Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nicht an einem tollen Gespräch interessiert gewesen wäre. Ebenso häufig treffe ich auf Menschen, die das Gesprächsverhalten ihrer Mitmenschen unterirdisch finden. Menschen, die nicht miteinander reden, sondern nur von sich oder über andere. Menschen, die nicht zuhören, einem ins Wort fallen und immer die ollen Kamellen erzählen. Die Recht haben wollen anstatt einem Thema gemeinsam auf den Grund zu gehen, die jede Geschichte mit ihren eigen Superstories, in denen sie selbst die glänzende Hauptrolle spielen toppen. Das muss nicht sein. Wenn wir uns alle zumindest an die eine oder andere der folgenden sechs Gesprächsregeln hielten.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Laß auch andre zu Worte kommen, ihren Teil mit hergeben, zur allgemeinen Unterhaltung! Es gibt Leute, die, ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären sie in einem Zirkel von fünfzig Personen, so würden sie sich dennoch bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 34

Gute Gesprächsregeln

Regeln für eine Kunst des Gesprächs? Sind die Tage einer formvollendeten, aber blutleeren Konversation nicht vorbei? Kann man in einem Gespräch überhaupt noch etwas falsch machen? Oh ja, man kann. Und zwar gerade deshalb, weil man sich heutzutage als Person im Gespräch zu erkennen gibt – was man in der kunstvollen Konversation vergangener Tage eben tunlichst vermied. Heute haben wir allen Grund, einen Menschen nach der Art zu beurteilen, wie er sich im Gespräch gibt. Wie einsichtig oder uneinsichtig sich einer zeigt, was und wieviel er zu einem Gespräch beizutragen hat, ob er vor vorschnellen Schlußfolgerungen warnt oder bei jeder Gelegenheit Extrempositionen bezieht, andere zum Zug kommen läßt oder überrollt, abweichende Meinungen gelten läßt oder mit verächtlichem Kopfschütteln bedenkt – all dies sagt etwas über die Person. Ganz abgesehen davon, daß es entscheidend vom Verhalten aller Gesprächspartner abhängt, ob eine Unterhaltung tatsächlich unterhaltsam ausfällt oder langweilig und quälend verläuft. Und dann kann man sich durch Reden auch Sympathien verscherzen und Chancen vermasseln – schließlich gibt es Gespräche, von denen etwas abhängt, die gelingen oder scheitern können, bei denen man glänzen oder sich blamieren kann.

Ich finde also mindestens zwei Gründe, warum wir nicht völlig naiv, nicht gänzlich gedankenlos an Gespräche herangehen sollten: Zum einen, weil Reden im höchsten Maße Selbstdarstellung ist, und zum anderen, weil unser Erfolg in vielen Fällen davon abhängt, wie klug, wie wohlüberlegt wir im Gespräch vorgehen. Ob uns das Reden liegt oder nicht ist dabei Nebensache – auch der geborene Unterhalter kann auf die Nerven gehen, auch der talentierte Redner kann eine schlechte Figur machen, solange er nicht versteht, worauf er sich beim Gespräch eigentlich einläßt. Die folgenden Ratschläge gelten deshalb für Wortgewandte wie für Mundfaule.

Sechs Knigge-Tipps für unterhaltsame Gespräche

1. Jedes Gespräch ist ein Gemeinschaftsprojekt

Ohne den Techno-Liebhabern zu nahe treten zu wollen – für das Gespräch gilt nicht die Grundregel moderner Tänze: Jeder für sich und jeder bis zum Umfallen! Zumindest im freundschaftlichen Gespräch geht es grundsätzlich darum, so viel wie möglich voneinander zu haben. Deshalb: Nicht das Gespräch an sich reißen, niemanden vom Gespräch ausschließen, jedem möglichst dieselbe Aufmerksamkeit entgegenbringen und auch diejenigen einbeziehen, die sich in die Ecke gedrängt fühlen könnten, weil sie nicht zum Zug kommen. Jeder, der mit uns am Tisch sitzt, hat dasselbe Recht, zu Wort zu kommen und gehört zu werden – übrigens auch Kinder, auch sehr viel ältere Leute, vor allem aber auch Fremde und schüchterne Menschen. Wirklich gute Unterhalter verfallen nicht in den Irrtum, das, was sie selbst zu sagen haben, sei mit Abstand das Wichtigste; die setzen alles daran, auch die anderen ins Spiel zu bringen, diesem ein Stichwort zu liefern und jenem Gelegenheit zu geben, aus dem Schatten der Sprachgewaltigen herauszutreten. Lassen wir uns also nie dazu hinreißen, die anderen in unserer Runde mit einem Wortschwall zu erschlagen, als ginge es im Gespräch um die persönliche Einschaltquote! Wer etwas sagt, der verdient, daß wir auf ihn eingehen – kaum etwas ist unhöflicher, als ihn abzuwürgen, weil uns im selben Augenblick etwas unendlich viel Intelligenteres eingefallen ist.

