„Wen habt ihr denn da mitgebracht?“ fragte meine Mutter, als wir uns wie jeden Morgen vor der Schule zum gemeinsamen Frühstück einfanden. Wir Geschwister schauten etwas ratlos in die Runde – nein, von uns hatte diesmal keiner einen Übernachtungsgast mitgebracht. Wer aber lag dann friedlich schlummernd in unserem Gästezimmer? Ein Landstreicher, wie sich herausstellte, jemand, der letzte Nacht das seltene Glück gehabt hatte, ein unverschlossenes Haus mit einem unbenutzten Gästezimmer zu finden.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Auch ist es wahrlich zu verzeihen, wenn bei immer zunehmenderem Luxus und dem mannigfaltigem Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der Gutherzigkeit der Menschen macht, man vorsichtig in Erzeigung solcher Gefälligkeiten wird und wenn man genauere Rücksprache mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichem Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet.“

Über den Umgang mit Menschen, II, 9, 2

1. Über den Umgang mit bedürftigen Gästen

Die Bekanntschaft dieses Glücklichen habe ich nie gemacht, schließlich mußten wir zur Schule, und Gäste unseres Hauses haben bis heute das Recht, auszuschlafen. Jedenfalls erhielt der Überraschungsgast von meiner Mutter noch ein reichhaltiges Frühstück, bevor er seiner Wege zog. Zugegeben, solche Gäste hatten auch wir nicht alle Tage. Aber die Gastfreundschaft war meinen Eltern heilig und wurde bei Bedarf auch auf Menschen ausgedehnt, die sich selbst eingeladen hatten. Aber – war das nicht viel eher fahrlässige Gutherzigkeit? Hätte meine Mutter nicht besser die Polizei gerufen? Können wildfremde Eindringlinge, deren Harmlosigkeit keineswegs erwiesen ist, überhaupt Anspruch auf diese besondere Art der Freundschaft erheben?

knigge gastgeber
Schön, dass Ihr da seid!

Nun, ich finde es bis heute bewundernswert, daß meine Eltern stets nach der tatsächlichen Bedürftigkeit eines Menschen entschieden und die Sorge um eventuelle Belästigung hintangestellt haben. Hier äußert sich ein geradezu orientalisches Vertrauen zu der gegenseitigen Verbindlichkeit, die man sich als Gastgeber und Gast auferlegt, ein tiefsitzender Glaube daran, daß man Menschen durch nichts leichter für sich gewinnen kann als durch Großzügigkeit. Und mir scheint, daß sich diese Großzügigkeit durchaus mit dem eingangs zitierten Rat meines Vorfahren vereinbaren läßt, der ja keine Ermunterung zu Hysterie und Ängstlichkeit ist, sondern zu entschiedenem Auftreten gegen unverschämte Menschen, wie ich sie Jahre später in unserem Garten beim Picknick überraschte.

2. Über den Umgang mit unverschämten Gästen

Da lagerten sie, etwa ein Dutzend jüngerer Leute, im Gras. Blumen hatten sie auch schon gepflückt. Nun haben wir in der Tat einen großen, einladenden Garten, auch Blumen wachsen dort üppig – nichtsdestoweniger ärgerte mich ihre Eigenmächtigkeit, und ich bat die Eindringlinge, sich für ihr Picknick einen anderen Ort zu suchen. Es kam zu einem Wortwechsel, man wollte sich nichts verbieten lassen, zog dann schließlich aber doch murrend ab. Ihre Blumensträuße ließ ich ihnen – eine Entscheidung, die mir nicht ganz leicht fiel, weil ich ihnen das Blumenpflücken auch dann verboten hätte, wenn sie meine Erlaubnis für ihr Picknick eingeholt hätten.

Anders als im Fall des Landstreichers konnte man hier wohl kaum von Bedürftigkeit sprechen, so daß ich keinen Grund sah, ein Auge zuzudrücken. Denn gegen den obersten Grundsatz der Gastfreundschaft hatten natürlich beide verstoßen: daß sie freiwillig erwiesen wird. Gleichgültig, wie hoch einer die Gastfreundschaft veranschlagt, sie ist ein aktives Recht – es steht eben ganz im Ermessen des Gastgebers, sie zu gewähren oder zu verweigern, und ein anderer kann sie weder erzwingen noch irgendwelche Rechte für sich daraus ableiten. Wird sie jedoch gewährt, verpflichten sich beide Seiten zu einem bestimmten Verhalten, ähnlich wie einer den anderen durch ein aufwendiges Geschenk zu Entgegenkommen verpflichtet.

