Wenn Menschen aus Unternehmen in Seminaren in Unternehmen gefragt werden, was ihre größte Schwäche ist, dann antworten die meisten wie aus der Karrierepistole geschossen: „Ungeduld!“ Wohl wissend, dass Ungeduld als ehrgeiziger Mensch in gewinnorientierten Unternehmen weniger eine Schwäche als eine Stärke darstellt. Geduldige Menschen werden auf agilen Märkten aussortiert. Das ist überzogen, aber nicht ganz falsch, meint Moritz Knigge und bittet um ein wenig Geduld mit der Geduld. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht wird. Vernunft, Vorsicht und Menschenliebe gebieten uns dann, wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen und nicht durch beleidigendes Betragen unsern Überdruß zu erkennen zu geben.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 51

Als die Geduld noch eine Tugend war

Man kann an alten Texten lesen, was man will, die Bibel, die Sagen, die Märchen – irgendwann fragt man sich nur noch eins: Wo haben die Leute bloß diese Geduld hergenommen? Da braucht jemand wie Mose vierzig Jahre für die Strecke Ägypten–Kanaan. Gut, das Volk Israel ist zu Fuß und der Weg führt durch die Wüste – sicher kein Ort, der Höchstleistungen begünstigt –, aber in einem Jahr, meinetwegen auch zwei, hätte man die Sache hinter sich bringen können. Nein, vierzig Jahre vertrödelt der Mann, und niemand setzt ihn nach zwanzig Jahren wegen erwiesener Ineffizienz als Reiseleiter ab.

Oder Odysseus. Nachdem er mit Troja fertig ist – hat lange genug gedauert – macht er sich mit seinen Freunden auf den Heimweg, und anstatt den kürzesten Weg zu nehmen, vergeudet er seine Zeit mit nutzlosen Abenteuern, steuert mal diese Insel an, mal jene, hält sich mit einem Zyklopen auf, gibt sich mit einer Zauberin ab und braucht für einen Weg, den man gut und gerne in zwei bis drei Monaten schaffen kann, geschlagene zehn Jahre. Von Abfahrt bis Heimkehr also mal eben zwanzig Jahre Lebenszeit vergeudet! Und das Unglaublichste: Seine Gattin Penelope hat die ganze Zeit geduldig wartend ausgeharrt.

Oder Schneeweißchen und Rosenrot. Die bekommen es mit einem Zwerg zu tun, einem regelrechten Giftzwerg, helfen ihm dreimal aus der Klemme und werden dafür jedesmal übel beschimpft. Spätestens beim zweiten Malt denkt man, jetzt reicht es ihnen, jetzt platzt ihnen der Kragen, aber nichts da: Völlig unbeeindruckt lassen sie seine Tiraden über sich ergehen, stehen ihm ein ums andere Mal bei, obwohl sie ihn inzwischen kennen sollten, und protestieren nicht einmal gegen soviel Unverschämtheit. Zwerg hin, Zwerg her – als heutiger Leser hätte man dem Kerl längst eine gescheuert.

1. Scharre nicht mit den Füßen

Und jetzt tritt eine Schar bereits ergrauter, dezent vornehm gekleideter Bildungsbürger auf. Zeit: das 21. Jahrhundert. Ort: die Kirche einer Großstadt. Anlaß: ein Konzertabend mit moderner Kirchenmusik. Gewiß nicht jedermanns Sache, aber Instrumentalisten und Sänger können was. Zehn Minuten vor der Pause geht es los. Unruhe, Getrappel, das erste Grüppchen schleicht sich unter den Augen der Musiker an der Bühne vorbei hinaus, erhobenen Hauptes – schließlich hat man sich selbst nichts vorzuwerfen – und wahrnehmbar verdrossener Miene – schließlich hat man anderen was vorzuwerfen. Weitere Grüppchen folgen. Alles ältere Jahrgänge, alles bessere Gesellschaft, alles Leute, die es wahrscheinlich keine Überwindung kosten würde, in das Klagelied über den Verfall der Sitten einzustimmen.

