Konfuzius sagt: Egoismus ist schlecht fürs EGO. Hat er nie gesagt, klingt aber echt. Gut ist die Einsicht dennoch, denkt sich Moritz Knigge und hat seine Einsichten zu Egoismus, Eigennutz und Konkurrenz in einem eigenen Text zusammengefasst. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Ich möchte gern, daß man Stolz für eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtsein wahrer innrer Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln … Hochmut hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat, bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Wert haben.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 3, 5

Womit möchte ich in Erinnerung bleiben?

Gibt es Menschen, denen völlig gleichgültig ist, was man von ihnen hält? Ich jedenfalls frage mich manchmal, was die Gefährten meines Lebens nach meinem Tod über mich sagen werden, wenn sie beim Leichenschmaus oder später gelegentlich zusammensitzen. Woran würden sie sich erinnern? Für wen würden sie mich im nachhinein halten? Wie würde ihr Urteil über mich ausfallen? Wenn ich dann weiterphantasiere, wird mir klar, welches Urteil mir selbst am liebsten wäre, was ich selbst gern über mich hören würde, könnte ich noch dabeisitzen.

Vermutlich bin ich nicht der einzige, der dieses Gedankenspiel betreibt. Wahrscheinlich haben die meisten eine Vorstellung davon, wer sie im Leben sein oder gewesen sein möchten – zumindest in den Augen der anderen. Wird für die, die uns überleben, wirklich noch eine Rolle spielen, wie ungeheuer erfolgreich wir gewesen sind? Wie raffiniert, energisch und konsequent wir unsere Karrierepläne verfolgt haben? Oder werden sie über ganz andere Dinge sprechen, die sie, im Guten wie im Schlechten, an uns bemerkenswert gefunden haben?

Erfolge verblassen schnell

Wenn wir uns an die Todesanzeigen halten, stellen wir fest, daß Erfolge schnell verblassen. Selbst bei denen, deren Todesanzeigen zwei ganze Seiten in der Tageszeitung einnehmen, werden fast ausschließlich Charaktereigenschaften wie Großzügigkeit, Integrität, Aufgeschlossenheit, Ausstrahlungskraft und Warmherzigkeit gewürdigt. Offenbar sind wir uns nach wie vor darüber einig, daß es die menschlichen Qualitäten sind, die über den Tod hinaus erwähnenswert bleiben – doch wohl deshalb, weil sie einen Menschen mehr als alles andere ausgemacht haben, weil er durch diese Eigenschaften am stärksten auf seine Mitmenschen gewirkt hat. Das könnte sich in Zukunft ändern. Wahrscheinlich brauchen wir nicht mehr lange auf Todesanzeigen etwa folgenden Inhalts zu warten: „Seine Konkurrenten hat er mit einer Gerissenheit aus dem Weg geräumt, die ihm von allen Seiten Hochachtung eingetragen hat. Sein Kalkül ist immer aufgegangen. Wenn es sein mußte, konnte er jede moralische Qualität vortäuschen. Bis zuletzt hat er sich zu den Siegern zählen dürfen.“

Höflichkeit ist eine Waffe

Nur Geduld, wir werden es erleben. Denn sie ist längst gesellschaftsfähig, die neue Vorstellung vom gelungenen Leben. Ihre Prediger füllen die größten Säle. Ihre Bücher vermodern nicht in den Lagern des Großhandels. Ihre Anhängerschaft wächst unaufhaltsam. Und ihre Botschaft lautet: Das Leben ist ein mitleidloser Machtkampf! In diesem Spiel gibt es nur Sieger und Verlierer, Überlebende und Gescheiterte! Dein Nebenmann ist dein Konkurrent – serviere ihn ab, deklassiere ihn, buttere ihn unter! Höflichkeit und Respekt sind nichts als Kriegslisten. Nur wer Macht besitzt, ist glücklich! Nur Sieger genießen das Leben! Also keine falsche Pietät. So läuft das in der Wirtschaft, so muß es auch in der Gesellschaft laufen. Ihr wollt doch glücklich werden? Na, bitte.