Übrigens ist es eine sympathische Aufmerksamkeit, wenn man ein wenig Aufhebens von jemandem macht, der später zu einer Runde dazustößt, und nach der Begrüßung nicht einfach wieder zur „Tagesordnung“ übergeht. Sofern nicht gerade alle vom Schwung einer lebhaften Unterhaltung fortgerissen werden, sollte man sein Gespräch ruhig unterbrechen, um dem Neuling Gelegenheit zu geben, erst einmal von sich zu sprechen – so läßt man ihn ohne große Worte zu spüren, daß er eine Bereicherung des Abends darstellt.

2. Sich selbst nicht partout in den Vordergrund spielen

Ich kann aber auch nichts Anstößiges dabei finden, sich in einen „Sängerwettstreit“ hineinzusteigern, bei dem alle einander mit hinreißend komischen Einfällen, grotesken Geschichten oder geistreichen Formulierungen zu übertreffen versuchen – daß das eine oder andere trockenere Gemüt dabei zu kurz kommt, wäre in Kauf zu nehmen. Man hüte sich jedoch davor, den ganzen Abend allein im Mittelpunkt stehen zu wollen! Eingefleischte Selbstdarsteller können jede Unterhaltung ruinieren; mit ihnen wird man nie erleben, was wohl jeder unter einem gelungenen Abend versteht: daß das Gespräch wie von selbst in Fluß kommt, die Einfälle sprudeln, ein Wort das andere gibt, man gar nicht mehr aufhören mag und bis tief in die Nacht hinein keiner Müdigkeit verspürt. Die wenigsten Selbstdarsteller übrigens merken, daß sie nur ein einziges Thema haben; ich selbst bin einmal der Überzeugung gewesen, bei einer Dame, deren Gast ich für einige Tage war, einen amüsanten Unterhalter abgegeben zu haben – bis ich später erfuhr, wie sie unsere Begegnung erlebt hatte. „Ein sympathischer junger Mann“ soll sie gesagt haben. „Vielseitig und beschlagen. Leider redet er ununterbrochen über sich selbst.“

Dergleichen muß man bisweilen gesagt bekommen, bevor es einem selbst auffällt. Denn zweifellos ist es so: Wer nur seine eigenen Qualitäten und Abenteuer für erwähnenswert hält, dem geht es allein um den Applaus, der degradiert jede Gesprächsrunde zum Publikum und gibt damit zu verstehen, daß ihm alle anderen gleichgültig sind. So macht man sich Zuhörer und auf Dauer sogar Freunde abspenstig, weil man selbst anderen über kurz oder lang ebenfalls gleichgültig wird. Jedem beliebigen Menschen, auch dem unauffälligsten etwas abgewinnen zu können, ist eine große Kunst – wer sie beherrscht, profitiert nicht zuletzt selber davon, weil ihm Langweile weitgehend erspart bleibt. Die Früchte dieser Kunst werden wir allerdings nur dann ernten, wenn wir uns davon überzeugen lassen, daß es nichts Uninteressantes gibt. Je mehr Interesse wir aufbringen, je mehr wir uns in einen Gegenstand vertiefen, desto interessanter erscheint er, und wo wir noch nicht gelernt haben, Interesse zu entwickeln, da müssen wir eben einstweilen Interesse vortäuschen. Das heißt: Es ist nicht nur erlaubt, seiner Neugier freien Lauf zu lassen, sie ist geradezu der Treibstoff eines lebhaften Gesprächs – sofern niemand den Verdacht haben muß, daß wir aus einem frivolen oder hinterhältigen Interesse heraus fragen.

3. Fragen stellen und sich stellen lassen

Mir sind diejenigen Gesprächspartner am liebsten, die mit dem Ziel sprechen, verstanden zu werden, nicht in der Absicht, zu beeindrucken. Wer auf Nachfragen seiner Zuhörer unwillig reagiert, so als wäre es eine Beleidigung für ihn, daß man ihn nicht auf Anhieb verstanden hat, beweist damit nur, daß ihm weniger am Verständnis als viel mehr an der Überrumplung seiner Zuhörer liegt. Man lasse sich von der Eitelkeit solcher Leute nicht einschüchtern – schließlich beweisen Zwischenfragen, daß man den Sprecher ernst nimmt und ihm aufmerksam folgt. Nur nicht so tun, als wüßte und verstände man schon alles! Im übrigen – Fragen werden in den meisten Fällen als durchaus schmeichelhaft empfunden, vor allem dann, wenn sie dem Sprecher einen unverfänglichen Grund dafür verschaffen, die Tür zur Schatzkammer seines Wissens einen Spaltbreit zu öffnen.

