesprochen – das gilt für Gespräche mit Kunden und bei Konferenzen oder Vorträgen genauso wie für private Unterhaltungen. Wenden wir uns also mit den Augen an alle Anwesenden, denn mit Blicken stellt man Gemeinschaft her! Daß man demjenigen, mit dem man gerade spricht, in die Augen schaut, versteht sich von selbst.

Bitte nicht in die Augen schauen

Das heißt, es versteht sich nicht von selbst. In anderen Kulturen kann der Blick in die Augen als ausgesprochen unhöflich empfunden werden. Unter Japanern beispielsweise ist es nicht üblich, sich beim Gespräch anzusehen, und japanische Geschäftsleute haben sich erst darauf einstellen müssen, bei Verhandlungen mit europäischen Geschäftspartnern den direkten Blick zu ertragen und zu erwidern. Und Chinesen deuten einen längeren Blickkontakt in der Öffentlichkeit als Einleitung von Feindseligkeiten; wenn sie aufmerksam erscheinen wollen, schauen sie aneinander vorbei. Tatsächlich haben Blicke eine beunruhigende Macht – ich erinnere mich da eines ganz unspektakulären, aber bezeichnenden Vorfalls. Ich stand mit einem Freund auf der Straße einer Großstadt, wir unterhielten uns, und ganz in der Nähe hatten sich Jugendliche auf Betonpollern niedergelassen. Wir schauten hinüber, als einer von ihnen eine leere Bierdose nahm und mit lässiger Geste auf die Fahrbahn warf. Mein Freund sah den Werfer daraufhin an, direkt in die Augen, ohne ein Wort zu sagen – ihre Blicke trafen sich, und wenige Sekunden später kapitulierte der junge Mann. Er erhob sich, las die Bierdose von der Straße auf und warf sie in den nächsten Abfallkorb.

Wenn Blicke töten könnten

Blicke muß man aushalten können. Ein Blick kann tief gehen und tief sitzen. Man kann über die Augen Macht ausüben, man kann mit Blicken zum Schweigen bringen oder bannen und entwaffnen – wie das Beispiel zeigt. Pädagogen empfehlen deshalb den Eltern schwieriger Kinder, nicht pausenlos auf sie einzureden, sondern sie eher schweigend, durch Blicke und Berührungen zu leiten. Und wer vor einem überschaubaren Publikum einen Vortrag zu halten hat, tut gut daran, seine Zuhörer am besten schon vor Beginn und dann immer wieder mal einzeln kurz ins Auge zu fassen und so aus ihrer Anonymität zu reißen – das erhöht die Aufmerksamkeit ganz wesentlich. Auch Machtverhältnisse werden über Blicke geklärt – wer in der Öffentlichkeit seine Blicke frei schweifen läßt, kann damit rechnen, daß die anderen zurückzucken und ihre Augen abwenden, und wer sich nicht vorschreiben läßt, wohin er blickt, strahlt Überlegenheit aus. In Filmen kommt es gelegentlich zum Blickduell, und derjenige, der dem Blick des anderen standhält, hat seine überlegene Willenskraft bewiesen.

Sich längere Zeit in die Augen zu sehen ist erfahrungsgemäß sehr anstrengend. Erwachsene, sagt man, halten keinen Blick länger als zehn Sekunden aus, wenn dabei geschwiegen wird – es sei denn, sie sind verliebt. Der unverwandte Blick kann als aufdringlich und schließlich unverschämt empfunden werden, wenn er ohne das Einverständnis des anderen geschieht – jemanden anzustarren sollten wir uns unter keinen Umständen erlauben. Ganz geheuer sind Blicke aber nie, weil sie stets die gewohnte Distanz zwischen Menschen aufheben. Wenn ein Blick jemanden unvorbereitet trifft, können im Augenblick des Blickkontakts womöglich Informationen privatester Natur übertragen werden. Jede Kultur muß sich deshalb darauf einigen, welche Bedeutung sie dem direkten Blick grundsätzlich beilegen will.

