Am Wert der Freundschaft hat wohl noch nie jemand gezweifelt. Aber in einer Zeit der Ex-und-hopp-Kontakte wird es immer schwieriger, Freunde zu finden. Ich staune jedenfalls, wieviele Menschen in Verlegenheit kommen, wenn man sie nach ihrem besten Freund, ihrer besten Freundin befragt. Es erscheint mir deshalb nicht überflüssig, der Frage nachzugehen, wie Freundschaften entstehen und wie man sie pflegt.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Es gibt Menschen, die gar keinen vertrauten Freund, sondern nur Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelenbedürfnis fehlt oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen oder weil ihre Gemütsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel oder zänkisch ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor die Füße, und deswegen bückt sich keiner, greift niemand darnach, es aufzunehmen – lasset uns zu keiner von beiden Klassen gehören!“

Vertrauter Austausch und gemeinsame Erlebnisse

knigge Freunde
Freunde fürs Leben

Über den Umgang mit Menschen, II, 6, 19

Ganz allgemein läßt sich wohl sagen, daß Männerfreundschaften aus einem etwas anderen Stoff gemacht sind als Frauenfreundschaften. Die Freundschaft unter Männern gründet sich in vielen Fällen auf gemeinsame Erlebnisse, auf Abenteuer, die man auf Reisen bestanden hat, oder eine schwierige Lebensphase, in der man zusammengehalten hat. Freundschaft unter Frauen scheint eher auf einem Gleichklang der Gefühle und einem innigen Verständnis füreinander zu beruhen. Für Frauen erfüllt sich die Freundschaft daher im gegenseitigen Austausch, im vertrauten Reden miteinander, während Männerfreundschaften sich immer wieder einmal in gemeinsamen Erlebnissen bewähren müssen – und im übrigen oftmals auch ohne viele Worte auskommen. Es trifft also vielleicht eher auf Männer zu, wenn ich behaupte, daß unvergeßliche Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes das Kapital der Freundschaft darstellen. Aber wie man diese besondere Intimität auch immer herstellt, aus der die Freundschaft erwächst – man muß den Alltag durchbrechen, um sich einen Fundus außergewöhnlicher, außergewöhnlich schöner und außergewöhnlich tiefsitzender Erinnerungen zuzulegen.

Übereinstimmung und Differenz 

Selbstverständlich muß noch einiges mehr hinzukommen, damit eine Freundschaft entsteht. Das stimulierende Gefühl zum Beispiel, jemanden gefunden zu haben, mit dem man in irgendeiner Weise übereinstimmt, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat, eine ähnliche Weltsicht besitzt oder ähnliche Grundsätze vertritt wie man selbst. Wahrscheinlich möchte man sich in einem Freund, in einer Freundin wiedererkennen, und wahrscheinlich meint der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) eben dies, wenn er sagt: „Was kann angenehmer sein, als einen Freund zu haben, mit dem man so reden darf wie mit sich selbst?“ Aber echte Freundschaft sollte auch große weltanschauliche Differenzen oder Unterschiede im Geschmack, in Vorlieben und Interessen verkraften können, denn um Ähnlichkeit allein geht es bei der Freundschaft eben doch nicht.

Lizenz zur unangenehmen Wahrheit

Verehrung oder Bewunderung scheint mir ein wesentliches Element vieler Freundschaften zu sein. Es gibt Freunde, auf die man stolz ist, denen man nacheifern, an die man heranreichen, deren Freundschaft man sich würdig erweisen möchte. Diese Freunde beeinflussen uns vielleicht mehr als irgendjemand sonst – nicht zuletzt deshalb, weil sie die Autorität haben, uns unangenehme Wahrheiten zu sagen. Und dann gibt es Freunde, deren Anhänglichkeit oder Ergebenheit man als wohltuend empfindet. Wir schätzen sie eher schwächer ein als uns selbst, verdanken ihnen aber gleichwohl viel, weil sie uns oft Leistungen zutrauen, denen wir uns nicht ohne weiteres gewachsen fühlen würden. Diesen Freunden gegenüber ist man vielleicht am unbefangensten, weil man sich ihnen gegenüber nicht zu beweisen braucht. Völlige Ebenbürtigkeit ist also vielleicht gar nicht unbedingt der beste Kitt einer Freundschaft; dauerhafter sind womöglich Freundschaftsbeziehungen, die uns herausfordern oder aber ermutigen.