Grundsätzlich gilt: Durch Fragen kommt man ins Gespräch, durch Nachfragen bleibt man im Gespräch. Wer fragt, gibt den Leuten Gelegenheit, über sich selbst zu sprechen, und über Weniges freut sich der Mensch mehr. Man versuche es nur und frage jemanden, den man flüchtig oder gar nicht kennt, nach einem Detail seines Lebens („Wo haben Sie studiert?“ „Höre ich bei Ihnen den Akzent der Lausitz heraus?“) – aller Wahrscheinlichkeit nach wird er ausführlicher antworten als erwartet. Eine geschickte Frage kann eine halbe Lebensgeschichte auslösen.

4. Einfluß auf das Gespräch nehmen

Man muß nicht zu allem etwas zu sagen haben, man muß nicht alles kommentieren und unablässig unter Beweis stellen, daß man bei wirklich jedem Thema mitreden kann. Nur unsichere Menschen können sich nicht überwinden, eine Wissenslücke zuzugeben – solche Kompetenzhuber und Allroundexperten bringen sich sehr schnell um ihre Glaubwürdigkeit. Setzen wir uns also nicht unter den Druck, allwissend erscheinen zu müssen, jeder kleine Irrtum unsererseits erscheint den anderen sonst gleich als kapitale Blamage. Aber lassen wir uns andererseits auch nicht wie einen lahmen Gaul durch die Unterhaltung schleppen, lassen wir uns nicht alles wie Würmer aus der Nase ziehen! Wer den Eindruck erweckt, nichts zu sagen zu haben, wer um so einsilbiger wird, je munterer die übrigen werden, an dem verliert auch der Nachsichtigste irgendwann das Interesse, auf dessen Gesellschaft legt man schon bald keinen Wert mehr und lädt ihn allenfalls noch dann und wann aus Höflichkeit ein.

Genauso wenig sind die ein Gewinn für die Unterhaltung, die nur über ihren Beruf oder ihr Spezialgebiet reden können, oder nur dann etwas zum Gespräch beitragen, wenn sie mit ihrem Wissen und ihrem Sachverstand aushelfen können, und womöglich den ganzen Abend auf ein Stichwort lauern, um ein einziges Mal als Experte zu glänzen. Wer sich im geselligen Gespräch das nötige Maß an Geistesgegenwart nicht zutraut, dem rate ich, sich vorher Gedanken zu machen, sich ruhig ein paar Themen zurechtzulegen, zu denen jeder etwas zu sagen haben könnte, und seine Argumente vorab zu ordnen, wenn man eine Streitfrage anschneiden will. Es ist nicht ehrenrührig, vorbereitet in ein Gespräch zu gehen, und niemand braucht sich wie ein Betrüger oder Gaukler vorzukommen, der seiner Spontaneität mit rhetorischen Schachzügen auf die Sprünge hilft, die er sich vorher gut überlegt hat – solange es nicht so wirkt, als würde er ein einstudiertes Programm abspulen! Hauptsache, wir beschränken uns nicht einen ganzen Abend aufs Reagieren und Kommentieren, sondern ergreifen auch mal die Initiative, bestimmen auch mal das Thema, tragen auch selbst zur Belebung des Gesprächs bei.

5. Den anderen nicht den Wind aus den Segeln nehmen

Grundsätzlich bekommt es jedem Gespräch gut, wenn sich Teilnehmer finden, die nicht mit allem, was an Meinungen aufgetischt wird, einverstanden sind. Widerspruch bringt eine Unterhaltung in Gang, Zustimmung schläfert sie ein. Voraussetzung für ein fruchtbares Gespräch ist allerdings ein Einverständnis über die grundsätzlichen Regeln der Fairneß.

