Der Kantinen-Knigge

Die drei Herren waren gelinde gesagt entsetzt, als sie ihr Mittagsessen diesmal nicht im firmeneigenen Kasino einnahmen, sondern die fünf Stockwerke tiefer gelegene Kantine ihres Unternehmens aufsuchten. Da war ihnen im letzten Managementseminar etwas anderes versprochen worden: Den Kontakt zur Basis sollten sie suchen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, wissen, was die Mitarbeiter beschäftigt, Nähe zeigen nach dem Motto: „Sehr her! Wir sind eine große Familie!“. Etwas arg blumig schienen ihnen die Worte des Coachs ohnehin geraten, doch jetzt kamen sie aus dem Staunen gar nicht mehr raus: Gebannt schauten sie zu, wie ihre Tischnachbarn das Mittagessen bearbeiteten – die Suppe schlürften, die Messer abschleckten, mit vollem Mund redeten und auf den Boden spuckten. „Was passiert, wenn die mit Kunden essen gehen?“, fragte der eine, Personalvorstand der Firma.

Gar nichts! Denn außer in den Vertriebsbroschüren mancher Etikettetrainer spielen sich die soeben beschriebenen albtraumhaften Szenen ohnehin nicht ab. Sollten Sie sich als Vorgesetzter also mit dem Gedanken tragen, Ihren Mitarbeitern einmal „aufs Maul zu schauen“, dann können Sie ruhig ab und zu das Kasino mit der Kantine vertauschen. Barbarische Zustände haben Sie jedenfalls nicht zu befürchten, und über die Qualität Ihres Kantinenessens wissen Sie ohnehin besser Bescheid als ich! Nachdem wir nun „die da oben“ dazu aufgefordert haben, einmal in die „normale Welt“ einzutauchen, widmen wir uns nun den Spielregeln dieser Normalität.

„In einer Kantine bin ich eindeutig fehl am Platz. Massenabfütterung mit massenproduzierten Lebensmitteln ist für mich, was der Schweinebraten für Osama bin Laden. Wahrscheinlich sind in einer Kantine die Stühle aus Plastik, die nackten Tische aus Resopal und die Esser aus Gelsenkirchen. Danke; da muss ich nicht hin. (Gewiss bin ich elitär! Habe nie ein Hehl daraus gemacht.)“

Wer denkt wie der Gourmet Wolfram Siebeck, der sollte die Kantine wirklich meiden wie der Teufel das Weihwasser, sich selbst und seinen Mitmenschen zuliebe!

  • Nichts nervt zur Mittagszeit mehr als Menschen, die sich nach dem Schweinebraten ihrer Mutter sehnen und jeden Tag aufs Neue an jedem, aber wirklich jedem Gericht herummäkeln …
  • Natürlich sind auch in der Kantine nicht alle gleich. Und im Gegensatz zu den Empfehlungen gängiger Karriereratgeber sollten Sie sich überlegen, ob es tatsächlich ratsam ist, sich stets um die Nähe der „hohen Damen und Herren“ zu bemühen.

Denn erstens verrät ein Blick in die bundesdeutschen Kantinen, dass diese Nähe zwar in der einschlägigen Ratgeberliteratur in bunten Farben gemalt wird, die Realität jedoch ganz anders aussieht. Sollte das Management überhaupt einmal auftauchen, dann sitzt es meist im engeren Kreis zusammen, ohne sichtbare Signale auszusenden, sich unter die einfache Mitarbeiterschar mischen zu wollen.

So ganz grundlos erscheint mir ihr Verhalten auch nicht. So berichtete mir eine Abteilungsleiterin, dass sie immer wieder erstaunt sei, „wer gerade an den Tagen, an denen ich mir die Empfehlung von meinem Personal Coach, meinen Mitarbeitern den gemeinsamen Gang zum Mittagessen vorzuschlagen, zu Herzen nehme, keinen Hunger hat, sich selbst etwas zu Essen mitgebracht hat oder es leider gar nicht zum Essen schafft, da noch etwas Dringendes zu erledigen ist …“

So flach die Hierarchien mittlerweile sein mögen, in dieser Hinsicht drängen sich wirklich Parallelen zu Schul- und Studienzeiten auf. Wer früher die Gesellschaft von Lehrern, Professoren oder Strebern mied, der leidet heute lieber Hunger, als sich auch noch während der Mittagspause mit den persönlichen Erfolgsstorys seiner Vorgesetzten oder eigenmächtig verlängerten Teammeetings „herumzuschlagen“…

Nach mehrmaligen erfolglosen Versuchen hat besagte Abteilungsleiterin ihr Experiment abgebrochen und bleibt von nun an unter Ihresgleichen.

  • Wenn Sie wirklich an Ihrem Vorhaben festhalten wollen, mit den Großkopferten zu speisen – gehen Sie nicht davon aus, dass dies auf allzu viel Wohlwollen stößt.

Ihre Kollegen werden Sie – vermutlich hinter Ihrem Rücken – mit Begriffen titulieren, die Sie seit Ihrer Schulzeit aus Ihrem Sprachschatz gestrichen hatten, während Sie Ihren Vorgesetzten zumindest die Gelegenheit geben sollten, Sie aktiv an Ihren Tisch zu bitten, ohne Gefahr zu laufen, von beiden Seiten unter der Kategorie „Schmeichler“ verbucht zu werden.

Wieder bei den Kollegen am Tisch angelangt, können Sie sich – befreit vom Selbstmarketingdruck – ganz unbefangen in die bekannten ritualisierten Gespräche einklinken und sich mit Wonne auf Ihr Schnitzel stürzen. Schließlich soll man ja in der Pause ein wenig Abstand gewinnen, um sich frohen Mutes in die zweite Tageshälfte zu stürzen. Und was wäre dafür besser geeignet, als eine ordentliche Mahlzeit und das gemeinsame Schimpfen über die Damen und Herren aus der Vorstandsabteilung, die sich ohnehin für „was Besseres halten“…

Noch etwas: Natürlich gibt es schlechte Kantinen und schlechtes Essen, so wie es gute Kantinen und gutes Essen gibt. Wer jedoch tagtäglich denselben Groll hegt, „weil die Nudeln nicht al dente sind“, „die Existenz von Gewürzen sich noch immer nicht bis in die Küche herumgesprochen hat“ oder „der Sauerbraten mit selbigen Gericht nur den Namen gemeinsam hat“, der sollte wirklich seine Konsequenzen ziehen: Es ist ja nicht so, als gäbe es in unserem Land keine Alternativen.

Zum Abschluss noch etwas über das kleine Einmaleins der Tischsitten:

  • Alles, was im guten Restaurant gilt, ist in der Kantine nicht falsch: So lassen sich auch Papierservietten auf den Schoß legen, das Reden mit vollem Mund vermeiden und gemeinsame Mahlzeiten gemeinsam einnehmen.

Gerade in Kantinen ist es auffällig, dass das eigene Essenstempo ausreichend Verführungspotenzial darstellt, seine langsameren Tischgenossen allein zurückzulassen. In dringlichen Fällen wie anstehenden Meetings oder erwarteten Anrufen sollte das verfrühte Aufstehen zumindest von einer Entschuldigung begleitet sein: „Entschuldigt bitte, dass ich Euch allein zurücklasse, aber ich erwarte einen dringenden Rückruf von Herrn Schmitz!“

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