Adolph Freiherr Knigge sagte: Ehre die Alten und freue Dich mit den jungen Menschen. So lautet mein Motto. Doch die Realität sieht anders aus: Durchgeknallte Junge und starrköpfige Alte. Sagen die Alten über die Jungen und umgekehrt. Nicht selten. Aber wie geht das eigentlich mit dem Umgang zwischen Jungen und Alten? Mit Erinnerung und Demut sagt Moritz Freiherr Knigge und hat sich seine Gedanken zum Generationen-Knigge gemacht. 

Über den Umgang mit Menschen, II, 1, 7

Ausrangiert und ausgesetzt?

Einerseits sind Kinder und Alte die großen Verlierer unserer Tage, und so, wie wir von einer kinderfeindlichen Welt sprechen, müßte wir erst recht von einer altenfeindlichen Welt reden. Eine Zeit, die mit derartigem Ungestüm in die Zukunft drängt wie unsere, hat nämlich wenig für diejenigen übrig, die nicht im Dienst dieser Zukunft stehen – wer da das Pech hat, älter als vierzig zu sein, der darf nicht glauben, daß sein Geschmack, seine Ansprüche und seine Bedürfnisse berücksichtigt würden oder sein Beitrag gefragt wäre. Alles, was ein gewisses Alter aufweist, gleichgültig ob Produkt oder Mensch, geht in dieser Welt allenfalls noch als Vorläufermodell mit musealem Wert durch – kein Wunder, daß viele peinlichst vermeiden, altmodisch zu erscheinen oder den Eindruck zu erwecken, in puncto Vitalität und Effizienz nicht mithalten zu können. Altwerden, ja schon Älterwerden ist zu einer Art Krankheit geworden, einer unheilbaren dazu, und muß mit aller Gewalt bekämpft werden. So gesehen sind alte Menschen nicht weniger zu bedauern als Kinder, die bei der großen Leistungsschau unserer Turbo-Zivilisation zwangsläufig ähnlich schlecht abschneiden.

1. Suche die ganz Alten und die ganz Jungen auf

Andererseits ist kaum etwas bereichernder als der Umgang mit sehr alten und sehr jungen Menschen, und zwar aus eben diesen Gründen. Weil die einen noch nicht, die anderen nicht mehr zum Erfolg gezwungen sind, können uns beide daran erinnern, daß wir uns mit unserer Erfolgsbesessenheit womöglich einem unwürdigen Zwang unterwerfen. Beide genießen außerdem die Freiheit, offen reden zu dürfen, beide besitzen darüber hinaus einen sehr eigenen Sinn für Relationen, weshalb Kinder wie Alte unsere Vorstellungen von dem, was wesentlich und unwesentlich ist, gründlicher in Frage stellen können als sonst jemand. Und beide müssen sich, wahrscheinlich gerade deshalb, von uns, wenn wir in mittleren Jahren sind, gefallen lassen, nicht wirklich ernst genommen zu werden.

Nun brauchen wir uns gottlob nicht schicksalsergeben dem Lauf der Dinge zu fügen und dürfen uns die Freiheit nehmen, auch den Verlierern mit Ehrerbietung zu begegnen – was den Vorteil hätte, mit einer Weltsicht vertraut zu werden, die ihre Überlegenheit gerade aus dem Abstand zu einer Zeit schöpft, die für die einen noch nicht angebrochen und für die anderen längst abgelaufen ist. Das erste Gebot im Umgang mit sehr alten wie mit sehr jungen Menschen lautet deshalb: ernst nehmen!

2. Entmündige niemanden – weder jung noch alt

Was alte Menschen angeht: Man erlebt immer wieder, daß sie mit herablassender Jovialität behandelt werden, als könnten sie dankbar dafür sein, daß man ihnen Narrenfreiheit zubilligt, oder daß man ihnen nur mit halbem Ohr zuhört, ihre Meinung im Gespräch einfach übergeht und ihre Argumente mit begütigender Nachsicht nur eben so zur Kenntnis nimmt. Man erlebt auch, daß über ihren Kopf hinweg für sie entschieden wird, oder gar in ihrem Beisein über sie geredet wird, als wären sie Luft. Dies alles sind Formen der Entmündigung, die wir uns auf keinen Fall erlauben sollten. Im Gespräch, in einer Diskussion sollte es nicht die geringste Rolle spielen, ob jemand dreißig oder achtzig ist. Würdigen wir alte Menschen genauso unseres Widerspruchs oder unserer Zustimmung wie jüngere und machen wir höchstens insofern einen Unterschied, als wir einem alten Menschen besondere Aufmerksamkeit entgegenbringt und ihn in aller Ruhe ausreden lassen. Und machen wir uns zur Not zum Anwalt seines Selbstbestimmungsrechts, wenn er übergangen oder ignoriert wird.