Und das verfängt. Dafür gibt es einen augenfälligen Beweis. Nein, ich meine nicht die zahllosen Fernsehshows und Gewinnspiele, die ohne Unterlaß Sieger und Verlierer produzieren, ich meine nicht die Werbung, die uns verschwitzte, staubverklebte oder lässig zurückgelehnte Sieger ohne Ende beschert. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie populär das Konkurrenzprinzip inzwischen ist, wie selbstverständlich, der schaue sich die Farben der Autos auf unseren Straßen an. Erinnern wir uns noch, wie bunt das Straßenbild in den siebziger Jahren war, wie groß das Spektrum der Lackfarben? Und heute sind unsere Autos zumeist schwarz oder silbern – kalte, seelenlose Farben mit einer unmißverständlichen Aussage. Schwarz heißt: Ich bin bedeutender als du. Silbern heißt: Ich bin schneller als du. Da hat sich der Geschmack dem Denken angepaßt, und das Denken kreist offensichtlich vor allem um die eine Sorge: mithalten können, und wenn möglich übertreffen, übertrumpfen. Unser erster Sieg mag immer noch auf sich warten lassen. Ein Quentchen Siegerimage hätten wir schon.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Nun verdanken wir unseren Wohlstand einem Wirtschaftssystem, das auf dem freien Spiel der Marktkräfte, also auf Wettbewerb beruht. Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sie ist das Grundgesetz unseres wirtschaftlichen Handelns. Und es hat sich bewährt. Etwas ganz anderes sind die neoliberalen Trompetenstöße, mit denen freie Bahn für den entfesselten Eigennutz gefordert wird, jene Lehre von den Selbstheilungskräften des Marktes, die uns von allen traditionellen Beziehungen und Verpflichtungen entbinden will und den nackten Egoismus heiligt. Und wieder etwas anderes ist eine Erfolgsstrategie, die die niedrigsten Instinkte anspricht, Gier und Geiz gesellschaftsfähig macht und nur eine Glücksgarantie kennt: das rücksichtslose Anstreben von Machtpositionen. Demnach wären wir füreinander stets und überall Konkurrenten und umso glücklicher, je mehr von diesen Konkurrenten wir aus dem Rennen geworfen hätten. Falsches Spiel, Verstellung, Kriegslisten – all dies wäre nicht nur erlaubt, sondern unumgänglich, wenn wir zu den Erfolgsmenschen, den Gewinnern gehören wollen.

Fast könnte man ein gewisses Verständnis für Leute aufbringen, die der Faszination solcher Verheißungen erliegen. Denn dieser schrankenlose Kapitalismus fordert etwas. Er fordert den ganzen Menschen. Er verlangt Einsatz. Er verbindet Askese mit der Aussicht auf außerordentliche Belohnung und Selbstdisziplin mit der Hoffnung auf Erlösung aus der Normalität der Sozialversicherten. Eine solche Perspektive muß den Tatendrang von Menschen wecken, die in anderen Lebensbereichen kaum noch die Erfahrung machen, daß Forderungen an sie gestellt werden, und es furchtbar leid sind, jede Schwierigkeit aus dem Weg geräumt zu bekommen. Endlich bietet sich hier ein Betätigungsfeld, auf dem sich Lebensenergie und Optimismus entladen können!

Warum ich nicht im Haifischbecken leben möchte

Das Problem ist nur: Sollte sich diese Art Erfolgsmensch weiter vermehren, wird sich die Gesellschaft in ein Haifischbecken verwandeln (wobei wir den Haifischen mit diesem Vergleich Unrecht tun). Der neoliberale Erfolgsmensch muß vor seinesgleichen ständig auf der Hut sein. Höflichkeit und Respekt sind für ihn nur besonders raffinierte Formen des Machtstrebens. Im Grunde existieren für ihn weder Tugenden noch Charakter – es gibt nur Strategien, List und Kalkül. Aus seiner Sicht sind alle gleichermaßen charakterlos, und alle verfolgen – eingestandener- oder uneingestandenermaßen – dasselbe Ziel: sich gegenseitig auszuschalten.

