Adolph Freiherr Knigge sagte: „Sie (die Fürsten) werden in der Erziehung verwahrlost, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch andre und sich selbst verzärtelt. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre Fehler und Gebrechen würken, nicht empfinden läßt.“

Über den Umgang mit Menschen, III, 1, 1

Erziehungsberechtigte alle Länder berechtigt Euch!

Es gehört nicht viel Pessimismus dazu, Erziehung in Zukunft für unmöglich zu halten. Schon heute findet sie in vielen Elternhäusern nicht mehr statt. Das hat weniger mit der Pflichtvergessenheit der Eltern zu tun als mit den Kräften, die in unserer Zivilisation am Werk sind. Sollte Erziehung eines Tages gar nicht mehr stattfinden, wäre ein erquicklicher Umgang miteinander allerdings nicht mehr möglich. Ich ziehe es deshalb vor, optimistisch zu bleiben und die Hoffnung auf einen Widerstandskampf zu hegen, zu dem sich alle verbünden müßten, denen an einer Gesellschaft mit menschlichem Antlitz gelegen ist.

Ungehorsam statt Gehorsam?

Das, was wir heute als Erziehungskrise bezeichnen, nahm im Westen Deutschlands vor gut fünfzig Jahren seinen Ausgang nicht zuletzt mit der antiautoritären Erziehung, sehr treffend auch „Erziehung zum Ungehorsam“ genannt. Das Ziel dieser Erziehung war der neue Mensch – gegen äußere Einflüsse immun, nicht manipulierbar, selbstbewußt. Eine Erziehung, in der traditionelle Werte an die folgende Generation vermittelt wurden, galt fortan schon als Manipulation, und davor mußte der neue Erdenbürger sofort beschützt werden. Jede Einübung in gesellschaftlich akzeptables Verhalten hatte zu unterbleiben, jede Verwurzelung in der eigenen Zivilisation war zu verhindern, jedes Vertrauen zu ihren Werten zu erschüttern. Mit anderen Worten: Diese Erziehung hatte keinen Inhalt mehr; der Beitrag der Eltern zum Gedeihen ihrer Kinder beschränkte sich darauf, ihnen so viel Liebe wie möglich zu schenken, und außer menschlicher Wärme gab es für diese Eltern nichts mehr zu vermitteln.

Erziehung braucht Inhalte 

Wie eine inhaltslose Erziehung aussieht, haben wir seither tausendfach erlebt: Eine Mutter läßt ihren Sohn kommentarlos gewähren, bis es ihr zuviel wird, brüllt ihn dann unvermittelt an, macht sich im selben Augenblick schwerste Vorwürfe und übt im nächsten Moment tätige Reue, indem sie ihm für eine Weile wieder alles durchgehen läßt – bis zum nächsten Unmutsausbruch. Ein Hin und Her zwischen Nachgiebigkeit und plötzlicher, folgenloser Strenge. Kinder sind so nicht zu beeindrucken. Sie merken sehr rasch, daß ihre Eltern buchstäblich nichts zu sagen und nichts zu bieten haben – außer dem kläglichen Stillhalteangebot: Wir sind nett zu euch, seid ihr bitte auch nett zu uns … Eine Aufforderung zum Machtkampf, den Eltern nicht gewinnen können und auch gar nicht ernsthaft gewinnen wollen. Viele kapitulieren schon deshalb vor den genau kalkulierten Unzufriedenheitsbekundungen ihrer Kinder, weil sie keine Sympathieeinbuße bei ihrem Nachwuchs riskieren wollen. Kurz: Die ziel- und inhaltslose Erziehung erlegt Eltern als oberste Pflicht ihre konsequent betriebene Selbstentmachtung auf.

Kein Leibwächter im Helikopter sein

Warum haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Eltern auf diese Selbstentmachtung eingelassen? Weil sie, wie ich befürchte, handfeste Vorteile davon haben. Unter diesen Umständen können sich Eltern nämlich auf eine Art Leibwächterrolle für ihr Kind beschränken – und die Verantwortung dafür, ob es gerät, welchen Dingen es sich zuwendet, welche Haltung zum Leben es entwickelt, ihm selbst übertragen. Das ist eine große Entlastung. Egal, was passiert, Vorwürfe brauchen sich diese Eltern nicht mehr zu machen – schließlich haben sie sich keinerlei Manipulation zu schulden kommen lassen, schließlich haben sie nur nach dem Motto jenes werdenden Vaters gehandelt, der mir sagte: „Meine Tochter kann doch werden, wie sie will“, und damit seine Unzuständigkeit für den Menschen beteuerte, der einmal aus seiner Tochter werden würde. Fair ist das nicht, aber – wer sagt schon nein, wenn ihm der Verzicht auf Verantwortung auch noch als ein Gebot der Moral verkauft wird?

