Wenn mich jemand fragt, was Höflichkeit ist, dann antworte ich: „Schlage alle Etikette in den Wind, wenn Du einem anderen eine Peinlichkeit ersparen kannst.“ Nicht, weil ich etwas gegen gute Umgangsformen hätte, im Gegenteil. Aber ich mag es nicht, wenn die Form wichtiger wird als der Inhalt. Wenn Menschen Etiketteregeln einem gelungenen Miteinander vorziehen, um sich über andere Menschen zu erheben oder sie auszugrenzen.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Enthülle niemals auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 8,

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, kein einziger war dabei, der Höflichkeit entbehrlich gefunden hätte. Im Gegenteil.

Jeder nickt und keiner fühlt sich angesprochen

„Höflichkeit ist enorm wichtig“, sagte ein Lehrer, als das Stichwort fiel. Was er unter Höflichkeit verstehe, wollte ich wissen. Nach kurzer Überlegung zählte er auf: „‚Bitte’ und ‚danke’ sagen. Einem bepackten Menschen die Tür aufhalten. Als Autofahrer anderen signalisieren, was man will, und sich für Entgegenkommen mit einem Handzeichen bedanken. Keinem am Tisch oder in einer Runde für längere Zeit den Rücken zukehren. Leute, die einander nicht kennen, vorstellen. Nicht rauchen, wenn andere essen. Sich mit einer Karte oder einem Anruf am nächsten Tag für einen schönen Abend bedanken … Ich habe einen Schüler“, fuhr er fort, „den ich als höflich bezeichnen würde. Als einzigen in seiner Klasse. Sein Vater kommt aus Ghana, seine Mutter ist Deutsche. Der Junge ist aufgeschlossen und sympathisch und vor allem: Er wird niemals aufdringlich. Überaus angenehm.“

Eine merkwürdige Sache: Jeder rühmt die Höflichkeit – die höflichen Menschen aber scheinen auszusterben. Zumindest wurde in den Gesprächen, die ich geführt habe, nichts häufiger beklagt als der Verlust der Höflichkeit. Einbildung? War womöglich schon immer nur eine Minderheit der Menschheit höflich? Ich glaube nicht. Mein Vorfahr jedenfalls konnte noch davon ausgehen, daß jeder, der überhaupt Erziehung genossen hatte, mit den Regeln der Höflichkeit so vertraut war, daß er in seinem 1788 erschienenen Buch nicht näher darauf einzugehen brauchte. Ganz anders die Erfahrung des französischen Staatsdenkers Alexis de Tocqueville (1805–1859), der vierzig Jahre später die Vereinigten Staaten von Amerika bereiste. Dort hatte sich so ziemlich alles, was er unter Umgangsformen verstand, verflüchtigt, ja, es gab vielerorts nicht einmal mehr eine Erinnerung daran.

In seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ macht Tocqueville später die Demokratie als Ursache aus. Denn Höflichkeit ist die Kunst, Unterschiede auszugleichen, ohne sie anzutasten, Distanz zu überbrücken, ohne sie aufzuheben, sich näher zu kommen, ohne sich anzubiedern – die bürgerliche Demokratie aber macht die Gleichheit aller Bürger zur Grundlage für das menschliche Miteinander und entzieht der Höflichkeit damit gewissermaßen ihren Mutterboden. Gleichheit und Formlosigkeit sind nun zwei Seiten einer Medaille: Durch Formlosigkeit wird der Anspruch auf Gleichheit erhoben, durch Formlosigkeit wird die Gleichheit betont. Wenn Rang- und Standesunterschiede wegfallen und jeder mit jedem von gleich zu gleich verkehrt, so die Erfahrung Tocquevilles in Amerika, dann erliegt der Mensch der Versuchung, sich überall wie unter Freunden oder Kollegen zu bewegen und Umgangsformen aufs Nötigste zu reduzieren.

Diktatur der Ungezwungenheit?

