Kennen Sie das? Sie wollen sich unterhalten, aber Ihnen steht ein Alleinunterhalter gegenüber? Sie fühlen sich zum Publikum degradiert. Weil die Entertainerqualitäten ihres Gegenüber weder mit Carolin Kebekus noch mit Dieter Nuhr mithalten können. Sie haben das dringende Bedürfnis das Weite zu suchen? Moritz Knigge hat sich Gedanken darüber gemacht, wie aus einem Monolog ein Dialog wird und wir ohne Frikadelle am Ohr unbeschadet Gespräche mit unseren Mitmenschen überstehen. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Interessiere Dich für andre, wenn Du willst, daß andre sich für Dich interessieren sollen!

 Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 16

Das Gespräch zu zweit – Der Dialog

Beim geselligen Gespräch im größeren Kreis überlagern sich die Temperamente und Charaktere, da kann man auch mal abschalten und sich zur Not hinter der Ansicht eines anderen verstecken. Das Zwiegespräch aber muß man gewissermaßen allein bestreiten, und wer es mit vielerlei Menschen zu tun hat, dem wird ein hohes Maß an Wandlungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Einfallsreichtum und Geistesgegenwart abverlangt. Ob Freund oder Kollege, Verwandter, Mitarbeiter, Geschäftspartner oder gänzlich Unbekannter, auf jeden muß man sich neu einstellen – und bringt trotzdem manchmal nur ein stockendes Gespräch, eine zähe Unterhaltung zuwege. Nun gibt es Menschen, die einen Stein zum Sprechen bringen können, und deren Geheimnis besteht nicht allein in ihrem angeborenen kommunikativen Talent. Sie verlassen sich auch auf eine Vielzahl von Regeln, die es erleichtern, ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben. Von dieser Art sind die folgenden Empfehlungen.

Acht Tipps für das gelungen Gespräch zu zweit

1. Auf den Anknüpfungspunkt kommen

 Jedes Gespräch beginnt mit einer Aufwärmphase – bei Bekannten ist sie kürzer, bei Fremden länger. Und den Auftakt sollten in jedem Fall Fragen wie diese bilden: Wie geht es? Was hast du erlebt? Wie ist es Ihnen da und da ergangen? Hatten Sie eine gute Reise? Wichtige Fragen, weil sie die Aufforderung enthalten, von sich zu erzählen – um dann möglicherweise auf ganz andere Dinge zu kommen –, und gleichzeitig vom ersten Moment an ein Klima persönlicher Anteilnahme schaffen. Mir jedenfalls ist es ausgesprochen angenehm, wenn man sich als erstes nach meinem Ergehen, meiner Arbeit erkundigt, und ich empfinde es als schroff, wenn mir als Person keinerlei Neugier entgegengebracht wird und die Leute gleich auf den Punkt kommen, der ihnen wichtig ist.

Manche überspringen diese Phase, weil sie eine Scheu vor Floskeln und konventionellen Wendungen haben. Es gibt in unserem Land eine Obsession des Authentischen – alles muß von Herzen kommen, alles einen persönlichen Anstrich haben, und wenn die passende Inspiration ausbleibt, verstummt man lieber. Das ist unklug, denn das Konventionelle ist ausgesprochen praktisch. Im Umgang mit Fremden stellt es eine vorläufige Nähe her, die einstweilen zu nichts als zu gegenseitigem Respekt verpflichtet. Und im Umgang mit Bekannten verleiht es der Liebenswürdigkeit einen Hauch Ehrerbietung. In jedem Fall kommen wir in der Aufwärmphase auf die konventionelle Art weiter als mit verkrampfter Spontaneität ­– wir müssen es ja nicht so weit wie Kaiser Franz Joseph I. treiben, der sich zeitlebens und bei jeder Gelegenheit mit dem Standardkommentar „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“ begnügte.

