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Moritz Freiherr Knigge

Dresscode

It’s all about detail, so lautet eines der Mottos der Jugendkultur der Mods. Doch vor dem Detail kommen die Basics. Und da kann man eine Menge richtig machen. Was, das verrate ich Ihnen gerne. In meinem kleinen Kleidungs-Knigge.
 
Ein gewisser Adolph Freiherr Knigge schrieb einmal, „man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewusst ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten.“ Ich mag diesen Satz sehr. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit weg von der angstbesetzten Frage „Was sollen denn die Leute denken?“ hin zu der selbstbestimmten Frage „Welches Bild möchte ich von mir abgeben? Wie wollen wir uns fühlen und wie unseren Mitmenschen begegnen? Darum geht’s. Denn zur angenehmen Ausstaffierung  gehört ein angenehmes Auftreten. Zum äusseren Schein das innere Sein.
 
Wodurch nun zeichnet sich ein Dresscode aus, der äusseren Schein und inneres Sein perfekt kombiniert?

Wie sagte der Kunsttheoretiker Bazon Brock so schön: „Das Gegenteil von Stil haben ist nicht keinen Stil haben, sondern keinen eigenen Stil haben.“ Und dieser eigene Stil fällt weder vom Modehimmel noch von der Stange, dieser Stil muss sich bilden. Stilvolle Menschen haben sich gebildet, im Umgang mit sich selbst und ihren Mitmenschen. Sie geben ein stimmiges Erscheinungsbild ab. Unsere Kleidung hat keine Empathie, keinen Humor, keine Intelligenz, keinen Esprit, solange wir selbst nichts von alledem haben.

2. Das ist Moritz-Knigge-Stil

Eine Benimmexpertin hat mir auf ihrer Homepage einmal den der „Fettnapf des Monats“ verliehen, weil ich rote Strümpfe tragen und damit nicht den Benimmregeln meines Vorfahrens entsprechen würde! Als Träger des Namens Knigge steht man nun einmal unter besonderer Beobachtung, dessen muss man sich bewusst sein. Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Gut so! Das ist meiner: 
 
  • Zum Cut trage ich eine beige Weste und ein kariertes Hemd.
  • Ich bin kein Freund des Kummerbundes.
  • Ich bin ein Freund der Krawatte und würde niemals ein Button-Down-Hemd dazu tragen oder den obersten Hemdknopf aufmachen und den Knoten der Krawatte lockern.
  • Manschettenknöpfe sind für Männer ein schönes Schmuckstück.
  • Ich würde keine Budapester zum Smoking tragen.
  • Eckige, quadratische oder spitze Schuhe besitze ich nicht, Turnschuhe natürlich.
  • Ich liebe Einstecktücher. Sie sollten jedoch immer aus einem anderen Stoff sein als die Krawatte.
  • Ich trage Anzüge, wenn es der Anlass erfordert, ziehe jedoch die Kombination vor.
  • Ein Leben ohne karierte Jacketts kann ich mir nicht vorstellen.
  • Ich schätze maßkonfektionierte Hemden, Jacketts und Anzüge.

3. Nicht was Du trägst, sondern wie Du es trägst ist entscheidend

Nicht was, sondern wie wir unsere Kleidung tragen Kleider mögen Leute machen, aber Menschen machen Kleider! Ob Jogginghose oder Jackett, ob H&M oder Hermes, Wir sind es, die unsere Kleider zum leuchten bringen. Und so wage ich es sogar Karl Lagerfeld zu widersprechen, der allen, die Jogginghose tragen, attestierte, sie hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren. Nicht, was wir tragen, sondern wie wir es tragen, ist entscheidend. Leute können den schönsten Maßanzug, das schönste Ballkleid durch ihre innere Hässlichkeit obszön aussehen lassen, Menschen eine Jogginghose mit ihre innerer Schönheit zum Glänzen bringen. Gepierct. Vom Scheitel bis zur Sohle So wie jene Journalistin, mit der ich vor Kurzen ein Interview führte. Jogginghose, heftig gepierct und stak tätowiert vom Scheitel bis zu Sohle. Aber sehr freundlich, zuvorkommend und angenehm im Umgang, nur ein wenig über die Maßen aufgeregt wie ich fand. Die Ursache für Ihre Aufregung verriet sie mir nach unserem Interview: „Herr Knigge, mir war mein Erscheinungsbild heute ein wenig unangenehm, weil ich einen Zeitungsartikel über sie gelesen habe in dem Sie sagten, wie schrecklich Sie Piercings finden.“ „Piercings mag ich auch immer noch nicht“, antwortete ich lächelnd, „aber was hat das mit Ihnen zu tun?“

4. Vermeide diese Sieben Todsünden beim Outfit.

 
1. Eitelkeit. 
Das „Leben und Sterben vor dem Spiegel“ mag die Devise des Dandys sein, in weniger prätentiösen sozialen Kontexten werden Sie auf Widerstände stoßen und Missgunst provozieren. Vermeiden Sie daher dandyhaftes Auftreten, kleiden Sie sich nicht prächtiger, als es der jeweilige Anlass erlaubt.
 
