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Manieren | Das Buch – Über den Umgang mit Menschen Über den Umgang mit Menschen-2

Das Buch – Über den Umgang mit Menschen

1788 erschien Adolph Freiherr Knigges berühmtestes Buch „Über den Umgang mit Menschen.“ Im „Umgang“ gibt Knigge seinen Lesern Verhaltensempfehlungen für die Kunst im Umgang mit Menschen. Die Kunst sich bemerkbar geltend, geachtet zu machen ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigentümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. 

Balanceakt zwischen Selbstbehauptung und Gefälligkeit

Adolph Freiherr Knigge beschreibt das Zwischenmenschliche als einen ständigen Balanceakt zwischen Selbstbestimmung und Gemeinschaftsfähigkeit. Zwischen Haltung und Gefälligkeit. Knigge rückt eine Betrachtung des Miteinanders in den Mittelpunkt, die noch mit einem Bein in der alten höfischen Welt steht und mit dem anderen Vorbote für den neuen, den freien Bürger ist, der sich 1789 in Frankreich auf die Barrikaden schwingt. Eine gewisse Geschmeidigkeit brauche es im Umgang, ein Gespür für Menschen und Situationen, das sich nicht alleine aus der Befolgung von  Anstandsregeln ergibt.

Kein vollständiges System wohl aber Stoff zum weiteren Nachdenken wie Knigge selbst über sein Werk urteilt. Und das trifft es: kein nüchternes Regelwerk sondern viel Einsicht und lebendige Erfahrung. Die für mich prägendsten Einsichten und Erfahrungen zum Umgang mit Menschen habe ich in meiner persönlichen Top 10 von Adolph Freiherr Knigges Verhaltensempfehlungen zusammengestellt und kommentiert.

10 zeitlose Verhaltensempfehlungen aus Adolph Freiherr Knigges Buch Über den Umgang mit Menschen

Es ist vielleicht ein wenig vermessen aus so einem reichhaltigen Werk von 420 Seiten 10 Maxime herauszunehmen. Und doch habe ich mir die Compilation zugetraut, weil es mir einige der Verhaltensempfehlungen besonders angetan haben, die ich gerne teilen würde. Weil sie nicht nur mir im Umgang mit Menschen weitergeholfen haben und weiterhelfen werden..

1. Die Kunst des Umgangs mit Menschen

Die Kunst des Umgangs mit Menschen – eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studieren, viel besser erlauert als der verständige, weise, witzreiche; die Kunst, sich bemerkbar, geltend, geachtet zu machen, ohne beneidet zu werden: sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigentümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat geboren werden lassen, erwerbe sich Studium der Menschen, eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, zur rechten Zeit Verleugnung, Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüts; und er wird sich diese Kunst zu eigen machen.

Ein ständiger Balanceakt

Die Kunst des Umgangs mit Menschen ist ein Balanceakt: Es richtig machen, ohne falsch zu sein. Sich anzupassen ohne angepasst zu sein. Geschmeidig, aber mit Kanten. Mit Haltung aber ohne den Hang zur Selbstbehauptung. Seine Emotionen im Griff, aber nicht gefühllos. Sich in den Ton jeder Gesellschaft zu stimmen. Beim Fußball oder auf dem Opernball. Kunstvoll natürlich, aber nicht künstlich. Geschminkte statt ungeschminkte Wahrheit. Geachtet, aber nicht beneidet. Ein ganz schönes Brett diese Kunst des Umgangs mit Menschen. Und eine der höchsten Formen der Intelligenz. Hat ein guter Freund mal zu mir gesagt, dessen Liebe der Mathematik und der IT gilt.

Mit Humor und Gnade

Der Umgang mit Menschen folgt keinen Formeln, wohl aber der Übung, den uns umgebenen Phänomenen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Sich nach den Einsichten, Neigungen und Temperamenten zu richten, das liest sich einfach und tut sich schwierig. Weil wir auf Abstand gehen müssen zu unseren eigenen Neigungen, Temperamenten und Einsichten. Weil unser Ego, unser Drang eine glänzende Hauptrolle zu spielen dann Sendepause hat. Weil Geselligkeit von Kultur aus ein Gemeinschaftsprojekt und keine One-Man-Show ist. Auch keine One-Woman-Show. (Aber die sind in der Regel seltener.) Heiter sollen wir sein mit dem immer gleich gestimmten Gemüt.

