Während sich der Schriftsteller Walter Benjamin „für ein paar Stunden in das vorüber fliegende Land wie in einen wehenden Schal gekuschelt“ fühlte, schießen einigen Menschen ganz andere Gedanken durch den Kopf, wenn sie an das Zugfahren denken. Volle Abteile, Verspätungen, technische Defekte und nicht zuletzt das ungehobelte Verhalten ihrer Mitmenschen. Als ich während der Recherche zu meinem Buch meine Freunde und Bekannten bat, mir doch einfach eine kurze Mail zu schreiben, was sie ganz spontan mit dem Thema meines Buches assoziieren würden, erreichte mich nicht einmal 30 Minuten nach dem Absenden meiner Bitte die erste Antwort. Diese möchte ich Ihnen an dieser Stelle ungefiltert vorstellen:

„Mir ist aufgefallen, dass bereits am Bahnsteig, wenn der Zug einrollt, ein komisches Verhalten der Reisenden eintritt. Alle versuchen, sich vor den Eingangstüren so zu positionieren, dass sie die Ersten sind. Ist der Zug erst einmal eingefahren, werden die, die aussteigen wollen, total blockiert bzw. teilweise wieder mit in den Zug gedrängt, weil die ganz Ungeduldigen bereits reinstürmen. Und schon kommt es zu den ersten ‚Nettigkeiten’. Wie auch immer: eine unnötige Stresssituation für alle.

Es folgt die Sitzplatzsuche: Die, die eine Sitzplatzreservierung haben, sind etwas gelassener, aber diejenigen ohne dieses Privileg laufen jetzt ohne Rücksicht auf Verluste los, blockieren, drängeln und transportieren rücksichtslos ihr Gepäck durch die Gänge.

Doch mit der Gelassenheit der ‚Reservierten’ ist es spätestens vorbei, wenn ein ‚Eindringling’ es sich bereits auf dem eigenen reservierten Sitzplatz gemütlich gemacht hat. Dann schlägt die Gelassenheit der ‚Reservierten’ schnell in Reserviertheit um! Insbesondere dann, wenn der ‚Platzdieb’ auch noch schläft oder sich schlafend stellt. Was mache ich da? Wie wecke ich dann den Burschen? Stupse ich ihn leicht an? Erhebe ich meine Stimme, oder wende ich mich sofort an den Schaffner? (Der ja mittlerweile Zugbegleiter heißt.) Der Konflikt ist jedenfalls vorprogrammiert!

Wenn man dann endlich sitzt, sein Gepäck verstaut hat und es sich etwas bequemer gemacht hat, wird man erst mal vom Nebenmann mit einem Killerblick angeschaut – nach dem Motto: ‚Ist jetzt endlich Ruhe?’ Wenn sich alles dann wieder ein wenig beruhigt hat, kommt der nächste Bahnhof, und das Spiel geht von Neuem los. Na ja, das sind so ein paar Eindrücke hier aus der Bahn, keine Ahnung, ob da eine kleine Anregung für dich dabei ist. Könnte mir aber gut vorstellen, dass das Thema Bahnhof/Bahnfahrt die Leser interessieren könnte. Das ist eine alltägliche Sache, die jeder schon mal erlebt hat. Also bis dann mal, ich muss mich jetzt aus dem Zug pressen!?“

Auch aus meiner Sicht bietet das Fahren im Zug ein Panoptikum des zwischenmenschlichen Umgangs, das einer tiefer gehenden Analyse bedarf. Und die beginne ich nach all den Beispielen gelebter Rüpelhaftigkeit mit einer Statistik, die einen Silberstreif am Horizont des manierlichen Umgangs aufblitzen lässt: Nach einer Umfrage geben mittlerweile über 80 Prozent der Reisenden ihren professionellen Begleitern (früher Schaffner genannt) Bestnoten. Damit sind wir immer noch um einiges von der Kuscheligkeit eines Walter Benjamin entfernt, denn selbst bei einem hundertprozentigen Ergebnis dürften wir kein „Paradies auf Schienen“ vermuten. Zumindest so lange nicht, bis es verlässliche Ergebnisse darüber gibt, dass sich die Reisenden gegenseitig ebenfalls ein gutes Zeugnis ausstellen.

Aber warum sollte uns Reisenden nicht ebenfalls gelingen, was den Schaffnern bei ihrem Transformationsprozess zum Zugbegleiter immer besser zu glücken scheint? Waren diese doch vor einigen Jahren auch noch weit davon entfernt, Bestnoten zu erzielen. Ihre Wandlung von der hässlichen Raupe zum schönen Schmetterling beschreibt Thomas Ramge im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ auf amüsante Weise so: „Als Schaffner noch Schaffner hießen, hielten sie ihre Knipszangen fast immer wie Schreckschusspistolen und hatten mindestens genauso oft schlechte Laune. Die Zange tragen sie nun oft im Holster, dafür Tabletts mit Kaffee zu den Fahrgästen. Ihre Laune hat sich in fast beängstigendem Ausmaß verbessert.“

Nehmen wir uns doch einfach die neue und einsichtige Maxime der Zugbegleiter zum Vorbild: „Eigentlich ist es ganz einfach: Wer nett ist, hilft dem Fahrgast uns sich selbst!“ Überlegen wir uns, wo wir selbst netter sein könnten, um uns und den anderen Fahrgästen zu helfen. Vielleicht muss sich ja dann auch mein Bekannter zukünftig nicht aus Zügen „herauspressen“!