So sei die Welt, so sei das Leben, heißt es. Ein Bürgerkrieg. Das ist schlicht und ergreifend falsch. Dergleichen können nur Menschen behaupten, die mit ihrem Latein am Ende sind und sich keinen anderen Rat mehr wissen, als mit den Wölfen zu heulen. Die Wirklichkeit des Lebens besteht nicht nur aus Gehaltspoker, Vertragsabschlüssen und Übernahmeabwehrschlachten. Und selbst wenn das Geschäftsleben bisweilen bürgerkriegsähnliche Züge annimmt – ein Grund mehr, uns nicht in einen Macht- und Karriererausch versetzen zu lassen. Realitäten anzuerkennen heißt nicht, vor ihnen zu kapitulieren! Niemand kann uns zwingen, eine Glücksrittermentalität anzunehmen und zu glauben, der Hauptgewinn rechtfertige jeden Einsatz, auch den der eigenen Menschlichkeit. Und niemand sollte so töricht sein, sich von den Machtmenschenmethoden tatsächlich Erfolg zu versprechen.

Warum wir unserem Ansehen nicht schaden sollten

So unterschlagen die Machtprediger zum Beispiel, daß wir mit Unaufrichtigkeit und Arglist über kurz oder lang unser Ansehen verspielen und uns privat wie gesellschaftlich unmöglich machen. Wird ein Täuschungsmanöver entdeckt, bringen wir Kollegen und Vorgesetzte gegen uns auf und können einpacken. Aber schon kleine Tricks und Finten können uns in den Ruf eines Ehrgeizlings bringen, und solchen Leuten mißtraut man. Die werden von Informationen ausgeschlossen, die dürfen nicht auf Entgegenkommen rechnen und stehen, wenn es hart auf hart kommt, ohne Verbündete da. Wer ein unverkrampftes Verhältnis zum Erfolg an den Tag legt, wer seine beruflichen Aufgaben eher als sportliche Herausforderung versteht, kommt leichter zum Ziel – einmal, weil ihm der Erfolg eher gegönnt wird, und zum anderen, weil er als Konkurrent weniger ernst genommen wird. Niemand verkörpert in meinen Augen diese entspannte Einstellung zum Erfolg überzeugender als der erfolgreichste Langstreckenläufer der letzten Jahre, der Äthiopier Gebre Haile Selassi. Wenn man sieht, wie er mit einem strahlenden Lächeln an den Start geht, als erwarte ihn ein harmloses, kleines Vergnügen, während die Mienen seiner Konkurrenten sich zusehends verfinstern, dann gibt es keinen Zweifel, wem man den Sieg wünscht. Und wenn man erlebt, mit welcher souveränen Herzlichkeit er nach einer Niederlage dem Sieger gratuliert, dann ist keine Frage, wem man den Sieg gegönnt hätte. Wer so viel menschliche Größe besitzt, hat die Sympathien auf seiner Seite und bleibt von Neid verschont.

Sodann ist es bedeutend klüger, andere unter dem Blickwinkel ihrer Nützlichkeit als ihrer Schädlichkeit zu betrachten. Nützen können uns andere aber nur, wenn sie im Rennen bleiben, wenn wir uns ihnen auch selbst nützlich machen. Mit anderen Worten: In den meisten Fällen profitieren wir mehr von einer ersprießlichen Zusammenarbeit als davon, Konkurrenten auszuschalten. Hier liegt überhaupt einer der gravierendsten Irrtümer der Machtprediger: Sie tun so, als ginge es stets um die eigene Person und ihren unmittelbaren Vorteil. Oft geht es aber um die Sache. Um ein Projekt, das uns am Herzen liegt, ein Produkt, von dem wir uns etwas versprechen, eine Unternehmung, von der viel abhängt. Da muß man dann andere für sich und die Sache gewinnen, einfach, weil man sie braucht. In dem Augenblick aber, in dem unsere Mitarbeiter Anlaß haben, sich ausgenutzt zu fühlen, ist es um ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit geschehen.