Alles Ehrenhafte ist nützlich – nicht umgekehrt

Das unsicherste Fundament der Freundschaft ist gewiß die Hoffnung, andere könnten uns nützlich sein. Der Nutzen einer Freundschaft ergibt sich von selbst, aber nur dann, wenn wir sie mit keinem konkreten Zweck verbinden. Lassen wir uns bei der Auswahl unserer Freunde also nicht von einem kurzsichtigen Egoismus leiten – wer über seine Freunde Einfluß gewinnen möchte, wem es nur um den Eindruck geht, beliebt zu sein, der wird sich von Opportunisten umgeben finden und in dem Moment ohne Freunde dastehen, in dem er sie braucht. Denn – was immer wir im einzelnen darunter verstehen mögen, eine Eigenschaft macht jede Freundschaft aus: daß sie auf Dauer hält. Festigkeit und Dauer stellen den wahren Nutzen der Freundschaft dar.

Marmor, Stein und Eisen bricht

Vielleicht braucht man ein gewisses Alter dafür, um zu verstehen, daß der Sinn der Freundschaft in ihrer Unzerstörbarkeit liegt, in der Erfahrung, daß eine Beziehung viele Jahre gehalten hat, und der Gewißheit, daß sie weiter halten wird. So wie ein altes Gebäude, das nicht einmal besonders schön sein muß, Ehrfurcht einflößt, einfach weil viel Schicksal und viel Leben darüber hinweg oder durch es hindurchgegangen ist, so flößt eine lange Freundschaft Ehrfurcht ein, auch wenn man ihren Gewinn sonst kaum benennen könnte. Der Mehrwert einer solchen Freundschaft besteht im übrigen aus einem Kennenlernen und Sich-Kennen, das ohne lange Dauer nicht zu haben ist. Es ist mehr als ein seliges Vertrautsein, es ist das Einsickern eines anderen Lebens in das eigene, und des eigenen Lebens in ein anderes. Der beste Freund ist also vielleicht der, der die genaueste und wahrste Geschichte unseres Lebens schreiben könnte, weil er mehr als jeder andere von uns weiß. Daß man sich so gut kennt ist wiederum ein Gewinn an sich, der sich mit keinem Spaßaufzeichnungsgerät nachweisen und mit keinem Unterhaltungsbarometer messen läßt.

Einander nicht bedrängen

Wo die Zeit eine so große Rolle spielt, kann es nicht überraschen, daß man sich auch in der Anfangsphase einer Freundschaft Zeit lassen muß. Gleichgültig, wie sehr wir uns nach Freundschaft sehnen, sollten wir uns vor Aufdringlichkeit hüten und den anderen nicht bedrängen – er könnte sonst den Eindruck gewinnen, daß wir nur jemanden suchen, der uns aus unserer Einsamkeit befreit. Ein armes Hascherl aber löst keine freundschaftlichen Gefühle, sondern allenfalls Mitleid aus. Abgesehen von allem anderen ist es eine gewisse Ebenbürtigkeit und Selbständigkeit, die uns für andere attraktiv macht, so daß man sagen könnte: Das beste Mittel, Freunde zu gewinnen, ist, keiner zu bedürfen. Nur was rar ist, ist kostbar, und wer die Freundschaft eines anderen sucht, sollte mit dem Bewußtsein seines eigenen Werts zu Werke gehen. Ähnliches trifft im übrigen auch auf gefestigte Freundschaften zu: Sie sind fruchtbarer, wenn man sich nicht allzu häufig sieht, sie bleiben länger frisch, wenn man eine kluge Dramaturgie walten läßt, die jede Begegnung zu einer nicht-alltäglichen Begebenheit macht. Ich rate also, immer wieder einmal auf Distanz zu gehen, damit der – man könnte fast sagen: festliche – Charakter der Freundschaft gewahrt bleibt.

