Andere Länder, neue Sitten. Der unbefangene Umgang mit dem Anderen, dem Fremden ist dem Menschen wahrlich nicht in die Wege gelegt. Die Angst vor dem Fremden ist wohl ein evolutionsbiologisches Überbleibsel zu sein. Als die Höhlen noch keine Sicherheitsschlösser hatten. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Vaterlandsliebe ist schon ein zusammengesetztes Gefühl, aber immer noch wärmer als Weltbürgergeist … Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen, wessen Herz nicht warm wird bei dem Anblick der Gefilde, in welchen er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und sorglos verlebt hat – was für ein Interesse soll der wohl an dem Ganzen nehmen ..?“

Über den Umgang mit Menschen, II, 2, 1

Am Witz sollt Ihr Sie erkennen

Womöglich der schnellste Weg, sich einen Eindruck von der Unterschiedlichkeit fremder Kulturen und Völker zu verschaffen, ist der, Menschen aus anderen Ländern zu bitten, einen Witz aus ihrer Heimat zu erzählen. Im Vergleich zu unseren eigenen Witzen käme uns der des Engländers schwarz und drastisch, der des Franzosen intellektuell verspielt, der des Spaniers derb und blasphemisch vor – gleichwohl könnten wir über alle diese Witze lachen, weil wir die Pointe verstehen würden. Über den Witz des Äthiopiers hingegen würden wir allenfalls aus Höflichkeit lachen – und uns Tage später noch fragen, was daran komisch gewesen sein soll. Und der Japaner würde uns mit dem Geständnis verblüffen, daß man in seinem Land gar keine Witze erzählt.

Nura aus Mogadischu

Wahre Abgründe an Verschiedenheit täten sich auf, wenn wir tiefer bohren würden. Als Menschen, die viel reisen, aus dem Stand dreiundzwanzig italienische Nudelsorten auswendig hersagen könnten und sofort etwas mit „Tacos“ verbinden, haben wir längst heraus, wie man am schnellsten mit der beunruhigenden Fremdartigkeit des Fremden fertig wird: Man gewöhnt sich einfach daran – und erspart sich das Verstehen. Jemandem, der, sagen wir, als Flüchtling aus Somalia nach Deutschland kommt, steht dieser Weg nicht offen. Der muß sich in einer Welt zurechtfinden, in der jeder um ihn her völlig anders denkt als seine Leute daheim, und will deshalb begreifen, worauf er sich einstellen muß und weshalb er sich umstellen soll.

Nura aus Mogadischu zum Beispiel. Sie weiß nicht mehr, wie sie ihre beiden Kinder – eine Tochter von fünf und einen Sohn von sieben Jahren – erziehen soll. In Somalia war alles ganz anders. Da hatte sie einen Stock, da setzte es Schläge, da wurde gehorcht, da gab es ein Familienoberhaupt und eine Familienhierarchie, und Kinder hatten im Kreis der Erwachsenen nichts zu melden. Wie soll sie ihren Sohn, ihre Tochter jetzt erziehen? Ihre somalischen Freunde machen ihr schon Vorwürfe, weil sie von ihrem Sohn nicht mehr verlangt, jedem zur Begrüßung brav die Hand zu geben und sich widerstandslos von allen Gästen küssen zu lassen – sie halten das für ein Zeichen sehr schlechter Erziehung. Ihre deutschen Bekannten wiederum bestärken sie: Umgangsformen seien Zwang, und Kinder dürfe man nicht unterdrücken. Wer hat nun recht?

Nura würde ihren deutschen Bekannten gern glauben, sie möchte sich integrieren. Aber da gibt es ein weiteres Probelm. Sie kommt aus einer selbstsicheren islamischen Kultur – in Somalia zweifelt, trotz Bürgerkrieg, niemand daran, daß die somalische Art zu leben und zu denken mit Abstand die beste Art zu leben und zu denken ist. Deutschland hat ihr nichts Gleichwertiges zu bieten. Die deutsche Kultur will sich um keinen Preis als herrschende oder auch nur als vorherrschende zu erkennen geben; die Deutschen flüchten sich lieber in eine Identität, die ihre Erfüllung darin findet, sich zu keiner fest umrissenen Identität bekennen zu müssen, und nur, wenn es um Kindererziehung oder Frauenemanzipation geht, werden ihre deutschen Bekannten plötzlich deutlich: Da müsse sich bei ihr noch einiges ändern! Warum sie sich beispielsweise nicht von ihrem Mann trenne?

