Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, sagt man. Und man hat recht, weil wir alle im Glashaus sitzen. Wir Menschen, die miteinander umgehen. Der werfe den ersten Stein, sagt die Bibel und alle werfen, was das Zeug hält. Und schon liegt das Glashaus und Scherben. Weil die Idioten eben doch immer die anderen sind. Weil der nackte Zeigefinger zwar hässlich ist, aber sich wenigstens nicht gegen unser Ego richtet. Der Finger an der eigenen Nase ist unbeliebt und total unterschätzt. Weil er etwas Wunderbares möglich macht: Er lässt die Möglichkeiten im Umgang mit Menschen wachsen anstatt sich im zwischenmenschlichen Schützengraben der Erwartungen an andere zu verschanzen. 

Jeder nickt und keiner fühlt sich angesprochen

Auch ich bin im Schulterklopfen gut. Solange es meine eigenen Schulter sind. Und in guter Gesellschaft. Immer wieder kommen Menschen zu mir und sagen:
Alles wunderbar, was Sie da sagen Herr Knigge! Toll. Ich mache das auch immer alles, …aber die andern…die machen das nicht!

Unternehmer sagen zu mir: Das könnten unsere Mitarbeiter sehr gut gebrauchen. Die Mitarbeiter sagen: Darf ich meinen Chef mal zu Ihnen schicken? Meine Freunde sagen: Geiles Thema.
Meine Freundinnen sagen: Superschönes Thema.
Ältere Menschen sagen zu mir: Die Jugend von heute!
Jüngere Menschen sagen: Die alten Säcke!

Alle sagen: Wahnsinnig wichtiges Thema! Und dann folgen Geschichten über all’ die Idioten, die das gute Benehmen mit Füssen treten. 

Jeder nickt und keiner fühlt sich angesprochen!

Heiligenschein ausknipsen

Wer nicht nur nicken, sondern sich angesprochen fühlen will, der nehme den Finger an die eigene Nase. Auf der Nase ist nämlich ein Schalter, mit dem ich meinen eigenen Heiligenschein aus und meine Möglichkeiten anknipsen kann. Die Fehler und Versäumnisse der anderen werden plötzlich nicht mehr ausgeleuchtet, das Licht im Raum wird gedimmt. Die Konturen werden weicher. Das Licht ist nicht mehr so hart. Aus Fehlern werden Ungeschicklichkeiten, aus Konflikten Missverständnisse und aus Vorwürfen alles gut! Der Finger an der eigenen Nase setzt da an, wo wir den größten Hebel haben: bei uns selbst. 

 

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