2. Neid. 
Selbst wenn Sie Gucci/Prada/Bulkgari/Hermes-Taschen scheußlich finden, sollten Sie sich jeglichen Kommentar sparen! Man wird Sie immer für neiderfüllt halten, so sehr Ihre Abneigung gegenüber dem jeweiligen modischen Detail auch Ihrem ästhetischen Bewusstsein entspringen mag.
 
3. Zorn. 
Nichts zeugt von weniger Klugheit, als sich auf Kosten anderer zu amüsieren oder diese aufgrund ihres geschmacklosen Äußeren zu kompromittieren. Enthalten Sie sich geringschätziger, spöttischer oder gar wütender Kommentare über das äußerliche Erscheinungsbild anderer, selbst dann, wenn Sie sich für eine Koryphäe des guten Geschmacks halten.
 
4. Maßlosigkeit. 
Modelmaße sind nicht die Norm. Daher schadet es ab und zu nicht, sich mit seinen Normalmaßen abzufinden und sich auf das zu konzentrieren, was zu einem passt, was Ihnen steht. Wer sagt eigentlich, dass Kleidergröße 32 das Maß aller Dinge ist? Kein Grund, einen dicken Hals zu bekommen. Und wer ohnehin schon einen hat, der muss eben zum Maßkonfektionär und seinen Kragen weiter machen lassen! Finden Sie das richtige Maß für sich.
 
5. Trägheit. 
Natürlich wird niemand zu einem „besseren“ Menschen, weil er chic oder gar individuell gekleidet ist, und es muss ja nicht gleich der silberne Handschuh eines Karl Lagerfeld sein. Aber dessen verbaler Einwurf im Rahmen eines Interviews mit dem „stern“ zum gegenwärtigen urbanen Einheitsbrei ließe sich durchaus als Anregung zu etwas mehr modischen Esprit verstehen: „Heute sehe ich Wintersportmode in der Stadt. Die haben alle lila oder grau-grüne Anoraks an. Man bekommt das Gefühl, dass ein großer Bergsteigerverein die Stadt besichtigt.“ Manchmal ist weniger Funktion mehr.
 
6. Wollust. 
In einem Interview mit der Modezeitschrift „Vanity Fair“ sagte der Top-Modedesigner Tom Ford über Angelina Jolie, sie sähe mit ihren gigantischen Lippen und Brüsten aus wie eine Comicfigur. „Wir haben angefangen zu vergessen, wie echte Brüste aussehen“, so Ford weiter. Der Wunsch nach dem perfekten Äußeren treibt uns zu Höchstleistungen an. Vor lauter wollüstigen Anstrengungen vergessen wir bisweilen, dem wahren Schönen auf die Spur zu kommen. Einem Schönheitsideal, das sich hinter aufgespritzten Lippen, aufgeblasenen Brüsten, aufgepumpten Bizeps und ausgesaugten Oberschenkeln nicht verstecken muss. Als Wolfgang Joop einmal in einem Interview gefragt wurde, welche Comic-Figur er sich am nächsten fühle, antwortete er, dass ihm dazu eigentlich nur die Figuren von Zille einfielen: „Die können alle über sich selbst lachen.“
 
7. Geiz. 
Geiz ist geil? Hierbei handelt es sich wirklich um eine neumodische Erkenntnis! Noch nie in der Menschheitsgeschichte war der Geiz eine Tugend, sondern immer ein Laster. Zeitzeugen aller Jahrhunderte können dies bestätigen: sei es der Apostel Paulus, der im Geiz die Wurzel allen Übels wähnte oder Adolph Freiherr Knigge, der im Geiz einer der schändlichsten menschlichen Eigenschaften erblickte. Auch in Sachen Kleidung haftete dem Geizigen immer etwas Diabolisches an. Nach Balzac lebt ein solch unglückliches Wesen „am Rande der Genüsse seiner Zeit“, trägt „vergilbte Gehröcke, deren Garn an den Nähten glänzt“ und schäbige Westen. Geiz ist und bleibt das Gegenteil von Großzügigkeit, und Letztere ist und bleibt ein maßgebliches Zeichen für gute Manieren!