Tatsächlich hat sie oft Streit mit ihm. Sein Deutsch läßt immer noch sehr zu wünschen übrig; die finanziellen Vorteile, die ihm seine neue Heimat bietet, weiß er zu schätzen, auch anderes wie die Sicherheit hierzulande, das Gesundheitswesen, aber im übrigen möchte er Somali bleiben. Und möglicherweise hat er sogar recht. Schließlich geht selbst ihren deutschen Bekannten Verächtliches über Deutschland und die Deutschen erstaunlich leicht über die Lippen, während Ausländer für sie die besseren, auf jeden Fall die glücklicheren Menschen zu sein scheinen – vor allem die, die aus Afrika kommen. Nach fünf Jahren in Deutschland ist Nura unsicherer denn je.

Wie verlockend ist unsere Kultur?

Ich möchte nicht mißverstanden werden. Nach meiner Erfahrung leben viele Ausländer gern in unserem Land. Italiener rühmen die Liberalität und Zwanglosigkeit der deutschen Gesellschaft, Franzosen loben die Freundlichkeit der deutschen Polizei und daß man auf den Behörden dieses Landes mit Respekt behandelt wird. Aber Menschen aus dem europäischen Ausland wird keine Umstellung abverlangt, allenfalls eine gewisse Anpassung an die deutsche Mentalität – die Zeiten, als es in unseren Fabriken zu gelegentlichen Schlägereien zwischen deutschen Arbeitern und Gastarbeitern aus Italien oder Jugoslawien kam, sind gottlob seit mehr als drei Jahrzehnten vorbei. Nuras Fall, und der Millionen anderer aus außereuropäischen Kulturkreisen, ist komplizierter. Für sie alle bedeutet Integration einen bewußten, mühevollen Wechsel der Identität, den sie nur unter der Bedingung auf sich nehmen, daß ihnen die neue Kultur mindestens ebenso verlockend erscheint wie ihre alte. Und da, befürchte ich, liegt das Problem.

Das Risiko einer so tiefgreifenden Umstellung werden Einwanderer nämlich nur eingehen, wenn sie zuvor eine einigermaßen deutliche Vorstellung von der Kultur gewonnen haben, in die sie sich integrieren sollen, also in etwa wissen, worauf sie sich einlassen. Integration? Kein Problem, aber worein eigentlich? Sie haben jedoch gar keine Chance, sich ein Bild von der neuen Gesellschaft zu machen, wenn die ein so verschwommenes Bild abgibt, so wenig auf ihre eigene Kultur zu geben scheint wie die unsrige – und nicht einmal vermittelt, was von Einwanderern eigentlich erwartet wird, ja, daß ihnen überhaupt Anpassung abverlangt wird. Selbstzweifel und mangelnde Selbstachtung, wie sie bei uns gang und gäbe sind, laden nicht zur Integration ein – da bleibt man lieber bei seiner alten Identität, die wenigstens zu Selbstbewußtsein und Stolz berechtigt.

Wenn wir also an Einwanderer die selbstverständliche Forderung stellen, sich in unsere Gesellschaftsordnung einbinden zu lassen, müssen wir gleichzeitig einräumen, daß unsere multikulturelle Gesellschaft ihnen die Integration enorm erschwert, weil sie im Grunde davon überzeugt ist, die eigene Kultur keinem Fremden zumuten zu dürfen. Eine derart zerknirschte Gesellschaft ist keine Attraktion. Integration kann man letztlich nicht erzwingen, man kann sie nur schmackhaft machen, und das gelingt nie und nimmer, solange das Gastland selbst von seiner eigenen kulturellen Tradition nicht überzeugt ist. Was kann man raten? Allenfalls, es im Umgang mit Fremden nicht mit multikultureller Anbiederung, sondern mit kulturellem Selbstbewußtsein zu versuchen – nichts ist auf Dauer abstoßender als Anbiederung, nichts überzeugender als Selbstbewußtsein. Das Beste wäre natürlich, es würden sich obendrein ein paar Leute finden, die Menschen wie Nura und ihrem Mann erklären könnten, wie die gewaltfreie Erziehung und das westliche Frauenbild mit dem Rest der abendländischen Kultur zusammenhängen.

Bekenntnis zum Kopftuch

Sodann plädiere ich für Toleranz. Daß man Ausländern das Gefühl gibt, in unserem Land willkommen zu sein, daß man im Umgang keinen Unterschied zwischen Deutschen und Ausländern macht, daß man mit ihnen nicht in einer Art „Indianersprache“ spricht sondern in richtigem Deutsch, dies alles sollte selbstverständlich sein. Toleranz bedeutet aber auch, tiefgreifende Unterschiede im Vertrauen auf die Haltbarkeit der eigenen Überzeugungen zu ertragen, sie wahrzunehmen, zu billigen oder zu kritisieren, aber auf keinen Fall zu unterdrücken. „Wenn wir das Kopftuch dulden, verleugnen wir unsere eigene, aufgeklärte Entwicklung“, hieß es in einem Zeitungskommentar. Falsch! Wir ehren unsere eigene, aufgeklärte Entwicklung, wenn wir einer muslimischen Lehrerin, die nun wahrlich genug Beweise für ihre Integrationsbereitschaft geliefert hat, gestatten, sich zu ihrer Religion zu bekennen! Was würde aus unseren gesetzlich garantierten Freiheiten, wenn wir anfingen, Toleranz als Selbstverleugnung zu empfinden?

