Moritz, letztens musste ich sehr lange auf die Rechnung warten. Trotz zweifacher Erinnerung. Das fand ich merkwürdig. Ich hatte weder mit den Fingern geschnippst, noch gepfiffen oder mich anderweitig unhöflich betragen. 

Doch wie bekomme ich eigentlich schnell und höflich meine Rechnung und wie lange muss ich im Restaurant auf sie warten, bevor ich gehen darf? Was sagt denn da der Knigge?“ Gute Frage, die mir mein Freund Ludger da stellte. Musste ich drüber nachdenken, und kam wenig später zu einer Antwort.

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Zeit ist Geld

Von Benjamin Franklin stammt die Einsicht: Zeit ist Geld. Von Adolph Freiherr Knigge die Empfehlung: Der höfliche Mensch hat Zeit. In Führungsseminaren von heuten lernen die Bosse von morgen, dass Ungeduld eine Stärke und keine Schwäche ist. In Yogakursen, dass Geduld die Stärke von gestern, heute und morgen ist. Ja, was denn nun? Schnell oder höflich? Franklin oder Knigge? Zackzack oder Küss‘ die Hand? Wenn ODER keiner will und UND nicht geht, kommt irgendwas dazwischen raus: höflich, aber bestimmt. Klingt prima, ist aber nur eine andere Bezeichnung für so gerade noch freundlich mit Faust in der Tasche.

Nur Mittel zum Zweck?

Aber was soll man machen, wenn keiner auf einen hört? Was tun, wenn der Wirt meinen Wunsch nach Rechnungsstellung mit voller Absicht ignoriert, weil ein volles Lokal einfach besser aussieht als ein leeres. Oder was tun, wenn ich genauso zum Mittel für die Zwecke des Wirtes werde, der mir unaufgefordert meine Rechnung auf den Tisch legt, während ich mich noch an der Mousse au Chocolat erfreue? Wenn ich am eigenen Leib erfahre, dass Zeit Geld ist, das ich dem Wirt stehle, weil schon die nächsten Geldbörsen auf zwei Beinen nach meinem abbezahlten Tisch gieren?

Zeche prellen?

Wenn mich keiner hört, muss ich mir Gehör verschaffen: höflich, aber bestimmt. Führt auch das nicht zum gewünschten Ergebnis dann eben mit einer legitimierten Exit-Strategie aus dem Handbuch der Gastronomiemythen mit dem Titel Selbstjustiz für Unerhörte: „Wenn man drei Mal laut und wahrnehmbar um die Rechnung gebeten hat und keine Reaktion erfolgt, dann hat man das Recht das Lokal zu verlassen ohne seine Rechnung zu bezahlen“ Ist natürlich Blödsinn.

Zechprellerei ist mies, aber kein Straftatbestand. Wohl aber ein Pflichtverletzung des Gastes. Dieser ist dem Wirt verpflichtet ihm den geschuldeten Betrag zu erstatten. Das Restaurant einfach zu verlassen, ohne den Wirt zu benachrichtigen sollte jeder Gast vermeiden. Wenn Euch also die Wartezeit auf die Rechnung als zu lang erscheint, einfach Bescheid sagen, Dresse hinterlassen und Rechnung zu schicken lassen. Dann seid Ihr rechtlich auf der sicheren Seite. Doch bis es soweit kommt, habt Ihr die Rechnung dann plötzlich doch in der Hand 😉

Alles aufs Haus?

Was mir in solchen Situationen des Nicht-Gehörtwerdens hilft, ist die zeitlose Einsicht des Philosophen Epiktet: „Es sind nicht die Dinge, die wir fürchten, sondern die Meinung, die wir über sie haben.“ Heißt: Ist alles nur in unserem Kopf. Vielleicht macht ein volles Restaurant einfach mehr Arbeit als ein leeres, vielleicht waren wir in unserem erneuten Wunsch nach Rechnungsstellung bestimmt, aber nicht höflich, vielleicht sitzen wir in einem sehr kleinen Restaurant, das davon lebt, dass die Gäste nicht den ganzen Abend auf ihren Tisch bestehen.

Aber was tun, wenn kein „Vielleicht“ mehr denkbar ist? Dann antworte ich dem Rechnungssteller wider Willens höflich, aber süffisant: Entschuldigung, das kann nicht unsere Rechnung sein, der Abend hat doch gerade erst begonnen. Oder geht alles weitere aufs Haus?


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