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Jugend von heute

„Ich habe uns intelligenter in Erinnerung.“ Der Ärger über die nachfolgenden Generationen ist wohl genauso alt wie die Menschheit selbst. In Platons Staat“  lesen wir, was der große Sokrates über das Verhältnis zwischen Alt und Jung sagt: „Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen.“

Der Altmeister des vernünftigen Denkens verurteilt den Sittenverfall, der sich aus einem Übermaß an Freiheit ergibt, und geißelt die mangelnde Disziplin der Autoritäten!  Bei Theodor Fontane lesen wir: „Freiheit freilich. Aber zum Schlimmen / Führt der Masse sich selbst Bestimmen, / Und das Klügste, das Beste, Bequemste, / Das auch freien Seelen weitaus Genehmste / Heißt doch schließlich, ich hab’s nicht Hehl: / Festes Gesetz und fester Befehl!“ 

Doch welches Maß an Freiheit und Einsicht ist eigentlich notwendig, um das Zusammenleben zwischen Alt und Jung zur Zufriedenheit beider Seiten zu gestalten?

„Waren wir damals eigentlich auch so?“ – Über die verlotterte Jugend

„Mögen wir, wenn wir alt und senil geworden sind, mit Stolz sagen können, auch ich wurde einmal angebetet!“ Dieses wunderbare Zitat aus dem Evergreen „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ möchte ich gerne durch eine selbst gewonnene Lebensweisheit ergänzen: „Mögen wir, wenn wir alt und senil geworden sind, noch ehrlich sagen können, wir waren doch genauso!“

Es gibt wohl kaum jemanden, der sich nicht ab einem gewissen Alter die Frage gestellt hätte, ob er die Jugend noch verstehe. Natürlich hat man auch Unsinn gemacht, merkwürdige Musik gehört und die Engstirnigkeit der älteren Generationen verspottet oder gar verflucht. „Aber so …“, hört man allenthalben, „…so waren wir doch wirklich nicht, oder?“ Alles eine Frage der Perspektive, würde ich sagen. Und wer wäre besser für einen Perspektiv-Wechsel geeignet als jene, die sich von Berufs wegen mit der „ach, so verlotterten Jugend“ tagtäglich auseinandersetzen müssen? Die Lehrer. Jene, die sich seit der Antike über die Nase fahren lassen müssen und ihre Schüler im schlechtesten Fall hätscheln und fürchten!

Früher mochte ich keine Streber, heute schon

„Weißt Du was?“ sagte einmal ein guter Freund von mir. „So groß sind die Unterschiede gar nicht im Vergleich zu unserer Schulzeit. Gut, die Kommunikation ist direkter geworden. Die Schüler kommen eher mit ihren Anliegen auf einen zu. Während wir uns früher Ewigkeiten vor dem Lehrerzimmer herumgedrückt haben, klopfen die kurz und stellen ihre Fragen. Nicht alles, was auch viele meiner Kollegen und Kolleginnen als unverschämt empfinden, ist in Wirklichkeit grenzüberschreitend. Was sich hingegen verändert hat, ist die Wertschätzung, die man selbst den unterschiedlichen Schülern entgegenbringt. Diejenigen, denen man früher aufgrund ihrer Strebsamkeit aus dem Weg gegangen ist, von denen man zwar gerne die Hausaufgaben abgeschrieben hat, aber jeglichen privaten Kontakt vermied, die sind einem heute – aus der Lehrerperspektive – die Liebsten!“

Tipps für den Dialog zwischen den Generationen

Genau hier vermute ich den Schlüssel für den Dialog zwischen den Generationen. Ein Schlüssel, der wahrlich nicht leicht zu finden ist. Verdeckt von eigenen Lebenserfahrungen fristet er ein unentdecktes Dasein in den Schubladen der Älteren! Wer von diesen Lebenserfahrenen ihn wiederfinden möchte, dem mögen auf der Suche die Worte Adolph Freiherr Knigges weiterhelfen: „Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne, kaltblütige Überlegung, Abwägung des Nützlichen und Nötigen gegen das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung und physische Herabspannung gegeben haben.“

