„Ich spiele gerne gegen Menschen, die gewinnen wollen und können“. Sagt Moritz Knigge. Weil auch das Gewinnen einen kultivierten Menschen auszeichnet und das Leben in der Tat kein Ponyhof ist. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Es ist unmöglich, sich von gewissen Leuten geliebt zu machen, und da kann es nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.“

Über den Umgang mit Menschen,I, 3, 19

Zähmung des Widerspenstigen?

Darf man so kompromißlos gewinnen wollen? Den anderen haushoch besiegen – und dann womöglich seinen Sieg noch bejubeln? Erlebe ich nicht soeben einen unschönen Ausbruch von Aggressivität? Derlei Gedanken werden ihr durch den Kopf gegangen sein, jener Sportlehrerin, die mir erzählte, sie habe das Basketballspiel zweier Schülermannschaften beim Stand von 31 zu 6 abgebrochen. Sie habe es nicht mehr mitansehen können. Die bessere Mannschaft hatte ihren Ehrgeiz nämlich trotz des Vorsprungs keineswegs gezügelt, es sah ganz danach aus, als wollte sie noch höher gewinnen, und da war sie eingeschritten und hatte den atemlosen Kämpfern erklärt, daß der Sieg nicht das Wichtigste sei, daß es mehr auf die Schönheit des Spiels ankomme und daß man Verlierer nicht demütigen dürfe.

Man könnte den Vorfall als die Geschichte eines rührenden Mißverständnisses verbuchen, wäre diese Sportlehrerin nicht eine von vielen. Eine von vielen – nicht nur Lehrerinnen –, die eine sanftere Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben haben und gegen die tausendfältigen Erscheinungsformen stets männlicher Aggressivität zu Felde ziehen. Den Streitbarsten unter ihnen entgeht schon bei den Kleinsten kein Anzeichen einer künftigen Gewaltkarriere. Jede Rempelei auf dem Schulhof muß da als Beweis für die Gewaltbereitschaft der Knaben herhalten, jede Hänselei gilt als Ausdruck einer angeborenen Unterdrückermentalität, und jedes Konkurrenzgebaren wird mit äußerster Mißbilligung quittiert. Die Vorkämpferinnen einer gewaltlosen Gesellschaft machen keinen Hehl daraus, daß ihnen „männlicher“ Siegeswille nicht geheuer ist, und manche halten es – wie man gelegentlich hört – für ihre Aufgabe, Jungen einer regelrechten Zähmung zu unterwerfen, einer Art Umerziehung, die deren Sozialverträglichkeit auf weibliches Niveau anheben soll.

Kein Verrat an Gegnern und Zuschauern, please!

Ich überlasse es den Frauen selbst, sich gegen das verniedlichende Frauenbild zu verwahren, von dem sich die Propagandistinnen einer sanfteren Welt leiten lassen. Ich möchte aber vor dem Versuch warnen, die Gesellschaft zu verbessern, indem man ihr Harmonie verordnet. Zum einen, weil sich der Mensch – nicht nur der männliche – gelegentlich austoben muß, am besten natürlich in zivilisierter Form, wie sie der sportliche Wettkampf darstellt. Hier darf dann aber auch ein unbedingter Siegeswille zum Zuge kommen, solange sich jeder an die Regeln hält. Man versteht den Sport falsch, wenn man ihn nicht als Wettkampf, sondern als Zeitvertreib aus reiner Spielfreude ansieht. Gewinnen wollen, kämpfen wollen, den Gegner wenn möglich vorführen wollen, ist Sinn der Sache. Ganz zu schweigen von der beglückenden Erfahrung, sich als einzelner im Team zu behaupten und gemeinsam mit seinen Mannschaftskollegen die ganze Gefühlsskala von der Ekstase bis zur Depression zu durchlaufen. Wer da nicht mit vollem Einsatz spielt, begeht nicht nur an seiner Mannschaft Verrat, sondern auch am Gegner und am Zuschauer.

Ich jedenfalls spiele ungern gegen jemanden, der nicht gewinnen will. Wer freut sich schon über einen geschenkten Sieg? Ich finde aber auch das Spiel gegen überlegene Gegner nicht entmutigend – ein glücklicher Sieg nach vielen Niederlagen hat dann das zehnfache Gewicht. Dieser Stolz auf die eigene Leistung, diese Freude über die Anerkennung durch andere ist in keiner Weise anrüchig. Lassen wir uns also von den Harmoniebeschwörern und -beschwörerinnen nicht einreden, unsere Siegesfreude würde in Wirklichkeit einen bösartigen Vernichtungswillen verraten. Und lassen wir uns von ihnen nicht den Wunsch ausreden, besser sein zu wollen, im Sport wie im Leben. Vor allem aber: Versuchen wir, klüger zu sein! Denn ihr Widerwille richtet sich nicht allein gegen jegliche Form von Wettbewerb oder die sündige Lust am Siegen, sondern gegen offen und womöglich scharf ausgetragene Konflikte ganz allgemein. Und an dieser Stelle wird die um sich greifende Harmoniesucht regelrecht bedrohlich, weil sie eine in Jahrhunderten gewachsene, unverzichtbare Kultur des Streitens gefährdet.