5. Hinterlasse einen guten Eindruck

“Mein junger Freund“, sagte der entlassene Häftling Vautrin in spöttischem Ton zu dem ehrgeizigen Eugène de Rastignac, „wenn Sie in Paris eine gesellschaftliche Rolle spielen wollen, dann brauchen Sie am Morgen drei Pferde und ein Tilbury, am Abend ein Coupé, das macht im ganzen 9000 Francs für Pferde und Wagen. Sie wären Ihres Schicksals nicht würdig, wenn Sie nicht 3000 Francs beim Schneider, 600 Francs beim Barbier, 100 Taler beim Schuster und die gleiche Summe beim Hutmacher ausgeben würden. Und für Ihre Wäscherin müssen Sie auch 1000 Francs rechnen.“ Die Zeiten haben sich seit Honoré de Balzacs Sittengemälde „Le père Goriot“ geändert – die Notwendigkeit, sich um eine angemessene Garderobe zu bemühen, nicht. 
 
Doch so sehr unser weltliches Schicksal auch durch den kritischen Blick unserer Mitmenschen auf unser Äußeres bestimmt sein mag, so liegt doch an uns zu entscheiden, welchen Eindruck wir bei ihnen hinterlassen wollen. Letztlich sind wir unseres eigenen Glückes Schneider. Wir halten die Fäden in der Hand, aus denen unsere Garderobe genäht ist. Unser Freiheit ist grenzenlos: Niemand kann uns davon abhalten, in Jeans bei einer Hochzeit aufzutauchen, keine Geschmackspolizei steht Gewehr bei Fuß, um uns unserer weißen Socken zu berauben. Und doch, so möchte ich behaupten, bleibt den kompromisslosen Individualisten die eine oder andere Tür verschlossen, die sich im Handumdrehen öffnen ließen, wenn wir unsere „Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit“ begriffen, wie es Georg Wilhelm Friedrich Hegel einmal formulierte.

6. Adolph Freiherr Knigge über Kleidung

„Also noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht fantastisch nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen musst, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch durch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus. Wende einige größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst. Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewusst ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten.“ Mehr erfahren wir nicht im KNIGGE über die Macht der Kleidung. Aber genug. um einige weiterführende Empfehlungen geben zu können. 

7. Sei aufmerksam, welche Kleidung wo gefragt ist

Wer also tatsächlich darauf bedacht ist, als der Schneider seines eigenen Glückes durchs Leben zu gehen, der achtet zumindest auf die modischen Kontexte, in denen er sich bewegt. Denn unabhängig davon, ob sich über Geschmack nun streiten lässt oder nicht – noch immer gilt das bereits bekannte Diktum Adolph Freiherr Knigges: „Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewusst ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten.“ Egal, wie wir uns letztlich entscheiden, egal, ob wir bestrebt sind, uns anzupassen oder unseren eigenen Weg zu gehen – das Bewusstsein für die jeweils herrschenden Konventionen hat noch keinem geschadet, wenn es darum ging, die Chancen und Risiken, die sich aus der eigenen Ausstaffierung ergeben, vernünftig abzuwägen! Denn tatsächlich ist doch nichts unangenehmer, als im Nachhinein erkennen zu müssen, dass die Investition des einen oder anderen Talers bei unserem Schuster, Schneider oder Hutmacher eine lohnende gewesen wäre!
 
Machen wir uns nichts vor: Die Codierungen, die wir in unserer Gesellschaft hinsichtlich der „richtigen“ Kleidung finden können, sind mittlerweile so vielfältig und komplex, dass wir kaum noch von der Gesellschaft sprechen können. Zu ausdifferenziert sind die kulturellen Eigenheiten der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen, als dass man einen einheitlichen Regelleitfaden aufstellen könnte. Daher werde ich diesen hoffnungslosen Versuch auch gar nicht erst unternehmen. Wer sich in den Szenekneipen in Berlin Mitte umtreibt, der wird wissen, welche Kleidung eine vollwertige Mitgliedschaft symbolisiert, wer an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert, der ist sich bewusst, dass Bundfaltenhosen nicht dem aktuellen künstlerischen Zeitgeist entsprechen (oder gerade?), wer bei der örtlichen Bank seine Ausbildung macht, der ist sich klar darüber, dass dunkle Anzüge und schlichte Kostüme erwünscht sind. Und wer würde beim Kundenbesuch auf seine Krawattennadel verzichten wollen, wo doch der Großteil der Einkäufer und Kollegen auch eine trägt. 