Freundschaft braucht Pflege

Verstehen wir Freundschaft überhaupt nie als etwas Selbstverständliches – gleichgültig, wie selbstverständlich sie uns geworden ist. Weil jeder mit großen Erwartungen an eine Freundschaft herangeht, müssen Freundschaften gepflegt werden. Was dürfen wir erwarten, was wird von uns erwartet? Verläßlichkeit und Treue vor allem. Wenn ein Freund uns ruft, weil er uns braucht, sollten wir alles stehen und liegen lassen. Bieten wir ihm unsere Hilfe an, wenn er umzieht, und überwinden wir unseren Widerwillen gegen Not und Siechtum, wenn er ernstlich erkrankt ist oder einen Unfall hatte. Mit seinem Freund muß man durch Dick und Dünn gehen, also jederzeit bereit sein, ihm unsere Bequemlichkeit, unsere Seelenruhe, unsere Zeit zu opfern. Zur Treue gehört aber auch, nicht schlecht über den Freund zu reden und seine Partei zu ergreifen, wenn anderen über ihn lästern – ganz besonders dann, wenn wir uns selbst schon genau deswegen über ihn geärgert haben. Begehen wir auch nicht den Fehler, Freundschaften aus früheren Jahren wegen neuer, wichtiger, womöglich einflußreicher Freunde zu vernachlässigen – Verlaß ist letztlich nur auf die alten, bewährten Freunde.

Noch einen Schluck reinen Wein, lieber Freund?

Sodann dürfen wir von Freunden Ehrlichkeit und Offenheit erwarten. In einer Freundschaft schenkt man sich reinen Wein ein, gebraucht keine Ausflüchte, erlaubt sich nicht die kleinste Lüge. Man kann offen miteinander sprechen, weil man keine Unterstellungen zu gewärtigen braucht, weil Neid oder Mißgunst als Beweggründe wegfallen und weil Freunde ein Recht darauf haben, auf Fehler oder Dummheiten hingewiesen zu werden. Wer seinen Freund immer nur bestärkt, etwa in Auseinandersetzungen mit seiner Frau, der schwächt ihn und trägt zu seinem Unglück bei. Einerseits keinen Zweifel an der eigenen Solidarität zu lassen und andererseits kein Blatt vor den Mund zu nehmen, das ist allerdings ein Balanceakt, der auch in der Freundschaft bisweilen Fingerspitzengefühl erfordert. Und nur in wirklich langbewährten Freundschaften sollte man die Offenheit so weit treiben, von einer Hochzeit mit einer nach unserem Ermessen völlig unmöglichen Frau oder einem ganz und gar indiskutablen Mann abzuraten.

Aufeinander hören

Im übrigen ist es wichtig, seinen Freunden immer wieder einmal zu beweisen, daß man auf ihre Meinung Wert legt und ihrer Urteilskraft traut. Gehen wir deshalb niemals davon aus, daß der Freund ohnehin genauso denkt wie wir, ziehen wir ihn gelegentlich zu Rat, fragen wir ihn nach seiner Meinung, erkennen wir seine Überlegenheit auf diesem oder jenem Gebiet an – ihn als Kapazität neidlos anzuerkennen beweist, daß wir ihm gegenüber tatsächlich ohne Neid sind, und Freundschaften leben nicht zuletzt von solchen Beweisen gegenseitiger Achtung.

Eine Freundschaft ist kein Beziehungskonto!