Wider der Harmoniesucht, für eine Kultur des Streitens

Wer Konkurrenz verwerflich findet, wird Konflikte natürlich erst recht zu unterbinden trachten. Ein sinnloser Versuch? Weil Konflikte dann einfach weiterschwelen? Wohl wahr – und dennoch beängstigend erfolgreich. Ein Klima unbeirrbaren Einverstandenseins hat sich breitgemacht, und das nächste Beispiel ist deshalb ebenso beängstigend wie alltäglich. Ein Mann, streitlustiger Atheist, an religiösen Fragen gleichwohl interessiert, hatte ein polemisches Buch über die Anfänge des Christentums gelesen, das Jesus Christus als billigen Magier entlarvt. Bei nächster Gelegenheit trug er diese These in einem größeren Kreis vor – zuversichtlich, daß der eine oder andere der Anwesenden sich zur Verteidigung der Gründergestalt des Christentums herausgefordert fühlen würde. Aber nichts da – alle waren derselben Meinung! Der Mann formulierte schärfer, spitzte seine These zu – vergeblich. Jeder, erzählte er mir mit einem ungläubigen Lächeln, jeder hatte es schon gewußt oder zumindest geahnt.

Man sagt lieber nichts. Man könnte einander ja wehtun. Irgendjemand könnte auf die Idee kommen, Widerspruch als Feindseligkeit zu mißdeuten. Lieber alles ungerührt hinnehmen, solange keine Tabus verletzt werden. Wundert es da, daß unsere Politiker ihr Volk wie schlafende Hunde behandeln? Kaum stellt sich ein Problem von brennendem Interesse, konfliktträchtig, Zündstoff für heiße Diskussionen, überläuft sie eine Gänsehaut, und geradezu flehentlich heißt es dann: Nur ja aus der Diskussion heraushalten! Bloß keine Emotionen schüren! Kontroversen? Warum nicht? Aber bitte nur über Themen, die das Volk kalt lassen!

Warum eigentlich wird von uns ewig dieselbe Gemütsruhe erwartet? Weil wir explosiv sind, kühl gelagert gehören und auf keinen Fall gerüttelt werden dürfen? Gilt es ständig, Schlimmeres zu verhüten? In diesem Fall hätten die unablässigen Mäßigungsappelle ihr Ziel längst verfehlt, denn die trügerische Harmonie, die sich auf unser Land gesenkt hat, gehört selbst zum Schlimmsten, was eintreten konnte. Mit der Streitlust ist uns nämlich auch die Fähigkeit zum Streiten vergangen – mit dem Erfolg, daß harmlose Konflikte immer häufiger eskalieren und in unkontrollierte, mörderische Gewalt ausarten, daß die Gerichte mit Streitfällen eingedeckt werden, die man eigentlich unter sich ausmachen könnte, und Mobbing zu einer Art Volkssport geworden zu sein scheint. Wer verhindern will, daß Konflikte eskalieren, der müßte streiten können, der müßte sich also genauso in der Kunst des Streitens üben wie sich Sporttreibende in der Fähigkeit üben, siegen und verlieren zu können. Schwelende Konflikte brechen irgendwann aus, und dann wissen wir Harmoniegeschädigten uns nicht anders mehr zu helfen, als uns hilfesuchend an die nächste väterliche oder mütterliche Instanz zu wenden – und auf der nächsten Betriebsratsversammlung heißt es dann wieder im Tonfall tiefer Besorgnis: „Wir haben da einen Mobbingfall.“

Mobbing – eine Widerrede

Das Mobbing, scheint mir, eignet sich besonders gut dazu, die Auswirkungen unserer gesellschaftlichen Harmonielehre zu illustrieren. Niemand bezweifelt, daß es unter Kollegen und Vorgesetzten tatsächlich unangenehme Zeitgenossen gibt. Doch längst ist das Mobbing zum Druckmittel gegen unliebsame Mitarbeiter geworden, gegen Kollegen, die von einem Recht auf Ungestörtbleiben nichts wissen wollen, das offene Wort der Intrige vorziehen und unverdrossen darauf beharren, daß es bei der Arbeit auch um die Sache gehen kann. Wie das funktioniert? Nur zwei Beispiele. E., eine junge Frau mit besten Zeugnissen, ist neu in der Presseabteilung einer großen Behörde. Von Beginn an setzt sie alles daran, andere für sich arbeiten zu lassen. E. will Zeit sparen und gleichzeitig blendend dastehen. Sie schaltet die ganze Abteilung und ihren großen Bekanntenkreis ein und verteilt Aufgaben. Sie wittert, wo sie Informationen abzweigen kann. Sie klaut Ideen. Den Rest holt sie sich aus dem Internet, gibt keine Quellen an und verkauft alles, was auf diese Weise zustande gekommen ist, als eigene Arbeit. Nichts, was sie abliefert, ist von ihr. Wiederholt wird sie darauf aufmerksam gemacht, daß derart unseriös recherchiertes Material die Abteilung nicht verlassen darf. Zunächst weint sich E. bei Kolleginnen aus, die neutral zu bleiben versuchen, beklagt sich, schlecht behandelt zu werden, weil andere nicht ertrügen, wie gut sie ist. Als es ihr so nicht gelingt, Verbündete zu gewinnen, erhebt sie gegen ihre lästigste Kritikerin den Vorwurf, sie zu mobben.