Nun, in dem Zitat zu Beginn dieses Abschnitts plädiert mein Vorfahr für Geduld mit Langweilern, aus Vernunft, aus Vorsicht und Menschenliebe. Dieser Rat ist schon zu seinen Lebzeiten von fortschrittlichen Menschen heftig kritisiert worden – die individuelle Spontaneität, hieß es, brauche sich derlei Selbstverleugnung nicht anzutun, und vielleicht schlägt sich hier tatsächlich ein antiquiertes Höflichkeitsideal nieder. Ich ziehe diese Höflichkeit trotzdem, mehr als 200 Jahre später noch, einer Einstellung vor, die Menschen dazu bringt, ihre kostbare Zeit nach Minuten zu wiegen. Jeder der Fahnenflüchtigen wußte, daß es in Kürze eine Pause geben würde, in der man sich unauffällig verdrücken könnte, aber nein: Der eigene Unmut geht vor, die Musiker zählen nicht, man will seine Zeit nicht vergeuden und fühlt sich zu dieser Geste der Verachtung berechtigt. Mag schon sein, daß diese Menschen nicht zu den mentalen Rasern gehören; auf jeden Fall haben sie sich – wahrscheinlich ohne es selbst zu bemerken – von Bildungsbürgern längst in Konsumenten verwandelt, und die kennen kein Pardon: Entweder das Produkt überzeugt, oder man kauft es nicht – gleichgültig, ob Camenbert oder Musik. Und so verläßt man dann ein Konzert wie einen Supermarkt, dessen Käseangebot enttäuscht hat.

2. Mache Umwege

Vermutlich gehört die Geduld nicht zur Grundausstattung des Menschen. In Geduld muß man sich daher üben, wie in manch anderer Fähigkeit, die den Charakter dann prägt, auch. Ich glaube, daß nicht zuletzt die Geduld den reifen Menschen ausmacht, daß sie entscheidend zur Charakterstärke und Lebenstüchtigkeit beiträgt und umso wertvoller wird, je mehr es um uns her von mühsam beherrschten, drängelnden, hupenden, rasenden und rotierenden Temponarren und Effizienzanbetern wimmelt. Geduldige Menschen verfolgen eine eigene Strategie: Sie entschleunigen. Sie lassen sich nicht von dem Feuereifer anstecken, mit dem Tagesabläufe programmiert, Karrieren geplant und ganze Leben gestylt werden. Sie wissen, daß Menschen Zeit zum Reifen brauchen, Beziehungen sich allmählich entwickeln müssen und Eindrücke oder Erfahrungen oft erst auf längere Sicht wirken. Sie kalkulieren die Macht des Zufalls ein, die unvorhersehbaren Umstände, all das, worauf letztlich niemand Einfluß hat. Mit anderen Worten: Sie halten den kürzesten und schnellsten Weg nicht für den einzigen und längst nicht immer für den besten.

3. Gib Kontrolle ab

Wie unpopulär mittlerweile die Geduld mit ihren verschiedenen Facetten wie Gleichmut, Gelassenheit und Zuversicht ist, habe ich in meinem Studium erlebt. Seinerzeit befaßten wir uns in einem Seminar mit der Kontrolltheorie, einem sozialpsychologischen Konzept, das von mehreren Kontrollebenen ausgeht: Auf der höchsten Ebene hat man eine Situation vollständig im Griff, auf den nächsten Ebenen nimmt der eigene Einfluß auf das Geschehen dann stetig ab, und auf der untersten begegnet man schließlich der gelernten Hilflosigkeit, die sich als Resignation und Passivität äußert. Soviel zur Erklärung. Die Diskussion entzündete sich nun an der „sekundären Kontrolle“, also der Fähigkeit, nach einer überraschenden Wendung der Dinge umzudenken und aus der neuen Lage das Beste zu machen. Keiner konnte sich damit anfreunden! Sich mit einer unvorhergesehenen Situation abfinden? Seine ursprünglichen Pläne ändern? Seine Zeit auf andere Weise nutzen? Es stellte sich heraus, daß ich der einzige war, der das für klug hielt. Mein Professor lehnte die sekundärer Kontrolle ab, weil er sie für Selbstbetrug hielt, meine Kommilitonen, weil sie ihnen als Kapitulation. als völliger Kontrollverlust erschien.

Ich halte das eine wie das andere für falsch. Ich glaube, daß es ein Zeichen von Klugheit ist, das Unvermeidliche genauso als eigenes Schicksal zu akzeptieren wie jene Lebensphasen, in denen alles nach Wunsch verläuft. Und ich bin davon überzeugt, daß wir bei vielen Gelegenheiten mit Geduld weiter kommen als mit der Brechstange.

4. Unterstelle Gutwilligkeit

Geduld kann man lernen, man muß es sich nur zum Ziel setzen – und üben. Damit fängt man in ganz alltäglichen Situationen an, am vereinbarten Treffpunkt zum Beispiel, wenn der andere nicht kommt, man langsam unruhig wird und sich plötzlich bei der Frage ertappt: Ist das Schikane? Gezielte Boshaftigkeit vielleicht? Mißachtung meiner Person womöglich? Und jetzt beginnt das Training. Gehen wir bis zum Beweis des Gegenteils niemals davon aus, daß andere unsere Geduld absichtlich strapazieren. Stellen wir uns vor, was alles dazwischen gekommen sein könnte: eine leere Autobatterie, Arbeitsüberlastung, überraschender Besuch. Wäre es nicht auch möglich, daß der andere die Adresse vergessen hat und uns verzweifelt sucht? Nehmen wir – das ist ein Hauptgebot der Geduld – so lange wie möglich die harmloseste, simpelste, unverfänglichste Ursache für eine Verspätung an, und bleiben wir bei dieser Erklärung auch dann, wenn wir das Feld räumen, weil unsere Geduld erschöpft und der andere immer noch nicht da ist.