8. Beachte die Macht des sozialen Umfeldes

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu spricht in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ vom Geschmack am Notwendigen und dem damit verbundenen Konformitätsprinzip. Bei aller unterstellten Durchlässigkeit der jeweiligen Milieus bleibt die Hoheit, darüber zu befinden, was denn konkret als notwendig empfunden wird und welches Maß an Konformität vom Einzelnen erwartet wird, dem jeweiligen Milieu und seinen Mitgliedern vorbehalten. Wer bewusst gegen die Spielregeln seines Milieus verstößt, der muss sich im besten Fall dem Gelächter der jeweiligen Mitglieder stellen oder gar mit schärferen Sanktionen bis hin zum Ausschluss rechnen. 
 
Wer sich weigert, ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit zu demonstrieren, wer ständig „über seine Verhältnisse lebt“, wer dauernd „Understatement betreibt“ der „gehört nicht mehr dazu“, der ist ein „Gernegroß“ oder „ein Sonderling“. Der „Schuster“, der sich weigert, „bei seinen Leisten zu bleiben“, hat es schwer, der „hält sich für was Besseres“ und setzt seine persönliche Akzeptanz in der jeweiligen Community aufs Spiel.
 
Ob Sie sich „zu bunt, zu fantastisch kleiden“, das bestimmen nicht wir, sondern das soziale Umfeld, in dem wir uns bewegen. Das, was beispielsweise im Businesszusammenhang in der Regel als konform empfunden wird, unterscheidet sich daher natürlicherweise erheblich von dem, was in der Künstlerszene für notwendig gehalten wird, um als akzeptiertes Mitglied der Gemeinschaft zu gelten. Im wirtschaftlichen Kosmos stehen Auffälligkeiten größtenteils unter Generalverdacht. Wer „sich rausputzen will“, wer dem „modischen Firlefanz“ huldigt, der wird es schwer haben, erfolgreich zu sein, es sei denn, er oder sie verdient das Geld in der Modebranche oder anderen kreativen Segmenten. Grundsätzlich gilt: je konservativer die Branche, desto enger die Grenzen. „Schließlich sind wir hier nicht auf dem Laufsteg, wir wollen Geld verdienen!“ Und wer Geld verdienen will, der sollte möglichst wenig anecken. Wirtschaftlich erfolgreiches Handeln erfordert ein Höchstmaß am Konformität und die Unterordnung unter das Notwendige.

9. Bedenke, Kleidung ist auch Uniform

Wer möglichst vielen unterschiedlichen Menschen mit ebenso unterschiedlichen Geschmäckern und Vorlieben die Vorzüge seiner Produkte und Dienstleistungen näher bringen möchte, wer also täglich gezwungen ist, „soliden und schönen Aufwand“ zu betreiben, der sollte es daher vermeiden, potenzielle Kunden zu verschrecken, weil die sich nicht genügend gewürdigt fühlen durch „altväterische und neumodische Torheiten nachahmende“ Unternehmensvertreter. Wer nicht bereit ist „einige größere Aufmerksamkeit auf seinen Anzug oder sein klassisches Kostüm aufzuwenden“, der hat in der „großen Welt“ nichts verloren. Gefährdet er doch den Umsatz des Unternehmens und damit seine eigene Karriere! 
 
Richte daher Deinen Blick auf das Notwendige. Wer lediglich seine Person zur Schau stellen will, der verstößt gegen die impliziten Gesetze der ökonomischen Rollenerwartungen. Wer mit Konformität und Uniformität Probleme hat, der unterschätzt die Spielregeln des wirtschaftlichen Milieus, das nach Repräsentanten sucht, die gewillt sind, sich unter Gleichen zu bewegen im Sinne des Ganzen: des wirtschaftlichen Erfolges.

10. Halte Ausschau nach ungeschriebenen Gesetzen

Ist Herr Obermeier aus der Vertriebsabteilung eigentlich trotz oder wegen seiner Lederkrawatte, seinen Motivsocken und seinen mehrfarbigen Schuhe so erfolglos? Oder ist der etwa gar nicht mehr im Unternehmen? Warum amüsieren sich die Kollegen eigentlich dauernd über die Leopardenoberteile von Frau Schmidtkunz, wo doch deren strassbesetzte, knallgrüne künstliche Fingernägel eigentlich ausreichend Grund böten, die Geschmackspolizei zu verständigen? Welche weiteren ungeschriebenen Gesetze existieren? Oder gibt es sogar schriftlich fixierte Leitlinien, die das Modeselbstverständnis Ihres Unternehmens repräsentieren? Ein Blick kann ja nicht schaden!
 

