Foul ist, wenn der Schiri pfeift

Bleiben wir noch ein wenig auf dem grünen Rasen. Nicht nur, weil wir, die Autoren, große Fußballfans sind, sondern weil dieser Sport besonders geeignet ist, die Widersprüchlichkeit von Regeln und der damit einhergehenden Verantwortung zu veranschaulichen. Nirgendwo sonst stehen zwei konkurrierende Normen in einem derartigen Spannungsverhältnis.

Einerseits die Leistungsnorm: Gewinnen auf Teufel komm raus. Andererseits die Fairnessnorm: Gewinnen mit fairen Mitteln. Auf der einen Seite der sogenannte olympische Gedanke, Völkerverständigung und fair geht vor, auf der anderen Seite absolute Erfolgsorientierung – inklusive Blutgrätschen, Schwalben, Kratzen und Beißen. Um der Fairness zu etwas mehr Durchsetzungsstärke zu verhelfen, hat sich zwar die UEFA die Fair-Play-Wertung ausgedacht, deren nationalen Gewinnern am Ende der Saison die Teilnahme am internationalen Wettbewerb winkt. Doch mal ehrlich, unterstreicht das nicht eher, dass die Leistungsnorm höher angesiedelt ist als Fair Play? Eine geradezu gönnerhafte Geste. Ein paar Brotkrumen für die Fairen und Kuchen für die Erfolgsverwöhnten. Oder haben Sie schon mal einen Fan sagen hören: „Ich bin stolz auf mein Team. Wir haben dieses Jahr die Fair-Play-Wertung gewonnen“?

Der Sportwissenschaftler Andreas Hoffmann von der Universität Stuttgart hat 547 Jugendfußballer in einer Fragebogenstudie folgende Situation beurteilen lassen: „Bei einem Fußballspiel rennt ein Gegner eine Minute vor Spielende auf euer Tor zu, wo er eine sehr gute Schussposition erreicht. Du befindest dich hinter ihm und kannst ihn nur durch ein Foul stoppen.“

Die Frage lautete, unter welchen Bedingungen die Spieler bereit wären zu foulen. Unter der Bedingung, dass die Mannschaft sich im Abstiegskampf befände, bekannten sich acht von zehn jungen Spielern dazu, den Gegner mit einem Foul zu stoppen. Und man ist geneigt, den beiden statistischen Ausreißern keine allzu rosige Zukunft vorauszusagen, falls sie eine Profikarriere anstrebten. Denn noch immer gilt der alte Kabinenspruch: „Lieber unfair und Meister, als fair und Letzter!“

Wer fair bleiben will, der sollte sich besser ein anderes sportliches Betätigungsfeld wählen. Eines, wo noch der Spaß im Vordergrund steht oder ein Regelverstoß direkt und unmissverständlich bestraft wird. Wer beim Skat seinem Mitspieler in die Karten schaut und sich erwischen lässt, der ist schnell raus aus dem Spiel.

Ein Ausschluss droht zwar auch dem Abwehrspieler, der sich einer Notbremse bedient, doch das zustimmende Schulterklopfen seiner Mitspieler dürfte ihm sicher sein. Und der aufmunternde Beifall der eigenen, vom Abstiegskampf gebeutelten Fans sowieso. Da hat einer Verantwortung übernommen, für die Mannschaft, ja den ganzen Verein! Der Spieler hat sich geopfert, sich in den Dienst einer höheren Sache gestellt. Frei nach dem Motto: „Fairness bedeutet nach Möglichkeit, fair zu spielen, und, wenn es sein muss, fair zu foulen.“

Ein faires Foul? Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, ist es nicht. Man muss ja nicht dem Fanwillen nachgeben und den Gegner umhauen, man kann sich ja auch eines sogenannten taktischen Fouls bedienen. Ein kurzes Zupfen am Trikot oder ein leichtes in die Beine laufen reichen ja auch, um das drohende Unheil zu verhindern. Auch nicht fair, aber immerhin fairer als unfair. Laut einer Studie der Universität Halle im Übrigen umso fairer, je fairer die Leistung des Schiedsrichters von den Spielern wahrgenommen wird.

Da haben wir sie, die eigentlichen Verantwortlichen, die Männer und Frauen mit der Pfeife. Kein Fußballfan, dem das nicht schon vorher bekannt gewesen wäre. Der Schiri, die Pfeife!

Wer gewinnt, hat recht?

Wir schreiben das Jahr 1982. In der Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft in Spanien stehen sich Deutschland und Österreich gegenüber. Ein 1:0-Sieg der Deutschen würde beiden Mannschaften reichen, um in die nächste Runde zu kommen. Das Kopfballungeheuer Horst Hrubesch bringt die deutsche Mannschaft bereits nach elf Minuten in Führung, danach stellen beide Mannschaften das Fußballspielen de facto ein. Nach weiteren 79 Minuten geht der „Nicht-Angriffspakt von Gijón“ zu Ende. Allen Unmutsbekundungen vonseiten der spanischen und vom Nichtangriffspakt betroffenen algerischen Zuschauer, die wahlweise weiße Taschentücher schwenken oder mit Geldscheinen wedeln, zum Trotz.

„Das Publikum hat überhaupt nicht kapiert, um was es hier für uns ging, nämlich um das Weiterkommen“, kommentierte Paul Breitner den Unmut der Zahlenden. Sein Mannschaftskamerad Wolfgang Dremmler zeigte zwar grundsätzliches Verständnis, war sich aber ebenso keiner Schuld bewusst: „Ich verstehe irgendwie die Reaktionen der Zuschauer, aber ich kann mich darum wirklich nicht kümmern.“

Bis heute hat sich kein einziger der Spieler zu einer Entschuldigung für dieses unrühmliche Spektakel durchringen können. Warum auch, schließlich heiligt der Erfolg die Mittel. Wer spricht morgen noch davon, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist? Dabei sein ist alles – das mag für Olympioniken gelten, Fußball ist ein Ergebnissport.

Diese Rollenvorschrift haben die Nationalteams beherzigt, und trotzdem sprechen nicht nur wir, sondern auch andere gut 26 Jahre danach immer noch von diesem Spiel. Woran liegt das? Schließlich sind damals 22 Fußballspieler lediglich ihrer Verantwortung nachgekommen, der Rollenvorschrift „Wer gewinnt, hat recht“ bewusst Folge zu leisten.

Da das Ergebnis des anderen Spiels bereits fest stand, wussten die Teams, dass das Ergebnis von 1:0 beiden das Weiterkommen sichern würde. Die FIFA änderte daraufhin umgehend ihre Regeln: Um ähnliche Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, müssen seither die letzten Gruppenspiele zeitgleich ausgetragen werden.

Die Regeln des Systems haben sich verändert, weil sich die Akteure an die geltenden Regeln hielten. Das hört sich paradox an, entspricht aber den Tatsachen. Hätten sich beide Teams an die Regeln des Fair Play gehalten, wären die Regeln wohl nicht geändert worden. Man könnte sogar behaupten, die österreichischen und deutschen Spieler seien dafür verantwortlich, dass der Fußball fairer geworden ist. (Alle algerischstämmigen Leser und alle die das damalige Spiel live oder vor den Fernsehschirmen über sich ergehen lassen mussten, mögen uns diese Interpretation nachsehen.)

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