Heiter finde ich super. Da halte ich es mit Christian Morgenstern, der Humor als „Betrachtung des Endlichen vom Standpunkt des Unendlichen“ beschrieb. Humor entlastet, weil er uns unsere Unvollkommenheit vor Augen führt, und uns lauter über uns als über andere lachen lässt. Solange wir die Frage aus Max Frischs „Fragenbogen“ „Wenn Sie alles Lachen abziehen, das auf Kosten von Dritten geht: finden Sie, dass Sie oft Humor haben?“ aus tiefer Überzeugung mit Vielleicht beantworten können.

Wir reden alle chinesisch

Immer heiter, finde ich schwierig. Kleiner hat er es an der Stelle nicht, der Adolph Freiherr Knigge. Vollendete Gemütsruhe und Gelassenheit sind nach meinen Erfahrungen den wenigsten von uns Menschlein in die Wiege gelegt. Aber aber soll sich ja hohe Ziele setzen. Die Besten springen eben höher als sie müssen. Und Springen müssen wir im Umgang mit Menschen ja oft. Meist über den eigenen Schatten. Oder um die Gedankensprünge unserer Gesprächspartner nachvollziehen während wir die eigenen blitzgescheiten Einfälle für selbstverständlich halten: HAllOOO?! Red ich chinesisch? Tun wir alle, chinesisch reden. Deswegen tun uns Nachgiebigkeit und Duldung auch so gut, weil wir dann gnädiger werden miteinander.

Irgendwann ist auch die längste Leine kurz

Und zu rechter Zeit Verleugnung? Was soll das denn bitte bedeuten? Das irgendwann auch mal gut ist mit Duldung, Nachgiebigkeit, und damit sich nach anderen zu richten! Schluss mit Lustig! Irgendwann nervt eben auch die besten Zuhörer*innen die Frikadelle am Ohr. Irgendwann kann auch die Meinungsfreiheit den verzapften Unsinn nicht mehr rechtfertigen. Irgendwann ist unsere Geduld am Ende und dann ist Verleugnung die Ultimatio Ratio des lebensklugen Menschen: sich zu empfehlen anstatt dem anderen ins Gesicht zu springen. Die Biege machen, die Kurve kriegen, bevor es hässlich wird im Umgang mit Menschen.

Viel drin in diesem Absatz, reicht vermutlich schon für ein Menschenleben im Umgang mit Menschen.

2. Stoff zum weiteren Nachdenken

Indem ich aber von jener Kunst des Umgangs rede, die uns leiten muss, bei unserem Umgange mit Menschen aller Gattung, so will ich nicht etwa ein Komplementierbuch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehen, die ich gesammelt habe, während einer nicht zu kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben lassen und oft in der Stille beobachtet habe. – Kein vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.

Nichts Statisches: Der Umgang mit Menschen

Ein wunderbares Beispiel dafür, dass Adolph Freiherr Knigges den Umgang mit Menschen als ein dynamisches Phänomen betrachtet hat. Nicht als statisches, dass zwischen zwei Buchdeckel eines Komnplementierbuches passt. Kein Fettnapfregister sondern die Ermutigung in jedem Aufeinandertreffen mit Menschen die Chance zu sehen und zu nutzen, um die Begegnung gelingen zu lassen. Umhertreiben lassen sollen wir uns, keine Regeln auswendiglernen oder gar andere auf Ihre Etikette-Fehler mit erhobenem Zeigefinger aufmerksam machen. So gilt selbstverständlich noch immer Ladies first, aber jemanden vor versammelter Mannschaft darauf hinzuweisen überzeugt von weitaus größerer Ungehobeltheit als versehentlich zuerst den Mann zu begrüßen.

Niemanden vor die Stirn stossen, aber Flagge zeigen

Umhertreiben und in Stille beobachten, so wird es etwas im Umgang mit unseren Mitmenschen. Nicht nur unter unseres Gleichen sondern quer durch alle Schichten, Hautfarben, sexuelle Orientierungen, Parteibücher. Von 0-99, von biodeutsch bis Migrationshintergrund. Sollen wir in offene Arme rennen, andere in den Arm nehmen ohne ihnen auf die Pelle zu rücken. Niemanden vor den Kopf stossen, aber Flagge zeigen, wenn das gute Miteinander auf dem Spiel steht, ohne Ansehen der Person. Blut mag dicker als Wasser sein, aber Arschgeigen bleiben Arschgeigen, auch wenn sie der eigenen Posse, der eigenen Familie, Clan oder sonstigen „Wir gegen die“ – Gebilden angehören, Bro‘!

