Der ehemalige holländische Fußballnationalspieler Dennis Bergkamp wurde seit den Fußballweltmeisterschaften in den USA von solch großer Flugangst geplagt, dass er bei allen internationalen Spielen für seinen Arbeitgeber Arsenal London immer auf andere Reisemöglichkeiten zurückgreifen musste. Für die meisten von uns ist die Reise mit dem Flugzeug hingegen längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden, was natürlicherweise auch daran liegt, dass Flüge mitunter günstiger sind als die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen ins Hotel. Und wenn sie nicht durch gelegentliche Turbulenzen daran erinnert würden, dass sie sich tatsächlich in der Luft befinden, zählen Flugerfahrene die Angst vor dem eigentlichen Flug nicht mehr zu ihrem Standardrepertoire.

Das bedeutet im Umkehrschluss mitnichten, dass wir auf unserem Weg zum Flughafen keinerlei Ängste oder Sorgen mit uns herumtrügen. Im Gegenteil! Nur haben diese Befürchtungen mehr mit unseren Mitmenschen und den speziellen Begebenheiten auf dem Flughafen oder im Flugzeug zu tun als mit der Tatsache, dass wir uns in Schwindel erregenden Höhen mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft bewegen lassen. (In Privatjets mag das anders sein, aber so weit ist die Demokratisierung des Luftraums noch nicht fortgeschritten, dass jeder Flugreisende auf diese Art der Individualreise zurückgreifen könnte …) Also: Willkommen in der Abflughalle eines großen internationalen Flughafens Ihrer Wahl:

Zu Beginn jeder Reise steht – nein, nicht das Packen, das ist jetzt nicht unser Thema – das Einchecken.

  • Das Eincheckens verläuft in der Regel reibungslos, wenn man sich an das leine Einmaleins hält: hinten anstellen, den freien Schalter schnell erfassen, Buchungsdaten, Personalausweis und gegebenenfalls Miles&More-Karte oder Vergleichbares zur Hand. Wer lediglich mit Handgepäck reist und den bequemen Quick-Check-In nutzt, schont seine Nerven ohnehin!
  • Je nach Sicherheitslage ist die sich anschließende Gepäck- und Personenkontrolle eine mehr oder weniger große Geduldsprobe. Einmal an der Reihe, sollten Sie nicht drei Anläufe durch die Sicherheitsschleuse benötigen, um festzustellen, dass Sie immer noch Ihren Schlüssel, Ihr Feuerzeug oder Ihren Kleingeldbestand in der Hosentasche tragen.

So manches Mal lässt sich aber das Alarmsignal auch dann nicht zur Ruhe bringen, wenn wir uns bereits halb nackt zu unserem zehnten Gang durch die Schleuse aufmachen. Hier hilft nur eines: Ruhe bewahren! Schließlich kommt die professionelle Gründlichkeit des Sicherheitspersonals sowohl Ihrem Bedürfnis nach Sicherheit zu Gute als auch dem der nachfolgenden Fluggäste, die sich mal wieder in der „falschen Schlange“ wähnen!

Nach einem kleinen Bummel durch die Einkaufsmeile des Abflugbereiches kommen wir, meist viel zu früh, an unserem Gate an und warten darauf, dass das Boarding beginnt. Die Zeit bis zum Aufruf unserer Fluggesellschaft, bei dem diese uns nun ganz herzlich auf unserem Flug von X nach Y willkommen heißt, verläuft in der Regel nach der immer gleichen Dramaturgie. Wenn nicht gerade durch lautstarkes Telefonieren, Junggesellenabschiede auf dem Weg nach Palma oder andere anschwellende Geräuschpegel gestört, liegt auf den meisten Wartebereichen zunächst ein Mehltau aus stiller Lektüre, gedämpften Gesprächen, sanftem Dösen oder konzentrierten Blick in den Laptop.

Dies ändert sich jedoch, sobald an unserem Schalter die erste Betriebsamkeit ausbricht und die Vorbereitungen für das Boarding beginnen. Die ersten Köpfe recken sich nach oben, doch der erfahrene Flugprofi weiß natürlich, dass es noch mindestens zehn Minuten dauert, bis der eigentliche Aufruf erfolgt. Wenn es dann endlich losgeht, heißt die eigentliche Tugend, gelassen seinen Platz in der sich langsam bildenden Schlange einzunehmen. Nichts ist verpönter als hektische Betriebsamkeit:

  • Überprüfen Sie Ihr Gespür dafür, einen der ersten Plätze entspannt zu ergattern. Sollte Sie feststellen, dass Sie immer wieder im Mittelfeld landen, bleiben Sie in Zukunft einfach eine Weile länger sitzen. Denn als Faustregel gilt: lieber als Letzter ins Flugzeug schlendern, als sich hektisch durchs Mittelfeld zu bewegen.
  • Wessen Name allerdings in Verbindung mit der Formulierung „Letzter Aufruf für …“ durch den gesamten Flughafen schallt, der verstößt ohnehin gegen die grundlegenden Höflichkeitsregeln in der Luftfahrt!

