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Aus Märchen lernen

Märchen sind toll. Sie entführen uns in fremde spannende Welten und sind gesättigt an Erfahrungen über die menschliche Natur und die menschlichen Möglichkeiten. So auch das Märchen DIE FINGERSCHALE.  Über das Bloßzustellen.

Die Fingerschale

Prinzessin Dolores war das einzige Kind Ihrer Eltern, König Phillip und Königin Maria. Die drei lebten mit ihrem Hofstaat – 17 Zofen, 55 Soldaten, 34 Dienern, 12 Köchen, 2 Hofnarren, 7 Ministern und einem Jäger – in einem prachtvollen Schloss. Mit einer mächtigen Zugbrücke, 15 Türmen, 100 Zimmern, sieben Etagen, 30 Balkonen, einem Goldfischteich und einer eigenen Stierkampfarena.
Eines Tages beschloss Dolores: Es ist Zeit für ein Abenteuer! Sie verstecke sich in der Kutsche des Hofschneiders und verschwand bei der ersten Gelegenheit im Wald. Herrlich. Was für ein Spaß! Der Geruch von frischer Erde und sprießenden Blüten, die Geräusche von plätschernden Bächen und singenden Vögeln. Das Summen der Bienen: und das Grunzen der Wildschweine!

Der mutige Junge

Aus dem Dickicht bahnte sich eine Bache ihren Weg und stand Dolores plötzlich gegenüber: Auge in Auge! Der Blick der Wildschweinmutter schien zu sagen: Prinzessin hin oder her. Wer meinen Frischlingen zu nahe kommt, der bekommt königlichen Ärger! 
Wie gut, dass nur unweit entfernt José – der Sohn des Bauern Gonzales – für seinen großen Traum übte: Stierkämpfer wollte er werden! Als Matador in der Arena von Publikum und Königsfamilie  umjubelt. Olé! Doch hier und heute – nur bewaffnet mit einen dünnen Stock und einem alten Leinenhemd – hört José plötzlich eine laute hohe Stimme: “Komm’ Wildschweinchen, wir spielen Verstecken!”
Und so kam es, dass der erste Stierkampf des später größten und tapfersten Stierkämpfers aller Zeiten – José Ramos –  eigentlich ein Wildschweinkampf war. Der tapfere José lenkte die Bache solange bis die tollkühnes Dolores sich auf einen Baum geflüchtet hatte. Ein Bauernjunge und eine Prinzessin waren Freunde geworden.

Das große Bankett

Zu Ehren von José wurde  im Schloss ein großes Bankett gegeben. Am Kopf des Tisches, einem wirklich sehr großen Tisch, saßen Königin Maria, König Philipp, Dolores und José. An den Seiten 17 Zofen, 40 Soldaten, 17 Diener, 6 Köche, 2 Hofnarren und 7 Minister. 6 Köche kochten, 15 Soldaten wachten, 18 Diener dienten und ein Jäger war im Wald.
Vor José so viele Teller, Schüsseln, Schälchen, Messer, Gabeln und Servietten, in Silber, Bronze, Gold und Seide, dass ihm fast schwindelig wurde. José war verunsichert. So eine königlich gedeckte Tafel konnte einem ganz schön Respekt einflössen! 

Die Rede

Nun erhob sich auch noch König Phillip und begann eine glühende Dankesrede auf den mutigsten jungen Mann des Königreiches zu halten: den Bauernjungen José Ramos.  So sehr sich José freute dem Lob seines Königs zu lauschen, so sehr hasste es José im Mittelpunkt zu stehen. Als der König ihn am Ende seiner Rede bat, allen Anwesenden noch einmal seine Heldentat zu schildern, blieb José förmlich die Spucke weg. Er war so nervös, sein Mund so trocken, dass er kein Wort herausbringen konnte. Es war schrecklich! Alle Blicke waren auf ihn gerichtet! In seiner Not griff er nach einem Silberschälchen mit lauwarmen Wasser und einer Zitronenscheibe, das direkt vor ihm stand und trank es in einem Zug aus. Jetzt entstand Gemurmel am Tisch, verächtliches Tuscheln, Kopfschütteln, Augenrollen und vereinzelt sogar Gelächter. 

Das mutige Mädchen

Habt Ihr das gesehen? Der Bauernjunge hat aus der Schale, die zum Reinigen der Finger gedacht ist, getrunken!
José wurde es heiss und kalt. Er wollte verschwinden. Sofort. Doch Dolores hielt ihn fest. Wie kann man bloß so gemein sein! Die Tränen standen ihr in den Augen. Vor Wut! Und sie schrie: RUUHHHEEEE! 
Jetzt waren alle Blicke auf sie gerichtet. Man hätte eine Seiden–Serviette zu Boden fallen hören können. Dolores wischte sich die Tränen aus den Augen, erhob sich langsam, nahm mit Stolz ihre Fingerschale und trank sie mit der Würde einer Prinzessin in aller Ruhe daraus. Danach erhoben sich der König und Königin und taten es ihr nach. Schliesslich erhoben sich auch alle übrigen 89 und leerten ihre Fingerschale. 
Zu Ehren eines wahrhaft tapferen Jungen und eines wahrhaft höflichen Mädchens!

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