Weil der Blickkontakt herstellt 

Bei uns ist es wohl so, daß man durch Hinsehen und Anschauen ein Einverständnis darüber herstellt, in irgendeiner Form in Beziehung treten zu wollen. Im Blickkontakt signalisiert man seine Kommunikationsbereitschaft und stellt, auf die denkbar ökonomischste Art, ganz ohne Worte, eine vorläufige Vertrauensbasis her. Das heißt: Durch Blicke – und vielleicht ein Lächeln – geschieht in kürzester Zeit ziemlich viel. Zunächst einmal versichern wir einem anderen so, daß wir ihn in den Kreis derer aufgenommen haben, die uns gerade wichtig sind. Wir stellen also eine gewisse Exklusivität der Beziehungen her, die beide Seiten sowohl in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt als auch in dem Gefühl der Sicherheit, auf derselben Grundlage miteinander zu verkehren. Und gleichzeitig verleihen wir so unserer Erwartung Ausdruck, daß die Begegnung erfreulich verlaufen wird. Wir gewähren dem anderen also einen Kredit, kränzen ihn gewissermaßen mit Vorschußlorbeeren.

Manch einer scheint davon ausgeht, dies alles sei klar und selbstverständlich – weshalb sich Blicke und Lächeln auch erübrigen können. Aber es ist nicht klar und selbstverständlich. Nach Jahrtausenden der Erfahrung miteinander geht der Mensch nicht automatisch davon aus, daß der andere unbedingt und immer die freundlichsten Absichten hegt. Freund oder Feind? Das ist nach wie vor die Frage, auch wenn sie sich bei uns nicht mehr in derselben Schärfe stellt wie in anderen Gegenden dieser Welt. Im Süden Äthiopiens zum Beispiel schlägt sich diese Unsicherheit in der Bauweise traditioneller Häuser nieder. Es sind Rundhütten, die durch einen schlauchartigen Vorraum, eine Art Schleuse betreten werden, wo der Hausherr zunächst einmal klärt, in welcher Absicht ein Besucher gekommen ist, bevor er ihn gegebenenfalls in den eigentlichen Wohnraum durchläßt. Wir klären das mit einem Blick, einem Lächeln, einem Gruß. Aber geklärt werden muß, dort wie hier.

Aus allen diesen Gründen sollten wir, wie ich meine, die Vorzüge der Anonymität, die eine gleichgültige Öffentlichkeit bietet, gegen die Nachteile abwägen. Die Verweigerung von Blicken bedeutet zweifellos einen Schutz vor Belästigung, und in einem Menschengedränge verliert der offene Blick jeden Sinn. Doch je nachdem, wie konsequent wir Blicke vermeiden, erzeugen wir eine Atmosphäre unterschwelligen Mißtrauens. Nicht nur, weil der stur gesenkte Blick zu verstehen gibt, daß man anderen von der Kontaktaufnahme abrät, weil man seinerseits keinerlei Wert darauf legt. Die finstere Entschlossenheit, fremd bleiben zu wollen, entzieht dem öffentlichen Leben auch all jene Zeichen der Achtung und Beachtung, nach denen wir uns im allgemeinen sehnen. Und gleichzeitig bringt uns diese Gleichgültigkeit um den Resonanzboden einer Gesellschaft, in deren Blicken wir uns wiedererkennen könnten – mit dem Ergebnis, daß jeder einzelne sich wie in einem isolierten Raum bewegt, sobald er auf die Straße tritt.

Blicke verbinden

Jeder Blick aber, jedes Lächeln, jeder Gruß ist ein Bekenntnis zur eigenen Anwesenheit, mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, nämlich der Bereitschaft, Interesse für das aufzubringen, was um uns her geschieht, und gegebenenfalls auch Stellung zu beziehen. Schauen wir uns also an, grüßen wir auch, wenn wir an einem Wirtshaustisch neben anderen Leuten Platz nehmen, jemandem auf einem ansonsten menschenleeren Gang begegnen oder ein Zugabteil betreten. Tauschen wir die uralten Signale aus, mit denen man zu erkennen gibt, daß man sich wahrgenommen hat und respektiert. In manchen Fällen kann das sogar ein Hüsteln sein – wie das Zitat von Adolph Freiherr Knigge über diesem Abschnitt wohl verstanden werden darf.

Moritz Knigge sagt: „Der Mensch will nicht nur selbst sehen, sondern auch von anderen gesehen und beachtet werden. Deshalb sollte man nicht mit heruntergelassenem Visier durch die Welt laufen, sondern durch Blicke, Lächeln und Grüßen zum Ausdruck bringen, daß man den anderen wohlwollend zur Kenntnis nimmt.“


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