Kinder bleiben Kinder und Eltern Eltern. Das ist so und das wird immer so bleiben. Zeit also, aufzuhören sich an seinen Eltern abzuarbeiten, sagt Moritz Knigge. Auch wenn das unfassbar schwer ist. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Wenngleich das Zeugungs-Geschäft nicht eigentlich absichtliche Wohltat für die folgende Generation ist, so gibt es doch wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären, daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen …“

Über den Umgang mit Menschen, II, 2 ,1

Sich gerädert fühlen – muss das sein?

Für viele bedarf das keiner weiteren Erklärung – Verwandtschaft ist nun mal anstrengend. Wer am Wochenende zu den Eltern muß, darf des Mitgefühls seiner Freunde sicher ein. Schließlich geht es manchem so: Man sitzt da, hat sich nichts zu sagen, verstrickt sich unweigerlich in den altbekannten Kleinkrieg oder betreibt – in dem Bemühen, allen heiklen Punkten auszuweichen – angestrengten Smalltalk und atmet erst auf, wenn die Anstandsfrist abgelaufen ist und man fürs erste wieder Ruhe vor seinen Eltern hat; mehr, als daß man sich hinterher nicht wie gerädert fühlt, darf man kaum erwarten.

Und warum?

Das Grauen in Tüten: Über Anstandsbesuche und Lebenslügen

Gründe gibt es genug. Die Eltern-Kind-Beziehungen sei eben verlogen und verkrampft, heißt es. Schon deshalb, weil sie aufgezwungen ist, schicksalhaft, nicht auf freier Wahl beruht. Und dann die übermächtige Vater- bzw. Mutterfigur, die das Gemüt ein Leben lang belastet, immer fordernd, nie zufriedenzustellen, selten zu einem anerkennenden Wort zu bewegen, von merkwürdigem Desinteresse für die Unternehmungen und Erfolge der eigenen Kinder. Immer hört man bei seinen Eltern diesen leicht spöttischen Unterton heraus, wenn sie etwas sagen, und immer wissen die Kinder dann, was er bedeutet: Daß sie wieder mal hinter den Erwartungen ihrer Eltern zurückgeblieben sind und daß sie dort hinten immer bleiben werden. Kinder sind ihren Eltern doch niemals gut genug – von den Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern ganz zu schweigen. In diesem Punkt kann man es seiner Mutter zumindest sowieso nie rechtmachen.

Und was wird nicht alles voreinander verheimlicht! Welche Lebenslügen muß man nicht kommentarlos ertragen! Das Unausgesprochene, es steht der Verständigung womöglich noch mehr im Wege als das Ausgesprochene. Dazu die ewig gleichen Kontrollfragen, die Leute mit einem so feinen Gehör, wie nur Kinder es haben, jedesmal heraushören! Das kennt man, seitdem man auf der Welt ist, da ändert sich nichts, und trotzdem treffen Eltern immer wieder den schwachen Punkt, trotzdem fühlt man sich ein ums andere Mal zu einer Rechtfertigung genötigt und ärgert sich über sich selbst. Einmal Kind – immer Kind. Kein Entrinnen?

1. Freischwimmen

Doch, es gibt ein Entkommen, aber nicht durch Flucht, sondern durch ein bewußtes, wohlüberlegtes Bemühen, das erst allmählich Früchte trägt. Bevor wir so weit sind, daß wir nicht mehr in erster Linie unseren Eltern gefallen wollen (als wäre deren Urteil das einzige, was zählt), müssen wir sie aus ihrer alten Funktion entlassen, innerlich und äußerlich auf Abstand zu ihnen gehen und uns andere Vorbilder, Autoritäten und Richter suchen. Irgendwann zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr sollte uns das gelingen. Möglich ist das nur, wenn wir den Auffassungen und Ansprüchen unserer Eltern begründete eigene Ansichten, sichtbare eigene Leistungen und eine selbstbewußte eigene Lebensform entgegensetzen können – was um so leichter fällt, je entschlossener Kinder beruflich beispielsweise einen anderen Weg einschlagen als die Eltern. Auf beide, Kinder wie Eltern, warten in dieser Zeit neue Rollen, und die Umstellung fällt erfahrungsgemäß allen Beteiligten oft schwer: Eltern müssen ihren Kindern nun mit dem Respekt und der Zurückhaltung begegnen, die sie auch anderen Erwachsenen gegenüber an den Tag legen, und Kinder müssen sich als Erwachsene gegen ihre Eltern behaupten. Einfühlungsvermögen bedeutet in dieser Situation, sich in die Schwierigkeiten hineinzuversetzen, die der jeweils andere mit seiner neuen Rolle hat.

