Frohen Botschaften sollte man lauschen. Finde ich. Weil sie uns in unserem Menschsein als Ganzes ansprechen. Wer sich nicht mit Religion beschäftigt, der verzichtet im Umgang mit Menschen auf eine wichtige Fähigkeit: Die Kunst des Brückenbauens. Ganz ohne Worte.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Und so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern, so soll man vorzüglich acht haben, in Gegenwart eines Geistlichen nie ein Wort fallen zu lassen, das übel ausgelegt … werden könnte. Doch dünkt mich, man vermeide heutzutage oft zu vorsetzlich alle Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme für Gottesverehrung zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden …“

Über den Umgang mit Menschen, III, 4, 1; I, 1, 42

Mit Kirche nichts am Hut, aber kirchlich heiraten?

Zwei, die sich zum Christentum nicht weiter hingezogen fühlten, hatten sich für eine kirchliche Trauung entschieden, waren vom Pfarrer zum obligatorischen Traugespräch geladen worden, waren auch hingegangen – und beschwerten sich anschließend bitterlich über den Mann: „Was nimmt der sich heraus? Wir haben von vornherein klar gemacht, daß wir mit Kirche nichts am Hut haben, und der redet von Gott, als wolle er uns bekehren!“ „Wer ein christliches Ritual in Anspruch nimmt“, gab ich zu bedenken, „sollte wissen, was es bedeutet. Was der tiefere Sinn der Sache ist.“ Aber damit kam ich nicht durch. „Wir haben doch mit offenen Karten gespielt“, wurde mir entrüstet entgegengehalten. „Dem Mann war bekannt, daß uns der Glaube nicht interessiert. Daß es uns um die Atmosphäre geht – und weiter nichts!“

Nun, so einfach ist es eben doch nicht, und ich finde, die beiden konnten von Glück sagen, daß der Pfarrer nicht ebenfalls mit offenen Karten gespielt hatte. Sonst hätte er ihnen vielleicht seinerseits klar gemacht, daß er sich für sinnentleerte Rituale zu schade sei und die Kirche kein Dienstleistungsunternehmen für Leute, die es zur Abwechslung nach einer Dosis Übersinnliches verlangt. Er hätte sie auch einfach daran erinnern können, daß man zumindest die Bereitschaft zum Zuhören mitbringen sollte, wenn man von der Kirche eine Leistung fordert, als hätte man ein persönliches Anrecht darauf. Aufschlußreich an dieser Geschichte ist immerhin die Berührungsangst der beiden Heiratskandidaten – warum fanden sie die Worte des Pfarrers denn so empörend? Nicht deshalb, vermute ich, weil sie die Botschaft der Kirche ablehnen – dazu könnte man gelassen stehen, das ist das gute Recht eines jeden –, sondern weil sie außer einem diffusen Gefühl peinlichen Berührtseins dem Pfarrer nichts entgegenzusetzen hatten, was einer begründeten Überzeugung nahe gekommen wäre. Weil sie ihre Ablehnung wahrscheinlich nicht einmal vor sich selbst hätten begründen können. Mit anderen Worten: Der Pfarrer wird sie auf ihre Unernsthaftigkeit aufmerksam gemacht haben, und nicht nur das. Für einen Moment dürfte ihnen auch bewußt geworden sein, daß es nicht ganz lauter ist, die Form wie selbstverständlich für sich zu reklamieren, wenn man den Inhalt kategorisch ablehnt.

Herr Jesus oder kleiner Prinz?

Mir ist klar, daß sich die Vorstellung eingebürgert hat, die Kirche sei eine Art Event-Agentur und immer dann von Nutzen, wenn man seinem Dasein ein spirituelles Sahnehäubchen aufsetzen möchte. Wir sollten uns aber dennoch fragen, ob wir an eine religiöse Institution mit derselben Konsumentenmentalität herangehen dürfen wie an ein Supermarktangebot: So billig wie möglich drankommen, ja nicht den vollen Preis zahlen. Ganz abgesehen davon, daß die Kirche ihr Angebot nur solange aufrechterhalten kann, wie es noch Menschen gibt, die den vollen Preis zahlen, nämlich die Botschaft des Christentums ernst nehmen und an Gott glauben. Wenn erst einmal niemand mehr auf den Inhalt des christlichen Glaubens Wert legt, dann wird der Standesbeamte mit seinem Auszug aus dem „Kleinen Prinzen“ für Heiratskandidaten jedenfalls sehr bald den Gipfel des Übersinnlichen darstellen. Ich möchte deshalb für den Umgang mit Kirchenleuten folgendes zu bedenken geben:

Die Kirche bezieht ihre Faszination, die sie offenbar auch für viele Atheisten besitzt, aus der Tatsache, daß sie eine Gegenwelt darstellt, in der die profanen Regeln des Produzierens, Konsumierens und Konkurrierens, der Leistungsteigerung und Profitmaximierung nicht gelten. Sie rutscht in die alltägliche Banalität ab, wenn wir Gott für einen Markenartikel halten, den die Kirche im Angebot hat, in der Heiligkeit vielleicht ein Markenzeichen sehen und Gläubige womöglich als Abnehmer oder Stammkundschaft verstehen.

Das Christentum als kultureller Cornerstone

Der christliche Glaube unterscheidet sich von allen anderen Religionen (denen die Verächter des Christentums erstaunlicherweise nicht selten mit größter Aufgeschlossenheit begegnen) dadurch, daß er die europäische Kultur mehr als ein Jahrtausend lang geprägt hat, tiefer als jedes andere religiöse oder philosophische Gedankengut. Das gesamte Gerüst unserer politischen Überzeugungen mit seinen Eckpfeilern Gerechtigkeit, individuelle Freiheit und Gleichheit aller Menschen beruht auf der Vorarbeit christlicher Denker. Und ohne Kenntnis der biblischen Texte ist allenfalls ein sehr oberflächliches Verständnis dessen möglich, was Europa an Kunst und Literatur, aber eben auch an politischen und gesellschaftlichen Ideen hervorgebracht hat. Privatsache ist Religion also auch in unserer säkularisierten Welt nur insoweit, als es jedem freisteht, sich für oder gegen eine Religion bzw. Konfession zu entscheiden. Als Nährboden unserer Kultur aber ist Religion nach wie vor von größtem öffentlichen Interesse.

Privatsache oder öffentliches Interesse?

Weltanschauliche Neutralität, wie sie vom modernen Staat erwartet wird, kann nicht bedeuten, daß sich Religionen und Weltanschauungen nicht mehr öffentlich bemerkbar machen dürften, daß sie alle zur selben Unauffälligkeit verurteilt wären. Neutralität oder Toleranz kann nur heißen, daß der Staat keine Religionsgemeinschaft bevorzugt und keine benachteiligt – und der einzelne sich im übrigen zu seiner Religion nach Herzenslust bekennen darf, solange er andere Religionen nicht verunglimpft. Es ist auch nicht einzusehen, wieso sich ein offizieller Atheismus befruchtender auf die Diskussion der öffentlichen Angelegenheiten auswirken sollte als eine Berücksichtigung religiös fundierter Standpunkte.

Mir leuchtet ein, daß der gemarterte Leib des Gekreuzigten in einer Zeit, die sich den Körper als Glücksorgan ausersehen hat, skandalös wirken muß – tatsächlich spottet das Christentum mit seiner Geringschätzung des Körperlichen dem Körperkult der Wohlfühlideologie unserer Tage. Mir erscheint es aber als Heuchelei, wenn Eltern ihren Kinder einerseits Videospiele erlauben, in denen nach Kräften geballert wird, und Fernsehfilme durchgehen lassen, die mit jeder Art von Gewalt bekannt machen, andererseits aber gegen das Kruzifix protestieren, weil es sich um eine Gewaltdarstellung handele, die Kinderseelen nicht zuzumuten sei. Hier scheint mir doch eher die Neigung vorzuliegen, religiöse Symbole generell als Provokation zu empfinden, also eine Form atheistischer Intoleranz.