Dazu gehört, dem anderen nicht das Wort abzuschneiden – ein selbstverständliches Gebot, an das aber besonders Männer immer wieder erinnert werden müssen. Eine der verbreitetsten männlichen Unsitten ist es, die eigene Frau oder Freundin nicht ausreden zu lassen oder womöglich gleich an ihrer Stelle zu antworten und sie so oder so mundtot zu machen. Wie oft erlebt man es, daß einer seiner Lebensgefährtin eine Geschichte nach den ersten drei Sätzen aus dem Mund reißt, weil er befürchtet, sie könnte womöglich die Pointe verderben! Lieber erdulde man, daß eine Geschichte tatsächlich in den Sand gesetzt, eine Pointe tatsächlich verschenkt wird, als seine Frau oder Freundin so zu beschämen. Und kein Mann sollte damit rechnen dürfen, daß eine Frau solche Respektlosigkeit um des lieben Friedens willen mit gesenktem Blick hinnimmt.

Überhaupt gibt es Menschen, die gewöhnt sind, im Gespräch gewissermaßen unterschlagen zu werden. Sie setzen zu einer Bemerkung an, werden unterbrochen und verstummen. Wir sollten uns, ganz unauffällig, ganz ohne moralischen Aufwand, zu Anwälten solcher Personen machen, d.h., sie ansprechen, uns nach ihrer Meinung erkundigen und das Gespräch gelegentlich auf Gebiete lenken, auf denen sie sich auskennen – wenn es sonst niemand tut. Ich habe mir manche dankbare Sympathie eingehandelt, indem ich nichts weiter gemacht habe als dieses simple Gebot der Fairneß zu beachten.

Weit harmloser, aber ebenfalls ärgerlich finde ich, die Geschichte eines anderen gar nicht erst wirken zu lassen, sondern postwendend eine vergleichbare, nur noch spektakulärere nachzuschieben. Immer findet sich jemand, der Ähnliches erlebt hat und glaubt, noch einen draufsatteln zu müssen, und man hat Glück, wenn sich nicht ein zweiter und dritter anschließt. Es scheint ein mächtiger Impuls zu sein, andere im Gespräch überbieten zu wollen – wir sollten ihn trotzdem zügeln, solange lediglich Geschichten von ein und demselben Strickmuster dabei herauskommen.

6. Reden ist Silber, Schweigen Gold und Toleranz Platin

Im übrigen ist Toleranz ein wesentliches Element jeder Gesprächskultur. Reden wir uns nicht in Rage, verbeißen wir uns nicht in ein Thema, glauben wir nicht, den anderen partout widerlegen zu müssen. Man braucht nicht immer sofort einzuhaken und richtigzustellen, wenn man glaubt, etwas besser zu wissen. Bisweilen sollte man eine – unserer Meinung nach – törichte Ansicht gelassen ertragen, um nicht in den Ruf eines Besserwissers oder Nörglers zu kommen, oder um den Fluß einer Erzählung, den Schwung eines Erzählers nicht wegen eines unbedeutenden sachlichen Fehlers zu unterbrechen. Wir brauchen auch nicht bei jeder Albernheit, bei jeder Geschmacklosigkeit dazwischenzugehen; wir sollten selbst Menschen aushalten können, die von ihrer irrigen Meinung zutiefst überzeugt sind. Wer weiß, wie oft wir selbst schon von dieser Art Zurückhaltung profitiert haben?

Nicht immer allerdings kann man von uns verlangen, Leute ausreden und in den vollen Genuß unserer Langmut kommen zu lassen. Monologisierer darf man, wie ich finde, getrost unterbrechen, weitschweifigen Zeitgenossen ruhig Beine machen, Leute, die sich in allgemeinen Theorien ergehen, durch eine persönliche Frage auf den Boden der Tatsachen zurückholen und Menschen, die keinen Blick über den Tellerrand ihrer persönlichen Betroffenheit hinauswagen, die Aufmerksamkeit entziehen. Mit Menschen aber, die sich schwerer tun als wir, ihre Gedanken zu formulieren, sollten wir Geduld haben. Bringen wir sie nicht in die Verlegenheit, sich uns zuliebe etwas abzuringen, nur weil wir ihnen das Gefühl vermitteln, uns mehr von ihnen versprochen zu haben! Lassen wir diese Leute so sein, wie sie sind, und schauen wir, ob sie vielleicht andere Qualitäten haben, die sich sprachlos Ausdruck verschaffen. Gesprächsteilnehmer aus der Reserve locken – jederzeit. Aber niemals beschämen!

Moritz Knigge sagt: „Eine Unterhaltung stellt nicht nur deine Geistesgegenwart und Sprachgewandtheit auf die Probe, sondern auch deinen Charme, deine Zuvorkommenheit und deine Fairneß. Sprich grundsätzlich, um verstanden zu werden, nicht, um zu beeindrucken! Ein guter Unterhalter läßt bei den anderen einen Hunger zurück, wie Baltasar Gracián es ausdrückt, also das Gefühl, ihn noch lange nicht satt zu haben.

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