11. Zur angemessenen Kleidung – Einige konservative Tipps

Sie sehen, diese Aufzählung ließe sich wohl noch über einige Seiten weiter treiben. Ich verzichte jedoch darauf. Erstens lässt die angestrebte Länge dieses Kapitels eine ausführlichere Betrachtung nicht zu, und zweitens reichen meine Kenntnisse der jeweiligen Kleidungscodierungen für eine tiefer gehende Analyse schlichtweg nicht aus. Ich beschränke mich daher auf traditionelle – wenn Sie so wollen konservativere – Kleidungskonventionen. Zeigt doch die Erfahrung, dass die meisten Unsicherheiten bestehen, wenn schriftliche Einladungen versendet werden, auf denen Adjektive wie smart, casual, ländlich, festlich, angemessen oder Substantive wie Abendgarderobe, Frack, Cut, Smoking oder Uniform auftauchen. Diese Unsicherheiten dürften sich leicht aus der Welt räumen lassen:
 
Zu Polterabenden, aber auch zu Geburtstagen wird traditionell gerne ein „ländlich-festliche“ oder eine „sommerlich-festliche“ Garderobe ausgerufen Kann man im ersten Fall davon ausgehen, dass auch auf dem Land gefeiert wird, beispielsweise in einer Scheune, verweist das Wörtchen sommerlich im zweiten Fall eher auf ein städtisches Lokalität. Für beide Feste gelten jedoch dieselben Erwartungen in punkto angemessener Erscheinung. Festlich zeigt den Herren an, dass Krawatte, Fliege oder Halstuch den Hals schmücken sollten. Den Damen, dass die Rocklänge nicht allzu kurz, das Dekolletee nicht allzu tief und das Kleid nicht schwarz sein sollte. Männer in hellen Baumwollanzügen, Moleskin- oder Cordhosen, Sakko oder Janker haben sich selten unangenehm ausstaffiert gefühlt. Graue Hose und blaues Jackett sowie knielange farbige Sommerkleider gehen ohnehin immer.
 
Für die angemessene Kleidung bei einer kirchlichen Trauung gilt für Männer die einfache Faustregel: Entweder Sie orientieren sich an der gängigen Tradition – Cut für den Herrn –, oder Sie orientieren sich am Bräutigam: Trägt dieser einen Cut, können Sie dies auch tun, trägt dieser einen Anzug, tragen Sie auch einen.
 
Ob Cut oder Smoking, dass entscheidet im Übrigen nicht allein der Anlass, sondern auch die Tageszeit. Ab 17.00 Uhr – so heißt es – hat der Cut seine Schuldigkeit getan und wird vom Smoking, dunklen Anzug, Frack oder von der Uniform abgelöst.
 
Für die angemessene Kleidung bei einer kirchlichen Trauung gilt für Frauen: kein Weiß, kein Schwarz! Alles andere obliegt der Geschmackssicherheit des weiblichen Geschlechts. Und auf diese ist in der Regel ohnehin Verlass.
 
Die Fliege zum Smoking? Immer gern. Welche Farbe? Schwarz, aber auch bunt ist möglich. Weiß bleibt jedoch dem Servicepersonal vorbehalten! Es sei denn, Sie wollen diesem Ihre tatkräftige Hilfe anbieten …
 
Nichts hat in letzten Jahren soviel Verwirrung gestiftet wie das kleine Wörtchen „casual“. Menschen, die sich jahrelang keine Gedanken über ihre Garderobe machen mussten, da der Anzug in konservativeren beruflichen oder privaten Umfeldern gesetzt war, mussten plötzlich überlegen, was sie anziehen sollen. Wie anstrengend! Der Vorsatz „smart“ versucht nun, die um sich greifende textile Orientierungslosigkeit insbesondere auf männlichem Terrain zu beenden.
 
Merken muss man sich allerdings nur eines: Verzichten Sie auf Jeans und Turnschuhe!
 
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Eine Sache, kann ich Ihnen gar nicht oft genug anraten: Sollten Sie trotzdem unsicher sein, rufen Sie einfach Ihre Gastgeber oder andere Gäste an, und erkundigen Sie sich, wie schön Sie sich machen dürfen!

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