Es geht nicht immer um Sieg oder Niederlage, ehrlich. 

Kaum etwas verpestet unser Denken im übrigen mehr als die Vorstellung, es gehe im Leben unaufhörlich um Sieg oder Niederlage. Da hat sich die Wirtschaft ein Bild aus der Welt des Sports ausgeliehen, um hochmotivierte Einzelkämpfer ins Rennen schicken zu können, bereit, bis an die Grenzen ihrer physischen Leistungsfähigkeit zu gehen. Inzwischen dient dieses Bild dazu, jedes Gefühl von Solidarität zu ersticken und wirtschaftliche Kategorien wie Konkurrenz und Effizienz auf alle Lebensbereiche auszudehnen. Doch davon abgesehen – ist es wirklich ein so erhebendes Gefühl, als einziger Sieger von lauter Jammergestalten umgeben zu sein, die das Nachsehen haben? Und muß man sich wirklich elend fühlen, wenn man mal eine Niederlage einstecken mußte? Was wir tatsächlich als Erfolg verbuchen können, das zeigt sich ohnehin oft erst nach einer Weile. Das Infame am Erfolg ist nämlich, daß er uns über kurz oder lang ins Verderben stürzen kann – dann nämlich, wenn er uns zu Kopf steigt. Denn Erfolge muß man wie Niederlagen wegstecken können, sonst machen sie leichtsinnig und überheblich. Auf Dauer Erfolg haben, das können nur die wenigsten.

Nichtsdestoweniger sind viele davon überzeugt, nur als ausgekochte Schlawiner oder eiskalte Machtstrategen vorankommen zu können. Wie jener Freund, der mir kürzlich sagte: „Wenn ich an diesem Punkt meiner Karriere weiterkommen will, dann muß ich auch mal Schwein sein.“ Und so falsch ist das ja gar nicht. Schließlich erleben wir immer wieder, daß unverfrorene Zeitgenossen mit ihrer Ellenbogentaktik durchkommen – und niemand sich ihnen entgegenstellt. Da heißt es dann: Der Klügere gibt nach; man läßt den Kerl gewähren und sieht ihm nur fassungslos nach. Niemand läßt ihn spüren, was man von ihm hält, eingeschüchtert überläßt jeder dem Platzhirsch das Feld. Meiner Erfahrung nach machen die meisten einen Rückzieher, sobald man ihnen ihre Dreistigkeiten nicht durchgehen läßt. Bisweilen reicht es schon, auf ein Ansinnen mit der knappen Frage „Meinst du das wirklich ernst?“ oder „Habe ich dich richtig verstanden?“ zu reagieren, und dem Platzhirsch ist das Geweih gestutzt. Wir müssen nur den Mut dazu aufbringen.

Eigenschaften, die in Todesanzeigen stehen könnten

Damit plädiere ich nicht dafür, Betriebe in konkurrenzfreie Komfortzonen zu verwandeln. Wer mithalten will, muß sich auf Wettbewerb einlassen, muß konkurrenzfähig sein. Ich habe nur den Verdacht, das genau dies auf die Machtprediger und ihre Anhängerschaft nicht zutrifft. Konkurrieren und Konkurrenten ausbooten ist nämlich zweierlei. Wenn es einem vordringlich darum geht, Mitbewerber aus dem Weg zu räumen, dann kann man sich jedenfalls nicht auf ein Wirtschaftssystem berufen, das auf dem Konkurrenzprinzip beruht. Wer den Kapitalismus ernst nimmt, müßte sich dem Wettbewerb stellen – und, wenn er Erfolg haben will, Eigenschaften mitbringen, die in Todesanzeigen Erwähnung finden könnten.

Moritz Freiherr sagt: „Wer überall Konkurrenten sieht, der macht sich überall Feinde – und findet sein düsteres Weltbild bestätigt. Konkurrenzfähigkeit hat mindestens ebenso viel mit Fairneß, Vertrauenswürdigkeit und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu tun wie mit Raffinesse und Durchsetzungsvermögen. Der nackte Eigennutz macht blind und dumm.“


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