Gelingen lassen

Eine Kunst, die uns leiten soll, wo immer wir auch gehen, stehen oder liegen. Kunst soll von Können kommen. Im Umgang mit Menschen heisst Können, dazu beitragen, dass es gelingt. Eine Kunst, die es weiter zu verfeinern gilt und die sich oft erst in der konkreten Begegnung zeigt. Daher der Hinweis Adolph Freiherr Knigges, kein vollständiges System sondern lediglich Bruchstücke und Stoff zum weiteren Nachdenken mitgebracht zu haben. Was anderes können Empfehlungen zum Umgang mit Menschen auch gar nicht sein. Als guter Stoff zum Nachdenken, Mitdenken und Nacheifern.

3. Von der Schwierigkeit auf alle gleich vorteilhaft zu wirken

Die zuvorkommende Höflichkeit und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft polierten Rheinländers würde man in manchen Städten von Niedersachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten! Man glaubt da, ein Mann, der so äußerst untertänig und nachgiebig ist, müsse gefährliche und niedrige Absichten haben oder müsse falsch oder sehr arm und hilfsbedürftig sein, und oft ist dort ein wenig zu weit getriebene äußere Höflichkeit hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen wird aber auch der nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, sondern ernsthaftere Niedersachse, der bei der ersten Bekanntschaft nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen schüchternen Menschen ohne Lebensart, ohne Welt angesehn werden. Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen, das erfordert Studium und Kunst.

Erdverwachsene Niedersachsen und polierte Rheinländer

Als erdverwachsener Niedersachse, der lange bei den durch französische Nachbarschaft polierten Rheinländern gelebt hat, muss sich immer wieder über den Absatz in Knigges Buch zu den regionalen Unterschieden in Deutschland schmunzeln. Viel scheint sich nicht verändert zu haben, seit dem 18. Jahrhundert. Auch wenn wir die gleiche oder zumindest eine ähnliche Sprache sprechen, können Verhaltensweisen und deren Interpretationen sich erheblich unterscheiden. Was den Rheinländern als höflich erscheint, macht uns Niedersachsen skeptisch, und wenn Bayern auf Hamburger treffen bleibt offen, ob man sich überhaupt versteht. Die einen sind den anderen zu jovial, die anderen den einen zu steif. Zu schnell, zu langsam. Zu zurückhaltend, zu unverschämt. Oberflächlich! Unzugänglich! Schnodderschnauze, Stock verschluckt, zum Lachen im Keller, Karneval das ganze Jahr. Zu laut, zu leise! So sind sie halt die Sachsen, Bayern, Schwaben, Franken und Ostfriesen.

Auf Deutschlandreise

Die Urteile über andere sind vielfältig, die Klischees sowieso und in jedem Vorurteil wohnt ein Körnchen Wahrheit. Vielleicht. Was wir aber auf jeden Fall festhalten können: Es gibt unterschiedliche Mentalitäten. Was wir auch festhalten können: Wir glauben fest daran, dass unsere Mentalität keine unter vielen ist sondern die Art, wie Menschen nun einmal miteinander umgehen (sollten). Weniger sollen, mehr wollen, das wünsche ich mir. Ich habe da gut reden, weil ich viel unterwegs bin Deutschland, weil ich das Privileg geniesse so viele unterschiedliche Menschen und ihre Mentalitäten kennenlernen zu dürfen. Und mich bereichern und irritieren zu lassen. Deutschlandreise habe ich schon als Kind gerne gespielt. Jetzt mache ich sie!

4. When too perfect lieber Gott böse

Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu großen Inkonsequenzen; ich übereilte alles, tat immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Torheit beging oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab mich zu unvorsichtig hin und schadete mir dadurch; alsdann nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden; mein Betragen wurde gekünstelt, und nun trauten mir die Bessern nicht; ich war zu geschmeidig und verlor dadurch äußere Achtung und innere Würde, Selbständigkeit und Ansehn.