Was als freiwillige Selbstentmachtung zum höheren Zweck einer glücklicheren Menschheit begann, ist im übrigen längst zu unerbittlichem Zwang geworden. Hatten die Vorreiter der antiautoritären Erziehung – Psychologen, Pädagogen, Bildungspolitiker – noch geglaubt, daß man nur die Autorität der Eltern brechen müsse, damit sich Kinder unbehelligt von gesellschaftlichen Einflüssen in paradiesischer Freiheit entwickeln können, müssen wir heute festellen, daß sich inzwischen andere Autoritäten mit größtem Erfolg unserer Kinder angenommen haben. Über die Werbung hat die Wirtschaft ihre Erziehung zum Guten, Schönen und Teuren übernommen, mit der Verheißung einer Welt ohne Gewissensentscheidungen haben sich die Zeitgeistmedien ihres Seelenheils angenommen, und die Freundesclique bestraft jeden, der dem Zeitgeist untreu wird, mit Ächtung.

Keine Kinder an die Macht!

Damit geht eine nie zuvor gekannte Verlagerung der Macht von den Erwachsenen auf Kinder und Jugendliche einher. Denn die Fixierung unserer Gesellschaft auf Jugend und Körperschönheit bedeutet für die Jugendlichen einen Prestigegewinn, der sie keinerlei Mühe gekostet hat, der ihnen, ohne eigenes Zutun, das Selbstbewußtsein von Siegern verleiht. Und zusätzlich beziehen schon Kinder ein unangreifbares Überlegenheitsgefühl aus der Beherrschung jener Zukunftstechnik, in der es die meisten Erwachsenen niemals so weit bringen werden, wie sie es bereits gebracht haben. Nicht genug damit, spielt die derzeit gängige Diffamierung des Alters jungen Menschen einen weiteren Trumpf in die Hand – in einer Welt, in der Alter, Erfahrung und Charakterfestigkeit zum Makel geworden sind, dürfen Erwachsene allenfalls noch auf Duldung hoffen. Mit anderen Worten: Eltern haben Kindern derzeit nichts voraus, worauf sich Autorität begründen lassen würde.

Folglich erleben wir seit geraumer Weile, daß sich Kinder in Eltern und Eltern in Kinder verwandeln. Für die Erziehung bleiben Eltern nämlich höchstens die ersten elf, zwölf Lebensjahre ihrer Kinder, danach büßen sie ihren Einfluß auf sie rapide ein. Aus Furcht, nach Verlauf dieser Frist abserviert zu werden, behelligen viele Eltern ihren Nachwuchs erst gar nicht mit ernstgemeinten Erziehungsversuchen, sondern setzen von Anfang an alles daran, von ihm akzeptiert zu werden; an die Stelle der Erziehung tritt ein ohnmächtiges Betteln um Gegenliebe, und wie früher Kinder um die Anerkennung ihrer Eltern kämpften, ringen heute Eltern um die Anerkennung ihrer Kinder. Die letzte Rolle, die Eltern dann noch spielen dürfen, ist die einer Schutzmacht – gleichgültig, was sie ausgefressen haben, die Kinder unserer Tage finden in ihren Eltern deshalb unbeirrbare Verteidiger.

Ist Erziehung noch möglich? Praktische Tipps für Menschen, die erziehen wollen

Gewiß. Schließlich gibt es nach wie vor Eltern, die ihrem Erziehungsauftrag, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, nachkommen. In Zukunft wird es nur immer größerer Anstrengungen bedürfen, wird Erziehung gewissermaßen zu einem Widerstandsakt werden, der Mut, Selbstvertrauen und strategisches Denken erfordert.

1. Vermittelt Weltwissen

Allen praktischen Erwägungen muß die Einsicht vorausgehen, daß Erziehung einen Inhalt haben muß. Ein Kind braucht für seine Entwicklung mehr als Liebe und menschliche Wärme; es reicht auch nicht aus, daß Eltern ihre Versorgungs- und Leibwächterfunktion wunschgemäß erfüllen. In der Erziehung müssen Eltern ihre Kinder schrittweise mit dem bekannt machen, was für sie selbst Bedeutung hat, also ein Weltwissen vermitteln, das zur Orientierung im Leben taugt und jungen Menschen zu moralischer Autonomie und geistiger Selbstbehauptung verhilft. Der Stoff einer solchen Erziehung besteht aus den Erfahrungen, den Stil- und Wertvorstellungen der Eltern – Material für eine Auseinandersetzung zwischen den Generationen, die sogar die kritischen Jahren der Pubertät überdauern kann, wenn Kinder gelernt haben, ihre Eltern auch im Streit als ernsthafte Gesprächspartner zu akzeptieren.

2. Zeigt Euren Kindern, dass ihr Verhalten von Bedeutung ist

Das wichtigste aber: Eine derartige Erziehung macht Kindern bewußt, daß ihr eigenes Verhalten Bedeutung hat, daß alles, was sie tun und sagen, etwas bedeutet – für andere wie für sie selbst. Wer aus vermeintlicher Liebe immer wieder beide Augen zudrückt, gibt seinen Kindern zu verstehen, daß ihr Verhalten im Grunde gleichgültig ist – und es darüber hinaus auf sie als Menschen gar nicht ankommt. Wie soll da ein gesundes Selbstbewußtsein entstehen? Nichts fördert die Selbstachtung von Kindern mehr, als wenn man sie beizeiten an den Gedanken gewöhnt, daß ihr Verhalten von Bedeutung ist, weil es für alle Beteiligten Folgen hat.