Wir sollten uns einmal fragen, ob wir überhaupt noch fähig sind, andere Kulturen anders als zurückgeblieben wahrzunehmen. Sich selbst in Frage zu stellen, Risiken im Denken einzugehen, das war einmal die Stärke der europäischen Kultur. Ich habe den Eindruck, daß wir heute sehr schnell mit Kampfansagen an kulturelle Auffassungen bei der Hand sind, die uns nicht geheuer sind – der Einfachheit halber bekommen sie das Etikett „rückständig“, vielleicht auch noch „fundamentalistisch“ verpaßt, und damit erübrigt sich dann jede Toleranz. Nichts gegen Ausländer zu haben, wohl aber gegen ihre Kultur – das ist Selbstbetrug.

Bekenntnis zur eigenen Kultur

Begegnen wir den religiösen und kulturellen Traditionen der anderen nicht mit Verachtung! Respektieren wir auch unbegreifliche Abweichungen von unserem eigenen Denken! Wenn wir diese Bewährungsprobe für unsere Toleranz bestehen, bleiben wir der aufgeklärten, abendländischen Kultur treu und spielen ihre Vorzüge aus. Das heißt aber nun gerade nicht, beide Augen zuzudrücken und die Ausländerkriminalität etwa zum Tabuthema zu erklären oder schamhaft zu übersehen, daß junge Türken den Großteil der Schlägerbanden auf dem Münchner Oktoberfest bilden. Die Probleme, die sich aus dem Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ergeben, lassen sich, wenn überhaupt, nur dann lösen, wenn man nicht den Mantel multikultureller Nächstenliebe darüber breitet.

Und selbstverständlich müssen wir auch die Gefahr ernst nehmen, daß sich muslimische Einwanderer der zweiten oder dritten Generation in ein mentales Ghetto zurückziehen und für radikale Gegenpositionen zum westlichen Denken erwärmen – als nachvollziehbare, aber höchst unerfreuliche Reaktion auf die verwaschene Allerweltskultur Europas. Solange wir Europäer unsere eigenen Werte auf die leichte Schulter nehmen, wird diese Entwicklung, wie ich befürchte, schwer aufzuhalten sein. In unserer Macht steht es immerhin, uns durch Unnachgiebigkeit Respekt zu verschaffen, wann immer Einwanderer aus offensichtlicher Verachtung für ihr Gastland den Konflikt suchen. Im übrigen sollten wir uns nicht verrückt machen lassen. Von den Millionen Muslimen, die unter uns leben, werden nicht wenige unter Islam heute schon etwas anderen verstehen als ihre Landsleute daheim, und manche werden inzwischen genauso wenig fromm sein wie deutsche Christen oder Juden. Daß ihre Identität weiterhin noch andere, eigene Wurzeln hat, sollte für eine offene Gesellschaft kein Grund sein, ihnen zu mißtrauen.

Und schließlich sollten wir bedenken, daß die Einwanderer, mit denen wir es bei uns zu tun haben, zumeist aus einfachen Verhältnissen kommen. Diese Menschen haben unser Land in den letzten Jahrzehnten in vieler Hinsicht bereichert, unseren Horizont erweitert und nicht zuletzt eine kulinarische Szene geschaffen, die unsere Landsleute wie kaum etwas anderes in Stimmung hält. Aber sie sind genauso wenig repräsentativ für ihr Volk oder ihre Kultur, wie es Angehörige der jeweiligen Elite ihres Landes wären. Machen wir nicht den Fehler, von ihrer Art, sich zu geben, vorschnelle Schlüsse auf die Verhältnisse, die Alltagskultur oder das menschliche Klima in ihren Heimatländern zu ziehen! Jedes ihrer Herkunftsländer hielte unendlich viel reichere Eindrücke und Erfahrungen für uns bereit.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Verlangen wir von Einwanderern die Bereitschaft zur Integration – und erleichtern wir sie ihnen, indem wir ihre kulturellen Wurzeln achten und unsere eigenen nicht verleugnen. Daß andere Kulturen intoleranter sind als die europäische ist keine Entschuldigung dafür, Einwanderern aus diesen Kulturen nun unsererseits die Toleranz zu verweigern.“


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