Ich rate also dringend, Freundschaften zu pflegen – aber nicht nach Vorschrift! Haben wir Geduld, nehmen wir einen Freund so, wie er ist. Da kommt einer regelmäßig zu spät, ist furchtbar leicht erregbar oder läßt drei Briefe unbeantwortet – ärgerlich, gewiß – aber können diese Schwächen wirklich die Freundschaft gefährden? Prüfen wir uns, ob der eigene Ärger schwerer wiegt als der Gewinn, den wir nach wie vor aus dieser Freundschaft ziehen. Machen wir uns klar, daß es keine böse Absicht oder bewußte Rücksichtslosigkeit ist, was den anderen treibt. Verlangen wir von Freunden nicht mehr, als wir selbst zu geben bereit sind, nehmen wir ihnen vor allem in Krisensituationen das Gefühl, wir könnten übermenschliche Anstrengungen oder Opfer von ihnen erwarten. Vergessen wir nicht, daß ein Freund allein niemals all das bieten, all das leisten kann, was wir uns von einer Freundschaft versprechen. Und hüten wir uns vor allem vor dem Irrglauben, von zwei Freunden müsse jeder 50 Prozent in die Beziehung „einzahlen“, damit sie sich für beide „lohnt“. Die Bereicherung durch eine Freundschaft läßt sich nicht messen, auszählen oder abwiegen, sie läßt sich auch nicht auf einem „Beziehungskonto“ verbuchen.

Strapaziere nicht den Langmut Deiner Freundinnen und Freunde

Strapazieren wir aber auch nicht die Langmut unserer Freunde. Jeder hat seine empfindlichen Stellen, die auch für den besten Freund tabu sein sollten – in der Öffentlichkeit kritisiert oder durch den Kakao gezogen werden vielleicht. Erwarten wir auch keine bedingungslose Zustimmung zu unseren Verfehlungen. Überziehen wir unsere Freunde nicht mit endlosem Gejammer, selbst wenn wir Grund dazu hätten – wir können nur dann auf ihren Beistand hoffen, wenn wir unseren Trübsinn nicht hemmungslos an ihnen auslassen. Behelligen wir unsere Freunde nicht mit dem alltäglichen Kleinkram. Geben wir ihnen niemals das Gefühl, sie auszunutzen – revanchieren wir uns für einen großen Gefallen, auch wenn das nicht erwartet wird. Und bedenken wir, daß auch Freunde bisweilen nicht frei von Eifersucht sind. Es kommt vor, daß einer unserer Freunde einen anderen beneidet, weil er den Eindruck hat, wir zögen diesen anderen ihm vor, wir würden unsere Gunst ungleich verteilen. Um Verstimmungen zu vermeiden, die sich kaum wegdiskutieren lassen, sollten wir allen unseren Freunden das Gefühl geben, gleich hoch geschätzt zu sein, was beispielsweise durch eine kluge Einladungspolitik erreicht werden kann.

Und schließlich: Freundschaften können zerbrechen. Es kommt eben vor, daß man sich in jemandem getäuscht oder einander einfach nichts mehr zu sagen hat. Freunde zu verlieren gehört zu den bittersten Erfahrungen. Aber wie sehr man sich auch betrogen fühlen mag, man verfolge den anderen nicht mit übler Nachrede oder Schadenfreude – das ist die Art kleiner Geister, so blamiert man sich unfehlbar. Ich kann mich da nur meinem Vorfahren anschließen, wenn er rät, gegen den ehemaligen Freund nicht „ärger zu Felde zu ziehen, als gegen jeden anderen Schelm.“

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Suche die Freundschaft eines anderen nicht wegen der Vorteile und Chancen, die er dir eröffnet, sondern um seiner selbst willen. Ehrlichkeit, Mut, Zuverlässigkeit und Loyalität machen die Freundschaft aus – nicht der vorübergehende Nutzen.“ so sind Freunde.

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