Nachdem wir das Flugzeug betreten haben, steigt die Notwendigkeit zur gegenseitigen Rücksichtnahme exponentiell an. Unsere Bewegungsfreiheit ist ab jetzt so stark eingeschränkt, dass es besonderer Fähigkeiten bedarf, uns gegenseitig noch Raum zum Atmen lassen. Ein guter Gradmesser für unsere Frustrationstoleranz! Da Disziplin jedoch im Flugzeug groß geschrieben wird, unterscheiden sich die hörbaren Dialoge erheblich von unseren inneren Monologen. Eine mögliche Übersetzung:

„Kein Problem!“ („Na prima! Schon wieder einer, der fünf Minuten braucht, um sein sogenanntes Handgepäck zu verstauen, wo ich dann wieder keinen Platz für meine Sachen finde.“)

„Entschuldigung! Darf ich Ihre Sachen ein Stück zur Seite schieben?“ („Frechheit, manche denken auch, sie sind allein auf der Welt!“)

„Entschuldigen, würden Sie mich bitte durchlassen?“ („Warum nehme ich eigentlich jedes Mal einen Fensterplatz …“)

„Ja, selbstverständlich!“ („Warum kommen die, die am Fenster sitzen eigentlich immer als Letzte?“)

In seinem Versuch, das Wesen der Höflichkeit zu ergründen, kam der französische Philosoph La Bruyère zu folgender Einsicht: „Höflichkeit überzeugt ((zeugt von? oder überzeugt durch? Bitte Zitat prüfen)) nicht immer von Güte, Gerechtigkeit, Gefälligkeit und Dankbarkeit; sie gibt aber wenigstens den Schein dieser Dinge und lässt den Menschen nach außen so sein, wie er innerlich sein müsste.“ Wüssten wir nicht, dass im 17. Jahrhundert noch keine Flugzeuge existierten, könnte man den guten Mann glatt für einen erfahrenen Flugpassagier halten …

Der Platz ist eingenommen. Wie der Gurt funktioniert, wo sich die Notausgänge befinden, wie die Sauerstoffmasken zu handhaben sind und dass wir unsere elektronischen Geräten auszuschalten haben, das könnten wir ja mittlerweile auswendig aufsagen, wenn wir mitten in der Nacht geweckt würden. Ich frage mich manchmal, ob es überhaupt einer der Fluggäste merken würden, wenn diese Einführung nicht stattfände. Ich habe sogar schon leichte Irritationen in den Gesichtern der Flugbegleiter festgestellt, wenn man wirklich einmal interessiert zuschaut …

Wie sich trotz der gegebenen Enge im Flugzeug noch etwas fürs Leben lernen lässt, erfuhr ich in einem Online-Knigge-Quiz. Zu der Frage „Ist es überhaupt möglich, in der Economyclass stilgerecht zu essen?“, fand ich dort Folgendes: „Ja, Sie können sogar die Gelegenheit nutzen, Ihren Essstil zu verbessern. Beim Essen halten Sie die Arme möglichst eng am Körper, wenn Sie Ihre Speisen schneiden oder die Gabel zum Mund führen.“ Ein Hinweis, der im Übrigen nur so lange gilt, wie Ihr Vordermann mitspielt. Sollte der nämlich sein Essen bereits verspeist haben, gerade den Entschluss fassen, sein Schlafdefizit zu korrigieren und zu diesem Zweck seinen Sitz ruckartig nach hinten zu klappen, während Sie noch dabei sind, Ihren Essensstil zu optimieren, ist es mit der selbst erteilten Etikettestunde schnell vorbei …

Nachdem Sie den Rest des Fluges manierlich über die Bühne gebracht haben und keine größeren Dissonanzen mit Ihren Nachbarn über die Leselampen oder die Klimaanlagen bestanden, können Sie sich so langsam seelisch auf den Anflug und den damit verbundenen Ausstieg vorbereiten – die letzte Hürde gegenseitiger Rücksichtnahme! Viel passieren kann jetzt nicht mehr, es sei denn, Ihr Kapitän meldet sich über Lautsprecher: „Hier Kapitän Kruse. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Zuerst die schlechte: Wir müssen eine halbe Stunde über München kreisen – der Flughafen muss von Schnee geräumt werden. Und nun die gute Nachricht: Sie brauchen die längere Flugzeit nicht zu bezahlen.“

Da kann die Musik noch so beruhigend aus den Lautsprechern dudeln. Kaum gelandet, schon bricht Hektik aus. Menschen in den Gängen, Menschen in gebückter Haltung, die jeder Rückenschule trotzen, und einige stoische „Sitzenbleiber“ prägen nun das Bild. Jetzt gibt es nur ein Ziel: Raus aus der klaustrophobischen Röhre! Doch wenn man Pech hat, sieht man sich ja ohnehin im Bus wieder. Nach kurzem Warten abseits der Landebahn treffen endlich die Nachzügler von ihren Fensterplätzen ein, und gemeinsam geht es zur Gepäckausgabe. Hier haben Sie ein letztes Mal die Gelegenheit, Ihre Manieren unter Beweis zu stellen!

  • Es soll Menschen mit mehreren Gepäckstücken geben, die sich über eine helfende Hand freuen, wenn diese unmittelbar nacheinander auf dem Laufband erscheinen.
  • Und es soll Menschen geben, die am liebsten in die Röhre, aus der die Koffer aufs Laufband fallen, kriechen würden, um an ihr Gepäck zu kommen. Gehören Sie nicht zu Letzteren!

„Hallo Schatz! Hattest Du einen guten Flug?“ – „Ja, alles bestens!“ („… mal abgesehen von dem Typen, der beim Einchecken feststellte, dass sein Koffer Übergewicht hat und sich auch noch lautstark über die Extrakosten mokierte, und von der Frau in der Sicherheitskontrolle, die mich dazu genötigt hat, mich halb auszuziehen, als sei ich ein Schwerverbrecher. Nicht zu vergessen der Witzbold, der sich einfach auf meinen Platz gesetzt hat, obwohl er eine Reihe hinter mir sitzen sollte. Von den bösen Blicken mal ganz abgesehen, als ich fünf Minuten zu spät in den Flieger kam!“)

Share This