Sich seiner selbst bewusst

Einsicht ist keine Besserung, aber beste Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändert. Einsichten über das eigene Ich oder das, was man dafür hält, zu gewinnen ist die Königsdisziplin der Einsichtnahme. Selbstreflexion rules. Ich mag diesen Absatz so gerne, weil sich da jemand sehr intensiv mit sich selbst beschäftigt und Einsichten darüber gewonnen hat, wie er sich verhalten hat und zu welchen Konsequenzen das führte. Ich mag es sehr, wenn Menschen, die anderen Ratschläge geben, wissen wovon sie sprechen. Lernen am lebenden Subjekt. Das Perfekte ist nun einmal leichter gedacht als gemacht.

Kunstvolle Natürlichkeit

Das Unfertige und Unvollkommene ist Regel nicht Ausnahme. Menschen, die schon einmal das Gefühl hatten gescheitert zu sein höre ich lieber zu als denen, die mir ihre eigene Heldensaga um die Ohren hauen. Zu geschmeidig ist gekünstelt, zu offen zu viel des Guten. Es ist wie es ist: Der gelungene Umgang mit Menschen findet das richtige Maß in der Mitte und nicht an den Rändern. „Kunstvolle Natürlichkeit“ nennt das Adolph Freiherr Knigge an anderer Stelle und wünscht uns die Kultur als zweite aber nicht als einzige Natur.

5. Tue, was Du tun sollst

Sei aber nicht gar zu sehr ein Sklave der Meinungen andrer von Dir! Sei selbständig! Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn Du tust, was du sollst? Und was ist Deine ganze Garderobe von äußern Tugenden wert, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften Staat damit zu machen?

Nobody should be a slave

Nach den Neigungen, Einsichten und Temperamenten seiner Mitmenschen soll man sich richten, aber nicht um der Neigungen, Einsichten und Temperamente willen und auch nicht um das Urteil seiner Mitmenschen willen. Weil Gefallsucht keine Tugend sondern Ausdruck eines Egos ist, das Alles tun würde, um Anerkennung zu bekommen. Doch Alles kann man nicht sollen. Sollen kann man nur Bestimmtes. Und Sklave soll niemand sein, nicht von den Meinungen anderer und schon gar nicht von deren Willkür. Was aber meint Adolph Freiherr Knigge dann mit dem niedrigen Herz, dem darüber hängenden Flitterputz und damit, das einem am Ende die ganze Welt mal gerne haben kann, wenn man nur das tut, was man soll?

Ich halte keine Türen mehr auf!

Ich bin meiner damaligen Nachbarin sehr dankbar, dass ich meine verstanden zu haben, was Adolph Freiherr Knigge mit dem „Tue, was Du tun sollst!“ meint. Wissen Sie was Herr Knigge, ich halte ab heute niemandem mehr die Türe auf. Gestern wurde mir eine Tür vor der Nase zugeschlagen und heute hat sich niemand bedankt als ich die Türe aufhielt! Ich kann auch anders! Das wusste ich mit dem Anderskönnen. She got a temper! Sich nicht zum Sklaven anderer machen, dass heisst: Die Oberhand über die eigenen Affekte zu gewinnen, sich nicht über die Unaufmerksamen ärgern und schon gar nicht den Schluss daraus ziehen, Schluss zu machen mit den Aufmerksamkeiten. Wir könnten auch anders!

Der Olli-Kahn-Approach

Frei nach Olli Kahn: „Immer weiter machen“, das heisst zu tun, was man tun soll. Wie der englische Missionar, der bevor er in den Kochtopf der Kannibalen steigt, seine Schuhe parallel nebeneinander stellt und sein Hemd auf den Unterarm seines Henkers hängt, so halten wir Türen so lange auf, wie wir es für richtig halten, unseren Mitmenschen die Türe aufzuhalten, ob die sich bedanken oder nicht, ob die uns die nächste Türe vor der Nase zuschlagen. Und wenn wir die letzten Höflichen unter Unhöflichen auf dieser Erde sind: wir werden nicht aufhören an die Höflichkeit zu glauben. Das gelingt nach meiner Erfahrung im übrigen dann am Besten, wenn wir auch eigene Unhöflichkeiten für möglich halten und auch unsere eigene Garderobe von äusseren Tugenden bisweilen des Flitterputzes verdächtigen.

