Wer wissen will, wie es um das Teamklima bestellt ist, der schickt seine Mitarbeiter_innen erst dann Rafting, Jumping oder Climbing, nachdem er der Kaffeeküche einen Besuch abgestattet hat. Ein erfahrener Personalentwickler sagte eimal zu mir: „Besser als jeder Fragebogen, als jedes Interview ist der Blick in die Kaffeeküche: „Ich lese gewissermaßen im Kaffeesatz der jeweiligen Abteilung, ob das Zwischenmenschliche funktioniert. Auf in die Kaffeeküche!

1. Was Du nicht willst, was man Dir tu’, das füg auch keinem anderen zu!

Dieser ethische universelle Minimalkonsens – besser bekannt unter „Goldene Regel“ –, findet sich sowohl in der volkstümlichen Ethik des Konfuzius und im indischen Nationalepos „Mahabharata“ als auch im Alten und im Neuen Testament wieder. Aller universellen Gültigkeit zum Trotz: Spätestens in der Kaffeeküche Ihres Unternehmens führt die Goldene Regel zu bemerkenswerten Ergebnissen. (Es sei denn, Sie gehören zu den berühmten, die Regel bestätigenden Ausnahmen.)

2. Verlasse die Küche so wie Du sie vorgefunden hast? Bloß nicht!

Hinter der Überschrift „Bitte verlassen Sie die Küche so, wie Sie sie vorgefunden haben“, verbirgt sich meist ein Bild des Grauens: Horden von gebrauchten Kaffeetassen, Besteck und sonstigem Geschirr, „Ringe“ auf der Arbeitsplatte, Zuckerreste, mit der Heizplatte fest verbundene Kaffeekannen, weil mal wieder ein letzter Rest an Kaffee seit Stunden auf eben jener Heizplatte vor sich hin dunstet, seuchengefährdete Kühlschränke und Mikrowellen, bei denen man nicht weiß, ob wir die eigene Mahlzeit nach der zweiminütigen Erhitzung noch wieder erkennen würden. Wenn wir uns verdeutlichen, dass wir auf den Toiletten beispielsweise in Zügen ähnliche Hinweisschilder auf die Goldene Regel finden, bedarf es wohl keiner weiteren Erläuterungen, dass diese durchaus zu unangenehmen oder gar unappetitlichen Folgen führt.

Ich habe nichts gegen Regeln, schon gar nicht gegen goldene. Wir sollten jedoch bedenken, dass Menschen dazu neigen, Verhaltensregeln in ihrem Sinne zu interpretieren. In nicht-privaten Räumen wie etwa der büroeigenen Küche wird der Verweis auf den vorgefundenen Status Quo womöglich als postpubertärer Freifahrtschein betrachtet, sich von persönlichen autoritären erzieherischer Prägungen zu befreien. (Die Küchen der antiautoritären Kinderläden in den frühen Siebzigerjahren dürften jedenfalls keinen Deut chaotischer ausgesehen haben …)

3. Verlasse die Küche so, wie Du sie vorfinden möchtest! Schon besser.

Doch vielleicht helfen ja die Hinweistafeln aus „den guten alten Zeiten“ der Bundesbahn tatsächlich weiter, um dem Bild des Grauens ein wenig mehr Schönheit zu verleihen. In Bezug auf unsere Küche lautete die Maxime: „Bitte verlassen Sie die Küche so, wie Sie selbst vorfinden möchten.“ Der Interpretationsspielraum wird ein Stück weit kleiner, das ist gewiss. Und doch besteht die Gefahr, dass die individuellen Ordnungsprinzipien erheblich voneinander abweichen, dass jeder sich selbst zum Maßstab nimmt: Was Herrn Dornscheidt aus der Buchhaltung als heilloses Durcheinander erscheint, löst bei Frau Kramer aus der Marketingabteilung ob der empfundenen sterilen Spießigkeit bereits Beklemmungen aus. Während bei Frau Christ-Nollemann aus dem Vertrieb die Fremdbenutzung ihres Garfield-Bechers zu Tobsuchtsanfällen führt, ist dem Praktikanten Tobias diese Aufregung völlig suspekt.

4. Konsens beschliessen

Einigen Sie sich mit den anderen Nutzern auf einen konsensfähigen Begriff von Sauberkeit. (Seien Sie um Himmels willen kompromissbereit!)Die Küche wirft ein unübersehbares Schlaglicht auf unsere Fähigkeiten, uns selbst zu organisieren. Wer in beruflichen Dingen auf die eigenen Freiheiten pocht, der sollte auch in der Lage sein, im Umgang mit gemeinsam genutzten Räumen und Dingen ein Mindestmaß an Eigenverantwortung zu demonstrieren.

5. Die Dinge zu Ende bringen

Wer Geschirr und Besteck benutzt, der sollte nicht darauf bauen, dass es ausreichend ist, dieses nach Benutzung auf der Spüle zu platzieren – in der Hoffnung, „fleißige Heinzelmännchen“ würden schon dafür sorgen, dass selbiges in die Spülmaschine geräumt oder, wenn nicht vorhanden, sogar abgespült wird.

6. Ansprechen oder Machen

Die „fleißigen Heinzelmännchen“ sollten nicht darüber mosern, dass immer an alles ihnen hängen bleibt, sondern die Verursacher darauf hinweisen und spätestens nach der zweiten Verfehlung ihren Aufräumdienst quittieren.

7. Pflegen

Spüllappen und Schwämme nehmen nach einer gewissen Zeit, jedoch spätestens nach einem halben Jahr, Gerüche an, die man ein Leben lang nicht mehr vergisst. Leisten Sie sich daher beizeiten neue Lappen, es handelt sich ja beileibe nicht um Luxusgüter, deren Anschaffung den Bestand des Unternehmens gefährden. (Für Handtücher gilt im Übrigen dasselbe!)

8. Privateigentum achten

Auch in Kaffeeküchen gibt es Privateigentum. Ob Sie das Beharren darauf für albern erachten oder nicht: Benutzen Sie Ihre eigene Tasse, und lassen Sie die Hände von Frau Christ-Nollemanns Garfield-Becher!

Haben Sie und Ihre Mitarbeiter sich auf diesem „Schlachtfeld“ selbsttätig organisieren können, steht auch dem beliebten Rafting, Jumping oder Climbing nichts mehr im Wege. Wenn nicht, rate ich von derlei Maßnahmen ab. Was bringt es mir, wenn ich weiß, dass der Kollege mich durchs unruhige Gewässer bringt, und das Seil nicht loslässt, an dem ich hänge, wenn derselbe „Clown“ am Montagmorgen schon wieder mit meiner Tasse die Küche verlässt?

Share This