Hat man es mit jemandem zu tun, dem man bislang nicht begegnet ist, stellt man sich vor, erzählt etwas über sich, aber nicht zu ausführlich – es sei denn, man ist privat. In diesem Fall verläuft das gegenseitige Abtasten natürlich nach Lust, Laune und Temperament, aber selbst dann kommt man viel leichter ins Gespräch, wenn der andere bereits von uns gehört hat, durch einen gemeinsamen Freund etwa. Dann ist das Kennenlernen nämlich ein Wiedererkennen, man kann gleich etwas miteinander „anfangen“, und vom ersten Augenblick an ist eine Vertrautheit gegeben, die andernfalls mit größerem Aufwand erst hergestellt werden müßte. Ein Taktiker wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl wußte den Vorteil solcher Vorkenntnisse zu nutzen: Wann immer ein Treffen mit einem Staatsmann bevorstand, mit dem er es noch nie zu tun hatte, ließ er sich über dessen persönlichen Hintergrund, seine Kindheit und Jugend, seine Herkunft und Heimat ins Bild setzen, um im Moment der Begegnung über ein ansehnliches Repertoire an Anknüpfungspunkten zu verfügen.

Diesen Kunstgriff können wir auch anwenden – und wenn wir nur auf dem Weg zu einem Gesprächspartner die Augen offenhalten, Besonderheiten seiner Stadt, seiner näheren Umgebung oder seiner Straße registrieren. Das kann ein auffälliger Neubau sein, ein seltsamer Straßen- oder Ortsname, eine Ankündigung auf einer Plakatwand, ein merkwürdiges historisches Gebäude – irgendein konkretes Detail eben, das im engeren oder weiteren Sinne in seinen Lebensbereich fällt, sich deshalb als Anknüpfungspunkt eignet und obendrein beweist, daß unser Interesse nicht nur der Sache, sondern auch dem Menschen gilt. Im übrigen kann man, bevor das eigentliche Thema angeschnitten wird, die Fäden seines Gesprächs aus allem spinnen, was der Raum, in dem man sich aufhält, an Gegenständen mit einer persönlichen Note hergibt – sei es ein Kalender mit Seglermotiven, ein Urlaubsfoto, eine Trophäe oder auch ein bestimmter Geschmack, der sich durch die Einrichtung zieht. Jeder Beweis von Aufmerksamkeit ist ein Kompliment, das mit Entgegenkommen beantwortet wird. Schauen wir uns also zunächst um, diskret, aber gründlich, und legen wir uns wie Helmut Kohl einen Vorrat von Anknüpfungspunkten an, auf den wir auch dann zurückgreifen können, wenn das Gespräch später ins Stocken geraten sollte.

2. Im konventionellen Rahmen bleiben

In jedem Gespräch mit Unbekannten geht man zunächst stillschweigend von Gemeinsamkeiten aus, hält sich ans Allgemeingültige und vertritt gängige Ansichten, um ein Klima der Übereinstimmung zu schaffen. Auch hier ist es oft das Klügste, einfach im konventionellen Rahmen zu bleiben, anstatt sich partout etwas Persönliches oder Originelles abzuquälen. Auf keinen Fall sollte man eine Meinung des anderen sofort bestreiten – schließlich geht es in dieser Phase darum, sich gegenseitig, in der besten Absicht, in Sicherheit zu wiegen.

3. Zuhören

Im weiteren Gespräch – mit wem auch immer, bekannt oder unbekannt – sollten wir uns auch dann nicht mit einer passiven Rolle begnügen, wenn der andere zunächst das Thema bestimmt. Auf Dauer erwecken wir den Eindruck von Schwäche und Trägheit, wenn wir nicht irgendwann die Initiative ergreifen, eigene Themen aufwerfen oder eigene Gesichtspunkte ins Spiel bringen und auch mal die Gesprächsführung übernehmen. Und selbst wenn uns Bedenken beschleichen, wir eine Meinung nicht teilen, eine Idee für nicht durchführbar halten – keine voreilige Skepsis! Nicht als erstes Hindernisse und Probleme sehen! Ein Gespräch wird um so fruchtbarer ausfallen, je bereitwilliger wir zunächst den Gedankengängen unseres Gesprächspartners folgen, je beherzter wir auf seine Ideen aufspringen. Das wiederum setzt nicht zuletzt eine ganz besondere Fähigkeit voraus, nämlich: zuhören zu können!