1. Vergessen wir nicht, dass wir auch mal jung waren.

Erinnern Sie sich noch an Ihren gröbsten Unfug, das konfliktgeladene Aufbegehren gegen Ihre Eltern, die unendlich große emotionale Überspanntheit, die Sie bei Ihrem ersten Liebeskummer, dem ersten Verliebtsein, existenziellen Streitigkeiten mit Ihrer besten Freundin, Ihrem ersten Konzert, der ersten eigenen Wohnung oder dem Hören Ihrer Lieblingsplatten überkam? Und verzichten Sie um Himmels Willen auf Sätze wie: „Komm Du erst mal in mein Alter!“

2. Vergesset nicht, dass Ihr auch einmal alt werdet.

Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Sie das Gefühl haben, alles schon einmal gesehen, gehört und gefühlt zu haben. Mode, Musik oder politische Diskussion. Stellen Sie sich vor, wenn die ersten Freunde sterben, wenn Körper und Geist nicht mehr so mitspielen, oder die gesellschaftlichen und technischen Veränderungen für Sie unüberwindbare Herausforderungen bedeuten. Aber werden Sie nicht depressiv, freuen Sie sich lieber auf die Gelassenheit im Alter, die Ihnen heute als zynische Ignoranz erscheint.

3. Freuen wir uns mit den Jüngeren.

Haben Sie Teil an deren Entdeckungs- und Veränderungswillen. Ertragen Sie deren Flausen im Kopf, und lassen Sie sich anstecken von der unbändigen Energie, die sie bei sich selbst schon längst verloren glaubten. Suchen Sie den Kontakt zu Jüngeren, lassen Sie diese wiederum an Ihren Erfahrungen teilhaben, an dem, was Ihnen gelungen, aber auch an dem, was Ihnen im Leben misslungen ist! Verzichten Sie auf Heldengeschichten, bieten Sie stattdessen den Blick auf die Sprungschanzen, aber auch die Falltüren des Lebens.

4. Begegnen Sie den Älteren mit Respekt.

Natürlich stehen Sie im Bus zugunsten betagter Fahrgäste auf, selbstverständlich kaufen Sie für die fünfundachtzigjährige Frau Schriewer aus dem zweiten Stock ein und helfen alten Damen und Herren über die Straße. Sie wägen ihre moralischen Urteile ab, auch Sie selbst können ja nicht wirklich wissen, wie Sie sich damals verhalten hätten. Aber Sie bleiben am Ball. Sie wollen sich ein Urteil darüber bilden, wie es damals war, warum jenes getan wurde und anderes nicht. Sie sind im höchsten Maße kritisch, aber nicht hochmütig. Zeit ist vergänglich, nutzen Sie sie! Die Zeitzeugen einer jeden Epoche werden täglich rarer.

5. Wer sich mit dem jeweils anderen beschäftigt, der gewinnt etwas für sein Leben hinzu!

Er tauscht Erfahrungen aus und weiß um die Dinge, die seine jüngeren oder älteren Mitmenschen wirklich beschäftigen. Das ist ein hohes Gut. Es hilft uns, der Fülle menschlicher Perspektiven gewahr zu werden. Es hält uns jung und bewahrt uns vor Altersstarrsinn, genauso wie es die Angst vor dem Alter nimmt, die Freuden der Jugend zu schätzen lehrt, ohne deren Wahn zu erliegen!

Sie wollten gerade Ihre Oma Frieda, Ihren Enkel Leopold oder Ihren Vater Rolf anrufen und sich zum Essen, zum Kino oder für einen Wochenendtrip nach Hamburg verabreden? Tun Sie sich keinen Zwang an! 

Ich bin ohnehin ein wenig in Eile; ich treffe mich gleich mit meiner Mutter, wir machen einen Spaziergang!

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