Auch wenn die samstäglichen Warteschlangen vor den Parkhäusern im Innenstadtbereich anderes vermuten lassen – es gibt Menschen, die sich zu Fuß bewegen, und die, die aus den Parkhäusern kommen, sind plötzlich ja auch Fußgänger. Und spätestens jetzt wird das Zusammentreffen mit unseren Mitmenschen unvermeidlich. So sehr man sich auch vornimmt, sich nicht von seinem Vorhaben eines ungestörten samstäglichen Einkaufsbummels abbringen zu lassen, so utopisch ist die Vermutung, auf unserem Weg durch die Fußgängerzonen der Republik auf kommunikative Kernkompetenzen verzichten zu können. Ständig gilt es, Fragen zu beantworten wie:

„Entschuldigen Sie bitte! Können Sie mir sagen, wo hier die nächste Buchhandlung ist?“

„Darf ich Sie kurz etwas fragen, wir machen eine Umfrage zur Einführung einer neuen Pflegespülung, hätten Sie vielleicht fünf bis zehn Minuten Zeit?“

„Fifty-fifty, Düsseldorfs Obdachlosenmagazin, haben Sie Interesse?“

„Entschuldigen Sie, sind Sie schon Mitglied bei Amnesty International?“

„Wir sammeln Unterschriften gegen Tierversuche! Dürfte ich Sie bitten, auch zu unterschreiben?“

Neben diesen aktiven Aufforderungen, Fragen zu beantworten, Lesestoff zu erwerben und sich für „die gute Sache“ zu engagieren, gibt es aber auch noch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Der am Boden kauernde Obdachlose, der mit seinem selbst geschriebenen Schild auf seine hoffnungslose Lage verweist, Verteiler von Werbematerialien, Musiker sowie Zauber- und Lebenskünstler aller Couleur. Wie lange der jeweilige Kontakt dauern sollte und ob man auf die jeweiligen Angebote eingeht, das muss jeder selbst entscheiden. Wie wir unseren Mitmenschen auf der Straße begegnen, dafür gibt es allerdings grundlegende Pflichten, die wir einander als Menschen schuldig sind:

  • Wer sich bei uns höflich nach dem Weg erkundigt, der hat ein Recht auf eine ehrliche Antwort. Wissen wir den Weg, dann sollten wir diesen einfach nach besten Wissen und Gewissen beschreiben.

Haben Sie hingegen keine Ahnung, teilen Sie dies dem Fragesteller kurz und bündig mit: „Entschuldigen Sie, da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen!“ Verlieren Sie sich nicht in ellenlangen Ausführungen darüber, warum Sie es nicht wissen oder dass Sie die Straße oder Buchhandlung natürlich kennen, „aber der Weg, ja der Weg … das ist jetzt kompliziert“.

  • Wenn Sie kein Interesse an neuen Pflegespülungen, Peelings oder innovativen Schokoriegelkreationen haben, wechseln Sie entweder rechtzeitig die Straßenseite oder blicken der fragenden Person freundlich ins Gesicht und sagen: „Nein, danke. Kein Interesse.“

Hektisches Vorbeieilen und einsilbige Verweise darauf, keine Zeit zu haben, sind natürlich auch geeignet, der Gefahrenzone zu entkommen, erhöhen aber den Anteil der Stresshormone um ein Vielfaches. Und wer will das schon? Schließlich sind Sie beim Einkaufsbummel und nicht auf der Flucht!

Die Erlöse aus dem Verkauf von Obdachlosenzeitungen wie beispielsweise „fifty-fifty“ haben allein in meiner Wahlheimat Düsseldorf über 2000 Menschen ein Dach über dem Kopf beschert, so dass der Betrag von € 1,50 für eine darüber hinaus lesenswerte Zeitung gut angelegt ist.

  • Sollten Sie auf die Lektüre verzichten wollen, sparen Sie sich bitte die Standardentschuldigung „Danke, habe ich schon!“, unabhängig davon, ob Sie in diesem Monat bereits drei Exemplare erworben haben. Ein freundliches „Nein, danke!“ ist vollkommen ausreichend.

Da keiner der Verkäufer im Reichtum schwimmt, ist jedoch eine zeitungsunabhängige Spende jederzeit willkommen. Mit der Frage „Darf ich Ihnen auch so etwas zustecken?“, habe ich gute Erfahrungen gemacht.

Lassen wir unserem Gegenüber jederzeit die Würde, bleiben wir höflich, reden wir in ganzen Sätzen. Halten wir uns einfach an die Basisregeln der Höflichkeit und vermeiden eine Unart unserer Tage: jeden Obdachlosen konsequent zu duzen!

  • Setzen Sie sich aber auch mit klaren Worten gegenüber möglicher Aggressivität zur Wehr, und vermeiden Sie, aus einzelnen negativen Erfahrungen Pauschalurteile abzuleiten, frei nach dem Motto: „Ich gebe jetzt gar nichts mehr!“

Appelle an unser Gewissen und unsere Fähigkeit, mit anderen Menschen mitzuleiden, machen es oft nicht leicht, sich den solchen Ansprachen zu entziehen. Und schon manchem ist die reflexartig herausposaunte Standardentschuldigung „Nein, danke, das interessiert mich nicht“, noch während des Sprechens als ungeeignet erschienen. Spätestens dann, wenn man sich mit der prompten Antwort „Gut, wenn Sie sich nicht für Menschenrechte interessieren, dann kann man natürlich nichts machen!“, konfrontiert sieht, wird die Situation endgültig unangenehm.

  • Letztendlich bleiben nur zwei praktikable Möglichkeiten: Werden Sie Mitglied, oder wechseln Sie die Straßenseite! Vermeiden Sie jedoch jede Art der moralischen Rechtfertigung! Ihren eigenen moralischen Standpunkt sollten Sie im Vorfeld klären. Verzichten Sie auch auf Hinweise darauf, wo und für wen Sie sich ohnehin bereits engagieren; das interessiert Ihre engagierten Gesprächspartner in der Regel wenig!


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