5. Mache Fehler

Später dehnen wir unsere Geduldübungen aus, zum Beispiel auf eigene Fehler und die anderer Leute. Lernen wir, begangene Fehler nicht unbedingt als Versagen, sondern als wertvolle Erfahrung zu verstehen. Vertrauen wir darauf, daß man aus Fehlern tatsächlich lernen kann. Warum wird in unserem Land so oft von „unverzeihlichen Fehlern“ gesprochen, viel häufiger als anderswo? Liegt es daran, daß wir gerne sofort das Schlechteste und Schlimmste annehmen, bei jedem Fehler böse Absicht, bei jedem Versagen heillose Dummheit, bei jedem Patzer angeborene Trotteligkeit unterstellen? Jeder verdient eine zweite Chance, und mancher hoffnungslose Fall hat später alle Erwartungen übertroffen. Oft ist es die Angst vor Fehlern, die uns erst recht Fehler begehen läßt, und oft ist es die Ungeduld der anderen, die uns die Furcht vor Fehlern einjagt. Leute, die sich aus Angst vor Fehlern schon als junge Menschen schwören, nie etwas falsch zu machen, neigen später zu dem zweifelhaften Lebensmotto: „Wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Und wer nichts falsch macht, wird befördert.“

6. Erzwinge nichts

Die hohe Kunst der Geduld beherrschen wir, wenn wir aufhören, Dinge erzwingen zu wollen, uns auch mal zurückziehen und Gras über eine Sache wachsen lassen können. Nach einer Weile überwiegt die Freude, jemanden zu sehen, den Ärger, in dem man das letzte Mal auseinandergegangen ist. Nur nicht partout jedes, auch das kleinste Mißverständnis aufklären wollen! Dadurch wird Unerhebliches aufgebauscht und aus Unabsichtlichem eine Staatsaktion gemacht. Selbst eine Kränkung, die als solche gemeint war, verdient es oft eher, vergessen als bei nächster Gelegenheit hervorgekramt und durchgekaut zu werden. Geduld beweist sich auch immer wieder in der Gelassenheit, mit der man die Zeit ihre Wirkung tun läßt.

7. Mache Dich und andere nicht verrückt

Um schließlich noch einmal auf die ungeduldigen Konzertbesucher zurückzukommen: Meist ist es damit getan, daß man sich entschuldigt, wenn man deutlich zu spät kommt oder eine Gesellschaft, eine Besprechung, eine Party vor allen anderen verläßt. Wenn die Situation, wie in diesem Fall, jedoch keine Entschuldigung zuläßt, muß man davon ausgehen, daß ein vorzeitiger Aufbruch als Mißfallenskundgebung verstanden wird, und was für die übrigen Konzertbesucher nur eine zumutbare Störung darstellt, bedeutet für die, die auf der Bühne ihr Bestes geben, eine Beleidigung. Wir sollten uns in solchen Fällen fragen, ob das eigene Behagen wirklich grobe Unhöflichkeit aufwiegt.

Geduld kann sich also nicht nur als Verständnis, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft äußern, grundsätzlich Gutwilligkeit zu unterstellen, sie ist bisweilen auch ein schlichtes Gebot der Höflichkeit. Geduldig sein heißt jedoch keinesfalls, sich alles gefallen und bieten zu lassen. Unsere Geduld darf, ja muß begrenzt sein, schon damit uns niemand für einfältig oder zahnlos hält und auf die Idee kommt, sie auszunutzen. Wer uns ein ums andere Mal versetzt, wer dieselben Fehler immer wieder begeht, wer mit enormem Selbstbewußtsein auftritt und dann bloß klägliche Resultate abliefert, der darf nicht mehr mit unserer Nachsicht rechnen. In diesem Fall aber zeigt sich ein weiterer Vorzug der Geduld. Denn jetzt können wir mit dem besten Gewissen genauso unerbittlich sein, wie wir zuvor verständnisvoll und erbittlich waren.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Geduld ist Ausdruck einer zuversichtlichen Grundhaltung, sie erleichtert den eigenen Erfolg wie den Umgang mit anderen Menschen. Laß dich deshalb nicht zu schnell dazu verleiten, etwas für unerträglich oder unzumutbar zu halten.“

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