2. Nicht normalisieren

Es wäre nun ein allzu billiger Trick, die Beziehung zu den Eltern normalisieren zu wollen, indem man sie einfach wie x-beliebige andere Menschen behandelt! Es würde auch nicht funktionieren. Wer zu einem guten Einvernehmen mit seinen Eltern kommen will, darf die unabänderliche Einzigartigkeit dieser Beziehung nicht leugnen. Worin ihre Besonderheit besteht? Auf keinen Fall darin, daß Eltern, indem sie uns in die Welt gesetzt haben, eine Schuld auf sich geladen haben, die sie ihr Leben lang abtragen müssen – wie es manch einer zu glauben scheint. Wenn wir ihnen unsere Existenz verdanken, bedeutet das nicht zuletzt, daß wir einen unbezweifelbaren Ursprung haben, eine nachvollziehbare Vergangenheit, daß wir uns über unsere Herkunft im Klaren sein dürfen, kurz: daß wir Menschen mit einem konkreten, erforschbaren Schicksal sind und keine Wesen, die in der Luft hängen, weil der Anfang ihres Lebens im Dunkeln liegt. Diese Gewißheit ist für das Selbstbewußtsein entscheidend und für alle Zeiten an unser Elternhaus geknüpft – daß wir unsere Eltern irgendwann aus ihrer Funktion entlassen müssen bedeutet mithin nicht, ihnen den besonderen Rang abzusprechen, der ihnen auch vor den besten Freunden gebührt.

3. Nicht abrechnen

Kinder wie Eltern müssen also lernen, Vergangenheit und Gegenwart zu trennen und Gelegenheiten, Parallelen zu früher zu ziehen, verstreichen zu lassen. Völlig unangebracht wäre es, mit seinen Eltern abrechnen zu wollen, weil sie „alles falsch gemacht“ haben, und ihnen gewissermaßen ihre Erziehung um die Ohren zu schlagen. Lassen wir uns nicht dazu verleiten, uns als Opfer unserer Eltern zu fühlen, unsere gegenwärtigen Probleme ihrer Erziehung anzulasten und sie womöglich als wahre Ungeheuer darzustellen – das Täter-Opfer-Schema paßt hier noch weniger als sonst. Die perfekte Erziehung gibt es gottlob nicht; Eltern sind, wie alle Menschen, fehlbar, und wenn wir eine ehrliche Rechnung aufmachen, müssen wir ihnen in den allermeisten Fällen zubilligen, vor allem zu unserem Glück beigetragen zu haben. Verweigern wir einander innerhalb der Familie nicht die Anerkennung; man hat immer mehr Grund zur Dankbarkeit, als man glaubt.

4. Nähe herstellen und Distanz wahren 

Was entscheidend zur Befangenheit zwischen Eltern und Kindern beitragen kann, sind unausgesprochene Ansprüche des einen an den anderen. Eltern erwarten oftmals mehr Aufmerksamkeit und Beachtung, als ihre Kinder ihnen zugestehen wollen; Kinder wiederum legen auf Distanz und Abgrenzung wert, was Eltern leicht als Zurückweisung und Kaltherzigkeit erscheint. Ich finde, daß Eltern sich in der Kunst der Unabhängigkeit üben und sich eher rar machen sollten – Kinder honorieren es, wenn sie ihren Eltern nicht auf drastische Art beibringen müssen, daß sie nicht mehr ganz so unentbehrlich sind wie früher. Geben wir unseren Eltern aber nicht das Gefühl, aus unserem Leben ausgeschlossen zu sein, kommen wir ruhig ihrer verständlichen Neugier entgegen, erzählen wir ihnen nicht weniger, als wir guten Freunden erzählen würden, und verwahren wir uns nur gegen jene indiskrete Neugier, die beim besten Willen als unerbetene Einmischung verstanden werden muß und das Klima vergiftet. Eltern, die sich an ihren Kinder festsaugen wie Blutegel, darf man allerdings mit deutlichen Worten in ihre Schranken verweisen; Mißachtung der eigenen Privatsphäre braucht man sich von niemandem gefallen zu lassen.

5. Sich nicht korrumpieren lassen

Ich warne auch davor, sich von seinen Eltern kaufen zu lassen. Manche versuchen, ihre Kinder durch finanzielle Zuwendungen bis ins hoheErwachsenenalter hinein in Abhängigkeit zu halten, und manche Kinder lassen sich das auch gefallen. Da bekommen sie eine Reise bezahlt – unter der Bedingung, daß die Eltern mitfahren dürfen –, und dann waren die fünf gemeinsamen Tage in Dublin ein einziger Streß, von dem man sich zwei Wochen lang erholen muß. Es war furchtbar, aber gratis. Wer sich derart korrumpieren läßt, weiß irgendwann nicht mehr, wen er mehr verachtet – sich selbst oder seine Eltern.