6. Alles Ehrenhafte ist nützlich

Es ist kein eigentlicher Unterschied unter dem, was wahrhaftig klug, weise und tugendhaft handeln heißt. Ob eine Handlung gut, schön, anständig sei oder nicht, das kann nur nach der Nützlichkeit einer Handlung beurteilt werden, und nützlich ist nichts, was nicht edel ist. Es gibt keine Moral, als die uns lehrt, was wir uns und anderen schuldig sind, und keine praktische Weisheit, als die uns tun heißt, was gut ist. Gut sein heißt, weise, heißt, klug sein; den Liste und Ränke sind Torheit.

Lieblingsfußnote

Meine Lieblingsfussnote in Über den Umgang mit Menschen. Adolph Freiherr Knigge reagiert in dieser auf einen Rezensenten der Allgemeinen Literaturzeitung, der den moralischen Wert seines Buches in Zweifel gezogen hatte, weil man die Empfehlungen Knigges auch für die amoralische Durchsetzung der eigenen Interessen nutzen könne. Auch auf Kosten anderer. Ich fand es immer spannend zu lesen, wie schwer sich Adolph Freiherr Knigge mit diesem Einwand tut. Wie unverbrüchlich bei ihm Nutzen und Moral noch zusammengehören, das eine nicht ohne das andere zu denken ist. Ein Nutzen, der nicht auf Moral, Ethik und Pflicht beruhe, was bitte soll das denn sein?

Knigge für die Karriere?

Heute ist uns diese Trennung weitaus mehr vertraut. Die meisten Knigge-Ratgeber versprechen mehr Erfolg und große Sprünge auf der gesellschaftlichen oder beruflichen Karriereleiter, wenn sich die Leser nur an die Ratgeber-Regeln halten. Mit welchem moralischen Ethos sie dabei ihr Handeln verknüpfen bleibt meist unbehandelt, und so führen sich manche auch auf. Nicht die Manieren zu beherrschen ist das Wesen der Manieren, sondern ihr Tun in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Sie lediglich als Instrumente des eigenen Fortkommens zu betrachten und einzusetzen zeugt von Vulgarität, wie es einmal Asfa-Wossen Asserate in seinem großartigen Buch Manieren ebenso großartig auf den Punkt brachte.

Vulgär bis auf die Knochen

„Unverschämtheit tönt das gesamte Auftreten und Verhalten und Hervorbringungen des vulgären Menschen. Gar nicht so selten kennt er sich in den Manieren gut aus, aber er verwendet sie nur dazu, sich einen interessanten Auftritt zu verschaffen und anderen Leuten Peinlichkeiten zu bereiten. Seine Höflichkeiten sind durch seine Kälte verdorben und durch seine Verachtung für alles, was nicht seinen Vorteil betrifft, vergiftet. Wenn er vor einer Dame aufsteht, hat das beinahe etwas Anzügliches, wenn er etwas Freundliches sagt, klingt es fatal. Die Vulgarität durchdringt den Menschen bis auf die Knochen – wer vulgär ist, ist immer und ganz und gar vulgär.

Alles Ehrenhafte ist nützlich., das wusste schon Cicero. Vor allen Dingen, wenn man nicht auf den Nutzen zielt, möchte ich ergänzen, geht die Gleichung Ehrenhaftigkeit = Nützlichkeit auf.

7. Interessiere Dich für andere

Interessiere Dich für andere, wenn Du willst, daß andre sich für Dich interessieren sollen! Wer unteilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach fremden Beistande sehnt.

Wie ich Dir, so Du mir?

Apropos Gleichung: Guter Umgang ist immer Beziehung. Will man die Ideen von Adolph Freiherr Knigge in eine Formel übertragen, eine Regel identifizieren, die ein gelungenes Miteinander wahrscheinlich machen, dann würde ich auf die spieltheoretische Figur Tit-fot-Tat zurückgreifen. Tit-for-Tat heisst: Wie-Du-mir-so-ich-Dir. Was ein wenig irreführend ist, weil die Strategie eher der Logik Wie-ich-Dir-so-Du-mir also Tat-for-Tit folgt, ihrem Wert jedoch keinen Abbruch tut, aber sie passiver erscheinen lässt als sie ist. Wie-ich-Dir-so-Du-mirist eine aktive und weniger eine reaktive Strategie. Weil Sie einem rät, freundlich in jede Spielrunde zu gehen und solange freundlich bleibt, bis der Mitspieler unfreundlich wird. Dann wird Unfreundlichkeit mit Unfreundlichkeit beantwortet so lange bis der andere wieder zur Freundlichkeit zurückkehrt. Nicht nachtragend sein sondern versöhnlich und nicht heute HÜ und morgen HOTT. Dann klappt’s auch mit den Mitmenschen.

