Vielfalt klingt toll, nervt aber manchmal kolossal! „Stimmt“, sagt Moritz Freiherr Knigge, „aber wir sollten die Flinte nicht zu schnell ins Korn werfen. Diversity ist eben auch Herausforderung und Chance. Nutzen wir Sie!“

Adolph Freiherr Knigge sagte: „In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen allgemeinen Beifall einzuernten … wie in unserem teutschen Vaterland; denn nirgends vielleicht herrscht zu gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Konversationstons, der Erziehungsart, der Religions- und anderer Meinungen …“

Adolph Freiherr Knigge, Über den Umgang mit Menschen, Einleitung, 2

Typisch Engländer!

Wahrscheinlich ist es normal, daß wir auf Unterschiede empfindlich reagieren, und der Kleinunternehmer aus Gelsenkirchen, den ich auf einer Party am Tresen der Kellerbar traf, wird keine große Ausnahme gewesen sein. Der Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und der spanischen Mittelmeerküste hatte ihn dazu bewogen, eine Eigentumswohnung in einer Wohnanlage bei Marbella zu kaufen, nur zwei Kilometer vom Strand. Dann war er auf Unterschiede gestoßen, die er weniger akzeptabel fand. Seine englischen Nachbarn nämlich hatten mit ihrer Stimmenmehrheit dafür gesorgt, daß dem Sicherheitsdienst gekündigt wurde, der die Anlage in den ersten Monaten rund um die Uhr bewacht hatte – für den Mann am Tresen eine „mordsmäßige Schweinerei“. „Die Briten“, schimpfte er, „geben ihr Geld lieber für Whisky als für Wachmänner aus. Klar, außer Schnapsvorräten gibt‘s bei denen nichts zu bewachen. Und dann verkleiden sie ihre Balkons auch noch mit aluminiumgerahmtem Plexiglas! Sie können sich nicht vorstellen, wie grauenhaft das aussieht. Ganz abgesehen davon, daß es gegen die Hausordnung verstößt.“ Nun gut, sie sollten ihn kennenlernen. Heiser grollend schwor er, die nächste Eigentümerversammlung zu einer gnadenlosen Abrechnung mit „den Briten“ zu nutzen. Gegen die Rädelsführer habe er bereits rechtliche Schritte eingeleitet.

Ich hörte ihm innerlich schmunzelnd zu. Mir fiel ein englischer Werbespot ein, eine Kaffeereklame. In einem südlichen Hafen liegt ein Segelboot, an Bord ein älteres englisches Ehepaar, das wohlig in die Sonne blinzelt – ein Bild des Friedens. Plötzlich klatschen Wellen gegen die Bordwand, ihr Boot gerät ins Schaukeln, die Ruhe ist gestört. What, for heaven‘s sake, is that? Es ist ein Boot mit Deutschen, dreimal so groß wie das der Engländer, das gerade in den Hafen einläuft und unter viel teutonischem Geschrei gleich neben ihnen anlegt. Na ja, am Ende bieten die Deutschen den beiden zwei Tassen von ihrem vorzüglichen Kaffee an, in schauderhaftem Englisch natürlich, und die Engländer akzeptieren mit säuerlichem Lächeln.

Die Deutschen!

Die englische Art? Die deutsche Art? Offenbar legt jeder Wert darauf, anders zu sein als die anderen, und alles wäre gut, wenn die anderen nicht auch anders wären. Geschichten wie diese liefert uns jedenfalls schon der Alltag im vereinten Europa unablässig. Sie alle beweisen, daß der Weg zu friedlicher Koexistenz eine heikle Gratwanderung zwischen Anpassung und Selbstbehauptung ist – auch dann, wenn die Beteiligten im Grunde so vieles gemeinsam haben wie Briten und Deutsche. Die Globalisierung aber hat noch ganz andere Bewährungsproben für unser Selbstverständnis parat. So weit, wie wir reisen, müssen wir uns auf so ziemlich alles gefaßt machen, was diese Welt an Verschiedenheit zu bieten hat. Und da die Menschheit zusammenrückt, können wir Bekanntschaft mit dem Unbekannten inzwischen genauso gut vor unserer eigenen Haustür machen. Heute sitzt uns am Schreibtisch vielleicht eine Kollegin aus Sri Lanka gegenüber, und die hat, nur zum Beispiel, eine ganz andere Vorstellung von der Zimmertemperatur als wir. „Ich komme aus einem sehr warmen Land“, erklärt sie lächelnd. „Ich friere leicht.“ Da heißt es dann, sich abzustimmen, zu einigen – und womöglich jahrelang, sommers wie winters, zu schwitzen.

Wenn man bedenkt, daß jeder nur ein bestimmtes Maß an Verschiedenheit erträgt, leben wir tatsächlich in ungemütlichen Zeiten. Dabei geht es dieser Tage nicht allein um die friedliche Koexistenz von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Mentalität, sondern auch von Meinungen, Weltbildern, Lebensstilen und Religionen. Alles soll sich, alles muß sich irgendwie miteinander vertragen – aber ist alles gleich richtig, alles gleich wichtig? Wäre es da nicht das Klügste, einfach alles für selbstverständlich zu nehmen, was gerade zählt, gerade gilt, gerade angesagt ist – und sich achselzuckend in einer Welt einzurichten, in der alles normal ist, weil es Normen gar nicht mehr gibt?

Machen wir es uns zur Gewohnheit uns in unseren Gewohnheiten stören zu lassen

Ich verstehe, daß viele auf jede neue Irritation gut verzichten können. Trotzdem werde ich in den folgenden Kapiteln dafür plädieren, es sich zur Gewohnheit zu machen, sich in seinen Gewohnheiten stören zu lassen. Sicher, mit der bissigen Rechthaberei des Mannes aus Gelsenkirchen kämen wir nicht weiter. Aber warum lassen wir uns nicht von der Verschiedenheit der anderen anstecken? Dann würden wir womöglich ähnliche Erfahrungen machen wie eine Bekannte von mir, die innerhalb einer großen Firma zu einer Abteilung gewechselt war, von deren achtundzwanzig Mitarbeitern die Hälfte Ausländer war – Lateinamerikaner, Ost- und Südeuropäer. Die glatte Routine ihrer alten, rein bayerischen Abteilung herrschte hier nicht. Es kam auch vor, daß Anrufer mit Fragen oder Aufträgen recht nonchalant auf später vertröstet wurden. Aber hier redete jeder mit jedem. Hier ging einer ans Telefon des anderen, wenn dessen Platz nicht besetzt war. Hier verfaßte man E-Mails in einem persönlichen Stil, der andernorts vielleicht als unangebracht munter empfunden worden wäre. Hier kümmerte man sich rechtzeitig um eine Urlaubsvertretung. Und hier traf man sich einmal die Woche zum Gespräch, weil es immer etwas zu klären oder Mißverständnisse auszuräumen gab. Kurz: In dieser Abteilung wurschtelte man nicht ohne Rücksicht auf Kunden und Kollegen vor sich hin. Jeder kam auf seine Weise zum Zug. Meine Bekannte hätte nicht mehr tauschen wollen.

Moritz Knigge sagt: „Verschiedenheit ist eine Herausforderung, eine Bewährungsprobe für unser Selbstverständnis und unsere Klugheit. Opfern wir sie nicht einer sterilen Welt von Gleichen! Machen wir das Beste aus ihr, verstehen wir sie als große Chance!“

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