Im nächsten Fall teilen sich zwei Kolleginnen ein Büro. F., die neu hinzugekommen ist, stellt der anderen Bedingungen, die unakzeptabel sind: Das Büro muß verdunkelt werden, kein Tageslicht darf hereinfallen, Telefonate sollen nur im Flüsterton geführt werden und dergleichen mehr. Nicht einmal einen Apfel darf die Kollegin in ihrer Gegenwart essen, weil sie das widerlich findet. Ganz offenbar will F. auf diese Weise ihren Anspruch auf ein eigenes Büro durchsetzen. Als die Kollegin sich ihren Bedingungen nicht unterwirft, wird sie von F. wegen Mobbings angezeigt.

Der Tag, an dem Sozialpsychologen das Mobbing erfanden, mag für die Harmonisierer ein guter Tag gewesen sein. Für alle, die daran glauben, daß man Konflikte untereinander offen und gegebenenfalls unnachgiebig auf die Regeln pochend austragen sollte, war es ein schlechter Tag. Wie in allen anderen Lebensbereichen hat das Harmoniebedürfnis auch am Arbeitsplatz vor allem Konfliktscheu und Duckmäusertum gefördert. So sehr also die Klugheit gebietet, bei diesem großen Kleinbeigeben nicht mitzumachen, so sehr verlangt sie aber auch, sich die eigene Strategie von Fall zu Fall genau zu überlegen. Steht etwa zu befürchten, daß man uns Mobbing anhängen könnte, sollten wir mit der betreffenden Person wenn möglich nicht mehr unter vier Augen sprechen – nur wenn wir Zeugen haben sind wir einigermaßen davor sicher, daß uns das Wort nicht im Mund herumgedreht wird. Bisweilen kann es erforderlich sein, nur noch schriftlich, per E-Mail mit ihr zu verkehren, um jederzeit beweisen zu können, daß unser Ton korrekt und keine böse Absicht im Spiel gewesen ist. Im übrigen müssen wir Leuten, die der Ehrgeiz oder der Eigennutz skrupellos macht, von Anfang an Grenzen ziehen. Je eher sie merken, daß sie bei uns auf Granit beißen, desto besser.

Wo man aber selbst nicht unmittelbar betroffen ist, verhalte man sich so lange wie möglich neutral! Auf keinen Fall sollten wir in Klagen über Chefs oder Kollegen einstimmen, mit denen man sich vertraulich an uns wendet. Geben wir in diesem Fall, ohne unhöflich zu werden, zu verstehen, daß wir uns heraushalten möchten, oder flüchten wir uns zur Not in Einsilbigkeit. Wer auf der Suche nach Verbündeten ist, sollte bei uns solange kein offenes Ohr finden, wie wir mit der Sachlage nicht bestens vertraut sind, und wer mit seiner hochentwickelten Sensibilität argumentiert, müßte bei uns an der falschen Adresse sein. Ansonsten aber empfehle ich, vor Konflikten nicht zurückzuschrecken – selbstverständlich immer mit dem Ziel, sich gütlich zu einigen.

Dieser Rat gilt in allen Lebensbereichen. Da war eines Tages ein neuer Nachbar über mir eingezogen, und von Stund an hallte meine Wohnung von Heavy-Metal-Musik wider. Ich gab ihm zwei Tage Zeit – vielleicht weihte er auf diese Weise ja nur seine neue Bleibe ein. Am dritten Tag klingelte ich an seiner Tür. Er öffnete, und vor mir stand ein Typ, einen halben Kopf größer und doppelt so breit wie ich. „Ich bin ein großer Fan Ihrer Musik“, habe ich ihm gesagt. „Hätten Sie Verständnis dafür, daß ich sie trotzdem nicht alle Tagen hören will?“

Man hätte den Fall natürlich auch anders angehen können. Man hätte sich an den Hausmeister wenden oder es schriftlich machen oder mit einer Mieterdelegation bei ihm auftauchen können. Meiner Erfahrung nach ist jedoch nichts überzeugender als Unerschrockenheit. Ich hatte jedenfalls Glück. Mein neuer Nachbar verstand. Er bot mir einen Schnaps an und respektierte meinen Wunsch hinfort. Die meiste Zeit jedenfalls.

Moritz Freiherr Knigge: „Siegen wollen ist normal und muß, solange die Regeln eingehalten werden, erlaubt sein. Siegen und verlieren können will gelernt sein – genauso, wie es geübt werden muß, Konflikte offen auszutragen. Mißtraue deshalb dem Harmoniegebot – es führt nur dazu, daß sich Kontrahenten unterschwellig befehden. Die berühmtesten Vertreter der Gewaltlosigkeit, wie Jesus oder Gandhi, waren konflikterfahrene Menschen!“

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