6. Nicht alles auf die Goldwaage legen

Grundsätzlich meine ich, daß sich Kinder und Eltern mit mehr als dem üblichen Quantum Toleranz begegnen sollten. Da gibt es Kinder, die ihren Eltern jede Extravaganz verübeln und jede kleine Torheit zum Vorwurf machen. Ich finde, man sollte Eltern – vor allem, wenn sie schon alt sind – großzügig ihren Spaß gönnen, das Auto, das zwei Nummern zu groß ist, genauso wie das Faible für ausgefallene und vielleicht viel zu jugendliche Kleider. So reich an Vergnügen ist ihr Leben meist nicht mehr, da sollte man ihnen nachsehen, wenn sie für Vernunftgründe bisweilen taub sind.

7. Generationen-Erfahrungen austauschen

Und schließlich müßte der Nutzen neu definiert werden, den man aus dem Umgang miteinander zieht. Daß man einander beisteht, einander hilft, wenn einer den anderen braucht, war früher selbstverständlicher als heute – man opfert sich nicht mehr für seine Familie auf. Neben dem praktischen Nutzen, der darin besteht, seine eigenen Kinder von Fall zu Fall bei den Eltern unterzubringen, könnte dieser Nutzen im Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen bestehen. Ein Erfahrungsaustausch, der auf gegenseitigem Interesse basiert sowie der Fähigkeit, seine Eltern als Menschen zu sehen, die jenseits der familiären Beziehungen ein eigenes Leben geführt haben und weiterhin führen. Da darf dann auch die Vergangenheit wieder eine größere Rolle spielen, jene Vergangenheit nämlich, die den Erinnerungsschatz der Eltern ausmacht, angefangen mit der Zeit ihrer eigenen Jugend.

Ältere Menschen genießen ja das Vorrecht, ihr Leben als eine Geschichte zu betrachten. Nicht selten äußern sie den Wunsch, ihr Leben aufzuschreiben. Man sollte sie dazu ermutigen. Es ist eine sinnvolle Beschäftigung, sowohl für den Schreiber selbst als auch für die Kinder, denen solche Aufzeichnungen meist zugedacht sind. Mir scheint das eine moderne Variante des traditionellen Verfahrens zu sein, Erfahrungen mündlich weiterzugeben, in Form von Belehrungen und Lebensregeln, was uns heute nicht mehr angemessen erscheint, in außereuropäischen Kulturen aber noch gang und gäbe ist. Die Eltern als Zeitzeugen ernst nehmen und befragen, das könnte doch eine unverfängliche Methode sein, den Dialog zwischen den Generationen in Gang zu halten.

8. Freundschaft und Verwandtschaft soll man pflegen

Im übrigen bekenne ich mich zu einer Schwäche für Verwandtschaft. Allein die Tatsache, mit jemandem verwandt zu sein, gemeinsame Wurzeln zu haben, löst ein Gefühl der Nähe und Vertrautheit aus, das mich tief berührt. Verwandte runden das Bild der eigenen Herkunft ab, und man darf sich von ihnen weitere Aufschlüsse über sich selbst versprechen. Wahrscheinlich ist es also das Interesse am eigenen Ursprung, das mich dazu bringt, Verwandtschaft für eine großartige Sache zu halten, nicht zuletzt aber wohl auch die Erfahrung, daß man unter seinen Verwandten mitunter die besten und treusten Freunde findet. Ich meine also, daß es sich lohnt, Verwandtschaft nicht weniger zu pflegen als Freundschaft.

9. Eltern mischen sich immer ein

Und um zu guter Letzt noch einmal auf die Eltern zurückzukommen: Eines werden wir ihnen nie abgewöhnen können – daß sie mit ihren Kindern Hoffnungen verbinden und deshalb stets versucht sind, Einfluß auf deren Leben zu nehmen. Diese Hoffnungen können das Verhältnis schwer belasten, und bisweilen besteht der Weg in die Freiheit darin, diese Hoffnungen entschlossen zu enttäuschen. Vergessen wir aber bei aller Empörung eines nicht: Die Hoffnung ist ein wesentliches Element der elterlichen Fürsorge und Liebe. Ohne das eine wäre auch das andere nicht zu haben.

Moritz Knigge sagt: „Wir sollten unsere Eltern als Menschen verstehen, die jenseits der familiären Beziehungen ein eigenes Leben führen, eine eigene Lebensgeschichte haben, und uns dafür interessieren. Rechnen wir nicht mit unseren Eltern ab – sie könnten die Gegenrechnung aufmachen! Verlassen wir uns darauf, daß wir ihnen Erfahrungen verdanken, deren Wert im Lauf der Zeit immer weiter steigt.“

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