3. Gast und Gastgeber sind füreinander wertvoll

Tatsächlich beruht die Gastfreundschaft auf der Idee des gegenseitigen Beschenkens. In alten Zeiten ging man nämlich davon aus, daß beide, Gastgeber wie Gast, gleich wertvoll füreinander seien: der Gastgeber, indem er dem Gast vorübergehend das Zuhause ersetzt, der Gast, indem er dem Gastgeber Gesellschaft leistet und durch allerlei Neuigkeiten oder auch die Erzählung von Reiseerlebnissen zu dessen Unterhaltung beiträgt. Die Griechen der Antike jedenfalls fanden, daß das Maß des Glücks erst dann voll ist, wenn man einen – am besten weitgereisten – Gast unter seinem Dach beherbergen darf. Ich kann dieses Glück gut nachvollziehen. Auch für mich zählt es zu den größten Vergnügen, einen Freund zu beherbergen und für Freunde zu kochen. Ob dabei allerdings tatsächlich jeder auf seine Kosten kommt, hängt nach wie vor davon ab, daß beide Seiten sich an die Spielregeln der Gastfreundschaft halten. Und die erste dieser Regeln lautet: Einander nicht bedrängen!

4. Keine Verpflichtung spüren lassen

Die gegenseitige Verpflichtung darf in keinem Augenblick spürbar werden. Das heißt: Die Gastfreundschaft des einen muß umstandslos und selbstverständlich wirken, das Verhalten des anderen so unaufdringlich wie möglich sein. Auf keinen Fall sollte ein Gastgeber durchblicken lassen, welche Opfer er für seinen Gast in Kauf zu nehmen bereit ist, wieviele Termine er seinetwegen absagen muß, auf welche Vorhaben er verzichten wird und zu welchen Einschränkungen er sich hochherzigerweise verpflichtet fühlt – selbst wenn er tatsächlich gezwungen sein sollte, seine Pläne umzustoßen. Dies alles muß ganz lautlos geschehen! Im übrigen rate ich dazu, sich nicht allzu viele Rücksichten gegen einen Gast aufzuerlegen. Je mehr offensichtliche Mühe man sich als Gastgeber macht, desto eher wird den Gast das Gefühl überkommen, allen Beteuerungen des Gegenteils zum trotz doch zur Last zu fallen oder zumindest tief in der Schuld seines Gastgebers zu stehen. Erwecken wir deshalb bei unseren Gästen auf keinen Fall den Eindruck, uns ihretwegen „ein Bein auszureißen“.

5. Botschafter seines Heimatlandes sein

Allerdings: Je weiter entfernt das Heimatland eines Gastes, je größer die Mühe der Anreise, je höher die Reisekosten, desto mehr Aufmerksamkeit sollten wir ihm schenken. Da dürfen wir dann ruhig den Ehrgeiz entwickeln, ihm etwas zu bieten – kein Programm rund um die Uhr, wohl aber eine Besichtigung heute, einen Veranstaltungsbesuch morgen, und vielleicht ein Festessen im größeren Kreis guter Freunde vor seiner Abreise. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen, weil es in seiner Heimat womöglich Ehrensache ist, sich für einen Gast tatsächlich aufzureiben und ungeachtet aller Kosten wirklich alles Erdenkliche für sein Wohlbefinden zu tun – unsere Gastfreundschaft sollte dagegen nicht allzu stark abfallen. Und zum zweiten, weil unsere Großzügigkeit als Gastgeber die Visitenkarte unseres Landes ist.

Jedenfalls waren dies in etwa meine Gedanken, als ich eines Tages einen jungen Russen als Tramper mitnahm. Er war auf dem Weg nach Hause, und während der Fahrt wurde mir klar, welche Strecke noch vor ihm lag. Ich bot ihm also an, die Nacht bei uns zu verbringen und seine Reise anderntags erfrischt und gestärkt fortzusetzen. Er nahm hocherfreut an, und meine Mutter hat ihn dann am nächsten Morgen noch zur nächsten Autobahntankstelle gefahren. Nicht, daß ich meine Freundlichkeit immer so weit treiben würde. Aber in diesem Fall, das gebe ich zu, hatte mich nicht zuletzt der Wunsch bewogen, etwas für den Ruf eines Landes zu tun, dessen Menschen in anderen Weltgegenden manchmal als etwas spröde im Umgang gelten.