Besser das Original

Es gibt, heute wie in der Vergangenheit, ein weitverbreitetes Bedürfnis, seinem Leben eine über die nackte Existenz hinausgehende Bedeutung zu verleihen, es gewissermaßen einer höheren Dimension einzuverleiben. Dieses Bedürfnis sprechen moderne Glücksgurus an, wenn sie ihre „Wahrheiten“ im Ton von Hohepriestern verkünden und ihr begeistertes Publikum mit Sätzen wie „Fanatisch müßt ihr sein!“ aufpeitschen, oder Firmenleitungen, die ihre Belegschaften mit missionarischem Eifer auf das eigene Produkt einschwören und ihren Mitarbeitern im Stil von Fernsehpredigern einbleuen, ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen, ihr erster Gedanke nach dem Aufwachen habe einer bestimmten Limonade, einem bestimmten Lakritz zu gelten. Sollte uns diese abgeschmackte Entfesselung religiöser Energien wirklich akzeptabler erscheinen als die Richtung, die das Christentum ihnen gibt?

Wie zeitgemäß das Christentum ist, zeigt sich im übrigen daran, daß immer mehr Menschen die Möglichkeit wahrnehmen, ins Kloster zu gehen – nicht für immer, aber für Tage oder Wochen. Vor allem Menschen, die großem Streß ausgesetzt sind, Manager und Lehrer etwa, ziehen sich vorübergehend hinter Klostermauern zurück; manche werden sogar Mönch auf Zeit, legen ihre Straßenkleidung ab, streifen die Mönchskutte über, lassen sich in den strengen Ritus des Klosterlebens einbinden und empfinden dieses Leben, das nach völlig anderen Gesetzen verläuft, als ausgesprochen befreiend. Wie jede Religion bietet nämlich auch das Christentum die einzigartige Chance, auf Abstand zu sich selbst, seinen eingefahrenen Lebens- und Denkgewohnheiten, seinen eingebildeten oder tatsächlichen Zwängen zu gehen und sich auf das zu besinnen, was wichtiger als der herrschende ökonomische Wahnsinn sein könnte, mit anderen Worten: doch noch einmal über den Sinn des Ganzen nachzudenken.

Vom Wert des Heiligen in säkularen Zeiten

Und schließlich erscheint es mir unklug, vom Begriff des Heiligen Abschied zu nehmen, den in unserer Kultur die Kirchen verteidigen. Denn das Heilige erinnert jede Zivilisation an ihre Verantwortung gegenüber der Schöpfung, es markiert das Tabu, die Grenze, an der das Recht des Menschen endet, sich hemmungslos auszutoben. In der Öko-Bewegung begegnen wir einer Erinnerung daran, daß es etwas geben muß, das den zerstörerischen Kräften der Zivilisation Einhalt gebieten kann. Der italienische Humanist Pontanus (1426–1503) hat diese begrenzende Kraft als „Gemeinschaftssinn für alles Lebendige“ bezeichnet, und der Theologe und Arzt Albert Schweitzer (1875–1965) sprach von der „Ehrfurcht vor allem Lebenden“, um seinem Empfinden für die Majestät der Schöpfung, das Unantastbare, eben das Heilige Audruck zu verleihen. In jedem Fall schlägt sich im Begriff des Heiligen eine durch und durch religiöse Erfahrung nieder.

Vielleicht gibt es ja doch gute Gründe, das Christentum nicht für eine peinliche Entgleisung der europäischen Geschichte zu halten. Aber gleichgültig, wie wir darüber denken, sollten wir die Glaubensüberzeugungen eines anderen achten und uns den Heiligtümern welcher Religion auch immer, sei es Kirche, Kloster oder Tempel, wenn nicht mit Ehrfurcht, so doch mit Respekt nähern. Sie alle sind sakrale Räume, in denen zum Beispiel bestimmte Bekleidungsvorschriften gelten – hier endet dann die Freiheit des einzelnen, aufzutreten, wie es ihm beliebt, und ich habe größtes Verständnis für die Domverwaltung von Florenz, die alle unziemlich gekleideten Besucher in blaue Plastikmüllsäcke steckt. Diese Müllsäcke werden am Eingang des Doms für jeden eigens zugeschnitten, und man ahnt gar nicht, wie viele der leichtbekleideten Besucher von einem Angebot Gebrauch machen, das ursprünglich gewiß als Abschreckung oder Beschämung gedankenloser Zeitgenossen gemeint gewesen war.