3. Alte Schule, bitte

Wir sollten alten Menschen auch nicht das Geschlecht absprechen! Machen wir die feinen Unterschiede im Umgang mit ihnen, die wir auch bei jüngeren Männern und Frauen machen, behandeln wir eine alte Dame als Dame, einen alten Herrn als Herrn, lassen wir es nicht an Charme, Respekt und Ritterlichkeit fehlen. Der Umgang mit ihnen bekommt dadurch etwas Spielerisches, Leichtes – unbefangener als jüngere sind sie in aller Regel ohnehin. Bieten wir ihnen, wenn nötig, unsere Hilfe an, bevor sie uns darum bitten, aber beiläufig, wie eine selbstverständliche Höflichkeit, nicht auf die spröde Art eines Krankenpflegers. Verdoppeln wir unser Entgegenkommen auch aus einem weiteren Grund: Alte Menschen wissen natürlich, daß sie keinen prägenden Einfluß mehr haben, daß sie gewissermaßen zu Zuschauern ihrer Zeit geworden sind, und es ist ein Gebot der Höflichkeit, sie das nicht spüren zu lassen. Im übrigen haben sie ein Recht auf unsere Geduld und Toleranz: Respektieren wir ihre bisweilen unorthodoxen Ansichten, ihre sonderbaren Vorlieben und Abneigungen und verzichten wir darauf, sie zu dem zu bringen, was wir unter Vernunft verstehen – sie haben ihre Gründe.

4. Kinder sind mehr als drollig

Für den Umgang mit Kindern gilt im Grunde Ähnliches – auch sie wollen ernst genommen und mit Respekt behandelt werden. Kinder sind keine Anhängsel von Erwachsenen, keine minderen Wesen, die sich erst allmählich aus ihrem Schattenreich ans Licht der Erwachsenenwelt emporarbeiten müssen, sondern vollwertige Menschen. Man sollte sie grundsätzlich nicht anders als Erwachsene behandeln, also ihnen zutrauen, daß sie etwas wissen und eigene Meinungen haben, und sie spüren lassen, daß man auf ihre Ansichten Wert legt. Lassen wir uns also nicht dazu verleiten, sie bloß als Produzenten drolliger Kommentare zu goutieren und im übrigen nicht so genau hinzuhören; suchen wir, wenn sich die Gelegenheit ergibt, das Gespräch mit ihnen, schenken wir ihnen unsere volle Aufmerksamkeit, gehen wir ernsthaft und mit Ausdauer auf sie ein.

5. Miss dem Gesagten Bedeutung bei 

Nehmen wir auch nicht aus falscher Rücksicht auf ihr zartes Alter ihre Meinung einfach hin, wie das Wort eines Königs oder Irren, sondern stellen wir ruhig unsere eigene Meinung dagegen, greifen wir das, was sie sagen, auf, messen wir ihm Bedeutung bei, knüpfen wir daran an. Berücksichtigen wir dabei ihren Horizont, beschämen wir sie nicht, indem wir ihnen unverständliche Begriffe benutzen, sprechen wir aber auch keine künstliche Kindersprache – Kinder merken sehr schnell, ob sich einer verstellt, weil er glaubt, sich auf ihr Niveau herablassen zu müssen, oder ob jemand sie als seinesgleichen akzeptiert. Es ist ganz erstaunlich, wie das Selbstvertrauen in sie fährt, wenn man ruhig, klar und ernsthaft mit ihnen spricht – mit einem Mal sind sie dann auch bereit, sich Spielregeln zu unterwerfen, zu denen sie sonst nicht so leicht zu überreden sind, einfach, weil ihnen durch die Achtung, die sie erfahren, die Selbstachtung leicht gemacht wird.

6. Rede nich über Köpfe hinweg

Um noch eine letzte Parallele zwischen sehr alten und sehr jungen Menschen anzusprechen: Auch Kinder müssen sich immer wieder gefallen lassen, daß Erwachsene sich über ihre Köpfe hinweg über sie unterhalten, als wären sie gar nicht anwesend, und auch in diesem Fall verletzt ein derartiges Verhalten das Selbstwertgefühl. Prüfen wir uns also immer wieder, ob wir denen, die noch nicht oder nicht mehr mithalten können, nicht mit Überheblichkeit begegnen.

Moritz Knigge sagt: „Es spielt keine Rolle, ob ein Mensch drei Jahre alt ist oder achtzig – er hat ein Recht darauf, mit Respekt behandelt und ernst genommen zu werden. Begegne ihm nicht mit Herablassung oder Jovialität, vermeide alles, was von ihm als Entmündigung empfunden werden könnte.“

Moritz Knigge sagt: „Über viele Dinge urteilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurteile weniger gefaßt – kurz! wer Menschen studieren will, der versäume nicht, sich unter Kinder zu mischen!“

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