In Europa waren die Überlebenschancen der Höflichkeit zunächst größer. Es gab weiterhin Traditionen, Eliten und Vorbilder, es gab weiterhin Unterschiede auszugleichen und Distanz zu überbrücken – bis die Protestbewegung des 20. Jahrhunderts die Höflichkeit (zumindest in Westdeutschland) erneut unter Beschuß nahm, und diesmal gleich von mehreren Seiten. Einmal von der Seite der Freiheit her, mit dem Argument, daß alle Umgangsformen der Selbstentfaltung des Individuums im Wege stünden. Zum anderen von der Seite der Gleichheit her, mit dem Argument, ein provokantes, respektloses Auftreten sei das Kennzeichen einer untadeligen proletarischen Haltung, womit schlechte Manieren nachgerade zum Ausweis einer korrekten, anti-elitären Gesinnung avancierten. Und schließlich galten höfliche Menschen seinerzeit nicht nur als altmodisch, sie zogen auch den weit schlimmeren Verdacht auf sich, mit der deutschen Vergangenheit zu sympathisieren, weil sie nicht dazu bereit waren, sich von Konventionen zu lösen, die die Verbrechen der Nazizeit nicht verhindert hatten. Das amerikanische Vorbild tat ein übriges. Kurz: Wer nicht unangenehm auffallen wollte, gab sich von nun an ungezwungen bis ungehemmt – freundlich, wenn ihm der Sinn danach stand, und grob, wenn ihm nicht nach Freundlichkeit zumute war. Zur selben Zeit war die Höflichkeit im Osten unseres Landes als verlogene bürgerliche Konvention verfemt und praktisch abgeschafft worden. Es galt der proletarisch-kräftige Händedruck und der in der Arbeiterklasse übliche Umgang; alle waren gleich und deshalb per „du“. Genauso verpönt war die Ritterlichkeit. Die Frau war gleichberechtigt; da kam es nicht mehr in Frage, sie als schutzbedürftiges Wesen anzusehen und ihr womöglich in den Mantel zu helfen – hätte ein Mann es versucht, sie hätte diese Dreistigkeit empört zurückgewiesen.

Würde uns heute die Höflichkeit in menschlicher Gestalt begegnen, als Dame in mittleren Jahren vielleicht, sie würde wohl einen arg ramponierten Eindruck machen. Nach alledem wäre das nicht zu verwundern. Ist ihr überhaupt noch zu helfen, der Dame Höflichkeit? Ich glaube schon – zum Beispiel, indem man sie vor dem Verdacht in Schutz nimmt, sich nicht mit dem ungezwungenen Ton, den unverkrampfteren Umgangsformen unserer Tage zu vertragen. So prüde ist sie nämlich gar nicht. In Wirklichkeit beruht dieser Verdacht auf populären Mißverständnissen – der Verwechslung von Höflichkeit mit Etikette etwa oder dem Mißbrauch von Manieren zum Zweck elitärer Abgrenzung von ungeschliffeneren Zeitgenossen –, und diesen Mißverständnissen müßte doch beizukommen sein.

Höflichkeit und Etikette sind zwei paar Schuhe

Zunächst einmal: Höflichkeit und Etikette sind zweierlei. Die Etikette ist starr und zwingend, und sie muß es auch sein, weil sie Verständigung angesichts großer Differenzen oder fundamentaler Interessengegensätze gewährleisten soll. Nur ein Beispiel: Am Ende des Dreißigjährigen Krieges hatten sich die Verteter der heillos zerstrittenen europäischen Mächte 1648 in Münster zu Friedensverhandlungen versammelt, um endlich mit diplomatischen Mitteln zu erreichen, was auf den Schlachtfeldern nicht durchzusetzen gewesen war. Es wurde um Länder und Titel und Einfluß gefeilscht, und bisweilen war die Feindseligkeit so groß, daß die Unterhändler einander anschrien, auf die Tische schlugen und Gespräche im Tumult endeten.

In dieser Situation blieb nichts anderes übrig, als die Leidenschaften in ein Korsett aus haargenau definierten, bis ins Kleinste festgelegten Verhaltensregeln zu zwingen und die Gespräche gewissermaßen zu ritualisieren – anders war ein halbwegs gesitteter Meinungsaustausch nicht herbeizuführen. Das starre Schema der Etikette hatte also den Sinn, Verständigung überhaupt erst zu ermöglichen und selbst tiefgreifende Gegensätze erträglich zu machen. Und diese Funktion hatte die Etikette zu allen Zeiten: Sie ist ein Rahmen, keine Brücke. Sie verbindet nicht – sie schafft eine Klammer für Menschen, die nichts miteinander verbindet, indem sie alles Persönliche als Störfaktor ausschaltet. So gesehen ist Höflichkeit tatsächlich das Gegenteil von Etikette. Die Höflichkeit nämlich schafft ein persönliches Klima, noch bevor sich persönliche Beziehungen entwickelt haben, sie stellt ein Entgegenkommen dar, das es allen Beteiligten erleichtert, ihre Befangenheit abzulegen, sich in ihrer Haut wohl und obendrein sicher zu fühlen – vor Grobheit, Zumutungen oder allzu persönlicher Neugier zum Beispiel – und Vertrauen zueinander zu fassen. Mit einem Wort: Die Etikette ist zwingend, die Höflichkeit befreiend.