Wer sich Stress ersparen will, der sollte bereits im Vorfeld seiner Reise die eine oder andere Stress reduzierende Strategie ergreifen! Das Internet macht es möglich.

  • Drucken Sie sich Ihr Ticket und die dazugehörige Reservierung zu Hause am Drucker aus. So vermeiden Sie Terminhatz und lange Schlangen am Reisetag!
  • Platzieren Sie sich auf dem Bahnsteig so, dass Sie nicht durch den gesamten Zug laufen müssen, um Ihren Platz einzunehmen.

Da Sie ja ohnehin (siehe oben) reserviert haben, hilft der Blick auf die auf jedem Bahnsteig existierenden Wagenstandsanzeiger, die Ihnen angeben, in welchem Abschnitt der Wagen hält. Für sportliche Aktivitäten gibt es andere, besser geeignete Orte!

Ich rege mich ja ungern auf. Aber Gepäck in den Gängen der Abteile lässt selbst mich ärgerlich werden.

  • Gepäck hat auf den Gängen nichts zu suchen, sondern gehört ins Gepäckfach!

Falls Ihnen der Koffer zu schwer ist und niemand von selbst auf den nahe liegenden Gedanken kommt, Ihnen Hilfe anzubieten, fordern Sie diese einfach ein. Ich helfe gerne …

  • Ohne Reservierung bieten oft die Raucherabteile eine Alternative zu den überfüllten Nichtraucherabteilen.

Das hat natürlich seinen Preis: Die Konfrontation mit ebenso überfüllten Aschenbecher und einer Luft, die für nicht rauchende Menschen gelinde gesagt eine Bewährungsprobe darstellt. Vermeiden Sie es jedoch, sich über diese erschwerten Rahmenbedingungen zu echauffieren oder ständig ungefragt die Fenster zu öffnen. Raucher führen zunehmend ein Rückzugsgefecht, immer mehr öffentliche Räume werden dem blauen Dunst entzogen, und die Frustrationstoleranz sinkt. Dort, wo Raucher in der Mehrheit sind, sollten Sie vorsichtig sein oder den Rest der Fahrt stehen … Sie haben die Wahl.

  • Die teurere, aber unwidersprochen gesündere Variante ist das Bistro.

Insbesondere, wenn man nicht allein unterwegs ist oder die mitgebrachten Zeitschriften und Bücher bereits ausgelesen hat, ist es eine wirkliche Alternative zu den überfüllten Abteilen. Die Bestellung eines Getränks ist natürlich die Voraussetzung. Als Faustregel gilt: Halten Sie sich nicht über eine Stunde an Ihrem Getränk fest. Selbst bei geduldigem Servicepersonal sollte man es tunlichst vermeiden, auf seiner Fahrt von Hamburg nach München mit seiner kurz nach Harburg bestellten, inzwischen schalen und warmen Cola bis zum Münchner Hauptbahnhof durchzuhalten.

  • Unterrichten Sie sowohl Ihre Mitreisenden als auch die verantwortlichen Zugbegleiter umgehend von unappetitlichen Zuständen oder Defekten zum Beispiel auf der Zugtoilette.

Auf eine defekte Spülung sollte man die Nachfolgenden sofort hinweisen und dann das Problem der Zugbegleitung mitteilen. (Und zwar in dieser Reihenfolge!)

  • Fragen Sie stets, ob der Platz, den Sie einnehmen wollen, noch frei ist.

Sie bereiten damit das Feld für eine wertschätzende Kommunikation, auch wenn sich diese in der Begrüßung und der späteren Verabschiedung erschöpft, weil Sie oder Ihr gegenüber sich lieber in die mitgebrachte Lektüre vertiefen wollen, als sich zu unterhalten. Achten Sie auf entsprechende Signale. Wer immer wieder in Gesprächspausen zu seinem Buch greift oder die Augen schließt, scheint kein wirkliches Interesse an einer Unterhaltung zu haben.

  • Breiten Sie sich nicht über Gebühr aus!

Das schwere Gepäck gehört in die Ablage, der Rucksack dient nicht als Platzhalter und die Füße nicht auf den Sitz gegenüber. Lassen Sie sich als Platzsuchender nicht durch solche Revierabgrenzungen davon abhalten, Ihren Sitzplatz einzunehmen. Bleiben Sie höflich, und fragen Sie, ob Sie sich eventuell auf dem Platz, der von Koffern, Rucksäcken oder Füßen belegt ist, niederlassen dürften.

  • Einen reservierten Platz einzufordern ist Ihr gutes Recht. Doch auch hier macht der Ton die Musik. Mit einem „Entschuldigen Sie bitte, aber ich glaube, Sie sitzen auf meinem Platz“, kann man in der Regel wenig falsch machen.

Bei schlafenden oder sich schlafend stellenden Mitreisenden wird die Sache tatsächlich ein wenig heikler. Um Konflikte zu vermeiden, sollten wir uns – falls möglich – anderswo in der Nähe niederlassen und den Platzbesetzer erst nach dessen Erwachen darum bitten, den reservierten Platz einnehmen zu dürfen.

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