6. Was Gäste von Gastgebern erwarten dürfen

Ob der Besuch eines Menschen nun aber ein besonderes Ereignis darstellt oder nicht – zwei Dinge sollte jeder Gast von uns erwarten dürfen: daß wir ihn bei der Organisation unseres Tagesablaufs berücksichtigen und das wir ihn gut bewirten. Wenn ein Gast Bier bevorzugt, sollten wir genug davon im Haus haben, trinkt er gerne Wein, sollten uns die Weinflaschen nicht ausgehen, und auch die Wahl zwischen Tee und Kaffee zum Frühstück sollten wir ihm lassen. Im übrigen aber: Übertreiben wir nicht, damit sich unser Gast nicht am Ende wie ein Fremdkörper in einer Inszenierung vorkommt, die über seinen Kopf hinweg abrollt. Und beladen wir ihn nicht dermaßen mit Freundlichkeiten, daß er sich zu Gegenleistungen bemüßigt fühlt, um sich wenigstens halbwegs von der drückenden Last unserer Großherzigkeit zu befreien. Um es in den Worten meines Vorfahren zu sagen: „Es müsse jeder unter unserem Dache sich so frei wie unter seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm nicht in jedem Winkel nach, wenn er vielleicht allein sein will, und verlange nicht von ihm, daß er für die Kost, welche er genießt, uns unterhalten, und dadurch seine Zeche bezahlen solle …“

7. Was Gastgeber von Gästen erwarten dürfen

Natürlich wird Gastfreundschaft grundsätzlich gratis gewährt, doch ganz ohne Verpflichtung geht es auch für den Gast nicht ab. So sollten wir das Angebot, so lange zu bleiben, wie es uns beliebt, nicht wörtlich nehmen. Ein Ende muß absehbar sein – nicht, daß dem Gastgeber ein Stein vom Herzen fällt, wenn er endlich die Tür hinter seinem Dauergast ins Schloß drücken darf! Länger als drei, allerhöchstens fünf Tage sollten wir also auch die Gastfreundschaft des besten Freundes nicht in Anspruch nehmen – es sei denn, jeder kann völlig unbehelligt vom anderen seinen Beschäftigungen nachgehen, weil das Haus Platz genug bietet oder einer von beiden sich ohnehin kaum blicken läßt. Was allerdings auch wieder problematisch ist – wir dürfen nämlich sicher sein, daß Gastgeber in den allermeisten Fällen gelegentlich auf die Gesellschaft und Unterhaltung ihres Gastes zählen. Ist es absehbar, daß unser Aufenthalt deutlich länger als geplant ausfallen wird, rate ich dringend, auf einer halbwegs fairen Kostenbeteiligung zu bestehen, damit sich die Waage der Verbindlichkeit nicht allzu tief zu unserer Seite neigt. Im übrigen sollte man sich als Gast ohnehin wenigstens einmal revanchieren – und sich dabei nicht lumpen lassen. Mit einer Einladung zur Curry-Wurst ist es kaum getan.

8. Ein Hoch auf die Gastfreundschaft

Und dann: Erwarten wir nicht den Service eines Vier-Sterne-Hotels! Gäste sind Familienmitglieder auf Zeit – es kommt niemals gut an, wenn man sich als Gast ungerührt bedienen läßt. Drängen wir unsere Mithilfe im Haushalt nicht auf, aber bieten wir sie an! Halten wir die Augen offen, beobachten wir, wie es bei unserem Gastgeber zugeht. Fassen wir mit an, wenn sich alle nach der Mahlzeit am Abräumen beteiligen, machen wir uns gelegentlich auf andere Weise nützlich, wenn der Hausherr oder die Hausfrau gerade davon nichts wissen will. Wem einmal der Ruf eines Schmarotzers anhängt, der wird womöglich keine Gelegenheit mehr erhalten, ihn zu korrigieren.

Übrigens steht es – nach allem, was man hört – um die Gastfreundschaft in unserem Land gar nicht schlecht. Viele scheinen dieselbe Erfahrung zu machen wie ich und das Recht auf Übernachtung genauso selbstverständlich von ihren Freunden einfordern, wenn es sie in andere Städte verschlägt, wie sie ihrerseits Freunden ihre Wohnung anbieten, wenn die in ihre Gegend kommen. Denn auch das gehört zur Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft: das Recht, sich selbst einzuladen – und das Recht des anderen, gegebenenfalls eine Absage zu erteilen.

Moritz Knigge sagt: „Gastfreundschaft muß selbstverständlich und ohne große Umstände erwiesen werden. Als Gastgeber lasse niemals durchblicken, welche Opfer du für deinen Gast in Kauf nimmst! Lasse dir Gastfreundschaft gerne gefallen, glaube nicht, dich für jede Freundlichkeit revanchieren zu müssen, aber beachte, daß es eine Grenze des Zumutbaren gibt. Am besten wird Gastfreundschaft durch Gastfreundschaft vergolten.“

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