Auf die wehrhafte Freundlichkeit!

Sagen die spielenden Ökonomen aus dem Labor. Und so könnten wir es im echten Leben spielen: Freundlich eröffnen, sich zu wehren wissen, eine klare Haltung an den Tag legen, und versöhnlich sein, wenn die anderen ihre schlechte Laune überwunden haben. Wenn das nur so einfach wäre! Der Haken: Was im Labor klappt, wo Freundlichkeit und Unfreundlichkeit sich mit Zahlen ausdrücken lassen, muss im echten Leben noch lange nicht klappen. Denn nicht immer sind wir so freundlich wie wir meinen und nicht immer die anderen so unfreundlich wie wir meinen. Nicht jeder souverän genug, sich versöhnen zu wollen, und niemand so klar in der Birne, seine freundlich-wehrhafte Strategie kontinuierlich beizubehalten. So künstlich intelligent sind wir noch nicht. So viel Labor haben wir noch nicht, eher ganz schön viel aus dem Leben gegriffen: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Au Backe.

8. Es gibt wenig Dinge in der Welt, die nicht zwei Seiten haben

Sei vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in der Welt, de nicht zwei Seiten haben. Vorurteile verdunkeln oft die Augen selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich gänzlich an eines andern Stelle zu denken.

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners

Neben der Lektüre des berühmtesten Buches Adolph Freiherr Knigge „Über den Umgang mit Menschen“ hat mich am meisten die Idee des sogenannten radikalen Konstruktivismus fasziniert, der davon ausgeht, dass jeder von uns Wirklichkeit zum größten Teil erfindet. „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ heisst folgerichtig ein programmatisches Werk dieser Denkrichtung. Der wohl bekannteste Vertreter des radikalen Konstruktivismus ist Paul Watzlawick, der mit seinem Buch Die Anleitung zum Unglücklichsein ein zeitloses Referenzwerk verfasste. Mein Lieblingsdenker ist der Kybernetiker und Physiker Heinz von Foerster, der selbst der Physik eine Höchstmaß an Erfindergeist attestiert. Wenn wir aber schon in der vermeintlich objektiven Naturwissenschaft Physik so erfindungsfreudig sind, dann sind wir es im Zwischenmenschlichen möglicherweise umso mehr.

Wir sind Erfinder

Und tatsächlich erfinden wir doch was das Zeug hält, um uns die Unwuchten und Herausforderungen im Umgang mit Menschen zu erklären. Mit Ungewissheiten und Missverständnissen finden wir uns nicht ab. Passt uns das Verhalten anderer nicht, haben wir stets eine Erklärung bei der Hand: Arroganz, mangelnde Empathie, keine gute Kinderstube oder Mobbing. Die Teilchen in der Physik erlauben es uns, Lücken in unserem naturwissenschaftlichem Erklärungssystem zu füllen. Die Teilchen in der Kommunikation, wie bspw. Arroganz oder mangelnde Empathie ermöglichen uns ebenfalls Gewissheit. Sie erklären die Probleme, die wir mit unseren Mitmenschen haben. Sie gaukeln uns eine Realität vor, ohne andere Realitäten auch nur in Erwägung zu ziehen.

Über den radikalen Konstruktivismus lässt sich vortrefflich streiten. Das mache ich auch oft und gerne. Worüber ich mich nicht streite, ist die Relevanz der ERFINDUNG für das Zwischenmenschliche. Im Guten wie im Schlechten. Die halte ich für so grundsätzlich wie Paul Watzlawick seine 5 Axiome zur Kommunikation.

Lasst uns wohlwollende Erfinder sein

Wir erfinden, was das Zeug hält. Wir setzen Wahrheit und Gewissheiten, so dünn das Eis, so tönern die Füße unserer Behauptungen, Urteile und Maßnahmenkataloge auch sein mögen. Die Gewissheit der Ungewissheit, das ist nicht so unser Ding. ISSO. Schade eigentlich: Wenn wir uns die Welt so malen würden, dass sie uns gefällt, das würde vieles vereinfachen. Wenn wir wohlwollende Erfinder sein würden, die anderen was zu Gute halten anstatt ihnen aus allen einen Strick zu drehen, wenn unser Ego groß genug wäre, um an der eigenen Kleinheit nicht zu leiden. Wenn es uns nicht darum ginge, wie etwas ist, sondern dass es gelingt. Wäre doch mega. Meine Meinung.