Ich finde, daß es niemanden ehrt, gegen Scham immun zu sein. Und ich meine, daß wir uns in religiösen Fragen nicht von der herrschenden Oberflächlichkeit anstecken lassen sollten. Nutzen wir vielmehr die Gelegenheit, uns über unsere eigenen Beweggründe, die Berechtigung unseres Widerwillens gegen das Christentum oder die Grundlagen unseres Glaubens klar zu werden – sei es beim Traugespräch mit dem Pfarrer, sei es in der Unterhaltung mit einem Mönch in der freien Zeit zwischen den Stundengebeten im Kloster. Auch wenn wir nicht mit ihren Ansichten übereinstimmen sollten – muß man sich gleich provoziert fühlen?

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Es gibt eine ängstliche Scheu davor, Fragen zu berühren, die das Christentum betreffen. Hat man sie aber einmal angeschnitten, macht man oft erstaunliche Erfahrungen – viele lassen sich nämlich gern aus ihrem liberalen Dornröschenschlaf aufwecken, und manche sind regelrecht dankbar dafür.“

Man kann zum Christentum stehen, wie man will, seine prägende Kraft auf unser kulturelles Selbstverständnis lässt sich nur schwer leugnen. Man kann die Antike als antiquarisches Überbleibsel einer längst vergessenen Zeit betrachten, übersieht dabei aber eine weitere wichtige Quelle unserer kulturellen Identität. Und da es die Mischung macht, gilt nicht umsonst die Renaissance als die Zeitenwende unseres Kulturkreises. Jenes Zeitalter, in dem Antike und Christentum miteinander verschmolzen und menschliche und göttliche Größe in den Meisterwerken von Michelangelo, Raffael, Palladio oder Leonardo da Vinci zum Ausdruck kam. Die Kultur gewann die Oberhand, die Erde wurde Untertan, die Natur zurechtgestutzt, wo immer es möglich war. Der Mensch lebte längst nicht mehr vom Brot allein.

Der Glaube an seine eigene Schaffenskraft ließ die Ebenbildlichkeit Gottes schrumpfen, und bald war der Mensch sich selbst und seinen tätigen Kräften genug. Seinem Wollen war bald alles unterworfen. Mit spitzer Feder wurde gerechnet, geschrieben und geplant. Der Kaufmann macht sich den Markt untertan, die Dichter das Wort, die Künstler die Farben und die Architekten die Steine. Die Natur und ihre Urwüchsigkeit wurden in Fesseln gelegt, die Temperamente der Vernunft unterworfen. Disziplin und Gehorsam züchtigten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, und die Bäume und Sträucher selbst wurden durch Gärtner und Landschaftsarchitekten so weit gezähmt, dass auch das letzte bisschen Natürlichkeit langsam verblich. Der englische Rasen wurde zu einem Teppich, auf dem kultivierte Menschen sich kultivierten Picknicks und Sportarten hingaben.

Das antik-christliche Menschenbild, nach dem der Mensch ein grober Klotz ist, der so lange zu schleifen sei, bis sich seine wahre Natur zeige, hatte gesiegt. Der Mensch als ewiger Gärtner, als Gestalter seiner selbst, die eigene Natur im Griff, alles Urwüchsige verbannt. Doch wie immer in der Menschheitsgeschichte, wenn das eine das andere zu stark zu beherrschen drohte, tönte alsbald ein neuer Ruf durch die zivilisierte Wüste. Denn als solche empfanden immer mehr Menschen die Verdrängung des Natürlichen aus ihrem Leben. Mit seinem Aufruf „Zurück zur Natur“ forderte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert ein neues Menschenbild. Ein Bild von uns, das zum Beispiel Sigmund Freud dazu anregte, unseren ins Unterbewusstsein gesperrten natürlichen Trieben auf die Spur zu kommen und die Generation der Achtundsechziger dazu ermunterte, den neuen, den freien und von Zwängen befreiten Menschen auszurufen.

Man braucht schon Regeln, keine Frage. Zu viel Kultur sollten wir jedem Einzelnen nicht zutrauen, zu viel Natur nicht durchgehen lassen. Zu viel Selbsterziehung überfordert, zu wenig aber auch. In der Regel sind wir weder Helden noch Barbaren. Eher irgendwas dazwischen. Und das sollten wir uns dann auch zutrauen.

Share This