3. Liebe und Gebote

Das heißt, daß Kinder beides brauchen – Liebe wie auch Grenzen, also Spielregeln, die sie einüben, und Gebote, die sie sich einprägen müssen. Nichts kann auf Dauer im Leben gelingen, wenn man kein Gespür für Grenzen hat, denn nur wenn jeder einzelne von sich aus Grenzen respektiert, ist die individuelle Freiheit aller garantiert. Stellen wir uns diese Spielregeln wie ein Geländer vor, das einerseits die Grenzen des eigenen Bezirks markiert und es andererseits dem Kind ermöglicht, sich daran aufzurichten. Dieses Geländer erlaubt eine allmähliche Eroberung des eigenen Territoriums, es erlaubt aber auch, sich in seinem Bezirk zunächst einmal sicher zu fühlen, bevor die nächsten Schritte über das bekannte Terrain hinaus gewagt werden. Also keine Angst vor Regeln – sie bedeuten nicht, daß man sein Kind nicht lieb hat, ganz im Gegenteil: Sie bedeuten, daß man es auf den verantwortungsvollen Gebrauch seiner Freiheit vorbereitet, und welches höhere Ziel könnten Erzieher sich setzen?

4. Bietet Reibung 

Kindern ein Gefühl für die eigene Bedeutung geben, Spielregeln aufstellen, unmißverständliche Verhaltensanweisungen geben – es ist klar, daß Eltern dafür ein stabiles Selbstbewußtsein und Autorität brauchen, um so mehr, als sie von der Gesellschaft kaum Unterstützung erwarten dürfen. Autorität ist aber auch insofern von Nutzen, als nur der respektiert wird, der Respekt erwartet. Außerdem bieten Eltern mit Autorität ihren Kindern eine Reibfläche – Reibung ist ja die Voraussetzung für die Entwicklung einer eigenen Identität, und nur in der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihnen Widerstand leisten, gewinnen Kinder und Jugendliche Klarheit über sich selbst. Und schließlich bringen nur Eltern mit Autorität jene Gelassenheit auf, die unbedingt nötig ist, um Kinder vom Sinn der Erziehung zu überzeugen.

5. Haltet Euch an Eure Regeln

Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan, aber es sollte doch gesagt werden: Eltern, die ernstgenommen werden wollen, sind konsequent, sie stehen zuverlässig zu ihrem Wort, sie halten sich selbst an die aufgestellten Regeln, sie sind für ihre Kinder berechenbar. Regeln taugen überhaupt nichts, wenn sie von denen, die sie aufgestellt haben, auch wieder in Frage gestellt werden. Souveräne Eltern lassen sich auch nicht durch die gezielt eingesetzten Unmutsausbrüche ihrer Kinder beeindrucken, sie reagieren nicht auf jedes Wehwehchen, sie ertragen es, ihre Kinder auch einmal nicht zu beachten, so daß sie für sich allein schimpfen und toben und sich abreagieren können. Auf gar keinen Fall schüchtern sie ihre Kinder durch Drohungen ein, meckern und nörgeln auch nicht an ihnen herum, überschütten sie nicht bei jedem Fehler mit Vorwürfen und Ermahnungen. Sie registrieren aber aufmerksam, wenn ihre Kinder etwas richtig gemacht haben, sie übergehen nicht kommentarlos ihre Erfolge, sie nehmen jede Gelegenheit zum Lob wahr – und solche Gelegenheiten bieten sich zum Beispiel immer dann, wenn Kinder gelernt haben, sich an Regeln zu halten.

6. Bleibt im Gespräch

Das Entscheidende vielleicht aber ist, daß Eltern und Kinder im Gespräch bleiben. Wichtiger als jede Saxophonstunde, jede Frühförderung in dieser oder jener Fremdsprache, jede Fernsehsendung ist, daß man miteinander redet. Dazu gehören die Geschichten, die Eltern ihren kleinen Kinder vorlesen oder erzählen, genauso wie in späterer Zeit die Diskussionen, zu denen alle jene elterlichen Erfahrungen und Vorstellungen Anlaß bieten, die den Inhalt der Erziehung ausgemacht haben. Ich glaube, daß Erziehung dann gelungen ist, wenn Kinder einmal sagen können, daß sie von ihren Eltern etwas gelernt, etwas mitbekommen haben, das als Wegzehrung für den Rest ihres Lebens taugt.

Moritz Knigge sagt: „Erziehung muß einen Inhalt und ein Ziel haben. Inhalt der Erziehung sollten die Erfahrungen, die Stil- und Wertvorstellungen der Eltern sein. Das Ziel der Erziehung sollte darin bestehen, Kinder auf den verantwortungsvollen Gebrauch ihrer Freiheit vorzubereiten.“

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