Konzentriertes Zuhören ist eine so seltene Kunst, daß man dadurch beinahe stärker auffällt als durch rhetorische Meisterschaft. Menschen, die sich darauf verstehen, lassen den anderen spüren, daß sie seinen Worten Wert beimessen, und zwar ohne fortwährendes Kopfnicken, ermunternde Zwischenbemerkungen oder zustimmendes Grunzen, einfach, indem sie ruhig, entspannt und schweigend – zuhören. Kaum etwas beflügelt einen Redenden mehr als ein guter Zuhörer, einer, der dem anderen nicht in der ersten Atempause ins Wort fällt, ihm Zeit zum Nachdenken läßt und erst dann wieder das Wort ergreift, wenn der andere einen Gedankengang abgeschlossen hat. Darüber hinaus wird uneingeschränkte Aufmerksamkeit gern als eine subtile Form der Ehrerbietung aufgefaßt, die der Zuhörende der Klugheit, der Bildung oder Lebenserfahrung des Sprechenden erweist. Die beinahe magische Wirkung konzentrierten Zuhörens ist übrigens ein altbekanntes Phänomen – wie man der amüsierten Bemerkung meines Vorfahren entnehmen kann: „Ich habe den Ruf eines vernünftigen und witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher … ich nichts anderes getan hatte, als mit musterhaften Geduld vornehmen und halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein Fach zu bringen, wovon er gern redete.“ (I, 1, 9)

4. Unterhaltsam vortragen

Nebenbei gesagt darf man seine Freude und Lebensgefährten gelegentlich als Zuhörer „mißbrauchen“, wenn man nämlich Ladehemmung hat, also mit einer Sache, die einem im Kopf herumgeht, nicht weiterkommt, sich selbst in seine eigenen Gedanken verrennt und verstrickt, tagelang brütet und keine Klarheit gewinnt. Dann gibt es nur eins: jemandem die Sache vortragen. Unser Zuhörer braucht gar nicht zu antworten, nur zuhören muß er, und während wir noch sprechen stellen wir fest, wie sich unsere Gedanken sortieren und sich ein glasklarer Zusammenhang herstellt.

5. Fragen

Und dann: fragen! Zwischenfragen stellen, es genauer wissen wollen! Nicht den Anschein erwecken wollen, alles auf Anhieb verstanden zu haben! Zum Verständnis gehört das Mißverständnis – nur keine Angst davor! Mißverständnisse sind meist fruchtbar, wenn man sie bemerkt und zugibt und rechtzeitig klärt. Außerdem kann man ein Gespräch durch Zwischenfragen strukturieren, durch Nachfragen verlangsamen und durch Gegenfragen vorantreiben.

Fragen können aber auch als Herrschaftsinstrument eingesetzt werden. Höhergestellte oder Menschen mit Autorität pflegen Gespräche durch Fragen zu steuern, versuchen also eher, ihr Gegenüber zum Reden zu bringen als selbst Auskunft über sich zu erteilen. Schon ein leichtes Machtgefälle kann sich in dieser Rollenverteilung niederschlagen: Der Überlegene fragt, der Unterlegene antwortet. Ist uns diese Rollenverteilung nicht recht, dann sollten wir nicht gehorsam auf jede Frage des anderen eingehen – vor allem dann nicht, wenn sie ohne Rücksicht auf den gedanklichen Zusammenhang gestellt wird und eher dazu dient, uns aus dem Konzept zu bringen. Wer in dieser Situation eine Frage übergeht – oder seinerseits Fragen stellt –, meldet Anspruch auf Ebenbürtigkeit an und gibt damit zu verstehen, daß er die Beziehung auf eine neue Grundlage stellen möchte.

6. Der Befreiuungsschlag

Manchmal kann man alles richtig machen, und das Gespräch fährt sich dennoch fest. Sollte sich gar nichts mehr bewegen, sollte man schlichtweg nicht begreifen, worauf der andere hinaus will, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man versucht, die Gedankengänge des anderen in eigenen Worten zusammenzufassen und sagt: „Wenn ich richtig verstanden habe, sind Sie der Meinung …“ Oder aber man geht überhaupt nicht auf den anderen ein. Man ignoriert beherzt alles, was er von sich gegeben hat, und legt ohne Rücksicht auf das bisher Gesagte einfach dar, was man selbst will und meint, umreißt zusammenhängend die eigene Meinung zum Thema und setzt den möglicherweise konfusen Gedanken des anderen seine persönliche, hoffentlich präzisere Vorstellung entgegen. Das heißt: Man durchschlägt den Knoten – und wird feststellen, daß man auf diese Weise Klarheit geschaffen hat und das Gespräch endlich in Gang kommt.