Dünkel ist niemals höflich

Zum zweiten Irrtum, dem dünkelhaften Mißbrauch guter Manieren zur Abgrenzung von weniger manierlichen Zeitgenossen, fällt mir eine Radiosendung ein. Da wurde eine der führenden Benimmkapazitäten unseres Landes vom Moderator gefragt, wie er denn reagieren würde, wenn jemand, mit dem er sich im Restaurant verabredet hat, beim Verzehr seiner Spaghetti nicht nur die Gabel benutzen sondern auch einen Löffel zu Hilfe nehmen würde. „Nun, ich würde diesen Menschen freundlich auf sein Fehlverhalten hinweisen“, lautete die Antwort. „Und wenn er dann trotzdem auf seinen Löffel nicht verzichten mag, würde ich wohl davon absehen, noch einmal mit ihm zu speisen.“ Ich fürchte: So viel dieser Mensch von Benimm verstehen mag, so wenig versteht er von gutem Benehmen. Seine Antwort jedenfalls zeugt von allem Möglichen, von Förmlichkeit, Geringschätzung, Nörgelei und Überheblichkeit, aber nicht von Höflichkeit. Der höfliche Mensch hat das größtmögliche Wohlbefinden aller im Auge und würde deshalb die Wahl des Bestecks als technische Frage betrachten – schließlich ist allen gedient, wenn jemand seine Spaghetti unter Zuhilfenahme eines Löffels eleganter bewältigt als ohne. Nein, hier hatte offenbar jemand einen Vorbehalt gegen Leute, die nicht zur gleichen Manieren-Elite gehören wie er selbst. So bringt man Umgangsformen in Verruf.

Einer Höflichkeit, die lediglich eitler Selbstbestätigung Vorschub leistet, würde wohl kein Mensch nachtrauern. Wenn man sie schmerzlich vermißt, dann deshalb, weil sie eine Übereinkunft darüber darstellt, was im Umgang miteinander als liebenswürdig und respektvoll gelten soll, um Mißverständnisse oder die unabsichtliche Verletzung der Gefühle anderer zuverlässig auszuschließen, vor allem aber, um den einzelnen nicht den wechselnden Launen seiner Mitmenschen auszuliefern. Denn die Höflichkeit ist nicht spontan, wie die Freundlichkeit, sie wird nicht je nach Stimmung gewährt oder vorenthalten, sie nimmt keine Rücksicht darauf, wie einer gerade „drauf ist“. Umso mehr Rücksicht nimmt sie auf Unterschiede – und trägt damit den tatsächlichen Gegebenheiten Rechnung. Trotz Demokratie und ideologisch begründetem Gleichheitspathos – die Menschen sind eben nicht alle gut Freund und schon gar nicht alle gleich, sie können sich fremd sein oder unterschiedlichen hierarchischen Ebenen, verschiedenen Generationen, dem einen oder anderen Geschlecht und unterschiedlichen sozialen Milieus oder Kulturen angehören oder einfach sehr gegensätzlicher Auffassung sein. Der höfliche Mensch leugnet diese Unterschiede nicht, er respektiert die Ungleichheit – und erklärt sie im selben Moment als unerheblich für die Verständigung. Die Höflichkeit ist die einzige gemeinsame Sprache, die über alle sozialen und kulturellen Gräben und Grenzen hinweg verstanden wird.

Die Trinkschale  – Ein Parabel für gelebte Höflichkeit 

Eines der schönsten Beispiele für Höflichkeit wird uns vom spanischen König Alfons XIII. berichtet. Die Anekdote erzählt, daß ein Bürger aus kleinen Verhältnissen seiner Verdienste wegen zu einem Bankett am Hof von Madrid geladen war. Neben seinem Teller stand eine Schale mit Waschwasser für die Hände, und da er sich nicht auskannte, setzte er die Schale an den Mund und trank. Der König hatte das bemerkt, genauso wie ihm die spöttische Mißbilligung auf den Gesichtern der anderen Gäste nicht entgangen war, nahm seine eigene Wasserschale und setzte sie ebenfalls an den Mund und trank auch – woraufhin alle Anwesenden, nach einem Augenblick des Zögerns, seinem Beispiel folgten.

Das ist wahre Höflichkeit: Alle Etikette in den Wind schlagen, wenn man einem Menschen dadurch eine Blamage ersparen kann. Man sieht – die Unterschiede bleiben. Aber sie lassen sich verwischen.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Die Höflichkeit braucht sich weder dem Zwang zur Gleichheit noch dem Zwang zum Individualismus zu beugen. Sie balanciert alle Arten von Ungleichgewicht aus und hält sie für die Dauer der Begegnung in der Schwebe. Wer höflich ist, der gibt dem anderen zu verstehen: Ich weiß um den Unterschied zwischen uns, aber ich will nicht, daß er unserer Verständigung im Wege steht.“

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