9. Mische Dich unter die unterschiedlichsten Menschen und lerne

Übrigens aber rate ich auch an, um seiner selbst und um andrer willen ja nicht zu glauben, es sei irgendeine Gesellschaft so ganz schlecht, das Gespräch irgendeines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht daraus irgend etwas lernen, irgendeine neue Erfahrung, irgendeinen Stoff zum Nachdenken sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine Kultur fordern, sondern gesunden Hausverstand und geraden Sinn begünstigen, vorziehn und reden und wirken lassen, sich auch unter Menschen von allerlei Ständen mischen; so lernt man zugleich nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen erfordert werden.

Keinen Fuß breit dem Dünkel

Dünkel, das war Adolph Freiherr Knigges Sache nicht. Sich als etwas Besseres fühlen, sich über andere erheben? Pfui Spinne! Im Zweifel lieber gerader Hausverstand als feine Kultur. Bodenständiges und Handfestes waren dem Anhänger der französischen Revolution kein Dorn im Auge sondern willkommene Abwechslung von den Ränkespielen am Hofe. Die Begegnung mit Menschen das faszinierte den Vollwaisen, der früh auf eigenen Beinen stehen musste. Der statt Müssiggang arbeiten musste, um sein Auskommen zu haben.

Augen und Ohren auf, Mund zu!

Geh raus, unter die Leute, spiel‘ mit den Schmuddelkindern, geh in die Pommesbude, ins Stadion, schau hin, nicht weg, geh raus, bleib lange weg, lass Dich treiben, auch mal gehen. Schaue nicht auf die herab, die das Leben, das sie mit ihren Möglichkeiten meistern, nicht so geküsst wie Dich. Mach nicht zu sondern auf, weil zwar kein Geld, aber viel Weisheit auf der Straße liegt. Geh lieber in die Knie als von oben herab. Mache Dich gemein, hör zu, Deine Geschichten kennst Du doch. Tausend schöne Sachen, die gibt es überall zu sehen, manchmal muss man da sein, um sie zu verstehen. Augen und Ohren auf, Mund zu und wirken lassen. Und nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen erfordert werden.

Ich bin Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd, wusste der römische Komödiendichter Terenz. Man muss das Menschliche schon mögen, wenn man mit Menschen umgehen will, meine ich zu wissen.

10.Mache Dich und andere glücklich

Überhaupt rate ich, um glücklich zu leben und andre glücklich zu machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.

Erwartungen so weit das Auge reicht!

Das sollte doch selbstverständlich sein! Das geht gar nicht! Das ist einfach so! Das wird man wohl noch sagen dürfen! Und schliesslich: Das ist doch nicht zu viel verlangt!. Wir streiten täglich mit der Wirklichkeit und verlieren in schlechter Regelmäßigkeit. Was uns nicht davon abhält unserer Erwartungen aufrecht zu erhalten und aufs Neue enttäuscht zu werden. Vielleicht mal anders drauf schauen: Nichts ist selbstverständlich! Alles geht, alles ist anders und sagen können wir vieles, weil alles zu viel erwartet ist, Ihr Unglücklichen! Sagt Adolph Freiherr Knigge und rät, unsere Erwartungen good bye zu sagen, wenn wir dieser Welt glücklich leben und andere glücklich machen wollen.

Das Recht auf einen Tritt-in-den-Hintern

Alles ist Beziehung und wer erwartet und fordert, der macht sich und andere unglücklich. Wer sich ständig berechtigt fühlt, der kämpft gegen Windmühlen, obwohl er weiß, dass er allenfalls das Recht auf einen Tritt in seinen Hintern besitzt. (Asfa-Wossen Asserate) Wenn wir schon fordern und erwarten, dann am besten von denen, die am längsten Hebel der Veränderung sitzen: uns selbst! So merken wir auch am Besten, wie mühsam Erwartungen sind und wie schnell aus Forderungen Überforderung wird. Wehret dem Burn-out. Dem eigenen und dem der anderen. Das Leben ist zu kurz, um es zum Fegefeuer zu machen. Glück kann man nicht erwarten oder fordern. Glück hat seinen eigenen Kopf. Zum Glück!

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