7. If you are the smartest person in the room, you’re in the wrong room!

Zu klug für mich, zu dumm für mich? Zuweilen kommt es vor, daß uns ein Meisterdenker klein und häßlich aussehen läßt oder ein schlichtes Gemüt uns mit seinen eigenwilligen Vorstellungen von Logik zur Verzweiflung bringt. Das eine ist eine Probe für unser Selbstbewußtsein, das andere für unsere Geduld. Ich selbst habe schon die eine oder andere Stunde in der Gesellschaft von Leuten verbracht, die meine Auffassungsgabe und mein Abstraktionsvermögen überschätzten und mit mir so wenig auf ihre Kosten kamen wie ich mit ihnen. Da gibt es dann nur eins. Wenn jemand dermaßen klug ist und so gescheit daherredet, daß man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, was man noch antworten soll, weil man nicht mehr weiß, wovon er spricht – zugeben, daß man zu dumm ist! Zugeben, daß einem das zu hoch ist! Und ihn bitten, es noch einmal zu erklären, und zwar diesmal für die breite Masse. Es mag schmeicheln, solcher Perlen gewürdigt zu werden, es mag Überwindung kosten, sich zu den Säuen zählen zu müssen, aber bevor unsere Antworten immer konfuser werden, sollten wir besser die Notbremse ziehen.

8. Die wahren Interessen herausfinden

Schwieriger ist es mit Leuten, die gegen vernünftige Argumente immun sind, die Gedanken nicht in eine bestimmte Richtung verfolgen können, denen Begründungen bloß als Stichworte für locker verknüpfte Assoziationen dienen, kurz: mit denen sich jedes Gespräch im Kreis dreht. Da redet man zwei Stunden, widerlegt alle ihre Argumente, wähnt sich schon am Ziel, dann kommt von ihnen ein trockenes: „Aber …“ – und völlig unbeeindruckt knüpfen sie an das an, was sie zwei Stunden zuvor bereits behauptet hatten! Müssen wir solche Leute für ein gemeinsames Ziel, eine Idee, einen Plan gewinnen, kommen zwei Vorgehensweisen in Betracht. Entweder, wir gehen Schritt für Schritt vor und gelangen über viele kleine Einverständisse schließlich zum großen Konsens. Oder wir finden heraus, was ihre wahren Interessen sind und legen ihnen dar, welchen Vorteil sie selbst von der Lösung haben könnten, die uns vorschwebt. In diesem Fall strebt man die Einigung also nicht von der Seite der Logik her an, sondern von der des Eigennutzes – und es gibt kaum jemanden, wie kraus seine Logik auch sein mag, der da nicht hellhörig würde.

Mit all diesen Empfehlungen läßt sich natürlich nur erreichen, daß wir uns in jeder erdenklichen Gesprächssituation mit größerer Sicherheit bewegen und uns so wacker wie möglich schlagen. Unserer geistigen Beweglichkeit bleibt es dann überlassen, ein Gespräch mit Leben und Inhalt zu füllen. Was ein wirklich gelungenes Gespräch ausmacht? Das läßt sich unmöglich in Worte fassen, da wird auch jeder seine ganz eigene Vorstellung haben. Für meinen Geschmack wäre es jedenfalls nicht das schlechteste Zeichen, wenn man nach einer Unterhaltung noch für die nächsten Stunden Stoff zum Nachdenken hätte.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Stell dich auf deinen Gesprächspartner ein, mache dich nicht von seinen Schwächen abhängig, erzeuge ein Klima persönlicher Anteilnahme, versorge dich mit Anknüpfungspunkten, nimm Einfluß auf die Gesprächsführung, hüte dich vor kleinlicher Besserwisserei, und es wird dir nicht schwer fallen, ein Gespräch in Gang zu bringen und in Gang zu halten.“

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