Wie viel bestimmt das Gehirn? Die Hirnforschung meldet – so darf man behaupten – deutliche Herrschaftsansprüche an. Im Zentrum ihrer Kritik steht nicht mehr und nicht weniger als unserer freier Wille und damit ein fundamentaler Bestandteil unseres aufgeklärten kulturellen Selbstverständnisses. Nicht wenigen erscheint die Hirnforschung wie ein selbst erschaffenes Monster, eine Art Frankenstein, das uns zu Gefangenen unserer inneren chemischen Prozesse herabwürdigt.

Eine wahrlich unheimliche Annahme – aber eine selbstverständliche Konsequenz aus dem in der Aufklärung begonnenen Projekt: Wer seinen Mitmenschen die Losung „Sapere aude!“ (Wage zu denken) entgegenschleudert, darf sich nicht wundern, dass einige Mutige es tatsächlich wagen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und nicht nur über den gestirnten Himmel über ihnen und die Welt um sie herum nachzudenken, sondern auch über den Verstand selbst.

Die Forschung ist weit fortgeschritten. Ein Verbot dieser Forschung kommt ohnehin nicht in Betracht, da ein solches kaum mit der Forderung vereinbar wäre, selber nachzudenken. Angebracht ist jedoch eine kritische Auseinandersetzung mit der Hirnforschung und ihren Vertretern. Dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, gilt auch hier. Denn während nur wenige Hirnforscher mal wieder den neuen Menschen ausrufen, sehen sich die meisten einem Ethos verpflichtet, nach dem sie auf der Suche nach Wahrheit sind und nicht im Besitz der selbigen.

Solange uns die Freiheit zugestanden wird, noch mindestens 1000 oder gar 2000 unserer täglichen Entscheidungen bewusst zu treffen, sollten wir uns auch die Freiheit nehmen, uns diese Entscheidungen etwas genauer anzusehen. Wer weiß, vielleicht verbergen sich dahinter ja die wirklich wichtigen Entschlüsse für unser eigenes Leben und das anderer. Nur weil bewusste gegenüber unbewussten Entscheidungen in der Minderheit sind, sollten wir das bewusste Nachdenken über uns selbst, über andere und über die Welt, in der wir leben, nicht mir nichts, dir nichts zu den Akten legen. Nachdenken ist nicht nur ein quantitatives, sondern eben auch ein qualitatives Phänomen.

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