Zusammen essen ist weltweit ein Akt des Friedens. Wer eine Mahlzeit teilt, wer miteinander isst, trinkt, redet, streitet und lacht, der begegnet einander. Und Begegnungen sind der Schlüssel für einen erfolgreichen Umgang mit Menschen. Doch gilt das auch für die Unternehmens-Kantine? Die einen sagen so, die anderen so. Ich sage: Prost, Mahlzeit! Zeit für einen Kantinen-Knigge. 

1. Du sollst nicht mäkeln

„In einer Kantine bin ich eindeutig fehl am Platz. Massenabfütterung mit massenproduzierten Lebensmitteln ist für mich, was der Schweinebraten für Osama bin Laden. Wahrscheinlich sind in einer Kantine die Stühle aus Plastik, die nackten Tische aus Resopal und die Esser aus Gelsenkirchen. Danke; da muss ich nicht hin. (Gewiss bin ich elitär! Habe nie ein Hehl daraus gemacht.)“ Wer denkt wie der Gourmet Wolfram Siebeck, der sollte die Kantine wirklich meiden wie der Teufel das Weihwasser, sich selbst und seinen Mitmenschen zuliebe! Nichts nervt zur Mittagszeit mehr als Menschen, die sich nach dem Schweinebraten ihrer Mutter sehnen und jeden Tag aufs Neue an jedem, aber wirklich jedem Gericht herummäkeln. Natürlich gibt es schlechte Kantinen und schlechtes Essen, so wie es gute Kantinen und gutes Essen gibt. Wer jedoch tagtäglich denselben Groll hegt, „weil die Nudeln nicht al dente sind“, „die Existenz von Gewürzen sich noch immer nicht bis in die Küche herumgesprochen hat“ oder „der Sauerbraten mit selbigen Gericht nur den Namen gemeinsam hat“, der sollte wirklich seine Konsequenzen ziehen: Es ist ja nicht so, als gäbe es in unserem Land keine Alternativen.

2. Du sollst Dich nicht anbiedern

Natürlich sind auch in der Kantine nicht alle gleich. Und im Gegensatz zu den Empfehlungen gängiger Karriereratgeber sollten Sie sich überlegen, ob es tatsächlich ratsam ist, sich stets um die Nähe der „hohen Damen und Herren“ zu bemühen. Denn erstens verrät ein Blick in die bundesdeutschen Kantinen, dass diese Nähe zwar in der einschlägigen Ratgeberliteratur in bunten Farben gemalt wird, die Realität jedoch ganz anders aussieht. Sollte das Management überhaupt einmal auftauchen, dann sitzt es meist im engeren Kreis zusammen, ohne sichtbare Signale auszusenden, sich unter die einfache Mitarbeiterschar mischen zu wollen. So ganz grundlos erscheint mir ihr Verhalten auch nicht. So berichtete mir eine Abteilungsleiterin, dass sie immer wieder erstaunt sei, „wer gerade an den Tagen, an denen ich mir die Empfehlung von meinem Personal Coach, meinen Mitarbeitern den gemeinsamen Gang zum Mittagessen vorzuschlagen, zu Herzen nehme, keinen Hunger hat, sich selbst etwas zu Essen mitgebracht hat oder es leider gar nicht zum Essen schafft, da noch etwas Dringendes zu erledigen ist …“ So flach die Hierarchien mittlerweile sein mögen, in dieser Hinsicht drängen sich wirklich Parallelen zu Schul- und Studienzeiten auf. Wer früher die Gesellschaft von Lehrern, Professoren oder Strebern mied, der leidet heute lieber Hunger, als sich auch noch während der Mittagspause mit den persönlichen Erfolgsstorys seiner Vorgesetzten oder eigenmächtig verlängerten Teammeetings „herumzuschlagen“.

3. Geniesse die Pause ohne Selbstmarketing-Druck

Wieder bei den Kollegen am Tisch angelangt, können Sie sich – befreit vom Selbstmarketingdruck – ganz unbefangen in die bekannten ritualisierten Gespräche einklinken und sich mit Wonne auf Ihr Schnitzel stürzen. Schließlich soll man ja in der Pause ein wenig Abstand gewinnen, um sich frohen Mutes in die zweite Tageshälfte zu stürzen. Und was wäre dafür besser geeignet, als eine ordentliche Mahlzeit und das gemeinsame Schimpfen über die Damen und Herren aus der Vorstandsabteilung, die sich ohnehin für „was Besseres halten.“

4. Sitten an den Tisch bringen

Alles, was im guten Restaurant gilt, ist in der Kantine nicht falsch: So lassen sich auch Papierservietten auf den Schoß legen, das Reden mit vollem Mund vermeiden und gemeinsame Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Gerade in Kantinen ist es auffällig, dass das eigene Essenstempo ausreichend Verführungspotenzial darstellt, seine langsameren Tischgenossen allein zurückzulassen. In dringlichen Fällen wie anstehenden Meetings oder erwarteten Anrufen sollte das verfrühte Aufstehen zumindest von einer Entschuldigung begleitet sein: „Entschuldigt bitte, dass ich Euch allein zurücklasse, aber ich erwarte einen dringenden Rückruf von Herrn Schmitz!“

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